“Severino, libertario… dinamita y corazón.” Teil 2 zu : Severino di Giovanni

http://radiochiflado.blogsport.de/2012/10/22/zerstoert-karthago-erster-teil-zu-severino-de-giovanni/“>

Am 23. Mai 1928 betrat Severino di Giovanni das italienische Konsulat in Buenos Aires. An diesem Vormittag hatte der Botschafter sein Kommen angesagt. Für Severino die Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen, würde die Tötung des Botschafters doch für das faschistische Regime in Italien ein großer Rückschlag bedeuten und die italienischen Antifaschist*innen ermuntern, ihrerseits zu ähnlichen Aktionen zu kommen.
Aber es gelingt ihm nicht, zum Botschafter zugelassen zu werden, zumal erregte der große schwere Koffer, in dem er die Bombe versteckt hatte, mehr und mehr Aufsehen. Auch mit dem Wissen, dass er der Polizei bekannt ist, bricht er die Aktion ab, ein weniger bekannter Genosse übernimmt. Dieser verirrt sich jedoch in den Gängen so sehr, dass er aus Zeitnot den Koffer irgendwo in der Nähe des Eingangs abstellt.

Um 11.42 erschüttert eine riesige Explosion das Gebäude, neun Menschen sterben, 34 werden durch die Trümmer verletzt.

In den nächsten Tagen beginnt eine hektische Suche nach den Tätern. 400 Anarchist*innen werden verhaftet, das ganze Land redet nur von diesem Bombenanschlag, eine kalkulierte Hysterie wird entfacht, die die „La Protesta“ zur Denunzierung von Severino Di Giovanni und seiner Gruppe treibt.“…. In der Bombe im Konsulat finden wir Unmenschlichkeit, Feigheit, Unverantwortlichkeit, Bestialität und damit reinen Faschismus.“
„La Antorcha“ wird dagegen bemerken, dass der wahre Schuldige der italienische Faschismus ist, der mit seiner ständigen Gewalt ein ganzes Volk terrorisiert und von daher jede noch so heftige Reaktion möglich ist. Aber ihre Aussagen klingt zum ersten Mal nicht mehr so eindeutig wie zuvor: „Der Anarchismus ist nicht so. Er drückt sich nicht durch blinde oder verzweifelte Gewalt aus. Seine Gewalt ist defensiv und aufmerksam, weil er das Gefühl des Hasses auf die Unterdrückung mit einem Gefühl der Gerechtigkeit beleuchtet, dessen Licht seine Taten ausrichtet. Aber wir verstehen es, weil wir in der Lage sind, die gleiche Verzweiflung zu fühlen, die, vielleicht, die Bombe abgestellt hat sowie der Schmerz über die unschuldigen Opfer dieser verzweifelten Geste auch der unsere ist“

Die Grenze des bewaffneten Widerstands schien überschritten, die Guerilla schien sich zu verwandeln.

Severino di Giovanni und die anderen tauchen unter.

Am 24. 12. 1929 versuchte Gualterio Marinelli den wieder gewählten Präsidenten Hipolito Yrigoyen zu erschießen. Dieser blieb jedoch unverletzt, Marinelli wurde von der Leibwache erschlagen.
Dieser Attentatsversuch rief in den anarchistischen Lagern vielfältige Reaktionen hervor. „La Protesta“ distanzierte sich in der bekannten Art und bemerkte etwas irritierend, dass ihnen „ Yrigoyen lebend wichtiger sei als tot“, weil er da hätte noch weiter Fehler machen können.

Anders Severino di Giovanni, der nun keine Gelegenheit zur öffentlichen oder mündlichen Propaganda mehr hatte, aber noch schreiben konnte. In „L`Adunata(Die Versammlung)“ lobte er Marinelli als „Anarchisten der neuen Ära“ und bezeichnete im gleichen Artikel Yrigoyen als „Caudillo“, also Heerführer .

Wenn Argentinien das Land des „Caudillisimo“ ist, dann erscheint mir Yrigoyen als der Prototyp: eine schändliche Mischung aus Schlägertyp und Mafiosi. Charakterisiert durch eine völlige Abwesenheit von Mut und persönlicher Ehre…. 60 Jahre lang ein Leben mit dunklen Manövern und Intrigen, in seiner ersten Amtszeit mit grausamen und blutigen Entscheidungen, von seinen Schreiberlingen als „Vater der Armen“ propagiert….
´Nun also wieder an der Macht,
` bemerkt er weiter, ´mag er auch Haare gelassen haben
so ginge doch die Niederschlagung der Opposition weiter und mit der Ermordung von Carlos Washington Lencinas
(Senator in Mendoza und Gegenspieler von Yrigoyen, Chif.) sogar durch das direkte Mandat des „Caudillo“ `

