Lieber Knast als Psychiatrie !?

In den Abhandlungen, den Aufrufen, den Ideen für eine „Gesellschaft ohne Knäste“ wird die Psychiatrie immer neben dem Knast als “ letzte Station einer Kette sozialer Kontrolle“ genannt als “ härteste Unterdrückungsform des Staates und die letzte Drohung der Verhaltensnormierung“ . Aber im Gegensatz zum Gefängnis finden z.B. keine Kundgebungen vor psychiatrischen Anstalten statt (von eher rechtspopulistisch propagierten „Bürger*innenwehren“ abgesehen), ja selbst der unmittelbare Zusammenhang zwischen Knast und Psychiatrie durch den „Massregelvollzug“(Forensische Psychiatrie) wird – bis auf wenige Ausnahmen bei Thomas Meyer-Falk und dem „Autonomen Knastprojekt“ in Köln – nicht thematisiert.

Zeit für uns, in einer kleinen Folge von Artikeln darauf etwas näher einzugehen. Beginnen wollen wir mit der Entwicklung und Bedeutung der Psychiatrie an sich, es wird ein Porträt über den Anarchisten und Psychiater Otto Groß folgen, um – so es ist geplant – anschliessend über Ideen, Konzepte und Sichtweisen von Anarchist*innen zum Thema uns zu äussern

Selbstverständlich sind wir dabei subjektiv. Selbstbestimmt können wir dadurch unsere eigene Handlungsfähigkeit erhalten bzw. wiedererlangen.(Den Vertreter*innen der gegenwärtigen Ordnung, die bei solchen Themen bei uns darauf pochen, „objektiv“ zu sein, halten diesen Anspruch bei sich allerdings selten ein. Müssten sie doch dann bei entsprechender „Objektivität“ sich selber einsperren)

Im 18.Jahrhundert wurde der Begriff „Psychiatrie“ geprägt. Im stetigen Bemühen, als „Wissenschaft“ anerkannt zu werden, stellte der der „völkischen Bewegung“ (deutschnational, antisemitisch) und der Rassenhygiene nahe stehende Emil Kraepelin 1899 ein so genanntes nosologisches Bezugssystem her, also eine Klassifikation der als „Krankheiten“ gesehenen nicht normalen Verhaltensweisen.
Sechs Jahre später brachte die „Psychoanalyse“ die ersehnte Klassenpsychiatrie. Die Privilegierten entdeckten die „Therapie“ für sich. Die „von unten“ blieben oder kamen weiterhin in die Irrenhäuser.

Das „triadische System“(organisch, endogen, exogen) entwickelte die Festlegung von Kraepelin weiter.

Seit 1992 ist es nun weltweit – also unabhängig der sozialen und kulturellen Herkunft des einzelnen Menschen – das ICD 10, die zehnte Revision der „Internationale Klassifikation der Krankheiten“, wo in Kapitel 5 die so genannten psychischen und Verhaltens-Störungen benannt werden.

Nach diesem Katalog erstellen die Vertreter*innen der Psychiatrie ihre Diagnose – ein höchst kreativer Akt, kunstvoll ausgeführt – denn wo vorher ein Mensch war, mit all den eigenen Gefühlen und Werthaltungen und den daraus entstehenden Reaktionen muss nun eine „paranoide Schizophrenie“ oder eine „Störung mit oppositionellem Trotzverhalten“ konstruiert werden.

„Ihr dürft alles tun, was wir euch sagen, doch ihr sollt nicht sagen, was wir euch tun“ (Liselotte Rauner)

(WALZERMUSIK): Der aufkommende Kapitalismus entdeckte sehr schnell die Bedeutung der Psychiatrie. In dieser Gesellschaftsordnung, in der die Menschen in einem Grundverhältnis zueinander gestellt werden, das von Herrschaft, Entfremdung, Konkurrenz und dem Aspekt der Leistung bestimmt wird, wurde die Psychiatrie der willkommene Spitzel. Als Agentur der Sozialisation sorgte diese nun durch die Parteinahme für die von ihnen festgelegte „Gesundheit“ für die Interessen des wachsenden Kapitals. Die Arbeits-und Ausbeutungsfähigkeit wird zum Indikator dieser „Gesundheit“. Die Vernichtung des sich dagegen auflehnenden Unbewussten das Geschäft der Psychiatrie.

Im Laufe der Entwicklung zeigten die damals noch vorherrschend männlichen Vertreter wiederholt ihren „mordsmäßigen“ Humor.
Sollten sie später Gegner*innen und Kritiker*innen vorwerfen, diese würden die Psychiatrisierten für „Ideologien missbrauchen“, waren sie selber eifrige Helfer im Nationalsozialismus und willige Diener anderer Diktaturen.

Zwischen 1933 und 1945 geschieht nichts, was nicht Psychiater lange vor den Nazis gefordert hatten.

