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Interview mit irakisch-kurdischen Anarchisten

Bei „Indymedia“ ist inzwischen eine erste deutschsprachige Übersetzung des Interviews erschienen – worauf wir gerne und freudig hinwiesen
Weitere Informationen zum „Anarchististischen Forum Kurdistan “ auch bei u.a. Links

Die Welt wird frei sein oder sie wird nicht mehr sein

Wir verweisen nochmals auf bei „Töne“ hörbaren Lieder von Karwan Osman und – bei dieser Gelegenheit – Kazim Konyucu

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Carl Einstein

Die Auseinandersetzung mit Themen wie Ideologie- und Sprachkritik in Kunst und Literatur interessieren eigentlich nur Intellektuelle und hat mit den sozi-ökonomischen Auseinandersetzungen in der uns umgebenden Welt nichts zu tun und ob jemand seinen „frühen, noch der Dekadenz verpflichteten Fragmentarismus durch die Synthese von primitiver Kunst und Kubismus überwindet“ ist für die Fragen des alltäglichen Lebens höchst unwichtig und von daher eigentlich hier nicht der Erwähnung wert

Und jene sich „Anarchisten“ nennende KünstlerInnen, die sich auf das Unvorgesehene, Spontane, Chaotische auf das Kreative, die Verweigerung und soziale Utopie des Anarchismus berufen, entziehen sich in der Praxis in der Regel jeglicher persönlichen Verantwortung , nutzen freie Räume für eigene Karrieren, denunzieren den Stoff, aus dem andere ihre Träume, Hoffnungen und Kämpfe machen…

Um so mehr seien die wenigen zu nennen, die bereit sind, ihre Tätigkeiten z.b. in Kunst und Literatur hinten an zu stellen in dem Strom der praktischen Auseinandersetzung einer revolutionären Situation – ja in der Revolution den künstlerischen Akt zu sehen, der alles bis da sich Kultur schimpfende in Rauch und Leidenschaft auflöst um dann die Revolution wieder abzulösen durch eine Neuorientierung der Kunst, die sich im Leben jedes Menschen wieder findet und gleichzeitig auflöst---
Zu nennen also hier endlich: Carl Einstein, kein eingetragener Anarchist, aber bis zu seinem Freitod 1940 einer, der so gehandelt hat– und darauf kommt es an.
Zum Ende des ersten Weltkrieges, durch den er zum glühenden Antimilitaristen wurde, beteiligte er sich u.a. an der Seite von Erich Mühsam und Gustav Landauer an der Räterepublik. Das blutige Vorgehen von Militär und Polizei unter der sozialdemokratischen Ebert-Regierung 1918/19 gegen die aufständischen ArbeiterInnen lässt ihn jeden Anflug von Pazifismus vergessen, überzeugt ihn eher von der notwendigen Selbstverteidigung der Unterdrückten. Er beschreibt die Sozialdemokraten als herrschaftsstabilisiernd und konterrevolutionär, nationalistische Politik widert ihn mehr und mehr an. Und er beschreibt die Lächerlichkeit und Wirkungslosigkeit der Intellektuellen. In „Fabrikation der Fiktionen“ nennt er sie unverbindlich, pseudoradikal, selbstüberschätzend, arrogant, narzisstisch --- durch ihre „Ästhetisierung“ reaktionär und macht sie für die Situation in Deutschland ab 1933 mitverantwortlich. Er hofft auf eine soziale Revolution, die auch eine Revolution des Bewusstseins, der radikalen kulturellen Veränderung sein soll
Ein neuer geistiger Stil ist nur nach einer Revolution möglich, die abgeänderte soziale Tatsachen schafft und andere menschliche Typen hervorbringt
… und glaubt sie im Spanien des Jahres 1936 zu finden

Das Hotel Colon, gegenüber der Catedrale und am Eingang zum Barrio Gotico, war in dieser Zeit Stützpunkt der Kommunisten. Nur wenige Meter weiter links, über den Plaza de Antoni Maura, die Via Laietana --- das Centralkomitee der CNT-FAI. Einstein wollte sich bei den kommunistischen Brigaden zum Kampf gegen die Faschisten beteiligen, doch verirrt sich bei der CNT – und bleibt. Er lernt neben deutschen Anarchosyndikalisten auch Emma Goldmann und Bonaventura Durutti kennen und schliesst sich ihnen mit steigender Euphorie an . Zum ersten Mal sieht er all seine eigenen Kompetenzen ernst und wichtig genommen.In einem späteren Brief an Pablo Picasso schreibt er von der schönsten Entscheidung seines Lebens, und betont den Zauber einer umfassenden Revolution. Wirtschaftlich, politisch und sozial. Für ihn war es die besondere Bedeutung, die Kultur, Erziehung und Bildung zugestanden wurde und dies mit der individuellen Freiheit und gleichzeitigen Solidarität . Er geniesst es als Gleicher bei Gleichen gesehen zu werden und für ihn wurde es dadurch auch selbstverständlich, seine Kenntnisse weitergeben zu können, ohne daraus irgendeinen Anspruch abzuleiten.

Doch die Kämpfe wurden härter, grausamer und militärischer. Der menschenverachtenden blutigen Walze der Faschisten wurde mehr und mehr auf ähnliche Weise begegnet. Simone Weil, wie Carl Einstein in der selben Kolonne, der „Kolonne Durutti“ hatte sich schon einige Zeit zuvor desillusioniert aus den täglichen Kämpfen zurückgezogen, Carl Einsteins Glaube an eine soziale Revolution schwand bei jeder Erschiessung tatsächlicher oder nur vermeintlicher „Spitzel“ durch die noch vorher von ihm schwärmerisch beschriebenen Milizen. Er fiel mehr und mehr in Depressionen, nun zog auch er sich langsam zurück – auch wenn er weiterhin in der CNT blieb.
„Carl hat so verdammt recht ,aber er begeht Unrecht, wenn er die Genossen dafür verantwortlich macht.“

Carl Einstein beginnt wieder zu schreiben, „die Geschichte des Bürgerkriegs in Russland“ Einige berichten noch, dass er weiterkämpfte, dann verwundet wurde . Belegt ist, dass er auf dem Weg nach Paris wie alle anderen KämpferInnen aus Spanien einige Zeit in ein Internierungslager kam.
Hinter sich nun mehr die Etablierung der Diktatur in Spanien, vor sich die deutschen Faschisten und die Gestapo, wählt er 1940 den Freitod.

Es war wohl die Einheit zwischen Leben und Arbeit, der Drang, auch die Rolle der Intellektuellen in und nach revolutionären Entwicklungen neu zu bestimmen, der ihn auch heute noch aktuell bleiben lässt --- er, der immer wieder die Bereitschaft forderte, sich in den Kämpfen mit den Kämpfen zuständig zu erklären, er, der kritisierte und aufforderte, die jeweiligen literarischen und sonstigen „künstlerischen“ Tätigkeiten in dieser Zeit zugunsten der Tätigkeit des Handelns mit den anderen aufzugeben, ist heute wenig bekannt --- und hier droht er wieder den „Intellektuellen“ in die Hände zu fallen, jenen, von denen er schon damals geschrieben hat

Die Intellektuellen haben immer vom Abenteuer gesprochen, und wenn es dann kommt, vermeiden sie es um jeden Preis.“

Siehe auch : http://rapidshare.com/files/350857957/GFRG.rar mit :

G.F.R.G. [Hörbuch 1993]

Zwischen 1913 und 1918 entstand Carl Einsteins Prosatext G.F.R.G. über den armen Schlucker Jakob Häberle. Er lebt in einer Welt, in der ein Mangel an Ideologien herrscht, da das allgemeine Interesse nur Verkäuflichem gilt. Messerscharf schließt Häberle, dass in solchen Zeiten mit dem Verkauf religiöser Werte das beste Geschäft zu machen sei: So erfindet er den Verkaufsartikel „Seelenheil“ mit Aussicht auf Dividende, er sorgt für die Zulassung von Idealen an der Börse und schürt den kollektiven Aufruhr bis hin zu seiner Eskalation im grotesken Sinn.

siehe auch Hörprobe beiTöne

Keine Macht für alle !!!

Zur Erinnerung an die friedliche Revolution in der DDR 1989/90

Ostberlin, 4. November 1989. Mehr als eine halbe Million Menschen demonstrieren auf dem Alexanderplatz gegen das SED-Regime für Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit. Es ist die größte frei organisierte Massendemonstration, die die Deutsche Demokratische Republik jemals erlebt hat, und sie markiert ihren historischen Wendepunkt.

Das Machtgefüge der SED-Diktatur, in der die Macht der Mächtigen auf der Ohnmacht der Ohnmächtigen beruhte, war im Herbst 1989 aus dem Lot geraten. Immer mehr Menschen waren das erniedrigende Schweigen und Dulden leid und leisteten mit friedlichen Mitteln Widerstand. Dem hatte das politische System, das mehr als vier Jahrzehnte lang das Leben seiner Bürger kontrolliert und reglementiert hatte, nichts mehr entgegenzusetzen. Von da ab ging es für das SED-Regime nur noch abwärts. Genaugenommen implodierte es, sein Herrschaftsapparat brach einfach in sich zusammen. Das war seltsam und in der jüngeren Geschichte Europas ein bis dahin einzigartiges Phänomen. Niemand war mehr da, der die Macht mit aller Macht verteidigen wollte und noch seltsamer war: Niemand mehr wollte die Macht haben, eine Zeitlang zumindest schien es so.


„Keine Macht für Niemand!“
, diese Losung propagierten einige Anarchisten aus Weimar auf der historischen Demo in Ostberlin am 4. November 1989 auf einem bettlakengroßen schwarzen Tuch. Auf einem weiteren Spruchband forderten sie die „Veröffentlichung sämtlicher Werke von M. Bakunin und Erich Mühsam“. Anarchisten sind Büchermenschen und das macht die Forderung der ostdeutschen Anarchisten plausibel. Andere Demonstranten forderten: „Die Ostsee frei für Surfer und Segler!“. Jeder forderte das, was er sich am sehnlichsten wünschte.

Die Losung „Keine Macht für niemand!“ trifft allerdings den anarchischen Kern der friedlichen Revolution in der DDR 1989/90. Denn noch ehe die bundesrepublikanische Ordnung auf dem Territorium der Ex-DDR zur neuen herrschenden Ordnung wurde, hatte die widerständische Gesellschaft der DDR-Bürger begonnen, ihr Leben selber zu organisieren. Mit grimmiger Entschlossenheit und auch heiter lachend setzte man die alten Gesetze de facto außer Kraft. Neue gab es noch nicht. Anarchie, also eine Ordnung ohne Herrschaft, war an der Tagesordnung. Plötzlich war machbar, was lange undenkbar schien: Man entmachtete Bürgermeister und Betriebsdirektoren, verweigerte Befehle, gründete Gegengewerkschaften, besetzte Geheimdienstzentralen, belagerte Kasernen und jagte die Stasi davon. Freie Schulen wurden gegründet und Gefangene, Journalisten, Matrosen und Soldaten organisierten sich in Räten.
Stell Dir vor, es ist Anarchie und kein Anarchist bekommt es mit!

