“ Zerstört Karthago“– Severino de Giovanni (1.Teil)

„Kritisiert nicht die Rebellen, die Gewalttaten begehen, versucht sie zu verstehen“ (Eliseo Reclus)

Severino di Giovanni wird am 17. März 1901 in Chieti (Abruzzen) als Sohn von Carmine Di Giovanni und Rosaria Duranti in ärmliche Verhältnisse hineingeboren – seine Jugend wird vom ersten Weltkrieg und vor allem von dessen Folgen für den Grossteil der italienischen Bevölkerung bestimmt. Armut, Hunger, Tod bestimmen deren Alltag. Severino erlernt die Typografie und liest anarchistische Bücher, bei Malatesta und Proudhon findet er Ideen für seinen Hass auf Autoritäten, bei „Gott und der Staat“ interpretiert er, dass alle Mittel erlaubt sind, um die Revolution herbeizuführen und die Freiheit zu gewinnen.

Mit 20 beginnt er aktiv an der anarchistischen Bewegung teilzunehmen.
1922 heiratet er Teresa Masciulli. Der “Marsch auf Rom“ und die Machtübernahme von Mussolini, die Verfolgung von Anarchist*innen und Dissidenten in den „schwarzen Jahren“(Biennio nero) drängt sie dazu, über Brasilien nach Argentinien auszuwandern.
Im Mai 1923 kommen sie an Bord des Dampfers Sofia mit ihrer Tochter in Buenos Aires an. In Ituzaingó, 16 Kilometer von der Stadt entfernt, lassen sie sich nieder und leben anfangs vom Kultivieren und Verkauf von Blumen. Severino findet bald Arbeit als Schriftsetzer in Morón und schließt sich rasch einer antifaschistischen und anarchistischen Gruppe an, die die Zeitung „ L` Avvenire“(Die Zukunft) herausgibt. Unter dem Pseudonym N. Donisvere erscheint sein erster Artikel am 1.April 1924 mit dem Titel „Delenda Carthogo“

„Zerstören wir Karthago. Das moderne Karthago, das der Reichen, der Priester und des Militärs! Dies soll der Ruf der Rebellen sein und das Motto für die soziale Revolution. Der Schrei des müden Herumirrenden, des Hungernden durch die Entbehrung aufgezehrt, mit dem Durst nach Gerechtigkeit, den der Gefallenen durch ihre genaue Kritik, schuldig der Rebellion.“

Severino stand der Gruppe um „La Antorcha(Die Fackel)“ näher als der FORA.

In einer Zeit wo die Polizei Demonstrant*innen niederschoss und die Patriotische Liga Arbeiter*innenviertel plünderte, musste – ihrer Ansicht nach – mit Gewalt diesen Gewalten begegnet werden. Als sich „La Protesta“ und FORA weigerte, sich auch für Gefangene, die z.B. wegen Eigentumsdelikten (Enteignungen, Fälschungen etc.) einsaßen, zu unterstützen, war der Bruch komplett. Severino trat da schon in seinen Artikeln für Enteignungen und Banküberfälle als Finanzierung für weitere „direkte Aktion“ ein.

«Die Schönheit selbst liegt in der Vielfältigkeit der Aktivität.. Heute gründet das Individuum eine Zeitschrift, morgen macht es ein Buch, dann einen Artikel. Für die Ausführung dieser Projekte braucht es Mittel, und es enteignet jene, die unterdrückend und zu Unrecht besitzen. Dies ist das Individuum auf Kriegsfuss. Ein illegaler Bandit gegen legale Banditen.»

1925 lernt er América Josefina Scarfò kennen und lieben, die Schwester von Alejandro und Paulino Scarfo, die Weggefährten von Severino geworden waren. Die Familie Scarfo, ebenfalls aus Italien eingewandert, war eine katholische Mittelschichtsfamilie, die sich lange gegen eine Verbindung ihrer 15jährigen Tochter mit einem (verheirateten) Mann sträubte --- America, nach außen wohl behütet, herausragende Schülerin der Mädchenschule „Estanislao Zeballos“ hatte bei den sechs Brüdern eine besondere Beziehung zu Alejandro, der ihr libertäre Lektüre gab und eines Tages Severino de Giovanni vorstellte.

América lebte nun bis zu dem Tod von Severino mit ihm zusammen. Sie starb am 26.August 2006 in Buenos Aires.