Yrigoyen galt vor allem beim liberalen Bürgertum als „Reformer“ und „Vater der Nation und der Arbeiter“, hatte er doch einige (alte) Forderungen der Gewerkschaften erfüllt und den meisten (vor allem in Städten und da den Mittelschichten) eine höhere Lebensqualität „beschert“. Aber mit dem gleichen Machtinstinkt ließ er dann schon mal seine Bluthunde los, um die trotzigen und weiter protestierenden Landarbeiter niedermetzeln zu lassen – ob dies „La Protesta“ mit den „Fehlern“ gemeint hatte!?

Aber Severino hatte in dieser Phase andere Sorgen. Da war zum einen Alejandro Scarfò, Weggefährte und Lieblingsbruder von America Scarfò, festgenommen und die psychiatrische Anstalt „Vieytes“ gesperrt worden.
Trotz einiger weniger Verbesserungen 1913 (vor allem in der Erweiterung von Räumen) war die Situation der in psychiatrische Anstalten und Asyle Eingewiesenen in diesen Jahren nicht besser geworden. Hier galt immer noch der Grundsatz „ Fasten, Stöcke, Duschen“ also: „Hungern, geschlagen und abgespritzt werden“ und die von Foucault beschriebenen menschenverachtenden Zustände in der französischen Psychiatrie ähnelten frappierend denen in Argentinien.
„Mit ihrem Kot, scheinbar Hunden gleich, schreiben sie dennoch Zeichen ihrer letzten Würde. Überlegen ihren Wärtern“

Zum anderen fanden sich aber für Severino und America keine Möglichkeiten mehr, sich zu treffen. Es blieben die Briefe zwischen den beiden.
Meine süsse Hoffnug: ich habe dich gesucht, habe an dich gedacht, du warst mein einziger Gedanke. Ich habe dich aber nicht treffen können. Du warst weit weg von meinem Sturm. Vielleicht hast du glücklich durch unsere Liebe gelacht, Ignorantin meines Schmerzes. Aber ich lachte nicht, konnte nicht lachen(aber hab an dich gedacht, natürlich),.“

Und er wendet sich an die Anarchist*innen in anderen Ländern, korrespondiert mit vielen libertären Gruppen, diskutiert und erläutert in seiner neuen Zeitung „Anarchia“(die er durch einen Bankraub finanziert hatte), sucht die Annäherung. So findet er bei denen Unterstützung, die direkt oder nahe genug am täglichen faschistischen Terror in Italien sind, die vom „Aufbegehren, der Konspiration, der notwendigen Untergrundarbeit“ reden, um gegen den Feind die gleichen Mittel anzuwenden, die er gegen die Widerständler*innen einsetzt.

Der Konflikt mit „La Protesta“ und der FORA bleibt und verschärft sich noch mehr, als die FORA mit Präsident Irigoyen, um die Freilassung von Simon Radowitzky zu erreichen, einen Deal macht. Die Begnadigung Radowitzkys gegen die Beendigung von Streiks.

Die Sympathie für die Taten von Severino di Giovanni nahmen zu --- es bildeten sich weitere Gruppen, die sich auf das Konzept der „Enteignungen“ fokussierten. Fast schon selbstverständlich dazu mit der immer spektakulärer werdenden Reaktion von „La Protesta“ und vor allem von dem schon sattsam bekannten Diego Abad de Santillán: „ Es ist besser einem gewöhnlichen Verbrecher zu helfen als einem „enteignenden“ Anarchisten“. Und er billigte alle Methoden, um gegen diesen „Krebs“ ( gemeint sind die enteignenden Anarchist*innen) vorzugehen ----
Was er im einzelnen mit „allen Methoden“ meinte, der Militärputsch von General Uriburu am 8.September 1930 beendete alle weiteren Spekulationen.

Die „Patriotische Liga Argentiniens
hatte sich 1919 gegründet um die sich radikalisierende Streikbewegung niederzuschlagen. Ihre Angriffe galten neben den Streikenden vor allem Einwanderen und Syndikalisten. Bei dem Massaker 1922 in Patagonien spielten sie eine herausragende Rolle.
Und mit ihnen putschte sich nun Jose Felix Uriburu an die Macht. Gewerkschaften wurden verboten, die Anarchist*innen, die nicht untertauchen konnten, wurden verhaftet, die italienischen an das Regime Mussolini ausgeliefert, andere nach Feuerland deportiert.