Die Geschichte dieser anarchischen Basisbewegung innerhalb der friedlichen Revolution der DDR ist von der Linken in Westdeutschland so gut wie nicht wahrgenommen und reflektiert worden, und dieses Manko gilt auch für den Großteil der westdeutschen Anarchisten. Zu sehr stand die westdeutsche Linke unter dem Schock der sich anbahnenden staatlichen Wiedervereinigung Deutschlands. „Anarchie statt Deutschland!“ war die Forderung der westdeutschen Anarchisten. Dass gerade im anderen Teil Deutschlands die Anarchie ausgebrochen war, haben sie damals schlichtweg nicht mitbekommen. Stattdessen starrten sie entsetzt auf die „Bühne“ der innerdeutschen und internationalen Politik, auf der mit großem Tamtam die Wiedervereinigung Deutschlands inszeniert wurde, und konnten so nicht erkennen, was sich unten im „Orchestergraben“ tat. Dort unten, wo die eigentliche Musik der revolutionären Veränderungen spielte, an der Basis der DDR-Gesellschaft, bildeten sich in den Monaten nach dem Zusammenbruch des alten SED-Regimes eine Vielzahl von freien Initiativen und Organisationen heraus, für die die Ablehnung von Macht und Hierarchien durchaus typisch war. „Wir waren alle ausgesprochen machtmufflig“, erinnert sich der Physiker und Bürgerrechtler Sebastian Pflugbeil.[1] Dass diese anarchische Tendenz der friedlichen Revolution in der DDR von den meisten West-Anarchisten nicht wahrgenommen wurde, ist eine Ironie der Geschichte. Aber so ist das: Anarchisten sind Experten für Anarchismus, nicht jedoch Experten für Anarchie.

Als in der Zeit des Zusammenbruchs des DDR-Regimes die staatlichen und betrieblichen „Leitungskader“ nicht mehr das Rückgrat hatten, noch irgendeine Entscheidung zu fällen, da entschied man eben selber – als Einzelner und in der Gruppe. Was sollte man machen. Irgendwie musste es weitergehen, und Anarchie als Ordnungsprinzip entsteht quasi von selbst. Dabei erlebte man, dass man sich durchaus ohne neue Chefs organisieren und ohne hierarchische Entscheidungsstrukturen erfolgreich die Dinge umsetzen konnte, die man für sinnvoll hielt.

Diese Anarchie der Umbruchzeit war eine beeindruckende Erfahrung, die bei allen, die sich damals in den entstehenden Freiräumen engagiert haben, starke und überwiegend positive Erinnerungen hinterlassen hat. „Damals waren ja alle total wuselig und ununterbrochen unterwegs“, erinnert sich die Schauspielerin Jutta Wachowiak, die zu den Initiatoren der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz gehörte. „Man wusste ja überhaupt nicht, wo oben und unten ist und wo zuerst anfangen und als Letztes aufhören. Das war ja wirklich äußerst intensiv und turbulent. Man begriff, das ist hier Geschichte, und dann fühlte es sich aber doch irgendwie so normal an. Also das war ein seltsames Gemisch damals.“[2]
Rätedemokratie beim Rundfunk der DDR

Nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und Wirtschaft der DDR wurden im Herbst 1989 von dieser Anarchie erfasst. So auch der Rundfunk der DDR, der ebenso wie die Presse des Landes dem SED-Regime als „kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator“ gedient hatte. Wer in der DDR Journalist werden sollte, das hatte bis in den Herbst 1989 hinein die Partei bestimmt. Das Klima in den meisten Redaktionen war schlecht. Es herrschten die Bräuche von Unterwerfung und Anpassung, ständig lauerte das Misstrauen, immerfort gab es die Bereitschaft zur Denunziation: Dies nannte sich Wachsamkeit und galt als revolutionäre Tugend. Im Redaktionsalltag gab es keinen Raum für ein individuelles Hinterfragen der Arbeit. So verwundert es nicht, dass die DDR nicht einmal eine amtliche Zensurbehörde brauchte. Die “Schere in den Köpfen” der Journalisten und Publizisten arbeitete weitgehend automatisch und im Sinne der Systemerhaltung fast perfekt.

Vor diesem Hintergrund waren die Veränderungen erstaunlich, welche im Herbst 1989 beim Rundfunk der DDR stattfanden. Am 11. November 1989, eine Woche nach der großen Demonstration vom 4. November auf dem Alexanderplatz, bei der von fast allen Rednern eine deutlich andere Medienpolitik gefordert worden war, trat das staatliche Rundfunkkomitee geschlossen zurück. Da auch der Ministerrat vier Tage zuvor zurückgetreten war, sollte die neu zu bildende Regierung über die neuen Leitungsstrukturen im Rundfunk entscheiden. Bis dahin aber existierte beim Rundfunk eine Art Doppelherrschaft, die, da niemand die Macht ausüben wollte, genaugenommen ein Machtvakuum war. Zwar bezogen die alten Intendanten und Redaktionsleiter weiter ihre Gehälter, aber sie erschienen teilweise nicht mehr zum Dienst oder verweigerten die „Abnahme“ von Sendebeiträgen. So bildeten sich auch beim Rundfunk spontan Räte, die als Redakteursräte den Mediengiganten mit seinen rund 3.700 Mitarbeitern in fünf Sendern monatelang erfolgreich managten. Der Regisseur und ehemalige Kameramann Peter Hill erinnert sich: „Bedingung war, dass keine SED-Funktionäre und früheren Chefs dabei sein durften. Jeder konnte sich einbringen, wenn ihn denn die Kollegen akzeptierten und in den Redakteursrat wählten. Dort wurden dann die Themen ausgewählt und Programme verabredet, anschließend informierten wir die Intendanten und Chefredakteure darüber.“[3]

Die Initiative zur Gründung der Redakteursräte im DDR-Rundfunk ging von der Hauptabteilung Außenpolitik aus, wo man schon immer etwas weltoffener war. Es folgte das Jugendradio DT 64, wohingegen in der „Stimme der DDR“ mancher noch glaubte, ein „gutes“ Bild vom Lande nach außen vermitteln zu müssen und vieles spürbar langsamer lief.

Nach und nach bildeten sich in allen größeren Bereichen des DDR-Rundfunks derartige Räte, die sich untereinander vernetzen und einen informellen Rat der Räte bildeten. Als am 1. Dezember 1989 trotz mancher Proteste der bisherige Chefredakteur der Hauptabteilung Nachrichten, Manfred Klein, von der neu berufenen Modrow-Regierung zum Generalintendanten des Rundfunks ernannt wurde, blieb diesem nichts anderes übrig, als die in der Zwischenheit entstandenen Redakteursräte zu akzeptieren und in sein Leitungskonzept zu integrieren. Ab dem 4. Dezember 1989 fanden schließlich in allen Sendern offizielle Wahlen zu den Redakteursräten statt, die die Direktion als „Organe der Mitbestimmung und Kontrolle“ anerkennen musste. Die Redakteursräte gaben sich selbst ihr Statut und ihre Wahlordnung. Am Aufbau neuer Hierarchien hatte zu dieser Zeit niemand Interesse: „Innerhalb des zwölfköpfigen Redakteursrates wollte niemand den Vorsitz übernehmen. Von Vorsitzenden hatten wir endgültig genug“, erinnert sich Peter Hill. „Wir haben dann einen Sprecher gewählt, das wurde Michael Bajohr, Redakteur in der Politikredaktion. Ich wurde zunächst Sekretär und übernahm später die Öffentlichkeitsarbeit, um interessierte Kollegen vor allem der Westberliner und westdeutschen Presse zu informieren, die sich zu dieser Zeit sehr dafür interessierten, was bei uns abging.“ [4]

Für die Publizistik der DDR war die Zeit zwischen November 1989 und Oktober 1990 sicherlich die wohl spannendste Periode ihrer Geschichte. Plötzlich konnte auch in den DDR-Medien über Umweltvergiftungen und Amtsmissbrauch, ja eigentlich über ALLES, geredet werden. Man probierte neue Sendeformen und Formate. Heiner Noske, damals Mitglied der Wissenschaftsredaktion des DDR-Rundfunks, erinnert sich an die Aufbruchsstimmung jener Tage:

„Wir haben in der Folgezeit dann wirklich Neuland beschritten und unsere journalistischen Freiräume genutzt. An Themen war kein Mangel. Zu viel war viel zu lange ausgeblendet gewesen. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, gab es kein kritisches Hinterfragen des gesellschaftlichen Lebens. Nun stand hinter der scheinbar auf Ewigkeit gepachteten Führungsrolle der SED ein dickes Fragezeichen, auch über den ‚Abschied vom Proletariat‘ konnte laut nachgedacht werden. Und zu den Ursachen der geringen Produktivität der DDR-Wirtschaft äußerten sich Wissenschaftler in unseren Sendungen. Nachdem am 2. Februar die Stimme der DDR in Deutschlandsender zurückbenannt worden war und damit auch die alten Leitungskader endgültig verschwanden, brachen nahezu paradiesische Zeiten an. Es gab keinen Anpassungsdruck mehr nach oben, wir entschieden in gemeinsamer Diskussion, ohne uns zu zerstreiten. Viele westdeutsche Kollegen kamen damals regelmäßig zu uns und boten ihre Mitarbeit an, auch wenn es nur DDR-Geld dafür gab. Eine solche Atmosphäre ohne oben und unten erträumten sich viele wohl auch für ihre Heimatsender.“[5]

Das Ende der Wende

Angesichts der politischen Rolle, welche die Medien der DDR bei der Stabilisierung des SED-Regimes gespielt hatten, ist es nicht verwunderlich, dass die radikalen Veränderungen, die sich im Herbst 1989 auch in den DDR-Medien vollzogen, bisweilen von einer seltsamen Mischung aus Engagement und Opportunismus getragen wurden. Der systemkritische Schriftsteller Rolf Schneider, einstmals Redakteur der kulturpolitischen Zeitschrift “Aufbau” in Berlin, erinnert sich an die Irritationen, die dieser Wendezeit-Journalismus bei nicht wenigen Zeitgenossen auslöste: „So manche Stimme, die jetzt den Aufbruch in die Demokratie bejubelte, hatte man noch deutlich im Ohr: von ergebenen Kommentaren zum letzten SED-Parteitag oder zu einem anderen staatstragenden Begängnis“. Eine selbstkritische Beschäftigung mit der eigenen Rolle blieb eher die Ausnahme. „Die meisten entsannen sich lieber des einen oder anderen Textes ihrer Feder, den der Chefredakteur einmal aussortiert hatte, aus Platzgründen, und der sich nun als Ausweis für Unbotmäßigkeit, Widerstand und Verfolgung anbot.“ [6]

Doch der „kurze Winter der Anarchie“ in der DDR ging schon bald seinem Ende entgegen. Spätestens nach dem Wahlsieg der konservativen „Allianz für Deutschland“ am 18. März 1990 und der Bildung der Regierung de Maizière einen Monat später waren die Weichen auf den zügigen „Beitritt“ der DDR zur Bundesrepublik Deutschland umgestellt. Der im Wahlergebnis von großen Teilen der Bevölkerung artikulierte Wunsch nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde von der politischen Führung beider deutscher Teilstaaten so interpretiert, dass das westliche System auf den östlichen Teil auszudehnen und DDR-Spezifisches weitestgehend zu eliminieren sei. Dies galt auch für die Umgestaltung der Medien, in denen sich allmählich wieder traditionelle Macht- und Leitungsstrukturen herausbildeten. Das von der Regierung de Maizière neu geschaffene Medienministerium wurde nun wieder rein politisch und nicht nach Kriterien der Sachkompetenz besetzt.