„Sie kritisieren unseren Altersunterschied. Nur weil ich 16 bin und Severino 26. Ah, diese Päpste des Anarchismus. Als wenn das Alter die Liebe stört. Als wenn ich nicht selbst die Verantwortung für meine Handlungen tragen könnte.
Auf der anderen Seite ist es mein eigenes Recht wenn mir der Altersunterschied nichts bedeutet, was maßen sich andere an, darüber zu urteilen?
Ich verschmähe alle, die nicht verstehen können, was Liebe bedeutet.
Wahre Liebe ist rein. Sie ist die Sonne, deren Strahlen sie denen entgegenstreckt, die nicht allein in die Höhe klettern können. Die Liebe, das Leben ist etwas, was nur frei gelebt werden sollte.

Dies wünsch ich mir für alle wie auch für mich! Diese Freiheit zu handeln, zu lieben, zu denken. Diese Freiheit, die Anarchie, wünsche ich der ganzen Menschheit.“ (América Scarfo. 1928)

Ab 1830 wanderten viele Italiener*innen nach Argentinien aus, vor allem nach Buenos Aires. In den Jahren zwischen 1876 bis zum Ende des ersten Weltkrieges war es wohl fast 2 Millionen. Verstärkt wurde diese Einwanderung durch eine neue, sehr strikte Einwanderungspolitik in Nordamerika, die die meisten italienischen Einwander*innen diskriminierte und verfolgte. So bildete sich bis in die 20erJahre in den argentinischen Städten eine breite Mittelschicht.

Der italienische Botschafter in Buenos Aires, Luigi Aldrovandi Marescotti, Graf von irgendwas, wartete am 6.Juni 1925 im Theater Colon in Buenos Aires auf den argentinischen Präsidenten Alvear. Die italienische Gemeinde hatte sich in Prunk gehüllt, um den 25.Jahrestag der Thronbesteigung von Victor III. zu feiern. Für den Botschafter war das hier ein eigenes kleines Rom geworden – das Italien der Zukunft – hier zahlreich vor ihm, dem Stellvertreter Mussolinis – eine grosse Anzahl „ Scuadristas“ (Schwarzhemden), hohes Militär und diplomatisches Chor. Als die italienische Nationalhymne gespielt wurde, traten ihm Tränen in die Augen, das Blut pulsierte in den Venen der anwesenden Männer des Vaterlandes, hin und wieder ein kleiner Seufzer ihrer weiblichen Begleitung. Alles sang mit!

“Mörder! Diebe! Matteotti lebt“

Alle schauten nach oben, wo Flugblätter herunter segelten. Severino di Giovanni und andere warfen sie unter Rufen „Victor der Dritte würzt sein Essen mit dem Blut der von Mussolini ermordeten Antifaschisten“ in die aufgelöste Menge. Bei dem anschließenden Handgemenge mit den „Schwarzhemden“ wurden sie niedergeschlagen und anschließend von der Polizei festgenommen und inhaftiert.

(Polizeifoto nach der Festnahme)

Victor III. war mit der Situation in Italien nicht einverstanden. Wirtschaftlich und politisch ging es in eine Krise, Aufstände schürten die Angst vor dem Proletariat und seinen „linken Ideologen“. Bei dem Wunsch, die „Ehre Italiens“ wieder herzustellen, kam ihm Mussolini gerade recht.
Es gab auch sonst nur wenig Widerstand gegen den wachsenden Faschismus in Italien. Die italienischen Kommunist*innen wandten sich gegen den bewaffneten Widerstand der „Arditi del Popolo“, die Sozialisten, obwohl einer ihrer führenden Leute, Giacomo Matteotti, von den Schwarzhemden ermordet worden war, vereinbarten im Parlament einen Nichtangriffspakt.

Severino – nach kurzem Gefängnisaufenthalt wieder frei – gründete deshalb im August 1925 die Zeitschrift „Culmine“(Gipfel). Er schrieb die Artikel, setzte und druckte sie selbst.

