Die Revolution der freifickenden Ödipusse ! Zum Anarchisten und Analytiker Otto Gross

Zweiter Teil zu „Lieber Knast als Psychiatrie“?

Ich war dann die meiste Zeit meines Züricher Aufenthalts mit Gross beisammen, und wir vertrugen uns sehr gut. Zwar war’s das erste, dass er mir das Versprechen abpresste, ich müsse für eine Zeitschrift die er gründen wolle, 100 Franken hergeben. Aber allmählich gewann ich ihn lieb und wir wurden wirklich Freunde. – Sofie Benz‘ Tod frisst furchtbar an dem armen Menschen. Er hat alles verloren mit ihr, was ein Mensch überhaupt verlieren kann und oft sah ich ihn in diesen Tagen um die Geliebte weinen. Schrecklich ist auch die Kokainsüchtigkeit bei ihm. Ewig auf dem Sprung zur Apotheke, ewig mit der Schachtel in der Hand und mit dem Kiel in der Nase, die immer verletzt und mit Salbe verschmiert ist. Dabei halluziniert er neuerdings viel, hört Beschimpfungen gegen sich, er sei ein Feigling etc. Ich ging sehr auf seine Art ein und bemühte mich, seine psycho-analytische Methode an ihm selbst unmerklich anzuwenden. Es gelang mir auch allmählich die Selbstvorwürfe, die er sich wegen Sofie macht, zu entkräften.“


Es entspricht dem Charakter von Erich Mühsam, sich sorgenvoll um einen Freund zu kümmern und ihm auch – so scheint es zumindest – voll zu vertrauen. Denn es war der „trauernde“ Otto Gross, der der besagten Ex-Geliebten Sofie eigenhändig das Gift gereicht hatte, so wie er es zuvor mit seiner ehemaligen Geliebten Lotte Chatemmer gemacht hatte(„Er habe der Lotte ein Getränk vorgesetzt, in dem Cocain und Opium aufgelöst gewesen sei und diese Giftmischung selbst sei von Dr. Groß präpariert worden“, Hirte 2002) und bei der von ihm schwangeren Schriftstellerin Regine Ullmann versucht hatte – „freie Liebe“, wie sie von ihm verstanden wurde (“Verdrängung von Sexualität ist die wichtigste Ursache psychischer und sozialer Missstände“), ließ Nähe nicht zu, wurde zu einer Gefahr, der er sich sich möglichst sauber entledigen musste. Und es ist eine(r) verzweifelt ums Herz zu lesen, wie Mühsam fast schon lakonisch über den „Hass und „den Mordplan“ schreibt, den Otto Gross gegen ihn hegte, als er (Mühsam) mit dessen Frau Lotte eine engere Beziehung einging.

Otto Gross hatte Mühsam im Boheme-Milieu von München Schwabing kennen gelernt. 1906 war Gross dort hingezogen. Er, der sich durch die kürzlich bekannte Psychoanalyse eines Sigmund Freud angezogen fühlte, arbeitete als Privatdozent in der von dem schon erwähnten Rassehygieniker Kraepelin geleiteten psychiatrischen Klinik der Münchner Universität.

Emma Goldmann war eine begeisterte Zuhörerin in Freuds Vorlesungen an der Wiener Uni – sah sie doch in der Psychoanalyse die Bestätigung einer notwendigen freieren Sexualmoral.
Ähnlich sah es Otto Gross, der wohl auch ne Zeitlang Freuds Assistent gewesen sein soll – für ihn war der Konflikt zwischen dem eigenem natürlichen Sexualbedürfniss und den gesellschaftlichen Fremdbestimmungen vorherrschend für die individuellen psychischen Probleme, verkörpert im Patriarchat und der Revolutionär von heute müsse mit Hilfe der Psychoanalyse „gegen den Vater und das Vaterrecht kämpfen“ für die kommende Revolution des Matriarchat. Revolution durch einen Haufen freivögelnder Ödipusse!? Anarchismus als Antwort auf „Vaterhass“ und verdrängter Libidobeziehung zur Mutter?

Es soll Menschen geben, die heute noch so etwas vertreten.

Für Otto Gross persönlich war dieser Kampf gegen den Vater ein langwieriger, schwieriger Kampf. Sein Vater war Hans Gross, Professor der Kriminalistik, weltweit anerkannt , übermächtig im Leben von Otto Gross und wohl auch sehr autoritär, dem Otto Gross Zeit seines Lebens auf die verschiedenste Art zu entfliehen (durch frühzeitigen Drogengebrauch) und zu bekämpfen ( durch seine Schriften gegen das Patriarchat) versuchte. Im Gegenzug gelang es Hans Gross ihn 1913 als „gefährlichen Anarchisten“ festnehmen und ne Zeitlang in eine private psychiatrische Anstalt einliefern zu lassen.