Im Zuge der Verhandlungen um die deutsche Einheit zeichnete sich bald ab, dass es eine gemeinsame Rundfunkanstalt für die neu zu bildenden ostdeutschen Länder nicht geben würde. Zu groß waren die politischen Unterschiede zwischen den Nord- und Südregionen. Also lief alles auf eine Abwicklung des DDR-Rundfunks hinaus. Hunderte Entlassungen standen an, und unter den Rundfunk-Mitarbeitern breitete sich Zukunftsangst aus. Plötzlich war die Stimmung in den Redaktionen wieder mies. Die Wende von der Wende war gekommen, und die im Herbst 1989 begonnenen radikalen Demokratisierungs- und Umgestaltungprozesse wurden nicht mehr fortgesetzt. Fortan wurden die Entscheidungen nicht mehr von Bürgerbewegungen, Demonstranten, Runden Tischen und Räten gefällt, sondern zunehmend hatten die zahlreich gen Osten reisenden westlichen Berater aus Politik und Wirtschaft das Sagen. Die hatten natürlich kein Interesse an Verhandlungen mit basisdemokratisch organisierten Räten, sondern waren eher auf herkömmliche Führungsstrukturen und Führungspersonen fixiert, so dass manch einer der bereits ausgemusterten Kader des alten Systems mit ihrer Hilfe in der Nachwendezeit zu einer neuen Karriere als Politiker oder Manager durchstarten konnte.
Was lehrt uns das?

Anarchie im Sinne einer sozialen Ordnung ohne Herrschaft ist ein empfindliches Gewächs. Anarchie benötigt den sozialen Konsens, und sie gedeiht dementsprechend schlecht in einem Klima von Macht und Gewalt, wie es für die meisten Revolutionen in der Vergangenheit bislang typisch gewesen ist. Selbst dort, wo erklärte Anarchisten wie in Russland (1917-1921) oder in Spanien (1936-1939) im Zuge revolutionärer Geschehnisse versucht haben, ihre anarchistischen Gesellschaftsideale praktisch zu realisieren, war im Alltag von realer Anarchie als Praxis der Herrschaftslosigkeit sehr wenig zu verspüren. Stattdessen herrschte sowohl in Russland als auch Spanien ein erbittert geführter Bürgerkrieg, der von dem üblichen politischen Terror aller Bürgerkriegsparteien begleitet wurde. Mit Anarchie im positiven Sinne hatte das, was in den Revolutionen in Russland und Spanien geschah, denkbar wenig zu tun.

Es zeichnet die Frauen und Männer der Revolution 1989/90 in der DDR aus, dass sie die Selbstbefreiung von 16 Millionen Menschen aus der Diktatur des SED-Regimes mit friedlichen Mitteln ermöglicht haben. Keine Erschießungskommandos, keine Arbeitslager, keine anderen Versuche, mit Macht und Gewalt die politischen Verhältnisse zu ändern. Dadurch hat die friedliche Revolution in der DDR vielleicht weit mehr als die historischen revolutionären Gesellschaftsexperimente der Anarchisten bewiesen, dass Anarchie durchaus eine funktionsfähige Alternative zu den in Ost und West etablierten Ordnungssystemen sein kann. Die Erfahrung, dass man das Leben ohne Chefs und ohne ein System von Befehl und Gehorsam in freier Vereinbarung der Beteiligten organisieren kann, hat sich tief in die Erinnerung der meisten Revolutionsteilnehmer eingegraben. Und so finden sich zahlreiche Berichte von Zeitzeugen, in denen die Freude an der erlebten Anarchie zum Ausdruck kommt, so wie in der Erinnerung von Heiner Noske: „Wenn man sich heute mit ehemaligen Kollegen trifft, dann kommt sehr schnell die Sprache auf jene Zeit, in der alles möglich schien, in der wir die Freude selbstbestimmten Handelns erleben konnten. Das gibt es nicht so häufig im Leben. Viele von uns hat das nachhaltig geprägt.“ [7]

Jochen Schmück,
Potsdam, 11. Februar 2010
Literaturempfehlung zum Thema

Das wunderbare Jahr der AnarchieZum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR 1989/90 ist im Ch. Links Verlag in zweiter Auflage das Buch „Das wunderbare Jahr der Anarchie. Von der Kraft des zivilen Ungehorsams 1989/90“ erschienen. Die Autoren Christoph Links, Antje Taffelt und Sybille Nitsche sind für das Buch ein Jahr lang durch die Ex-DDR gereist und haben vor Ort mehr als vierzig authentische Geschichten gesammelt, die vom Widerspruchsgeist und Aufbegehren ostdeutscher Frauen und Männer und von den unerschrockenen Konfrontationen mit der Staatsmacht in den letzten Monaten des SED-Regimes erzählen. Die Alltagsgeschichte der aus einem politischen Machtvakuum im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR spontan entstandenen Anarchie ist noch weitgehend unerforscht geblieben. Die in „Das wunderbare Jahr der Anarchie“ gesammelten Berichte sind deshalb nicht nur spannend zu lesen, sie machen auch Lust, sich intensiver mit dieser Geschichte zu beschäftigen.

(Höre auch „Töne“ rechts unten)

Fattallà -Immigrante

Migration gehört seit Jahrtausenden zum alltäglichen Leben vieler Menschen. getrieben durch Krieg, wirtschaftlichem Elend oder Vertreibung, konzentrieren sich viele Migranten mehr und mehr auf die Länder, die meistens die Verursacher der Migrationshintergründe sind.

Im 19.Jahrhundert war es jedoch Europa, von wo zwischen 1800- 1914 ca. 50 Millionen Menschen auswanderten – vor allem in die USA .Da, wo die noch leeren Räume sich anboten, Utopien zu realisieren. 1803 war es ein Johann Georg Rap, der so etwas wie eine Kommune begründete in vollkommener Gütergemeinschaft, ohne Privateigentum. Später übernahm sie der Frühsozialist Robert Owen, der dort seine genossenschaftlichen Ideen glaubte umsetzen zu können.
In dieser Zeit kamen die meisten aus Großbritannien, Irland und Deutschland. Langsam veränderte sich in den nächsten Jahrzehnten die Herkunft der Immigranten. Mehr und mehr kamen sie nun aus Süd-und Osteuropa – hier waren es vor allem Menschen jüdischer Herkunft, die sich vor den Pogromen in Osteuropa retten wollten.

Für Anarchistinnen und Anarchisten war die Migration schon fast selbstverständlich. Sie, die unnatürliche und eigentlich gegen den Menschen gerichtete Konstruktionen wie Staat und Nation ablehnten, sahen sich selber dadurch als Migranten, ja, als Menschen im eigentlichen Sinne die herumschweifende sind, nomadische Existenzen, die in diesem Zusammenhang eine libertäre emanzipatorische Ausrichtung haben .So bildeten in den zwanziger Jahren viele „Landstreicher“ libertäre Gruppierungen, schufen Anarchisten wie Gregor Gor Kommunen und Siedlungen.

Wenn sie sich nicht treiben ließen, nicht Treibgut wurden, dadurch eine Freiheit des wozu entdeckten, die ihnen andererseits egal ob verfolgt, vertrieben oder aus eigener Überzeugung emigriert. auch in der Migration immer wieder Räume der Selbstorganisation ließen, und sich jeweils an dem augenblicklichen Ort engagierten .Alle der wegen ihrer libertären Einstellung in der oben beschriebenen Zeit Emigrierten engagierten sich z.b. in den USA in der AntiSklaverei, gründeten syndikalistische und anarchistische Organisationen.

So kann die Migration durchaus schöpferisch sein, aber oft auch erst einmal riesiges Leid und schiere Not.
Gibt es bei den Libertären die Verbindung von Herrschaftsablehnung und selbstgewählter oder so gewendeter Migration, so werden die Menschen heute massenhaft zum Nomadisieren gezwungen – Migration ist hier in erster Linie eine Konsequenz des alltäglichen ökonomischen Terrors des Kapitals und des politischen Terrors der örtlichen Regime und ihrer lokalen Bourgeoisie, vor allem zu Gunsten der reichen Länder.

Die Immigranten, die die immer höher werdenden Mauern Europas versuchen zu überwinden, sind selten die Ärmsten und Schwächsten( diese werden nämlich permament zu Migration innerhalb ihres Kontinents zwischen den Städten oder den Nachbarländern gezwungen). Die enormen Kosten, die soziale oder kulturelle Selektion innerhalb ihrer Gemeinschaft und der eigentliche Weg an die Küsten z.b. Spaniens und Italiens erlauben es nur den Jungen und Kräftigen ,in der Regel Männern.

Viele unter ihnen sehen den Westen als Orte, wo gut gelebt wird, solange sie bereit sind, sich richtig anzustrengen, solange sie bereit sind, die gleichen ausbeuterischen Verhältnisse zu ertragen, wie die, vor denen sie eigentlich geflüchtet sind, sich nicht gegen den latenten Rassismus zu wehren, den täglichen Polizeikontrollen.
Unterstützt werden sie dabei von einer Vielzahl von Menschen, die eher aus Entrüstung über ihre spezielle Situation heraus handeln und weniger aus dem Erkennen der gemeinsamen Situation – weder in den Wohnvierteln, noch in den Kämpfen des Lebens gegen die Verwertung, oder in den vielfältigen Techniken des täglichen Überlebens..
Und werden so zum „unschuldigen Immigranten“, zum „Opfer“ -
ausgebeutet, erschlagen oder verhaftet und deportiert, dem es zu helfen gilt –
jeglicher Individualität entrissen, vom Objekt der Kriege, des Elends, der gewissenlosen Menschenhändler, ausbeutenden Fabrikanten zum Objekt des „gutwillligen“ und integrierbaren Opfers --- und dort auch gelassen
könnte doch das Erkennen der jeweiligen Subjektiviät des Immigranten den Unterstützern der Schreck in die Glieder fahren, mit wem sie es dann im einzelnen zu tun haben. Z.b.Faschisten Nationalisten, oder Teile der wohlhabenden Klassen der Herkunftsländer, die aus politischen oder sozialen, oft auch aus symbolischen Gründen schon Herrschaft ausgeübt oder hier wieder Herrschende Rollen übernehmen ---
so wird der Rahmen des Immigranten als Opfer gelassen und die Unterstützung bleibt in bestimmten sozialen Kategorien, getrennt von den subjektiven Erfahrungen und Kämpfen des jeweiligen Migranten.
Und so sind es die Anarchistinnen und Anarchisten, die von der Gemeinsamkeit ihrer eigenen Situation als „nomadische Existenz“ eine Gemeinsamkeit im Kampf mit den anderen Migrantinnen und Migranten herstellen – in dem Erkennen und der Dynamik der jeweiligen Individualität. So fällt es aber dann auch schwer, zu Immigranten oder Illegalisierten solidarisch zu sein, die einzig und allein für sich und ihre Verwandten Papiere und Arbeit erlangen wollen, ohne den Kampf gegen die Flüchtlingslager, das Morden und Vertreiben, den täglichen Rassismus angehen zu wollen, – diese Basis ist aber Voraussetzung wie bei den gemeinsamen Kämpfen in den Fabriken, Knästen oder Stadtvierteln – gemeinsam in einer wilden Horde verantwortungsbewusster Individuen.
Alles andere überlassen wir dem demokratischen alternativen Rassismus der jeweiligen Unterstützer.

