„Pisst ins Parlament“ – Zu Nikolas Asimos

Gebt die Schule auf, verlasst eure Schreibtische, geht an den Strand und liebt euch.
Gebt die (Lohn-)Arbeit auf, diese Hure, entscheidet euch, was ihr zuerst aus den Supermärkten mitgehen lasst ( vielleicht auch noch was für die Altersversorgung?), pisst ins Parlament und zerstört die Büros – gebt alles auf – für ein Leben – unbequem für sie –

(nach: Parata Ta)

Nikolas Asimos (ursprünglich: Asimopoulos)wurde am 20 August 1949 in Saloniki geboren und verbrachte seine Kindheit in der Stadt Kozani im Norden von Griechenland. 1967 beginnt er ein Philosophiestudium in Thessaloniki, sein Interesse gilt aber vor allem dem Theater, wo er zum ersten Mal eigene Lieder schreibt und unter Beobachtung der Zensoren der Militärjunta gerät.
1972 lernt er Dimitris Dimitrakopoulos kennen, der ihm das Gitarrespielen lehrt. Nikolas tritt nun mit einer kleinen Gruppe „ Nikolas Asimos und seine Freunde“ in verschiedenen Clubs auf, singt seine ersten Lieder.
Im Frühjahr 1973 zieht er nach Athen, studiert Theaterwissenschaften, nimmt Schauspielunterricht.

Am 14.November 1973 besetzen anfangs Student*innen die Polytechnische Hochschule in Athen. Sie installierten einen Radiosender, über den sie zum Widerstand gegen die Militärdiktatur aufriefen. Schnell schlossen sich ihnen junge Leute und Arbeiter*innen an. Die Junta reagierte ihrem Wesen entsprechend. In den frühen Morgenstunden des 17.November 1973 walzte ein Panzer die von ihnen als „Mob und anarchistische Minderheitsaktivisten“ Beschriebenen nieder, Soldaten stürmten die Hochschule.

Der Verrat der Kommunisten( sie riefen schon nach dem ersten Tag zur „Kapitulation“ auf) aber auch Uneinigkeiten zwischen den Studierten und den Arbeiter*innen (so wurde versucht, alle, die nicht der Uni angehörten, auszuschließen) machten den Widerstand zwischendurch zu einer Farce. Der Junta war das egal. Die „Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“ forderte über 100 Tote und ne Menge Verletzte. Die Niederschlagung der Revolte diente Polizei und Armee anschließend dazu, sich zwei Tage lang im Stadtzentrum „auszutoben“.

Eine Untergrundorganisation, die bis ca. 2003 aktiv war, nannte sich nach diesem Datum „Organisation 17.November“( Epanastatiki Organosi Dekati Evdomi Noemvri).

Dieser Winter 1973- 74 wurde wohl zu einer der bedrückensten für die Menschen unter der Militärjunta.
Brigadegeneral Dimitrios Ioannidis nutzte den Aufstand zu einem Putsch, in dem er Papadopoulos absetzte und seinen Kumpel Faidon Gizikis zum Präsidenten machte. Er selbst – Chef der Militärpolizei – der „Hund der ESA“ – konnte nun walten, wie er wollte.

Für Nikolas und viele andere bestand diese Zeit vor allem aus Angst und Hunger. Silvester 73 versuchte er mit dem kommunistischen Partisanen der „ELAS“ und Liedermacher Panos Tzavellas einen Auftritt, der allerdings von der Junta verboten wurde.
Im Januar 74 beginnt er seine Lieder auf „illegalen“ Kassetten (Paranomi Kasseta) zu veröffentlichen.
Nikolas versucht es mit einem experimentellen Musiktheater. Der Club, in dem es stattfindet, nennt sich „Das elfte Gebot“, auf der Eingangstür die Aufschrift: „Kein Eintritt für die am 21.April Geborenen – Ausnahmen werden keine gemacht“( Der 21.April war der Tag des Putsches der Militärjunta)
Nach einigen Razzien wird der Club im April 1974 von der Junta geschlossen.

Nach der Machtübergabe der Militärjunta an eine „Zivilregierung“ durchlebt Nikolas Asimos Phasen, die er später in einigen seiner bekannteren Lieder wieder aufgreifen wird – die Salonfähigkeit von (Ex-) revolutionären und die superrevolutionäre Pose einer untätig gebliebenen „Linken“
In einem Prosagedicht wendet er sich gegen diesen „Verrat“, fordert zum ersten Mal zur Revolution auf:

