Rudolf Rocker: Anarchismus und Organisation


(8. Dezember 2012 Kairo)


Es ist durchaus kein erfreuliches Zeichen, das „man“ sich
in anarchistischen Kreisen über diese Frage noch immer
nicht klar zu sein scheint – obwohl sie für die anarchi-
stische Bewegung als solche und ihre weitere Entwick-
lung von schwerwiegender Bedeutung ist. Gerade hier in
Deutschland sind die Ansichten über diese Frage ganz
besonders verworren, woran natürlich die besonderen Um-
stände, unter denen sich der moderne Anarchismus hier
entwickelte, ein gut Teil mit verantwortlich sind. Ein
Teil der „Anarchisten“ in Deutschland lehnt jede Orga-
nisation mit bestimmten Richtlinien prinzipiell ab, weil
er der Meinung ist, daß das Bestehen einer solchen den
anarchistischen Ideengängen direkt zuwiderlaufe. Andere
wieder anerkennen die Notwendigkeit kleiner Gruppen,
verwerfen aber jeden engeren Verband der einzelnen Grup-
pen, wie er z. B. in der „Anarchistischen Föderation
Deutschlands“ gegeben ist, da sie in einem solchen Zu-
sammenfassen der Kräfte eine Beschränkung der individu-
ellen Freiheit und eine autoritäre Bevormundung der
einzelnen erblicken. Wir sind der Meinung, daß solche
Ansichten auf ein totales Missverständnis der eigentli-
chen Frage zurück zu führen sind, das heisst auf eine voll-
ständige Verkennung dessen, was „man“ gemeinhin unter
Anarchismus versteht.

Obwohl der Anarchismus in seinen Betrachtungen über die
verschiedenen gesellschaftlichen Einrichtungen und
Ideenströmungen vom Einzelwesen ausgeht, ist er nichts-
desto weniger eine soziale Theorie, die sich selbständig
aus dem Schosse des Volkes entwickelt hat. Denn der
Mensch ist in erster Linie ein soziales Wesen, in dem
die ganze Gattung schlummert und ununterbrochen am Wer-
ke ist, in dem sie sich stets von neuem bekräftigt und
jede Sekunde ihre Auferstehung feiert. Der Mensch ist
nicht der Erfinder des gesellschaftlichen Zusammenle-
bens, sondern Erbe desselben. Er hatte den sozialen In-
stinkt von seinen tierischen Urahnen bereits empfangen,
als er die Schwelle der Menschwerdung überschritt. Ohne
Gesellschaft ist der Mensch undenkbar. Er hat stets im
Rahmen der Gesellschaft gelebt und gekämpft; das gesell-
schaftliche Zusammenleben ist die Vorbedingung und der
wesentlichste Teil seiner individuellen Existenz, die
Gesellschaft aber ist die Urform aller Organisation. “

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