Im Mai 2005 wurden einige Anarchistinnen und Anarchisten im italienischen Lecce verhaftet, die zusammen mit anderen Gruppen und Migranten gegen das Internierungslager „Regina Pacis“ agitiert hatten.
In Australien gab es schon die Jahre zuvor Revolten gegen Internierungslager, Australien hat eine brutale Tradition in solchen Lagern.
In England legte eine Welle von Revolten das grösste Internierungslager in Schutt und Asche, es folgten Aufstände u.a. in einem Lager nahe des Flughafens Heathrow.
In der Nähe von Paris wurde eines der Lager im Juli 2008 zerlegt.
Weitere Aufstände auch in Belgien und immer wieder Italien.
Ins Visier geraten dabei auch die Profiteure dieser Lager, und die die es bauen und verwalten. Diese werden dann oft in ihrem besonderen Lebens und Profitrythmus etwas gestört.
In Italien ist dies vor allem die katholische Kirche, die oft mit den lokalen politischen Partein und Mafiaorganisationen solche Lager für ihre Geschäfte nutzen.

Dies zeigt sich deutlich in der jüngsten Auseinandersetzung. In Kalabrien, in Rosarno, kam es im Januar zu einem Aufstand der Plantagenarbeiter, Illegalisierte vor allem aus Nord-aber auch SubsaharaAfrika

Hungerstreiks in den Kirchen u.ä.sind die Bilder, mit denen die unterstützende einheimische Öffentlichkeit versorgt werden will – bitte keine Brandstifter, Ausbrecher, Steinewerfer, keine, die sich wehren, sich endlich widersetzen…da greift wieder die alltägliche Propaganda, die im Immigranten den sozialen Feind sehen, der der die Ursache all der Gewalt ist ..
Die Illegalisierten werden gebraucht… für die Sklavenarbeit in den Plantagen und Baustellen und als regulativ für den alltäglichen sozialen Krieg,
und wir Libertären , wir die anderen nomadischen Existenzen, sind ihnen in so vielem nahe
Lasst uns also alle jene, die nicht drin bleiben wollen, in den Lagern, in den täglichen Gefängnissen, nicht der Rache all jener Richter und Richterinnen überlassen, die jede Frage nach Herrschaft und Ausbeutung mit ihren Gewehren und ihrem Stacheldraht aber auch mit ihren Spenden unterdrücken
denn es scheinen einige bereit, sich ihre Freiheit zusammen mit anderen zu nehmen und sie scheinen dies auf einem Weg der gemeinschaftlichen Aktionen zu tun, in die alltägliche Realitäten unser aller Leben Wir sollten diejenigen sein, die sich ganz klar für diese Seite entscheiden- sich dafür vereinigen – wenn es sein muss kriminell.
(Manuscript zum Podcast bei „Radio Chiflado“ )

Ähnliche und weitere Texte findet ihr bei „A corps perdu“

Bei „Töne“ findet ihr das Lied „Fattallà“ von Almamegretta

„Fattalla‘ ist das was Menschen gesagt wird, die aus Afrika oder Asien hierher kommen um ein bisschen legitimes Glück zu finden nachdem das zivilisierte Europa ihnen ihre Heimatländer verwüstet hat. Alles was diesen Menschen gesagt wird ist Fattalla‘. Fattalla‘ bedeutet im Neapolitanischen… Verschwinde!“

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Arbeit ist ein Verbrechen(De Moker)

«In unserer Sprache gibt es Ausdrücke und Worte, die wir abschaffen müssen, weil sie die
Bezeichnung von Begriffen sind, welche den unheilvollen und verdammten Inhalt des
kapitalistischen Systems bilden.
An erster Stelle ist dies das Wort «Arbeit» und alle Begriffe, die damit verbunden sind:
Arbeitsmann oder Arbeiter, Arbeitszeit, Arbeitslohn, Arbeitsstreik, Arbeitslose
[niederländisch «werkloos»] und Arbeitlose [niederländisch «werkeloos»].
Arbeit ist die grösste Beleidigung und Erniedrigung, die sich die Menschheit selbst
angetan hat.
Unser gesellschaftliches System, der Kapitalismus, basiert auf Arbeit; es hat eine Klasse
Menschen geformt, die arbeiten muss, und eine Klasse Menschen, die nicht arbeitet.
Die Arbeiter werden zur Arbeit gezwungen, weil sie sonst verhungern.
«Weil», lehren die Besitzenden, «wer nicht arbeitet, soll nicht essen», und behaupten,
dass ihr Beziffern und Einstreichen von Gewinnen auch Arbeit sei.
Es gibt Arbeitlose und Arbeitslose. Im Van-Dale-Taschenwörterbuch [niederländisches
Äquivalent zum Duden] steht: «arbeitlos» ist «nicht arbeitend»; und «arbeitslos» ist «ohne
Arbeit, ohne Schuld daran zu sein». Arbeitlos sind die Ausbeuter, die von der Arbeit leben,
welche die Arbeiter für sie tun. Arbeitslos sind die Arbeitsmenschen, die nicht arbeiten
wollen, weil damit nichts verdient werden kann.
Die Besitzer der Arbeitsgeräte haben die Zeit festgelegt, in welcher die Arbeiter arbeiten
müssen, sie haben Arbeitsplätze eingerichtet, und sie befehlen, was und wie die Arbeiter
arbeiten müssen. Die Arbeiter erhalten genug Arbeitslohn, damit sie nicht vor Hunger
sterben und damit sie ihre Kinder in den ersten Jahren knapp unterhalten können. Dann
haben die Kinder gerade genug gelernt, um auch arbeiten zu können. Die Besitzenden
lassen ihre Kinder genug lernen, damit diese auch wissen, wie sie die Arbeiter
herumkommandieren müssen.
Arbeit ist die grosse Verdammnis. Arbeit macht geist- und seelenlos. Um für dich arbeiten
zu lassen, musst du charakterlos sein. Um zu arbeiten, musst du auch charakterlos sein;
du musst kriechen und mogeln, verraten, betrügen und fälschen.
Für den reichen Arbeitlosen ist die Arbeit (des Arbeiters) das Mittel, um sich ein leichtes
Leben zu ermöglichen. Für den Arbeiter selbst ist es eine jämmerliche Bürde. Ein
Verhängnis, das dem Arbeiter bei der Geburt auferlegt wird und verhindert, dass dieser
vernünftig leben kann.
Wenn wir nicht mehr arbeiten, soll das Leben erst beginnen.
Arbeit ist lebensfeindlich. Der gute Arbeiter ist ein Arbeitstier mit Arbeitsklauen und einem
dummen, leblosen Ausdruck im Gesicht.
Wenn der Mensch lebensbewusst wird, wird er nie mehr arbeiten.
Ich behaupte nicht, dass nun jemand einfach morgen von seinem Chef weglaufen soll und
dafür sorgen muss, dass er ohne Arbeit für seinen Unterhalt aufkommen kann, um dann
überzeugt zu sein, dass er am Leben dran ist. Steht man notgedrungen auf der Strasse,
ist das schon schlimm genug. Nicht zu arbeiten bedeutet dann meistens, dass man zum
Parasit der Genossen wird, welche arbeiten.
Kannst du für deinen Unterhalt – wie es anständige Menschen nennen – mit Raub und
Diebstahl aufkommen, ohne dich von einem Chef ausbeuten zu lassen, gut – tue es, aber
glaube nicht, dass damit das grosse Problem gelöst sein wird.
Arbeit ist eine soziale Qual. Die Gesellschaft ist lebensfeindlich und nur durch die
Vernichtung dieser und nachfolgender Arbeitstiergemeinschaften – das heisst durch
Revolution nach Revolution – wird die Arbeit verschwinden.
Dann erst kommt das Leben – das volle reiche Leben. Dann wird jeder durch seinen
reinen Lebenstrieb zum Schöpfen gebracht. Dann wird jeder Mensch aus innerlichem
Drang Schöpfer sein und nur das Schöne und Gute, also das Notwendige, hervorbringen.
Dann wird es keinen Arbeitsmann oder Arbeiter mehr geben, dann wird jeder Mensch
sein; und aus dem menschlichen Lebensbedürfnis – aus innerer Notwendigkeit – wird er
unerschöpflich das schöpfen, was unter vernünftigen Bedingungen an
Lebensbedürfnissen genügt. Dann gibt es keine Arbeitszeit, keinen Arbeitsplatz, keine
Arbeitslose und Arbeitlose mehr. Dann gibt es nur noch Leben, grosses, reines,
kosmisches Leben und der Schöpfungstrieb ist des Menschen grösste Lebensfreude, nicht
erzwungen und nicht an Hunger, Lohn, Zeit und Ort gebunden und nicht ausgebeutet
durch Parasiten.
Schöpfen ist intensive Lebensfreude, Arbeit ist intensives Lebensleid.
Unter diesen verbrecherischen gesellschaftlichen Zuständen ist Schöpfen nicht möglich.
Alle Arbeit ist verbrecherisch. Arbeit ist Beihilfe zum Profitmachen und Ausbeuten; Beihilfe
zu Fälschung, Betrug, Vergiftung; Beihilfe zur Kriegsvorbereitung; Beihilfe zum
Mord der gesamten Menschheit.
Arbeit ist lebenszerstörend.
Erst wenn wir das richtig begriffen haben, wird unser Leben eine völlig andere Bedeutung
erhalten. Wenn wir in unserem Leben den Schöpfungstrieb spüren, soll sich das in der
Zerstörung des verbrecherischen und charakterlosen Systems äussern. Und falls wir
notgedrungen arbeiten müssen, um nicht zu verhungern, dann müssen wir dafür sorgen,
dass wir am Untergang des Kapitalismus mithelfen.
Wenn wir nicht am Untergang des Kapitalismus arbeiten, arbeiten wir am Untergang der
Menschheit.
Darum müssen wir bewusst jede kapitalistische Unternehmung sabotieren, jeder Chef
muss an uns Schaden nehmen. Wenn wir, aufständische Jugendliche, arbeiten müssen,
müssen Rohstoffe, Maschinen und Produkte unbrauchbar gemacht werden. Immer wieder
sollen die Zähne aus den Rädern springen, aus Messer und Meissel Stücke geschlagen
werden, die notwendigsten Werkzeuge unauffindbar sein – Rezepte und Mittel müssen wir
einander mitteilen.
Wir müssen nicht durch den Kapitalismus untergehen, der Kapitalismus muss durch uns
untergehen.
Wir wollen als freie Menschen schöpfen, nicht als Sklaven arbeiten; deshalb müssen wir
das System der Sklaverei zerstören. Der Kapitalismus besteht dank der Arbeit der
Arbeiter, deshalb wollen wir keine Arbeiter sein und werden die Arbeit sabotieren.»
Originaltext (auf Niederländisch) erhältlich bei: De Dolle Hond, Amsterdam
(http://www.dollehon.dds.nl/bestellen.html)
Erschienen im Megafon, Nr. 281, März 05 (www.megafon.ch)
© 2005 troesenbeck.com

Siehe weiteres zur Gruppe De Moker bei „Arbeit ist ein Verbrechen“
Audiobeitrag bei Radio chiflado

Artikel über De Moker bei der anarchistischen Zeitung “ A Corps Perdu“

Das Recht auf Faulheit und individuelle Enteignung

Du, der du eine Arbeit hast, die dir gefällt, der du einen unabhängigen Beruf hast und vom Joch der Bosse nicht sonderlich betroffen bist; auch du, Ausgebeuteter, der du dich unterwirfst, aus Resignation oder Feigheit: Wie kannst du dir erlauben, diejenigen so streng zu verurteilen, die zum Angriff gegen den Feind übergegangen sind? Wir haben dir nur eines zu sagen: «Ruhe!», aus Ehrlichkeit, aus Würde und aus Stolz. Du spürst ihr Leiden nicht? Halt die Klappe! Du hast ihren Mut nicht? Nochmals: Halt die Klappe!