Hermann Simon, Anstaltsleiter in Gütersloh, definiert 1931 den Personenkreis angeblich Minderwertiger: Körperschwache, Kränkliche, Schwächlinge, Schwachsinnige, Krüppel, Geisteskranke. Er kommt zu dem Schluss: „Es wird wieder gestorben werden müssen.“

Ernst Rüdin 1934: „Der Psychiater muss sich mit den Gesunden gegen Erbkranke verbünden … Dem hohen Zuchtziel einer erbgesunden, begabten, hochwertigen Rasse muss der Psychiater dienstbar sein.“ Rüdin, der die Zwangssterilisierung als „die humanste Tat der Menschheit“ bezeichnete, 1934 über Hitler: „Die Bedeutung der Rassenhygiene ist in Deutschland erst durch das politische Werk Adolf Hitlers allen aufgeweckten Deutschen offenbar geworden, und erst durch ihn wurde endlich unser mehr als dreißigjähriger Traum zur Wirklichkeit, Rassenhygiene in die Tat umsetzen zu können.“

Die deutsche Psychiatrie wurde von den Nazis nicht missbraucht, sie brauchte die Nazis. (Ernst Klee).

ENDE DER WALZERMUSIK

„Ihr dürft alles ändern, was wir wünschen. Aber ihr dürft nicht wünschen, dass wir uns ändern“

In den 60erJahren traten Psychiater wie Laing oder David Cooper in eine begierige Öffentlichkeit und brachten neue Inhalte in eine Psychiatriekritik, die nunmehr unter dem Titel „Anti-Psychiatrie“ eine noch andauernde Entwicklung nahm, wenn auch die von ihnen vertretenen Inhalte weiterhin elitär und patriarchalisch blieben, fühlten sich dennoch Studierende aus der 68Zeit berufen, diesen Weg weiterzugehen.
Viele nutzten die Erfahrung der „ demokratischen Psychiatrie“ in Italien, um durch ein flächendeckendes Netz von Sozial-und Gemeindepsychiatrie zu einem kompletten System gut bezahlter Arbeitsplätze und zu einer Teilhabe an der entsprechenden Machtausübung zu kommen.

Die Psychiatrisierten waren nun umzingelt – es gab kaum noch ein Entkommen.
Die neuen Vertreter*innen erweiterten die Psychiatrie auf die Gesellschaft, was zu ihrer Vorsorge dienen sollte, entpuppte sich für die Psychiatrisierten als ein Hort der Überwachung, der Entrechtung und der Bevormundung.

„Haben wir vielleicht ein Problem?“

Das neue Zauberwort hieß: Neuroleptika!

Außerdem erkenne ich an, dass die Psychiatrie auch Leben rettet, und nehme Medikamente, weil sie mein Leben erleichtern, denn psychische Not kann totale Erschöpfung und ggf. den Tod bedeuten.“ (Aussage einer Psychiatriebetroffenen)

Da die jeweiligen Medikamente, die gerne auch in Armee, Anstalten und Gefängnissen getestet werden, zum einen wohl beruhigend wirken, aber auch einen Haufen von Nebenwirkungen erzeugen und dies schon bei geringen Dosierungen, werden die dem Bild einer Psychiatrisierten nun langsam entsprechenden mit weiteren Medikamenten bekämpft.

Am Ende ist das Kunstwerk fertig.

Stumpf und gelähmt, sich nicht mehr bewegen oder gar denken könnend, oder von Unruhe getrieben oder Ängsten gejagt, jede Weigerung wird als indirekte Zustimmung für weitere Behandlung, jede nicht einkalkulierte Reaktion als Beweis für den Sinn der Behandlung gesehen.
Die so Psychiatrisierten – willen-und rechtlos – erscheinen total ausgeliefert. Statt also bei der Lösung des jeweiligen Konfliktes stützend zu helfen, werden die Probleme erst einmal geschaffen, um sie nachher als Rechtfertigung der psychiatrischen Methoden der Öffentlichkeit zu erklären.

Versuche, aus einem scheinbar sinnlosen, individuellen Widerstand zu einer organisierten Aktion zu kommen, probierten Gruppen wie die „Irrenoffensive“ oder die „Sozialistische Selbsthilfe Köln“, die mit verschiedenen Konzepten dem ganzen Wahnsinn ein Ende machen wollten.