Severino di Giovanni blieb im Untergrund. In seiner Druckerei in Burzaco (23 Km von Buenos Aires)begann er mit den Werken von Elisee Reclus, in seiner Zeitung „Anarchia“ rief er zum Widerstand gegen die Diktatur auf.
Am 2.Oktober 1930 raubt die Gruppe um Severino Gelder aus den „Obras Sanitarias de la Nación“(so was wie die Wasserwerke). 286.000 Pesos sind der bis dato grösste Betrag, der in Argentinien „umverteilt“ worden war. Es begann eine intensive Repressions –und Verfolgungsarbeit der Putschisten, gegen diese „Schmach“.
Im Januar 1931 wird ein Freund und Mitstreiter Severinos, Mario Cortucci, festgenommen. Nachdem er lange der Folter widerstanden hatte, brach er am zehnten Tag zusammen und nannte den Aufenthaltsort von Severino in Burzaco.

Am Donnerstag, dem 29. Januar 1931, wird Severino dort beim Verlassen seiner Druckerei eingekreist und festgenommen. Es gelingt ihm allerdings erst einmal zu flüchten. Die anschliessende Verfolgungsjagd hätte ein Filmkrimi nicht besser umsetzen können. 50 Polizisten verfolgten ihn durch die Strassen von Buenos Aires. Feuerten von Dächern, in Gassen, töteten dabei ein fünfzehnjähriges Mädchen. Severino schafft es noch in eine Garage. Um der Folter zu entgehen, versucht er sich mit Schüssen in die Brust, selbst zu töten.
Notdürftig verbunden, wird er unter Schlägen zum Hauptquartier verbracht.

Am gleichen Tag wird sein Mitstreiter und enger Freund, der Bruder seiner geliebten, Paulino Scarfó ebenfalls verhaftet. Beide werden mit einer Zange die Hoden zerdrückt, die Zunge verdreht, bei Beschimpfungen und verbalen Demütigungen mit Eisenstangen geschlagen.

In einem Schnellverfahren werden beide zum Tode verurteilt.

Severino di Giovanni wird am 1.Februar 1931, überall in Ketten und halb sitzend, mit 8 Schüssen hingerichtet.
Einen Tag später Paulino – auch er unter den Rufen „ Es lebe die Anarchie“.
Hastig und heimlich wird Severino im Chacarita Friedhof verscharrt. Als sich am nächsten Tag frische Rosen auf seinem Grab finden, wird er ausgegraben und in ein Massengrab „versteckt“. Aber auch hier folgten ihm die roten Rosen – Tag für Tag, Monat für Monat.

Es tut weh/ darüber zu sprechen/in meinem Hals ein Wirbeln/ ein geräuschloses Ersticken/alle Wörter durch ein Schluchzen erstickt/ Dieses Gesicht / das sich im glühenden Schleier der Liebe/durch die dicken Eisen abzeichnet/ mit diesen furchtlosen, verächtlichen Schweigen/dieser Verachtung für das Leben/ und die Fesseln/Kein Murmeln, kein Wimmern/keine vereinzelte Träne in seinen Augen/
Als die Ordnung kommt/ um „zu schiessen“/endlich eine zitternde Begeisterung/lässt seine Brust anschwellen/in dem Schrei /“Viva la Anarquia“/Und die aufgehende Sonne/ trunken von seinem Schrei/ umarmt ihn überschwänglich/ Oh Freiheit/ Ist je ein treuerer Liebhaber in deinen Armen gestorben?….
“(Virgilia D´Andrea).

Aldo Aguzzi, Redakteur von „La Antorcha“ , der immer wieder Severino verteidigt hatte, kämpfte an der Seite der Anarchist*innen in Spanien, nach der Niederschlagung der Revolution kehrt er nach Argentinien zurück, wo er 1941 den Freitod wählt.

Nicola Recchi,, der „Theoretiker“ der Gruppe um Severino di Giovanni und Inspirator der Enteignungsaktionen, wird von dem argentinischen Militär festgenommen und vergeblich gefoltert. Seine rechte Hand anschliessend zu blutigem Brei geschlagen. Er verschwindet im Schatten der Stadt und soll 1987 in Buenos Aires gestorben sein.

Jorge Tamayo Gavilán, der „Chilene“, wird unter nie geklärten Umständen von der Polizei in einem Hotel im Juli 1931 erschossen. Er hatte mit vier anderen im Juni bei einem Festdinner den argentinischen Polizeichef José Rosasco beim Dessert erschossen, als Rache für den Tod Severinos und den Folterungen an Anarchisten.

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