Seit langem fordert man das Recht auf Arbeit, das Recht auf Brot, während die Arbeit in Wirklichkeit dabei ist uns abzustumpfen. Wir sind nichts als Wölfe auf der Suche nach Arbeit – einer dauerhaften stabilen Arbeit – und der Kampf um sie verschlingt all unseren Elan. Wir sind ständig absorbiert von der Jagd nach ihr. Diese Besorgnis, diese Besessenheit, sie nimmt uns ein und lässt uns nicht wieder los. Und es ist ja nicht, dass man die Arbeit mag. Im Gegenteil, wir hassen sie, wir verfluchen sie: Was jedoch nicht verhindert, dass wir sie auf uns nehmen und überall nach ihr suchen. Und während wir über sie schimpfen, so verfluchen wir sie auch wenn wir sie gerade nicht mehr haben, wenn sie instabil ist, wenn sie uns verlässt nach einer gewissen Zeit: Sechs Monaten, einem Monat, einer Woche, einem Tag. Dann also, nach der Woche oder dem Tag, beginnt die Jagd aufs neue; mit all der Erniedrigung, die sie bedeutet für unsere Würde als Menschen, mit der Beleidigung unseres Verhungerns, mit dem moralischen Spott gegen unseren Stolz als Individuen, die sich dieser Beleidigung bewusst sind, die nachgeben und ihre rebellischen Rechte als Anarchisten mit Füssen treten.

Auch wir, Anarchisten, verspüren die Erniedrigung dieses Kampfes um dem Hunger zu entkommen und wir werden der Kränkung ausgesetzt, jedes Stück Brot erbetteln zu müssen, das uns dann von Zeit zu Zeit wie ein Almosen zugestanden wird, doch unter der Bedingung, dass wir unseren Anarchismus verleugnen oder ihn als unnützen alten Kram ablegen. (Wenn ihr keine illegalen Mittel einsetzen wollt, um euer Recht auf Leben zu verteidigen, dann wird euch alleine der Friedhof Ruhe bieten). Und weil wir uns des Unrechts bewusst sind, das man uns zufügt, leiden wir noch stärker darunter. Aber da wo unser Leiden wächst, bis zu dem Punkt wo es sich zum Tragischen wendet, wenn wir die beschämende Komödie des falschen Mitleides um uns herum durchdrungen haben, dann beissen wir auf die Zähne aus Wut über unsere Ohnmacht, aber auch, weil wir uns etwas feige fühlen – eine Feigheit die manchmal begründet ist, aber eigentlich nie eine Entschuldigung darstellt, angesichts der niederträchtigen und zynischen Verlogenheit, die uns, die Arbeiter, als die Profiteure der Arbeit hinstellt, während wir doch nur die Wohltäter sind; die uns in einen Zustand von Bettlern versetzt, denen man aus Barmherzigkeit den Hunger stillt, während in Wirklichkeit wir es sind, die alle Parasiten ernähren, während wir ihnen den Wohlstand verschaffen, den sie geniessen; während wir unsere Leben in dem Horror der Entbehrungen auszehren, um die Ihrigen mit Freuden zu befriedigen, ihr Wachstum, ihre Freuden – ihre Faulheit – zu ermöglichen, stets der Beraubung bewusst, der sie uns aussetzen. Sie wollen uns sogar ein Lächeln vor den Wundern der Natur verbieten, denn wir gelten für sie als Werkzeuge, nichts anderes als Instrumente, die dazu dienen ihr Parasitenleben zu verschönern.

Wir sind uns der Absurdität unserer Bemühungen bewusst, wir fühlen die Tragik, oder vielmehr, die Lächerlichkeit unserer Situation: Wir schimpfen, wir verfluchen, wir sind uns unseres Wahnsinns bewusst und fühlen uns feige. Dennoch bleiben wir (so wie jeder Sterbliche) unter dem Einfluss unserer Umgebung, die uns umschliesst in einem Netz frivoler Begehren und den kleinlichen Ambitionen von «armen Typen», die glauben ihre materielle Situation etwas zu verbessern, indem sie versuchen einen Brotkrümel zwischen den Zähnen des Wolfes zu entreissen – jenen, die den Reichtum besitzen und verteidigen. Einen Krümel, der nur für den hohen Preis des Fleisch und Blutes zu verdienen ist, das wir in dem Getriebe des gesellschaftlichen Mechanismus hinterlassen.

Und wir lassen uns gegen unseren Willen, durch Notwendigkeit oder kollektive Suggestion, in den Sog des allgemeinen Wahnsinns zerren. Einmal die Kräfte gebrochen, die uns unbescholten vor den Augen unseres Bewusstseins halten, das deutlich sieht und weiss, dass wir so nie die Ketten zerstören werden, die uns in der Sklaverei halten, denn die Autorität zerstört man nicht, indem man mit ihr kollaboriert, genauso wie man die offensive Kraft des Kapitals nicht verringert, indem man seine Akkumulation durch unsere Arbeit und unsere Produktion fördert; ist dieser Widerstand einmal gebrochen, sagte ich gerade, fangen wir an, unsere Schritte zu beschleunigen und ganz schnell Karriere zu machen, eine sinnlose, absurde Karriere, die uns nur vorübergehende, stets vergebliche und unbrauchbare Lösungen bietet.
Was soll man dazu sagen? Die Verlockung des Profits? Der Einfluss der Umwelt? Eine Absurdität? Ein bisschen von allem. Wohl wissend, dass wir, durch unsere Arbeit unter den Bedingungen des kapitalistischen Systems, keines der essentiellen Probleme unseres Lebens lösen, ausser in seltenen Ausnahmefällen und unter speziellen Bedingungen.

Jegliche Steigerung unserer Produktivkraft innerhalb des gegebenen Gesellschaftssystem hat einzig die Erhöhung unserer Ausbeutung zur Folge. Diejenigen, die behaupten, Reichtum sei die Frucht der Arbeit, ehrlicher und individueller Arbeit, sind Betrüger.
Aber lassen wir das. Wozu sich durch das Auseinandernehmen der Sophismen gewisser Wirtschaftstheorien aufhalten lassen, die weder ehrlich noch echt sind, die doch bloss die ärmlichen Geister überzeugen – welche leider den Grossteil der Gesellschaft ausmachen –, Theorien die kein anderes Ziel verfolgen, als ihre finsteren Interessen mit dem Schein der Legalität und des Rechts zu verhüllen.

Alle wissen, dass ehrliche Arbeit, eine Arbeit, die niemanden ausbeutet, in diesem System noch nie jemanden zu Wohlstand oder gar zu Reichtum gebracht hat, angesichts dessen, was der Ertrag von Abnutzung und Ausbeutung ist, was sich nur dem Äusseren nach von dem Verbrechen unterscheidet. Letztlich interessiert uns nicht ein materieller Komfort, der durch die Erschöpfung unserer Muskeln und unseres Verstandes erreicht wird: Ganz im Gegenteil, wir wollen uns den Wohlstand aneignen, durch den vollständigen und absoluten Besitz der Produkte unserer Anstrengungen, den unanfechtbaren Besitz von all dem, was unsere individuelle Kreation ist.