In den 70er Jahren kommen immer mehr Menschen zum SSK, die aus den sogenannten Landeskrankenhäusern, den psychiatrischen Verwahranstalten geflohen sind. Sie berichten von ungeheuerlichen Zuständen hinter den Mauern, von Misshandlungen und Todesfällen. 1977 gründet der SSK das ‚Beschwerdezentrum – Initiative gegen Verbrechen in Landeskrankenhäusern‘. Aus den Anstalten fliehen Menschen zum SSK, finden neue Lebensmöglichkeiten und werden zu VorkämpferInnen gegen die Psychiatrie. ‚Freiheit heilt‘ Im SSK ist dies tägliche Praxis – in der Freiheit und dem Schutz der Gruppe machen viele ‚Verrückte‘ Entwicklungsschritte, die manchen ‚Experten‘ beeindrucken. Wie kann es möglich sein, dass Menschen, die für verrückt und lebensunfähig erklärt wurden, die völlig eingeschüchtert und vollgedröhnt mit Medikamenten beim SSK ankommen, schon nach kürzester Zeit mit dem Megafon vor einem LKH (Landeskrankenhaus) stehen und Reden gegen ihre ehemaligen Unterdrücker halten?
Die ersten großen Psychiatrie-Skandale deckt der SSK in Brauweiler, Düren und Bonn auf. Die Zustände im LKH Brauweiler, sind so katastrophal, dass die ganze Klinik geschlossen wird. Der SSK bringt weitere Todesfälle in den LKHs Düren und Bonn an die Öffentlichkeit, mit Anzeigen, Demonstrationen und Stationsbesetzungen. Klinikleitungen fliegen aus ihren Sesseln, einzelne Abteilungen werden geschlossen.“
(Aus: Kleine unvollständige Geschichte des SSK)

Besondere Aufmerksamkeit galt dem „Sozialistischen Patientenkollektiv“, das aus der Krankheit „eine Waffe machen wollte“ und jede therapeutische Tat ablehnte, wenn sie sich nicht als klare, eindeutige revolutionäre Aktion zeigt.

Statt also nur die Psychiatrie abzuschaffen, wie es in vielen von der Psychiatriebetroffenen Gruppen gefordert wird, forderte das SPK als Patient*innenfront die Abschaffung bzw. die „Gesundung“ der gesamten krankmachenden Gesellschaft.

Diese Gesellschaft reagierte dementsprechend. Das SPK wurde kriminalisiert und als Vorwand ihrer Zerschlagung in die Nähe der „RAF“ gerückt.

„Ihr dürft überall gehen, wohin wir wollen. Aber ihr dürft nicht wollen, das wir gehen“

Aus einigen der oben genannten Gruppen und Selbsthilfeorganisationen wurde im geruhsamen Berlin-Frohnau das erste „Weglaufhaus“ eingerichtet.=„http://www.weglaufhaus.de/weglaufhaus/podcast-2/“>

Gläubig wie die Massen/ wird er Kriegsfreiwilliger/ der Krieg macht ihn zum Pazifisten/ als Streikführer wird er verhaftet/ Landesverrat Militärgefängnis/ die Mutter glaubt er sei krank/ ein Mensch aus bürgerlicher Familie/ wendet sich Arbeitern zu/ das bringt in 4 Tage ins Irrenhaus/wo er lernt:
die Harmlosen heissen Irre/und die Gefährlichen dürfen/ die Harmlosen einsperre
n (Ernst Toller)

Für die Psychiatrie war und ist heute noch verstärkt die Kriminalpsychiatrie (forensische Psychiatrie) eine willkommene Gelegenheit, ihre praktische Anwendung zu perfektionieren – wobei sie „ein repressives Strafrecht stützt und legitimiert“(Tilmann Moser)

Die Psychiatrie – der „V-Mann“ der Strafjustiz.

Die Psychiatrie abzulehnen und dafür einzutreten, sie abzuschaffen, allen Menschen das Recht zu geben und zu erhalten, für sich selbst zu verfügen und so zu leben, wie sie es wollen, erscheint als Ergebnis fast schon selbstverständlich. Aber die Ursachen verschwinden dadurch nicht – ein Kampf gegen die Zwangspsychiatrie darf nicht zufrieden stellen, wenn die Zusammenhänge, in denen die meisten zurückkehren müssen, weiterhin unangetastet bleiben. Mitarbeit in den entsprechenden Menschenrechtsgruppen kann nur einhergehen mit Kämpfen der Selbstorganisation und der Selbstbestimmung –

Die Psychiatrie ist in allen Teilen der Gesellschaft präsent als Teil einer politischen und wirtschaftlichen Situation, die die Belastungsfähigkeit der einzelnen Stärken und die Frustationstoleranz heraufsetzen soll. Als Produkt von Anordnungen und Maßnahmen, konditioniert zum ausbeutungswilligen Geschöpf, dessen Freiheit in der Wahl der jeweiligen Unterdrückung besteht.

Von daher kann der Widerstand der Psychiatrisierten nur zusammen gehen mit dem Widerstand anderer Unterdrückten im gemeinsamen Erkämpfen von alternativen Räumen und dem (wieder) Entwickeln neuer Organisationsformen.

Gegenseitige Unterstützung und Hilfe, selbst bestimmte Organisierung und Zusammenarbeit kann dem ganzen Wahnsinn vielleicht noch kein Ende machen, aber notwendig sind auf Dauer keine Schutzräume, sondern immer größer werdende freie Räume.

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