Otto Gross ein „gefährlicher Anarchist“? Es gibt dazu keine speziellen Aussagen von Menschen, die es wissen müssten. Klar ist, daß er durch die Kontakte zu Gustav Landauer und vor allem Erich Mühsam mit den Ideen des Anarchismus vertraut wurde und sich dann selber als Anarchist sah.
So wollte er in Ascona eine „Schule für Anarchisten“ gründen, plante die Herausgabe einer Zeitschrift über die „Probleme des Anarchismus“.

Überhaupt Ascona und Monte Verita. In einer Mühle im Wald von Ascona beteiligte er sich an der „Hochschule zur Befreiung der Menschheit“
und hier pries er seinen Ex-Geliebten die „Schönheiten des Freitodes“. Nach dem „Freitod“ von Sofie Benz musste er allerdings Ascona aufgrund der Verfolgung durch die Polizei verlassen.

Für Gross war die Psychoanalyse ein Instrument für den Umsturz der bestehenden Ordnung – „Die Psychologie des Unbewußten ist die Philosophie der Revolution … Sie ist berufen, zur Freiheit innerlich fähig zu machen, berufen als die Vorarbeit der Revolution“. Denn dies sei das Ziel aller Anarchisten: sich von inneren und äusseren Zwängen zu befreien, zur ausschweifenden Anarchie glücklicher Menschen zu kommen.

Das Ziel ist also nicht, sich gegen soziale Ausbeutung und politischer Herrschaft zu stellen, gegen Staat und Kapital, etwas, was in den Bohemezirkeln in München und dem elitären Kreis in Ascona sowieso eher von oben aus betrachtet wurde, sondern in der Befreiung von sexuellen Tabus und der Entdeckung des Individuellen, Eigenen gegenüber dem Anderen, dem Fremdbestimmten.
Es machte in der Konsequenz analytisch also keinen Unterschied zwischen den Menschen. Zwischen den Unterdrückern und ihren Opfern, zwischen den Ausgebeuteten und den Fabrikbesitzern, zwischen denen, die in den Lagern der KZ`s starben und den SS-Kommandos.

Für ihn war – immerhin- die Psychoanalyse im Gegensatz zu seinen Kollegen keine Methode der (Wieder)- Anpassung an das herrschende System, sondern eher eine Befreiung aus eben dieser. Und die sollte durch eine Sexualtherapie erreicht werden – in dem er zu seinen weiblichen Patienten eine sexuelle Beziehung herstellte. Wenn er auch von einer natürlichen „Bi-sexualität“ sprach, und viele Männer (u.a. auch Mühsam) in seinen Sitzungen war, ist von seiner Homosexualität nichts bekannt.

Daß die Frauen diese sexuellen Beziehungen eingingen, lag wohl weniger an seinem Charme – lt. Max Weber war er „brutal und unliebenswürdig“, sondern wohl eher an der Gläubigkeit an diese junge „Wissenschaft“.

Am 13.Februar 1920 stirbt Otto Gross in Berlin, zuvor war er mit Entzugserscheinungen und halb verhungert am Eingang eines Lagerhauses gefunden wurden.

In der Wiederentdeckung von Wilhelm Reich durch die 68Bewegung wird auch Otto Gross wieder gelesen. Es waren vor allem die Männer um die Kommune 1, die die „Befreiung des sexuellen Tabus“, die ausschweifende Anarchie eines Otto Gross für sich proklamierten

Revolutionierung des Alltags, Proklamation des Lustprinzips“ – unvergessen der Ausruf von Dieter Kunzelmann, einem der Macker der „Kommune 1“ „Was kümmert mich der Vietnamkrieg, wenn ich Orgasmusproblem habe.“

In einem „Psych-Sozio-Sprech“ verkauften die Kommunarden nun ihre „Lebensphilosophie“ (heute wohl „Lifestyle“ genannt) als „ehrliche Revolution“, als „befreite Gesellschaft im hier und jetzt“, scheuten aber eigentlich als sozialisierte Kleinbürger den langen und mühseligen Weg sozialer Proteste, „der losgelassene Emanzipationsegoismus will auf die Mühsal und Qual eines politischen Kampfes verzichten aber gleichzeitig das künftige Reich der Freiheit hier und jetzt für sich usurpieren“(Krahl).

Heute beherrschen Sätze wie „ Leben spüren Tag für Tag“ die Bestsellerlisten der Kulturzeitschriften, finden in „Workshops zum Körperausdruck“, bei „richtig atmen“ oder „Grosse Zehmeditation“ die logische Fortsetzung. Die Psychoanalyse eines Otto Gross ist angekommen in der so genannten „Psychokratie“ (Seelenherrschaft, gesellschaftliche Verhältnisse werden einzig und allein durch psychische Kräfte geleitet) bzw. hat den Bereich der bürgerlichen Bewusstseinseinstellung nie verlassen.

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