Wir sind also dabei, unsere Existenzen für den exklusiven Profit unserer Ausbeuter aufzuzehren, einen illusorischen materiellen Komfort verfolgend, der ewig flüchtig ist, der nie auf konkrete Weise realisierbar und stabil ist, denn es wird uns nie gelingen, uns durch das Steigern unserer Aktivität in der kapitalistischer Produktion aus der ökonomischen Sklaverei zu befreien, sondern nur durch das bewusste Kreieren und durch den Besitz von dem, was wir produzieren.
Es ist falsch zu sagen, dass «ein gutes Gehalt eine schöne Belohnung ist, für einen guten Arbeitstag». Dieser Satz läuft darauf hinaus, die Existenz derer, die produzieren und derer, die das Produzierte übernehmen, zu verteidigen. Jener, die dann, nachdem sie einen Grossteil für sich selbst übernommen haben – obwohl sie nicht im geringsten an dessen Produktion beteiligt waren –, nach ihren absurden und völlig willkürlichen Kriterien und Grundsätzen das verteilen, was nach ihrem Gutdünken den wirklichen Produzenten zurückzugeben ist. Diese Phrase billigt partielle Umverteilung, Ungerechtigkeit und Diebstahl: De facto segnet sie also die Ausbeutung.
Der Produzierende kann eine Umverteilung als ehrliche und gerechte Basis nicht akzeptieren: Allein der vollständige Besitz des Produzierten, kann das Fundament der sozialen Gerechtigkeit bilden. Als Konsequenz, versteht sich jegliche Teilnahme an der kapitalistischen Produktion, als Einwilligung und Unterwerfung gegenüber der Ausbeutung, der wir ausgesetzt sind. Jegliche Steigerung der Produktion ist ein weiteres Glied in der Kette, verschlimmert unsere Versklavung.
Je mehr wir für den Arbeitgeber schuften, desto mehr wird unsere Existenz aufgezehrt und wir eilen hastig auf ein baldiges Ende zu. Je mehr wir arbeiten, desto weniger Zeit bleibt uns für intellektuelle Aktivitäten oder um nachzudenken; und desto weniger können wir das Leben und seine Schönheiten geniessen, uns der Zufriedenheiten erfreuen, die es uns geben könnte; desto weniger nehmen wir die Freuden, das Vergnügen, die Liebe wahr.
Wir können von einem müden, ausgezehrten Körper nicht verlangen sich der Bildung hinzugeben, den Zauber der Kunst wahrzunehmen (der Poesie, der Musik, der Malerei), noch Augen zu haben, um die unendlichen Schönheiten der Natur zu bewundern. Ein erschöpfter, durch die Arbeit entkräftigter und von Hunger und Schwindsucht schwer getroffener Körper, wünscht nichts als zu schlafen und zu sterben. Welch Ironie, welch blutige Beleidigung, zu behaupten, dass ein Mensch nach acht oder mehr Stunden körperlicher Arbeit noch genug Kraft besitzt, um sich zu amüsieren, auf höhere geistreiche Art zu geniessen. Nach seiner vernichtenden Arbeit, bleibt ihm nur noch die abstumpfende Passivität, denn diese erfordert nichts, ausser sich gehen zu lassen, sich mitziehen zu lassen.
Trotz ihrer scheinheiligen Gesänge, ist die Arbeit in der aktuellen Gesellschaft nichts als eine Strafe und eine Schmach. Sie ist Abnutzung, Aufopferung und Selbstmord.
Was tun? Unsere Anstrengungen konzentrieren, um diesen kollektiven Wahnsinn, der auf den Abgrund zu rennt, zu hemmen. Es ist wichtig den Produzierenden gegen genauso ermüdenden wie unnützen und idiotischen Eifer zu wappnen. Es ist notwendig, die materielle Arbeit zu bekämpfen, sie auf ein Minimum zu reduzieren, ein Faulenzer zu werden, solange wir in diesem kapitalistischen System leben, in welchem wir produzieren müssen.
Heutzutage ein ehrlicher Arbeiter zu sein ist keine Ehre, es ist eine Erniedrigung, eine Idiotie, eine Schande und eine Feigheit. Uns «ehrliche Arbeiter» zu nennen, heisst sich über uns lustig zu machen, uns lächerlich zu machen, uns – nach den Schäden – zu verarschen. Oh, prächtige und grossartige Vagabunden, die ihr es versteht am Rande des sozialen Konformismus zu leben, ich grüsse euch! Demütig bewundere ich eure Kraft und euren Aufsässigen Geist, und ich erkenne, dass ihr Grund habt uns zuzurufen: «Es ist einfach sich an die Sklaverei zu gewöhnen».
• * *
Nein, die Arbeit erlöst nicht, sie stumpft ab. Die schönen Lieder an die aktiven, arbeitsamen, energischen Massen; die Hymnen an die kräftigen Muskeln; die flammenden Schlussfolgerungen über die ehrenhafte, erziehende Arbeit, die uns befreit von den schlechten Versuchungen und all den Lastern, sind nichts anderes als reine Fantasien der Leute, die noch nie weder Hammer noch Sichel in den Händen hielten; die noch nie ihr Rückgrad über einen Amboss beugten, die sich noch nie mit Schweiss auf der Stirn, ihr Brot verdienten.
Die Poesie, die an handwerkliche Arbeit gewidmet ist, ist reiner Unsinn und Betrug der uns zum lächeln bringen oder uns mit Empörung und Revolte füllen sollte.
Die Schönheit der Arbeit… die Arbeit die erzieht, ehrt und erlöst!
Doch, doch! Schaut dort hinten, in der Ferne. Das sind die Arbeiter, die aus der Fabrik kommen, die aus den Minen steigen, die die Häfen und Felder nach einem Arbeitstag verlassen. Seht sie an, seht sie nur an! Mit Mühe können ihre Beine diese todmüden Körper noch tragen. Schaut euch genau ihre bleichen, welken, erschöpften Gesichter an. Schaut tief in ihre traurigen, trüben Augen ohne Glanz und Lebendigkeit. Ah, diese schönen, diese mächtigen Muskeln… die Freude der Herzen über die ehrenhafte Arbeit!…
Dringt ein in diese Fabrik und beobachtet sie bei ihrer Tätigkeit. Hinkende Enklaven integriert in die Maschine, sie werden gezwungen tausend-, zehntausendmal die selbe Bewegung zu wiederholen, automatisch, wie die Maschine, ohne dass der Gebrauch ihres Gehirns nötig wäre. Sie hätten es genauso gut zu Hause lassen können, denn stehen sie einmal an ihrem Posten, fahren sie stetig mit ihre Aufgabe fort. Sie bewahren nichts von ihrer Persönlichkeit, von ihrer Individualität. Das sind keine sensiblen, denkenden, kreierenden Wesen. Das sind Dinge, ohne Geist, ohne eigenen Antrieb. Sie bewegen sich in einem einheitlichen Rhythmus, gleichmässig, ohne Selbstständigkeit. Man hat ihnen befohlen diese Bewegung auszuüben und sie müssen es tun, heute, morgen… immer! Wie die Maschinen!
Die Moderne Produktion hat in achtzig Prozent der Fälle, die vollständige Zerstörung der menschlichen Persönlichkeit erreicht. Man findet schon fast keine Handwerker und Künstler mehr. Die kapitalistische Produktion sucht sie nicht, sie hat keine Verwendung für sie. Sie haben Objekte für jeglichen Bedarf erfunden und Maschinen, um alles herstellen zu können, und wir sind am Punkt, wo neue Bedürfnisse kreiert werden müssen, um neue Produkte herzustellen. Eigentlich sind wir schon soweit und deshalb wird das Leben immer komplizierter und wird es täglich härter zu leben.
Man hat die Ästhetik der Dinge abgeschafft und man produziert nur noch seriell, in Massen. Man hat die Geschmäcke in einer allgemeinen Linie ausgebildet; man hat unter den Individuen eine beliebige künstlerische Originalität verteilt, eine beliebige Laune, und man hat erreicht – oh Wunder der Propaganda! –, der Mehrheit ein Verlangen nach dem zu geben, an dessen Herstellung die Kapitalisten interessiert sind: Etwas Gleiches für jedes einzelne Individuum.
Es gibt bereits kein Bedürfnis mehr nach kreierenden Wesen, sondern nach fabrizierenden Einheiten; es gibt bereits keine Künstler mehr oder intellektuelle Arbeiter, es bleiben nur noch Fabrikarbeiter. Man stellt nicht mehr unsere Intelligenz zur Probe. Im Gegenteil, man schaut, ob ihr gute Muskeln habt, ob ihr kräftig seid. Man schaut nicht gross darauf, wieviel ihr wisst, sondern wieviel ihr herstellen könnt. Nicht ihr bringt die Maschine zum laufen, sondern die Maschine euch. Und obwohl es zwar paradox klingen mag – doch es ist die pure Realität –, es ist auch die Maschine, die «denkt», was getan werden muss, die euch bloss die Verpflichtung überlässt, sie zu bedienen, das zu tun, was sie euch beibringt. Sie ist das Hirn und ihr seid die Arme; sie ist die denkende, die schaffende Materie, und ihr die rohe, automatische Materie, sie die Individualität, ihr… die Maschine.
Schrecklich! Wenn zum Beispiel eine einzige Individualität in das Funktionieren des Fordbüros eingreifen würde, würde sie die ganze Produktionsmaschinerie zerstören.
• * *
Die Arbeiter sind nichts anderes als Zwangsarbeiter. Oder, falls euch das tröstet, in den Fabriken einquartierte Soldaten. Alle marschieren im Gleichschritt; alle – ungeachtet der Vielseitigkeit der Objekte – führen die gleichen Bewegungen aus; wir finden nicht die geringste Befriedigung in der Arbeit, die wir verrichten, wir können uns für sie nicht mehr begeistern, denn sie ist uns völlig fremd geworden. Sechs, acht, zehn Stunden Arbeit, sechs, acht, zehn Stunden Leiden und Angst.
Nein, wir lieben die Arbeit nicht; wir hassen sie. Sie ist nicht unsere Befreiung, sie ist unsere Verdammung! Sie erzieht uns nicht, noch erlöst sie uns von den Lastern; sie macht uns physisch kapput und bricht uns moralisch nieder, bis wir unfähig sind, uns von ihr loszureissen. In einer anderen Zukunft wäre es nötig diese Arbeiten auszuführen, das weiss ich, doch das wäre immer widerwillig, wenn man auch morgen ein solches System erhalten möchte, um die Kräfte zu sparen. Es wäre immer ein Leiden, selbst wenn die Arbeitsstunden reduziert würden.
Ich weiss nicht was die Tiere denken über die Last, die man auf ihre Rücken lädt, aber was ich sagen kann, von dem was ich beobachte und für mich selbst fühle, ist, dass der Mensch keiner anderen Sache mit Freude und wirklicher Befriedigung nachgeht, als den intellek¬tu-ellen und künstlerischen Arbeiten. Wenn er wenigstens seine Aufopferung nicht als Vergeudung und Nutzlosigkeit betrachten würde, könnte der Mensch seinen Mut zusammennehmen und seine Anstrengung erschiene ihm weniger bitter und schmerzhaft. Doch wenn man sieht, wie all seine Bemühungen ins Leere laufen, dass es nichts anderes als Sisyphusarbeit ist, gespickt mit unzähligen Desastern und Opfern bei jedem Rückfall, dann verlässt einen der Mut, und in jedem bewussten Wesen, in jedem menschlichen und sensiblen Wesen, entfacht sich das Feuer des Hasses gegen diesen barbarischen und kriminellen Zustand. Die Abneigung und Rebellion gegen die Arbeit wird unvermeidlich.
Man versteht also, dass es Unkonforme gibt, die sich weigern sich dieser widerlichen Sklaverei zu beugen. Man versteht, dass es unbezähmbare Vagabunden gibt die lieber mit der Ungewissheit des Morgens leben – die meiste Zeit ohne das magere Stückchen Brot, das den festangestellten Arbeitern zugestanden wird – als sich diesem erniedrigenden System zu unterwerfen. Man versteht die unverbesserliche Boheme – ohne Genie, wenn man so will –, die sich jedoch nicht an dem erniedrigenden Tross des herumschreienden Chors beteiligt. Und man versteht auch die grossen Faulenzer, die idealen Arbeitsscheuen, die ihr Leben in völliger Verbundenheit mit der Natur leben, die mit Freude die grossartigen Sonnenaufgänge und die melancholischen Abenddämmerungen geniessen, die ihre Geister mit den Melodien füllen, die alleine ihnen ein einfaches und freies Leben verschaffen können, und die die dringenden Bedürfnisse des Magens zum Schweigen bringen, um nicht der Sklaverei zu verfallen, in die wir gedrängt sind. Am Wegrand sitzend, beobachten sie mit unendlicher Traurigkeit und tiefem Mitleid die schwarze Karawane, die sich jeden Tag fügsam zu den Fabrik-Gefängnissen begibt, die sie bereits todmüde verschlingen, um sie dann am abend wie Leichen wieder auszuspucken.