Wir müssen uns selbst bleiben – ohne die rote Tscheka und ohne die schwarze Tscheka, und ohne die pseudo-revolutionäre Politikerbande – uns selbst sein, Anarchisten aus Überzeugung, Anarchisten in Überzeugung, Anarchisten mit Überzeugung.
Was die anderen betrifft: Genauso gut wie sie sich heute in dem Schmelztiegel aller Niederträchtigkeit ergötzen können und sie sich heute selbst als Antifaschisten bezeichnen, um sich einen größeren Anteil vom Erbe zu sichern, wenn der Faschismus stirbt, können sie morgen, wenn sie endlich am Hebel sitzen, ihrerseits eine andere faschistische Politik führen.
Ohne uns mit diesem Wort anzustecken oder zu imitieren: Antifaschismus, ein Wort, das für uns einen Sinn enthält, der revolutionärer, erhabener und aufständischer ist.
Mit ihnen – genauso wie mit den Faschisten – wird es niemals eine Versöhnung geben können. Auf gleiche Weise wie die Heerscharen des Totenkopfes von heute, sind sie Zuhälter gewesen, sie lebten in den Kulissen des Viminale(=heute das Innenministerium, Chif.) oder in den Kammern des Parlaments, während sie das Regime und seine Schandtaten guthießen oder unterstützten…

„An all jene, die dem Feind zusetzen wollen bis zum letzten Atemzug, schlagen wir, in Italien und sonstwo, eine autonome und verstreut angeordnete Guerilla vor, bestehend aus kleinen Einheiten, die schwieriger erreichbar und identifizierbar sind.
Dass sich also in den verschiedenen Milieus und den verschiedenen Kreisen auf wenige Personen beschränkte Komitees oder Aktionsgruppen bilden.“
(CULMINE, 1926)

1920 waren in den USA die beiden Anarchisten Sacco und Vancetti festgenommen und des Mordes angeklagt worden. Severino di Giovanni engagiert sich stark an den Protesten, schreibt in „Culmine“ immer wieder ausführlich über die Entwicklung der Kampagne, forciert sie: „Protestiert, agiert weiter! Der Protest muss noch heftiger funkeln als zuvor. Kein Tag darf vergehen. Retten wir Sacco und Vancetti ! Denken wir an Sacco und Vancetti! Setzen wir dem Martyrium endlich ein Ende! Die italienischen Anarchisten sollten voran gehen. Nur die proletarische Aktion kann Sacco und Vancetti retten! Wir glauben nicht an die Gerechtigkeit, wenn sie nicht von uns selbst kommt. Fordern wir die Freiheit der beiden Anarchisten, an jedem Ort, in den Gruppen, den Gewerkschaften, in den Versammlungen, in der Stadt und auf dem Land. Heute oder nie ! Weil morgen kann es schon zu spät sein!
Protestieren wir, protestieren wir. Sie fordern es von uns. Erinnert euch an ihren Ruf: „Arbeiter, seid gegrüßt! Es lebe die soziale Revolution.“

Am Sonntag, dem 16.Mai 1926 organisierte „La Antocha“ eine Solidaritätskundgebung für Sacco und Vancetti. Es war der Tag, als das Todesurteil offiziell verkündet wurde. 250 Menschen lauschten vielen Rednern, aber für Aufregung und spontanen Applaus sorgte Severino di Giovanni. Er sprach nicht viel, aber was er sagte, begeisterte vor allem die Jüngeren. „Mehr einzelne Aktionen seien nun angebracht“ und „Mehr Gewalt den Gewalten“. An diesem Tag begaben sich Severino und seine kleine Gruppe auf eine Reise, der jegliche Rückkehr ausschloss.

Kurz vor Mitternacht explodierte vor dem Eingang der US-Botschaft eine Bombe, die die gesamte Front komplett zerstörte. Severino tat alles, um den Verdacht auf sich zu lenken. Hatte er schon auf der Versammlung von entsprechenden Aktionen gesprochen, schrieb er nun in „Culmine“ unter dem Titel „ Auge und Auge mit dem Feind“:
Eine Bombe ist bei der US- Botschaft explodiert. Ein Signal, ein Zeichen des Kampfes, das Verbrechen gegen unsere beiden Genossen zu rächen.“ Und mit dem Titel „Alles ist verloren“: „Die Nachricht des Obersten Gerichtshofes ist eine Herausforderung der kapitalistischen Klasse und als solche werden wir sie aufnehmen. Passt auf ihr Henker.“

Severino wird mit einigen anderen Anarchisten verhaftet und fünf Tage von der Polizei verhört.
Am 28. Mai beginnen die Festgenommenen mit einem Hungerstreik gegen die „Polizeiwillkür“.
Nach fünf Tagen und „ohne einen Krümel Brot gegessen zu haben“, dafür aber mit einem Lächeln auf den Lippen, werden sie freigelassen. Noch am gleichen Tag wird Severino in „Culmine“ schreiben:
Dieses Lächeln der Verheißung ist für uns, die wir den erbitterten Kampf gegen die Tyrannei und alle Demütigungen aufgenommen haben. Vorwärts, vorwärts, auf daß wir erneut siegen werden.“

Obwohl die Beweise gegen Severino und die anderen nicht ausreichten, war der Polizeichef von Buenos Aires fest von der Tatbeteiligung Severinos überzeugt, er, der ihn die ganze Zeit bei den Verhören und der Folter immer nur mit Trotz und Verachtung angeschaut hatte.

