Zwischen Zion und Mauer

Kurze Einführung in die libertäre Bewegung in Israel-Palästina

Osteuropäische Emigrant*innen, geflüchtet vor den Pogromen in Rußland und Litauen, brachten die ersten libertären Ideen nach Palästina.
Die meisten begeisterten sich für die Ideen des Kibbuz, sahen sie doch darin die Ideen eines Pjotr Kropotkin verwirklicht. Dieses kollektive Leben betrachteten sie als Verkörperung der anarcho-kommunistischen Gemeinden.
Der erste Kibbuz wurde 1909 gegründet. In einer Kombination aus zionistischem Geschichtsbewusstsein und einer sozialistischen Zukunftsvision entstanden ca 270 ländliche Kommunen. Bei den Chawerim/Chawerot den Kibbuzbewohner*innen, spielten das kollektive Eigentum, Gleichheit, Selbstverwaltung und die Auflösung der Kleinfamilie eine entscheidende Rolle – zumindest bis zur Gründung des Staates Israel. Eine eigene libertäre Organisation erschien daher nicht notwendig.

Erst durch die Entstehung des Staates gab es eine erste, ausdrücklich anarchistische Gruppe in Tel-Aviv, verkörpert durch den Autor Eliezer Hirschauge.

Die Frühzeit des Zionismus –in denen es staatliche wie auch nichstaatliche Vorstellungen gab – wurde von solchen anarchistischen Denkern wie Bernhard Lazare oder Martin Buber beeinflusst, wobei Lazare sich durchaus für eine zumindest zeitweilige nationale Bewegung begeistern konnte.

Für ihn konnte der nationale Gedanke eine Entwicklung gemeinsamer Identität fördern, im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung sowie der Zionismus durchaus als eine nationale Befreiungsbewegung angesehen werden konnte. Ein Aufbegehren gegen das Morden, das Vergewaltigen und Vertreiben durch die Pogrome in Osteuropa und den strukturellen Antisemitismus des Westens, wenn auch viele der Flüchtlinge nicht Zion – also Jerusalem – wählten, sondern eher Nordamerika.

Gegenstand der Beobachtung werden zu können, haben wir mit jedem Ding gemeinsam. Das Ich aber, durch die verborgene Aktion meines Seins, der Objektivierung einer unübersteigliche Schranke zu setzen vermag, ist das Privileg des Menschen. Wahrgenommen als seiende Ganzheit wahrgenommen kann er nur partnerisch werden.“
Martin Buber, 1938 nach Jerusalem gekommen, gehörte dagegen zu den so genannten „Kulturzionisten“ wie auch deren Vordenker Achad Ham, früher Ash Ginsberg, die ein nicht-staatliches geistiges-kulturelles Zentrum in Palästina forderten, zusammen mit dem arabischen Proletariat, dabei unterstützt auch durch die Paole Zion(„Arbeiter Zions“). Für Martin Buber wie für die meisten Anarchist*innen in Palästina, galt nur eine staatsfreie Föderation.
Noch vor der Gründung eines Nationalstaates kommentierte er:
Was jedes der beiden nebeneinander und durcheinander lebenden Völker wirklich braucht, ist Selbstbestimmung, Autonomie, freie Entscheidungsmöglichkeiten, beide brauchen dazu keinen Staat,es kann in einem bi-nationalen Gemeinwesen gewährleistet sein, in dem jede/r ihre spezifischen Angelegenheiten verwaltet, beide ihre gemeinsamen.“

Für ihn war zu diesem Zeitpunkt der Staat auch nur ein Staat: ein Staat besteht aus Grenzen, Pässe, Polizei und Armeen, aus Justiz und Knästen, aus Herrschaft und Ausbeutung, egal welche Farbe die jeweilige Fahne auch haben sollte.

In den fünfziger Jahren konzentrierte sich die anarchistische Bewegung auf Abba Gordin, einer der Organisatoren der „Anarchistischen Föderation Moskau“ 1958 gründete er in Tel Aviv eine libertäre Gruppe, die „Agudath Schochrei Chofesh( ASHUACH)“ mit einer Bücherei und einem großen Konferenzraum. Er gab die Zeitschrift „Problemen“ heraus, die bi-lingual (jiddisch-hebräisch) bis 1964 erschien. Nach seinem Tod wechselten die Herausgeber, aber es blieb der Kontakt zur „Freie Arbeiterstimme“ in New York und das „Freie Wort“ in Buenos Aires. Irgendwann starben aber auch hier die alten Anarchisten weg.

Die letzte Nummer des „Problemen“ erschien 1988.

Die zeitgenössische libertäre Bewegung in Israel-Palästina ist klein, aber durchaus aktiv.Vor allem die Antiglobalisierungsbewegung brachte den nötigen Aufschwung. Neben einer anarcho-syndikalistischen Initiative sei hier die Queer-Initiative „Kvisa Shchora„(Schwarze Wäscherei)“

(Kvisa Shchora Manifestation in Tel Aviv)

und „Anarchist against the Wall“ zu nennen, die als Tierrechtsgruppe gestartet, über Demonstrationen gegen die Besatzung, sich verstärkt vor allem in einer grösseren Widerstandsbewegung gegen den „Sicherheitszaun“ engagiert.
Wir müssen als Anarchist*innen auch die Situation der Region berücksichtigen, wo die Palästinenser*innen unter einer Militärbesatzung leben und einen eigenen Staat anstreben. Die Distanz, die wir dazu haben müssen, ist dabei wichtig für die Kooperation und Verbundenheit zwischen Araber*innen und Jüdinnen/Juden“ (Uri Gordon)

Das zentrale Motiv des Zionismus war Sicherheit der unmittelbaren Existenz. Dessen Garant sollte der eigene Staat sein. Die Bedrohung durch andere,autoritäre und gewaltbereite Nationalstaaten hält zwar weiterhin an, doch suchen sich u.a. Selbstmordattentäter*innen andere Übergänge aus als den sogenannten Sicherheitszaun.
Und so trennt der Zaun nicht Israelis und Palästinenser*innen als vielmehr die Palästineser*innen selbst – trennt sie von ihren Wohnorten, ihren Feldern, die oft ihre Lebensgrundlagen sind, von ihren Schulen, den Krankenhäusern, kurzum: von ihrem sozialen Leben.

„http://es.scribd.com/doc/57694813/Uri-Gordon-Anarchy-Alive-eBook“> (Komplette englischsprachige Ausgabe von „Hier und Jetzt – Anarchistische Praxis und Theorie“ von Uri Gordon)

Momentan führen wir hier einen Verteidigungskampf gegen den wachsenden
Militarismus,Rassismus und Repression. Die Zukunfstaussichten der Gesellschaft hier sind
nicht gut. Sie werden immer chauvinistischer sein. Vielen Aktionen, auch in Fragen der
sozialen Gerechtigkeit und der Ökologie fehlt noch die Kraft. Wir wissen jetzt viel über die
Kultur der Angst – wie sie geschaffen und aufrechterhalten wird – aber auch wie in direkten
Beziehungen mit der sogenannten „feindlichen“ Bevölkerung dem entgegengetreten werden
kann.
“ (
Uri Gordon)

(Anarchist against the wall)

http://www.blacklaundry.org/eng-index.html“>

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(Überarbeitetes Radiomanuskript von Radio Chiflado 2008)

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