Und sie fliehen, diese idealen Faulenzer, sie fliehen mit bedrücktem Herzen, beim Anblick von soviel Dummheit, Elend und Wahnsinn. Sie fliehen, einem freien, widerspenstigen, nonkonformistischen Leben entgegen, und tief aus ihrem Herzen sagen sie sich, das der Tod besser wäre, als sich jeden Tag diesem elenden und niederträchtigen Leben zu unterwerfen, dem es völlig an Edelmut und Geistigkeit fehlt.
Die Handarbeit im kapitalistischen Regime zu hassen bedeutet nicht Feind jeglicher Aktivität zu sein, genauso wie der individuellen Enteignung zuzustimmen nicht bedeutet, mit dem Arbeiter/Produzenten Krieg zu führen, sondern mit dem Kapitalisten/Ausbeuter.
Diese idealistischen Vagabunden, die ich so sehr bewundere, haben eine Aktivität, leben ein intensives, geistreiches Leben voller Erfahrungen, Beobachtungen und Freuden. Sie sind Feinde der Arbeit, weil dort ein grosser Teil ihrer Anstrengungen vergeudet werden soll; zudem können sie sich nicht der Disziplin unterwerfen die diese Art von Aktivität erfordert. Sie lassen nicht zu, dass man aus ihnen eine hirnlose Maschine macht, dass man letztendlich alles an ihrer Persönlichkeit abtötet, die doch das ist, was sie am allermeisten schätzen.
Unter diesen geistreichen Vagabunden – die der Domestizierung und der kapitalistischer Disziplin trotzen – ist es erforderlich die Enteigner, die Partisanen der individuellen Enteignung zu suchen. Jene die nicht warten wollen, bis die Massen bereit und gewillt sind den kollektiven Akt der sozialen Gerechtigkeit zu vollziehen. Durch das aufmerksame Studieren der psychologischen, ethischen und sozialen Nuancen, die ihre Haltung ausmachen, könnten wir ihre Handlungen besser verstehen, rechtfertigen und schätzen; aber auch, sie gegen giftige Angriffe vieler dieser Leuten verteidigen, die – durchaus gleichgesinnt, was eine Anzahl anderer Themen betrifft – sich bemühen jene Ungeduldigen mit Schlamm zu bewerfen, die unfähig sind, sich mit dem Warten auf die kollektive Erlösung abzufinden.
Das Recht auf die individuelle Enteignung kann nicht aufgrund eines gewissen kollektiven Rechts auf Enteignung abgestritten werden. Wenn wir Sozialisten oder Kommunisten-Bolschewisten wären, könnten wir dem Individuum das Recht verweigern, sich den Teil des Reichtums anzueignen, der ihm als Produzierender zukommt. Denn die Bolschewisten und Sozialisten negieren das individuelle Eigentum und anerkennen nur die eine Form: Das kollektive Eigentum. Dies trifft aber bei Anarchisten nicht zu, ob sie nun Individualisten oder Kommunisten sind, da sie alle in Theorie und Praxis sowohl das individuelle, wie auch das kollektive Eigentum anerkennen. Und wenn man das Recht auf individuellen Besitz anerkennt, wie könnte man dem Individuum das Recht absprechen, sich der Mittel zu bedienen, die es als angebracht empfindet, um das wieder in Besitz zu bringen, was ihm zusteht?
Jeder Gläubiger (in diesem Fall die produzierende Klasse gegenüber der kapitalistischen Klasse) packt seinen Schuldner zu dem Zeitpunkt und auf die Weise an der Kehle, die ihm passt, und bringt ihn dazu, sein Gut – das ihm durch Lüge und Gewalt entrissen wurde – schnellstmöglich zurückzugeben. Das Individuum, das sich auf der Freiheit begründet – und die Freiheit ist die Doktrin der Anarchie – ist das einzig und alleinige, das über diesen Akt der Zurückerstattung entscheiden und urteilen kann.
Wenn die Notwendigkeit und die Zweckmässigkeit eines kollektiven Aktes anerkannt wird, einer sozialen Revolution zur Enteignung der Bourgeoisie, und wenn das Individuum – auch das individualistische – diese Idee teilen möchte, dann kommt dies aus dem allgemeinen Glauben, dass eine kollektive Anstrengung uns einfacher aus der wirtschaftlichen und politischen Sklaverei befreien würde.
Aber diese Zuversicht hat über die Jahre bei zahlreichen Anarchisten nachgelassen.
Man hat schliesslich zugeben müssen, dass eine echte Befreiung, eine tiefgreifende, anarchistische Befreiung, die den Fetisch der Autorität vollständig aus dem Bewusstsein der Massen beseitigen soll (mit der Sicherheit, dass er nie wieder zurückkehrt) und uns erlauben würde einen Zustand zu errichten, der die Freiheit von keinem von uns vergewaltigt, zwangsläufig eine weitgehende, kulturelle Vorbereitung erfordern, und somit noch viele Jahre Leiden unter der kapitalistischen Ausbeutung mit sich bringen würde. So haben viele unserer Rebellen, die einst mit Enthusiasmus die Idee einer enteignenden Revolution aufgriffen, sich gesagt – dennoch, ohne sich abzusondern von notwendiger, revolutionärer Vorbereitungsarbeit – dass eine solche Hoffnung, das Aufopfern ihrer Leben bedeuten würde, aufgezehrt unter unausstehlichen und bestialischen Bedingungen, ohne das geringste Glück, ohne Freude; und dass die moralische Genugtuung eines Kampfes, den man für die menschliche Befreiung führt, nicht ausreichen würde, um ihren Schmerz zu lindern.
«Wir haben nur ein Leben – sagten sie sich in ihrem Herzen – und dieses eilt mit Blitzesschnelle dem Ende zu. Die Existenz des Menschen ist im Verhältnis zur Zeit, wahrlich nur ein flüchtiger Moment. Wenn uns dieser Moment entwischt, wenn wir ihm nicht den Saft zu entnehmen wissen, den er uns in Form von Glück geben kann, ist unsere Existenz vergeblich und wir vergeuden ein Leben, dessen Verlust uns die Menschheit nicht zurückerstattet. Wir müssen also heute leben, nicht morgen. Wir haben heute Recht auf unseren Anteil Vergnügen, und was wir heute verlieren, kann uns morgen nicht zurückgegeben werden: Es ist definitiv verloren. Darum wollen wir heute unseren Teil der Güter geniessen, wollen wir heute glücklich sein».
Nun ist das Glück aber unerreichbar in der Sklaverei. Das Glück ist eine Gabe des freien Menschen, des Menschen, als Meister seiner selbst und seines Schicksals; es ist die grösste Gabe des Menschen, des Menschen, der sich weigert ein nummeriertes Tier zu sein, ein resigniertes Tier das leidet, produziert und dem alles vorenthalten wird. Glück erreicht man durch Faulheit. Man kann es auch durch Anstrengung erlangen, aber durch nützliche Anstrengung, durch eine Anstrengung, die besseres Wohlbefinden verbreitet – diese Anstrengung, die die Vielfalt des Ertrags vergrössert, die mich erhebt, die mich wirklich befreit.
Das Glück ist nicht möglich für den Arbeiter, der während seines ganzen Lebens damit beschäftigt ist, das elende Problem des Hungers zu lösen.
Das Glück ist nicht möglich für den Paria, den nichts anderes beschäftigt, als seine Arbeit, der über nichts anders verfügt, als die Zeit, die er seiner Arbeit widmet. Sein Leben ist sehr traurig, sehr trostlos, und um es auszuhalten, es zu ertragen, um es zu akzeptieren ohne zu rebellieren, braucht man viel Mut oder eine grosse Portion Feigheit.
Der Wunsch zu leben, die tiefe innere Verzweiflung, die uns heimsucht, bei der Perspektive auf ein völlig ausgezehrtes Leben zu den Gunsten würdeloser Leute, das Spüren der Verzweiflung, wenn wir die Hoffnung auf eine kollektive Rettung, im Laufe des flüchtigen Werdegangs unseres kurzen Daseins verlieren: Dies ist, was die individuelle Rebellion entstehen lässt; dies sind die Feuer, die die Akte der individuellen Enteignung nähren.
Das Leben des unbewussten Arbeiters ist traurig, sehr traurig, aber – ach ich Armer! – jenes eines Anarchisten ist wirklich tragisch.
Wenn ihr all die Leiden nicht fühlt, all die Verzweif¬lung eurer tragischen Situation, dann erlaubt mir euch zu sagen, dass ihr ein dickes Fell habt und dass euch das Joch nicht so übel trifft. Und wenn euch das Joch nicht so sehr beleidigt; wenn ihr durch eure spezielle Situation die direkte Unterdrückung des Bosses nicht spürt; wenn ihr, trotz all eurer oberflächlichen Klagegesänge, ohne die Arbeit nicht leben könnt, weil ihr nicht wisst, wie ihr eure Freizeit ausfüllen sollt, weil ihr euch ohne die Handarbeit schrecklich langweilt; wenn es euch gelingt die tägliche Disziplin des Büros zu ertragen, die ständigen Vorwürfe der schwachkö¬pfigen und böswilligen kleinen-Bosse zu respektieren, zuerst vor Arbeit zu sterben und danach vor Hunger, ohne auch jemals das Verlangen zu verspüren, den gemeinsten der Verbrecher zu umarmen, ihn Bruder zu nennen und jegliche Zärtlichkeit gegenüber dem Amt der Henker abzuwerfen; dann habt ihr nicht den nötigen Grad an Sensibilität erreicht, um die geistigen Leiden und die sozialen Motive – von jenen, von denen ich spreche – zu verstehen, die die Akte individueller Enteignung begehen, und umso weniger habt ihr das Recht sie zu verurteilen.
Denn der Anarchist ist nicht der Einzige, der all das Unausstehliche einer bestialischen, kriminellen Arbeit erkennt, die selten seinem Wohl und jenem der Menschheit dienlich ist; er sieht sich nicht nur gezwungen, selbst an der Erhaltung seiner eigenen Versklavung, jener seiner Kollegen und jener des Volkes im allgemeinen teilzunehmen, er muss diese Arbeit auch auf eine Weise und unter Bedingungen ausführen, die so schrecklich, so unaushaltbar und voll von Gefahren sind, dass sein Leben in jedem Moment seines langen Tages gefährdet ist; denn seine Arbeit, gewisse Arbeit, die einige Kategorien von Arbeitern verrichten müssen (ich sage «Kategorien» weil es verschiedene Arbeiter gibt, die weder die Bestialität noch die verheerende Gefahr gewisser Arbeiten kennen, die von anderen Arbeitern verrichtet werden), impliziert nicht nur eine wirkliche Versklavung, sondern kann auch mit einem wirklichen Selbstmord verglichen werden.
In den Tiefen der Minen, neben den monströsen Maschinen, in den höllischen Innereien inmitten schädlicher Produkte liegt der Tod allzeit in der Luft. Körper die schwindsüchtig werden, vergiftete Lungen, zerrissene Glieder, gebrochene Körper, verlorenes Augenlicht, zerschmetterte Schädel; das ist, was die ehrlichen Arbeiter zu tausenden davontragen, mit in Schweiss getränktem Brot. Kein Mitleid für sie, keine Moral, keine Religion, um den Profiteur zu berühren, der seine Millionen auf den alltäglichen Verbrechen anhäuft, die ihm ermöglichen noch etwas mehr Profit zu erlangen und seine Kassen mit ein paar zusätzlichen Rappen zu füllen.
Sollen wir dennoch den Profiteur zärtlich umarmen und unsere Tränendrüse leeren, wenn das Unglück – dank dem forcierten Zufall einer Handlung von einem von uns – auf den Kopf von einem von ihnen fällt?
