Von der modernen Sklaverei !

„Mein Optimismus basiert auf der Gewissheit, dass diese Zivilisation am
zusammenbrechen ist. Mein Pessimismus liegt darin, dass wir in diesem Fall mitgezogen
werden.“

Text zum Film

Moderne Sklaverei ist eine freiwillige Sklaverei, gebilligt von den Massen der Versklavten, die über das Angesicht der Erde kriechen.
Sie selbst kaufen die Waren, die sie jeden Tag ein bisschen mehr unterwerfen.
Sie selbst rennen einer immer entfremdenderen Arbeit hinterher, die ihnen grosszügigerweise gegeben wird, solange sie genügend folgsam sind


Sie selbst suchen sich die Herren(Damen) aus, denen sie dienen müssen. Damit diese absurde Tragödie
stattfinden kann, ist es nötig dieser Klasse das Bewusstsein ihrer Ausbeutung und ihrer
Entfremdung wegzunehmen. So ist die seltsame Moderne unserer Zeit. Gleich wie die
Versklavten der Antike, die Leibeigenen des Mittelalters und die Arbeiter*innen der ersten
industriellen Revolution, existiert heute eine total versklavte Klasse, nur dass sie es nicht
weiss oder wissen will.
Sie ignorieren die Rebellion, die die einzige legitime Reaktion der
Ausgebeuteten sein sollte. Sie akzeptieren ohne Diskussion das klägliche Leben, welches für
sie konstruiert wurde. Der Verzicht und die Resignation ist die Quelle ihres Unglücks.
So ist der Albtraum der modernen Versklavten, welche nichts anderes anstreben, als im
makaberen Tanz des Systems der Entfremdung mitgetragen zu werden.

Die Unterdrückung modernisiert sich indem sie die Formen der Mystifizierung überall
ausbreitet, die ihr ermöglicht unsere sklavischen Bedingungen zu kaschieren. Die wahre
Subversion liegt darin, zu zeigen wie die Realität wirklich ist und nicht so wie sie die
Mächtigen darstellen. Nur die Wahrheit ist revolutionnär

„Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der natürlichen und menschlichen Umwelt durch
den Kapitalismus, der, indem er sich logisch zur absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das
Ganze des Raums als sein eigenes Bühnenbild umarbeiten kann und muss.“

Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels

Je mehr die Versklavten ihre Welt durch ihre entfremdete Arbeit konstruieren, desto mehr
wird das Bühnenbild dieser Welt zum Gefängnis in dem sie leben müssen. Eine schmutzige
Welt, ohne Geruch und Geschmack, die das Elend der vorherrschenden Form der
Produktion birgt.
Dieses Bühnenbild ist im Zustand der permanenten Konstruktion, nichts in ihm ist
konstant. Die unablässige Umgestaltung des Raums, welcher uns umgibt, findet ihre
Rechtfertigung im flächendeckenden Gedächtnisverlust und in der Unsicherheit, in welcher
die Bevölkerung leben muss. Es geht darum, alles zu ändern, so dass es am Bild des Systems
entspricht: jeden Tag wird die Welt ein kleines Bisschen dreckiger und lauter, wie eine
Fabrik.

Jeder Teil dieser Welt ist Eigentum eines Staates oder einer Privatperson. Dieser soziale
Raub welcher die ausschliessende Aneignung des Bodens ist, findet sich verwirklicht in der
Allgegenwart von Mauern, Gittern, Zäunen, Schranken und Grenzen…
dies sind die
sichtbaren Spuren dieser Teilung, die sich überall verbreitet.

Parallel dazu ist das grosse Ziel unserer traurigen Epoche die Vereinheitlichung des
Raumes gemäss den Interessen der Warenkultur. Die Welt soll sich in eine riesige und
effiziente Autobahn wandeln um den Transport der Waren zu erleichtern. Jedes Hindernis,
natürlich oder menschlich, soll zerstört werden.
Die Behausung der modernen Versklavten ist das genaue Abbild ihres Lebens: sie gleicht
den Käfigen, den Gefängnissen, den Höhlen. Im Gegensatz aber zu den Versklavten oder zu
den Gefangenen, müssen die Ausgebeuteten der Moderne für ihren Käfig bezahlen.

„Denn nicht der Mensch, sondern die Welt ist abnormal geworden.“

Antonin Artaud
„Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre
Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit
und theologischer Mucken.“

Karl Marx, Das Kapital

In dieser engen und düsteren Behausung horten die Ausgebeuteten die neuen Waren, die,
wie ihnen die allgegenwärtige Werbung verspricht, Glück und Befriedigung bringen sollen.
Je mehr Waren sie aber anhäufen, desto mehr entfernt sich die Möglichkeit von ihnen eines
Tages dieses Glück zu erreichen.

„Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner
Seele Schaden?“

Markus Evangelium 8.36

Die Ware, ideologisch in ihrem Sein, raubt der der sie produziert die Arbeit und dem der
sie konsumiert das Leben. Im herrschenden ökonomischen System ist es nicht mehr die
Nachfrage, die das Angebot bestimmt, es ist das Angebot das die Nachfrage bestimmt. Neue
Bedürfnisse werden konstruiert und von der großen Mehrheit der Bevölkerung schnell als
lebenswichtige Bedürfnisse angesehen: begonnen beim Radio, dann dem Auto, dem
Fernsehen, dem Computer und heute dem Mobiltelefon.
Alle diese Waren, die innert kürzester Zeit in riesigem Umfang verbreitet werden, ändern
die zwischenmenschlichen Beziehungen bedeutend: sie dienen einerseits der Isolierung des
Menschen von ihren Mitmenschen und andererseits der Verbreitung des herrschenden
Gedankengutes des Systems. Die Dinge die du besitzt, werden letztendlich dich besitzen.

„Was für die Einen Nahrung, ist für die Anderen Gift.“
Paracelsus

Die Art der modernen Versklavten sich zu ernähren, zeigt gut den Zustand der
Dekadenz in dem sie sich befinden. Über immer weniger Zeit verfügend um ihr Essen
zuzubereiten und hinunterzuschlingen, sind sie gezwungen, das zu essen, was die
agrochemische Industrie produziert.
Sie irren in den Supermärkten umher, auf der Suche nach dem Ersatz,
der ihnen die Gesellschaft in ihrem falschen Überfluss anbietet. Einmal
mehr haben sie nur die Illusion einer Auswahl.
Der Überfluss an Nahrungsmitteln versteckt nur deren Verschlechterung und Fälschung.
Es handelt sich um nichts anderes als genetisch veränderte Organismen,
eine Mischung aus Farb- und Konservierungsstoffen, Pestiziden, Hormonen
und weiteren unzähligen Erfindungen der Moderne. Der sofortige Genuss ist die
Motivation der vorherrschenden Ernährungsform, es ist die Motivation für jede Form des
Konsums. Und die Konsequenzen dieser Art der Ernährung sind überall sichtbar.

Aber gegenüber der Armut der Mehrheit erfreuen sich die westlichen Menschen an ihrer
Position und ihrem unbändigen Konsum. Trotzdem ist das Elend überall, wo die totalitäre
Warengesellschaft regiert. Der Mangel ist die Kehrseite der Medaille des falschen
Überflusses. Und in einem System das die Ungleichheit als Merkmal des Fortschritts sieht,
wird der Hunger niemals verschwinden. Dies obwohl die agrochemische Produktion für die
Ernährung der gesamten Menschheit ausreichen würde.

„Sie haben sich eingeredet, der Mensch, der schlimmste Übeltäter unter allen Lebewesen,
sei die Krone der Schöpfung. Alle anderen Kreaturen seien nur erschaffen worden, um ihm
Nahrung und Pelze zu liefern, um gequält und ausgerottet zu werden.“

Isaac Bashevis Singer

Die andere Konsequenz dieses falschen Nahrungsmittelüberflusses ist die Verbreitung von
Konzentrationsfabriken und die massive und barbarische Ausrottung der Arten, welche der
Ernährung der Versklavten dienen. Denn in der Zerstörung liegt der Kern der herrschenden
Produktionsart. Das Leben und die Menschheit widersetzen sich nicht der Begierde nach
Profit einiger weniger.

„Wie traurig zu denken, dass die Natur spricht und die Menschheit nicht zuhört.“

Victor Hugo

Die Plünderung der natürlichen Ressourcen des Planeten, die massive Produktion von
Energie und Waren, der Ausschuss der Überproduktion und anderer Abfall des zur Schau
gestellten Konsums belasten die Möglichkeiten des Überlebens unserer Erde und der Arten,
die sie bevölkern.
Um mit dem brutalen Kapitalismus mitzuhalten, darf das Wachstum
niemals enden. Es muss produziert, produziert und immer weiter produziert werden.
Und es sind die gleichen Umweltzerstörenden, die sich heute als potentielle Rettende des
Planeten darstellen. Diese Dummköpfe der Unterhaltungsindustrie, die von den
Multinationalen finanziert werden, versuchen uns davon zu überzeugen, dass eine kleine
Änderung unserer Lebensgewohnheiten ausreicht, den Planeten vor der Katastrophe zu
retten.
Und während sie uns beschuldigen, fahren sie damit fort ohne Ende unsere Umwelt
und unsere Gedanken zu verpesten. Diese armen pseudo-ökologischen Thesen werden von
korrupten Politikern zur Eigenwerbung immer wieder wiederholt.
Aber sie hüten sich davor
einen radikalen Wechsel des Produktionssystems vorzuschlagen. Es wird wie immer so
gehandelt, dass zwar einige Details geändert werden, jedoch im Grossen und Ganzen alles
wie bisher bestehen bleibt.