Die Mächtigen haben in diesen Jahren erkannt wie sie an der Macht bleiben können, wie sie unsere Führer kaufen. Sie haben nichts zu verlieren, es sei denn, wir kriegen einige von ihnen zwischen die Finger. Die eigentliche Aufgabe der Arbeiter*innen ist die Revolution, zu verjagen auch die Verräter und Abtrünnigen unserer Klasse. Diese Jahre waren in einer Sache gut, sie haben uns die Wahrheit wieder finden lassen. In diesen Jahren ist aus der Dunkelheit etwas geboren.“

In den nächsten Jahren entstehen seine bekanntesten Lieder wie „Den Pa`Na Mas Xtypan“(Was, wenn sie uns schlagen) und „Parata ta“ (Lass es sein)

Den Pa`Na Mas Xtypan
Was ist /wenn sie uns mit Bomben und Kanonen bekämpfen/ wenn sie unsere besten Jahre ruinieren/während sie sagen dass sie es nur gut mit uns meinen/ sie werden nie unsere eigenen Rechte hören wollen

Unter den Bossen zu leben/ ist kein Leben/ unsere Löhne sind unmenschlich/ sie leben ein leichtes Leben und wir kämpfen besorgt/ ob wir Arbeit haben oder etwas zu essen
Nehmen wir uns unsere Rechte auf den Straßen/ Bombt und brennt den Staat nieder und die Polizei
Wir wissen nur zu gut wer unsere Bosse sind/ Das Blut vom November hat uns so viel gelehrt
Was, wenn sie uns mit ihren Bomben und Kanonen/bekämpfen wollen/ wenn sie uns unsere besten Jahren ruinieren wollen/ Wir werden mit der schwarz-roten Fahne vorangehen für den notwendigen Kampf um die Freiheit

1977 verkauft er, um zum Unterhalt seiner kleinen Familie mitbeizutragen, Kassetten seiner Lieder, Zeitungen und libertäre Literatur in der Nähe der Universität, gibt Solikonzerte für Gefangene. Die ersten größeren Auftritte anarchistischer Gruppen verunsichert die Regierung, macht Kommunist*innen und maoistische Gruppierungen nervös.
Im Herbst 1977 wurden nach einem blutigen Zusammenstoß mit der Polizei 16 Menschen verhaftet, dabei auch Nikolas Asimos. Er wird mit fünf anderen als „geistige Brandstifter“ und Herausgeber„aufständischen Materials“ vor Gericht gestellt.
Als liberale und linksliberale ein Solikonzert organisieren, veröffentlichen Asimos und zwei weitere Mitgefangene ein Kommunique, in dem sie sich weigern, die Soligelder zu anzunehmen: „Der Staat hat uns eingesperrt, weil er uns für anarchistische und umstürzlerische Elemente hält. Wir verneinen das nicht! Wir sind es und doch lehnen wir es ab, durch andere moralisch für unsere Ideen und Handlungen bewertet zu werden. Deshalb lehnen wir auch jede Solidaritätskampagne ab, solange die es vermeidet, das wahre Gesicht der Repression zu zeigen und sich unseren Ideen nicht stellt.“

Es kommt zu keinem Prozess, aber Nikolas verbringt die nächsten zwei Monate auf einer Gefängnisinsel.
Das Kommunique hatte für einige Aufregung gesorgt, und Nikolas geriet nun auch unter Beschuss der „Linken“: einer Linken, die ihn mehr und mehr für exzentrisch und launenhaft hält, einer „Linken“, die für Nikolas eine Kultur der Prahlerei über echten und (meistens) imaginären Widerstand pflegt, während sie gleichzeitig mit dem zivilen Erbe der Junta zusammenarbeitet. Ihnen widmete er das Lied: Tin Antistash Varethika („Langweiliger Widerstand“):

„Als einige mich fragten/wie es war im Gefängnis und/warum ich keine Lieder darüber schreibe/ wie die anderen „Widerständler“/antwortete ich ihnen direkt/dass ich meinen Widerstand nicht verkaufen werde/ Alle die von euch/die widerstanden/haben nun einen guten Platz gefunden/und bewerben sich für einen Sitz im Parlament/
ich habe diesen „Widerstand“ so satt/diese falschen Wörter/ von Wichtigtuern/ während ich in der Zelle vertrocknete…
… legt statt dessen eine Bombe/und sprengt alle Zellen in die Luft/ und begrabt/ um eurer Freiheit willen/ all diesen Prominenten Unsinn aus eurem Leben
Das Leben ist schön/ ohne Gesetze/ohne Panzer/ohne Richter und Anwälte/ Ohne Chefs und dem ganzen Scheiss“

1978 zieht er mit seiner kleinen Familie in den Athener Stadtteil Exarcheia, tingelt dort mit seiner „Exarcheia Platz Band“ durch die Clubs und Strassen. Zwischendurch gelingt es ihm, vom Kriegsdienst freigestellt zu werden in dem er amtlicherseits als “psychotischer Schizophrener“ anerkannt wird. Dieser scheinbare Erfolg sollte sich aber bald als Bumerang erweisen. Er schriebt weiter Lieder, Gedichte, druckt auf Broschüren im Selbstverlag. Seine Strassentheateraktionen erregen Aufsehen, er ist bei der wohl ersten Hausbesetzung in Athen dabei.