Die Wahrheit ist, dass wir uns gut, menschlich und gutmütig zeigen müssten, wenn es darum geht, den Geldbeute oder die Haut unserer Feinde zu respektieren, und dass wir brave Lämmchen sein müssten, während uns unsere Feinde an den Kragen wollen.
Haben wir nicht das Recht, individuell und ohne kollek¬tive Einwilligung das Schwert der Gerechtigkeit in die Hand zu nehmen? – Vergewaltigt die Jungfräulichkeit der gemeinschaftlichen Moral nicht mit euren ungeheiligten Sünden! Ein bisschen Geduld meine Brüder, das Reich des Herren kommt für alle!
«Wenn ihr Hunger habt, knurrt, aber bleibt ruhig: Wir sind noch nicht bereit. Wenn man euch flachdrückt, heult, aber rührt euch nicht: Wir haben noch zu viel Gewicht an unseren Beinen. Wenn man euch masakriert, nachdem man euch bestohlen hat, haltet still! Widersteht dem Dieb und wir erklären euch zu Helden. Doch wenn ihr ohne unsere Zustimmung Geld eintreiben wollt, wenn auch auf eure eigene Gefahr, dann unterlasst das, denn sonst seid ihr nichts anders als niederträchtige Banditen. Das ist die Moral, unsere Moral.»
Verdammt!
Ich erlaube mir folgende Frage zu stellen: Wenn das Kapital mich bestiehlt und mich vor Hunger sterben lässt, wer wird dann bestohlen und wer stirbt vor Hunger, ich oder die Kollektivität? Ich? Und wieso also sollte einzig die Kollektivität das Recht haben anzu¬greifen und sich zu verteidigen?
Ich weiss das sich die Frage der Enteigner zahlreicher falscher Interpretationen bedienen kann, vieler Missverständnisse. Doch der Grund von all dem, die Verantwortung für die Verfälschung der ethischen, sozialen und psychologischen Motive, die die Akte individueller Enteigung – grösstenteils – bestimmt haben und bestimmen, geht zu einem grossen Teil auf die Unaufrichtigkeit ihrer Kritiker zurück.
Ich will damit nicht sagen, dass alle Kritiker unaufrichtig sind, denn ich kenne einen sehr grossen Anteil Gefährten, die ehrlich glauben, dass diese Akte den unmittelbaren Zielen unserer Propaganda schädlich sind. Während ich von Unaufrichtigkeit spreche, meine ich diese so sektiererischen, so individualistophoben Anarchisten, die damit beginnen, bei jedem Akt der Enteignung von «Diebstahl» zu sprechen. Sie wollen der Handlung auch jegliche ethische oder soziale, aus anarchistischer Sicht rechtfertigbare Basis absprechen, um sie zu assoziieren und auf eine Ebene zu stellen mit all den frustrierten und unbewussten Individuen (üblicherweise entschuldbar, weil sie das authentische Produkt des aktuellen sozialen Systems sind), die mit der selben Gleichgültigkeit Dieb sind, wie sie auch Scharfrichter wären, wenn dieser Beruf ihnen das beschaffen würde, was sie suchen.
Dennoch bin ich weit davon entfernt immer und unter allen Umständen den Enteigner zu rechtfertigen. Das was ich bei einer gewissen Anzahl Enteigner für verurteilenswert halte, ist die Korruption, der sie sich ausliefern, wenn ein Coup gut gelungen ist. In bestimmten Fällen, das gebe ich zu, ist die Kritik und die Verurteilung gerechtfertigt. Aber trotz allem kann sie nicht über jene an dem guten Arbeiter hinausgehen, der seinen Lohn in Säufereien und Bordellen verbrasselt, jene, die leider nur allzu oft unter uns auftauchen.
Von gewissen Kritikern wurde gesagt, das die Verherrlichung des individuellen Aktes bei einigen Anarchisten einen schäbigen Utilitarismus erzeuge, eine engstirnige und den Prinzipien der Anarchie widersprechende Gesinnung. Diese derart launige Unterstellung, gründet in der Behauptung, dass jeder Anarchist, der in Berührung mit nicht anarchistischen Elementen kommt, damit endet auf anti-anarchistische Weise zu denken.
Ich will nicht vergessen auch Folgendes zu sagen: Da die Enteignung ein Mittel ist, sich individuell der Versklavung zu entziehen, müssen auch die Risiken individuell eingegangen werden. Die Gefährten, die die Enteignung «an sich» praktizieren, verlieren jegliches Recht – selbst wenn es für andere Aktivitäten exitiert, was ich nicht glaube – die Solidarität unserer Bewegung einzufordern, wenn sie Probleme haben.
Meine Absicht mit dieser Studie ist nicht, diesen oder jenen Akt zu verherrlichen, sondern den Kern des Problems anzugehen, das Prizip und das Recht auf Enteignung zu verteidigen – und der schlechte Gebrauch, den gewisse Enteigner von dem Ertrag ihres Unternehmens machen, vermindert nicht den Akt an sich, sowie auch die Tatsache, dass sich geübte Schurken Anarchisten nennen, nicht den Inhalt der anarchistischen Ideen zerstört.
Betrachten wir die schlimmste der Anschuldigungen, die gröbste Verurteilung: Jene, die die Akte individueller Enteignung unterstützen, brechen mit den anarchistischen Prinzipien. Man hat die Enteigner «Parasiten» genannt. Natürlich, sie produzieren nichts! Aber es sind unfreiwillige Parasiten, erzwungene, denn in der gegenwärtigen Gesellschaft kann es nur Parasiten oder Sklaven geben.
Zweifellos sind sie Parasiten, doch niemand kann sie «Sklaven» nennen. Andererseits sind die Sklaven grösstenteils auch Parasiten, doch kostspieligere als die anderen. Das Parasitentum dieses Grossteils der Produzierenden ist viel unmoralischer, feiger, und demütigender als jenes der Enteigner.
Man mag mir sagen, das dieses Parasitentum auch auferlegt sei, dass die notwendigkeit zu leben uns verpflichten würde, uns, gegen unseren Willen, dieser negativen und schädlichen Aktivität zu unterwerfen.
Und mit dieser ärmlichen Entschuldigung, mit diesem feigen Vorwand, verdient man sein Brot auf schändliche, nahezu kriminelle Weise, eine echte Komplizenschaft in dem Delikt, kein geringeres Verbrechen als jenes der Hauptverantwortlichen: Der Bourgeoisie.
Und könnt ihr schliesslich bestreiten, dass die Verweigerung mit dem Gewirr dieses kriminellen Regimes zu kollaborieren viel anarchistischer ist als ersteres? Könnt ihr bestreiten, dass zwei Drittel der Bevölkerung unserer Metropolen Parasiten sind?
Es ist nicht zu abzustreiten, dass wenn man von den Produzierenden ausgeht, die mit einer wirklich nützlichen Produktion beschäftigt sind, der grösste Teil der Menschheit als Parasiten bezeichnet werden müsste. Ob ihr nun arbeitet oder nicht, wenn ihr nicht zu der Kategorie der Bauern oder den seltenen, wirklich nützlichen Kategorien gehöhrt, könnt ihr bloss Parasiten sein, selbst wenn ihr euch für ehrliche Arbeiter haltet.
Zwischen den Parasiten-Arbeitern, die sich der ökonomisch-kapitalistischen Ausbeutung unterwerfen und dem Enteigner, der rebelliert, bevorzuge ich letzteren. Er ist ein Rebell, der handelt, der andere ist ein Rebell, der bellt, aber… nicht beisst, oder nicht beissen wird, bis zu dem Tag der achso heiligen Erlösung.
Wenn die Anstrengungen über die gesamte Kollektivität verteilt werden würden, würden zwei oder drei Stunden Arbeit täglich genügen, um all das zu produzieren, was man für ein einfaches und ungezwungenes Leben benötigt. Wir haben also ein Recht auf Faulheit, ein Recht auf Ruhe. Und wenn uns das gegenwärtige soziale System dieses Recht verweigert, dann müssen wir es uns mit allen Mitteln erkämpfen.
Eigentlich ist es traurig von der Arbeit der Anderen leben zu müssen. Wir empfinden die Erniedrigung, sich mit dem bourgeoisen Parasiten gleichgesetzt zu fühlen, doch wir geniessen auch grosse Befriedigungen.
Parasiten, ja; doch wir trinken nicht das bittere Gebräu der Niederträchtigkeit, wir verspüren nicht die Qualen, sich als einen von jenen zu wissen, die gedemütigt an den Siegerstuhl gebunden sind, den Weg befleckt mit ihrem eigenen Blut; einer von jenen, die den Parasiten den Reichtum anbieten und vor Hunger sterben, ohne die Rebellion zu wagen; einer von jenen, die Paläste bauen und in Bruchbuden leben, die Getreide anbauen und ihre Kinder nicht ernähren können; einer aus der anonymen und entwürdigten Masse, die sich gelegentlich erhebt, wenn sie von dem Meister Schläge kriegt, sich aber jeden Tag unterwirft, sich an die aktuelle soziale Ordnung anpasst und, einst ihre momentane Haltung aufgegeben, all die Schandtaten und Gemeinheiten toleriert, unterstützt und ausführt.
Keine Produzierenden, gewiss, aber keine Komplizen. Keine Produzierenden, ja; Diebe wenn ihr so wollt – wenn euer Angsthasenherz nach einer zusätzlichen Kleinigkeit verlangt, um euch zu trösten –, aber keine Sklaven. Sich einander entgegenstellend, zeigen sie dem Feind jetzt bereits ihre Zähne.
Jetzt bereits Gefürchtete und nicht Erniedrigte.
Jetzt bereits im Krieg gegen die bourgeoise Gesellschaft.
In der heutigen kapitalistischen Welt gibt es nur noch Unwürdigkeit und Frevel; alles beschämt uns, alles ist uns leid und widert uns an.
Man produziert, man leidet und man stirbt wie ein Hund.
Lasst dem Individuum wenigstens die Freiheit würdig zu leben oder als Mensch zu sterben, wenn ihr selbst in der Sklaverei krepieren wollt.
Das Schicksal des Menschen, sagt man, ist das, was er daraus macht, und es gibt heute nur noch eine Alternative: die Rebellion oder die Sklaverei.
Brand (1)
übersetzt aus Eresia n°7, 8 und 9, Italie, 1929
(1) Pseudonym von Enrico Arrigoni
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Sasha fuhr auf Russisch fort. Er wäre stolz, so hohes Lob auf seine Genossen zu hören, sagt er; aber warum befanden sich Anarchisten in sowjetischen Gefängnissen? «Anarchisten?», unterbrach ihn Lenin, «Unsinn! Wer hat euch denn das erzählt, und ihr glaubt auch noch daran? Banditen sind in unseren Gefängnissen und Machowina, aber keine Ideiny-Anarchisten.» (Anm. d. Ü.: von dem Regime anerkannte Anarchisten, die eine akzeptable politische Theorie präsentierten) «Stell dir vor», warf ich ein, «im kapitalistischen Amerika werden die Anarchisten auch in zwei Kategorien eingeteilt, in philosophische und kriminelle. Die einen verkehren in den höchsten Kreisen; einer hat sogar eine hohe Stellung in Wilsons Administration. Die zweite Kategorie, zu der wir die Ehre hatten zu gehören, wird verfolgt und oftmals ins Gefängnis geworfen. Ihr scheint denselben Unterschied zu machen, meinst du nicht auch?»
Emma Goldman, Living my life, 1932
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Ich habe diesen Kampf aufgrund meiner Verhaftung beendet. Aber in dem Gefangenenlager habe ich die eine oder andere Form davon mit anderen Mitteln übernommen. Ich glaube nicht, dass der Illegalismus das Individuum in der gegenwärtigen Gesellschaft befreien kann. Wenn es ihm durch dieses Mittel auch gelingt, sich von einigen Abhängigkeiten freizumachen, so bringt die Ungleichheit des Kampfes doch andere, wesentlich schwerwiegendere, mit sich. Am Ende steht der Verlust der Freiheit – das bisschen Freiheit, das man hat – und, machmal, des Lebens. Im Grunde ist der Illegalismus, betrachtet als Akt der Revolte, eher eine Sache des Temperaments als der Theorie. Deshalb kann er auch keinen erzieherischen Wert für die Gesamtheit der arbeitenden Massen haben. Ich meine einen positiven Wert.
Alexandre Marius Jacob, 1948

Hört dazu: „Lasst euch nicht erwischen“(Podcast über „Illegalismus“) bei Radio Chiflado