Und ist auch bei den folgenden Aktionen, den Enteignungen und Anschlägen überzeugt, dass die Gruppe um Severino di Giovanni die Akteure sind. Bei dem Attentat gegen die City Bank, wo er wieder freigelassen werden musste, bei Bombenanschlägen gegen die Fordwerke, bei Dynamitattentaten auf Eisenbahnen, versuchter Gefangenenbefreiung – all dies und alles andere, was in dieser Zeit geschah, wurde von den offiziellen Behörden Severino di Giovanni und seiner Gruppe unterstellt – sie wurden so was wie „Superhelden“, die morgens Banken ausrauben, nachmittags Konsulate überfallen und abends Bomben an Botschaften legen und nachts sogar noch Anarchosyndikalisten und Redakteure der „La Protesta“ wie Emilio Lopez Arango erschießen – und dann auch noch Zeit haben, Artikel zu schreiben.

Vor allem Diego Abad de Santillán ( künftiger Wirtschaftsminister im Spanien von 36/37)) war derjenige, der den bis heute von Unbekannten begangenen Mord an Arango als Racheaktion von Severino d Giovanni gesehen haben will, weil sich Arango öffentlich gegen den „Terrorismus“ von „Anarchobanditen“ ausgesprochen habe. Santillan zweifelhafte Verdächtigungen und der schon bekannte Begriff „Anarchobanditen“ wurden Teil einer denunziatorischen Kampagne gegen die Gruppe um Severino di Giovanni.

„Anarchobanditen“ hatte die FORA schon 1921 die Gruppe „ Roter Rat“ genannt, die in bewaffneten Aktionen und Enteignungen gegen die Großgrundbesitzer in Patagonien kämpfte.

(„Consejo Rojo“)

Um die Verhandlungen mit diesen nicht zu gefährden, distanzierte sich die FORA um Antonio Soto offiziell von diesen „Banditen“, soll sogar Standorte des „Roten Rates“ an das Militär weitergegeben haben. Die Antwort der Landbesitzer und des Militärs war die Erschießung von 1500 streikenden Landarbeiter*innen und die Zerschlagung der Streikbewegungen in Patagonien.

Nun, 1928, entfalteten die Behörden in Buenos Aires durch das Bombenattentat gegen das italienische Konsulat und tiefer Verbundenheit zum Mussoliniregime eine flächendeckende Verfolgungsjagd, flankiert durch eine offene Kampagne der FORA nahen Zeitung „La Protesta“, die sich von „Banditen“, „Faschisten“ und „Terroristen, die den Anarchismus missbrauchen“ distanzierten und damit Severino di Giovanni und seine Gruppe meinten.

Der Faschismus hat uns eine zur extremen und bestialischen Gewalt neigenden Denkweise gebracht zusammen mit einer unbeschreiblichen Feigheit
Die Verbrechen des Faschismus haben alle diese Charakteristika: die Gewalt und die Feigheit. Zwischen einer revolutionären Tat und einer faschistischen Tat liegt der Abgrund, den es zwischen der Verantwortlichkeit und der Unverantwortlichkeit, zwischen dem Gewissen und der Barbarei gibt.
Eine revolutionäre Tat ist voll von Menschlichkeit, immer imprägniert von Verantwortlichkeitsgefühlen
Ein Wilckens setzt seinen Körper ein, um bei seiner Tat gegen Varela kein Kind zu verwunden. Also, vergleicht die Aktion von Wilckens gegenüber den Aktionen (in der City Bank) und dem italienischen Konsulat – und ihr werdet den Unterschied verstehen. Im ersten Fall gibt es Opfergeist, ein klares Ziel, ein Gewissen und eine Verantwortlichkeit, ein Held, ein Mann, der dem Ganzen ein Gesicht gibt.
In der Bombe im Konsulat finden wir Unmenschlichkeit, Feigheit, Unverantwortlichkeit, Bestialität und damit reinen Faschismus.
“ (La Protesta, 1928))

Bei soviel „edler Männlichkeit“ war das Feuer auf Severino und die Brüder Scarfó eröffnet.

- wird fortgesetzt

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