1981 wird er mit zwei anderen Weggefährten verhaftet, zum ersten Mal in die psychiatrische Anstalt Dafni eingeliefert. Obwohl eine große Kampagne ihn und einen Weggefährten nach einigen Wochen wieder herausholen kann, bleiben die Eindrücke dieser Zeit für immer im Gedächtnis von Nikolas.

Als er das 1982 das Album „Ho Xanapes“ veröffentlicht,

setzt er sich Angriffen seiner ehemaligen Kollegen aber auch den Anarchisten aus Exarcheia aus. Letztere verspotten ihn plötzlich mit dem Wortspiel: „ Asimos will diasimos“ soll heißen; Asimos will berühmt werden.
Sie reagierten damit vor allem auf das wohl bekannteste Lied: „Revolution“, in dem es u.a heißt: „ Wir haben gesagt/wir schaffen die Grenzen ab/ wir sagten/wir werden den Staat abschaffen/ dabei bewahrten wir nur unseren eigenen Dreck
Die Revolution /eine bequeme und intelligente Ausrede/ erwies sich nur als Traum/um unser eigenes Elend zu bewahren/Die Revolution/ erwies sich nur als Traum/ eine intelligente und bankrotte Ausrede/ durch revolutionäre Phraseologie…
Aber vielleicht war es sogar einen Versuch wert“
(Zusammensetzung: RadChif)

Als er 1983 im Stadtteil Exarcheia einen Kelleraum innerhalb einer Bar mietet, die beliebter Treffpunkt von Autonomen war, wird er mehrmals Objekt von Polizeirazzien, dann verhaftet und wieder aufgrund der vorhandenen „Gutachten“ in die Psychiatrie Dafni gesteckt im Vorort Haidari, in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslager, wo er wiederholt Schlägen und „Elektroschocktherapien“ ausgesetzt war.

Nach einer erneuten Freilassung veröffentlicht er weiterhin seine Kassetten, nimmt an Konzerten teil. Im Sommer 1987 dann das letzte Tape ( 00.008). Im Juni wird er wegen einer angeblichen Vergewaltigung einer Ex-Freundin verhaftet, anfangs wieder in die Psychiatrie, dann in das Hochsicherheitsgefängnis Korydallos im Westen von Athen. Als die Anklagen in sich zusammenbrechen, arbeitet er an einigen Filmen mit.
Doch das System war noch nicht fertig mit ihm. Nach einer Zwangseinweisung in eine (private) Klinik wird er erneut derselben Vergewaltigung wie zuvor beschuldigt. Zermürbt, erdrückt von den wiederholten Anschuldigungen und auch der Angst vor dem (endgültigen?) Aufenthalt in der Psychiatrie erhängt er sich am 17.März 1988, einem Donnerstag.
Freund*innen sollen danach einen Kalender gefunden haben, in dem er seine Bemühungen der letzten beiden Wochen beschreibt, irgendetwas Gutes zu finden, was das Leben lohnt, markiert die schlechten Tage mit einem „X“.
Auch der 15. Tag trägt ein „X“, der Tag seines Freitodes.

Beim Begräbnis von Nikolas Asimos finden sich auf dem Friedhof der Stadt Kallithea (3 Km von Athen entfernt) 200 Menschen zusammen – unter den Klängen seines ersten Liedes „Mechanismus“.

Nikolas Asimos Lebensweise wie seine Lieder wurden von der überwiegenden Öffentlichkeit als Provokation empfunden und abgelehnt. Er selber liess nur wenige Songs bei Labels produzieren, das meiste seiner sarkastischen, provokanten und empörenden Texte zeichnete er auf Kassetten (Nr. 000.001 -000.0008) auf.

Die meisten Texte befassen sich mit der sozialen Revolution, gegen Behörden und Staat, Religion und Bildungssystem und zeigten das ganze Spektrum seiner Schichtweise auf die Welten und der Wut gegen die bestehende Gesellschaft.

*

Hier die erwähnten Lieder:

„http://youtu.be/iXanEXRosfQ“> (Revolution)

http://youtu.be/OoaxVko0bwQ“>(Den Pa`Na Mas Xtypan)

http://youtu.be/lZqKAv6zmLc“> (Parata ta)

„http://youtu.be/Ey6FCS9tT5c“> (Tin Antistash Varethika)

Seine gesamten Kassetten, Texte und Bücher findet ihr hier (alles in griechisch):

http://thepiratebay.se/torrent/4570010/“>

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