Arbeit, im Alt- und Mittelhochdeutschen herrscht die Wortbedeutung „Mühsal“,
„Strapaze“, „Plage“ vor.

Um in den Reigen dieses hektischen Konsums einzutreten, braucht es Geld und um Geld
zu erhalten, muss gearbeitet werden, was bedeutet sich zu verkaufen. Das dominante System
hat die Arbeit zu seinem wichtigsten Wert erhoben. Und die Versklavten müssen immer
mehr arbeiten um auf Pump ihr miserables Leben zu finanzieren. Sie verbrauchen sich in
ihrer Arbeit, verlieren den größten Teil ihrer Lebenskraft und erleiden die schlimmsten
Erniedrigungen. Sie verbringen ihr ganzes Leben in einer ermüdenden und langweiligen
Tätigkeit für den Profit einiger weniger.
Die Erfindung der modernen Arbeitslosigkeit hat den Sinn die Arbeitenden zu ängstigen
und sie den Mächtigen gegenüber unendlich dankbar zu machen, die sich so großzügig mit
ihnen zeigen. Was würden die Versklavten machen ohne diese Folter der Arbeit? Diese
entfremdenden Tätigkeiten, die ihnen als Befreiung präsentiert werden. Was für eine
Erniedrigung und was für ein Elend?

Immer gehetzt durch die Stoppuhr oder die Peitsche, wird jede Handlung der Versklavten
daran gemessen, ob die Produktivität gesteigert wird. Die wissenschaftliche Organisation der
Arbeit ist das Wesen selbst der Enteignung der Arbeitenden, der Frucht ihrer Arbeit aber
auch der Zeit, die sie in der automatischen Produktion der Waren oder Dienstleistungen
verbringen. Die Rolle der Arbeitenden wird mit derjenigen der Maschine in der Fabrik oder
der des Computers im Büro verwechselt. Bezahlte Zeit kommt nicht mehr zurück.
So bekommen alle Arbeitenden eine sich wiederholende Aufgabe zugewiesen, sei es eine
geistige oder körperliche. Sie sind Spezialisten in ihrem Fachgebiet. Diese Spezialisierung
findet sich auch auf weltweiter Stufe, bei der internationalen Arbeitsteilung. Gedacht wird
im Westen, produziert in Asien und gestorben in Afrika.

„Es ist der Mensch als Ganzes, der durch die Organisation der Arbeit auf das produktive
Verhalten konditioniert ist, und außerhalb der Fabrik behält er die gleiche Haut und den
gleichen Kopf.“

Christophe Dejours

Die modernen Versklavten könnten sich mit ihrer Knechtschaft der Arbeit zufrieden geben,
aber in dem Masse, wie das Produktionssystem alle Sektoren des Lebens kolonisiert,
verschwenden die Unterdrückten ihre Zeit in Freizeitbeschäftigungen, Vergnügungen und
organisierten Ferien. Keinen Moment ihres Lebens entfliehen sie dem Einfluss des Systems.
Jeder Moment ihres Lebens wird kolonisiert. Sie sind Vollzeit-Versklavte.

„Die Medizin lässt einen langsamer sterben.“
Plutarch

Der allgemeine Zerfall ihrer Umwelt, die Verschlechterung der Luft die sie atmen und der
Nahrung die sie konsumieren; der Stress ihrer Arbeitsbedingungen und der Gesamtheit ihres
sozialen Lebens sind die Ursachen der neuen Krankheiten der modernen Versklavten.

Die westliche Medizin kennt kein Heilmittel gegen das Übel an welchem die modernen
Versklavten leiden: die Verstümmelung. Es basiert auf der Chirurgie, den Antibiotika oder
den Chemotherapien mit denen die Erkrankten der Warenmedizin behandelt werden. Die
Symptome der Krankheiten werden bekämpft, nicht deren Ursachen. Die Suche nach diesen
Ursachen würde nämlich unvermeidlich zu einer Verurteilung der bestehenden sozialen
Ordnung in ihrem Ganzen führen.
So wie das System jedes Detail unserer Welt zu einer einfachen Ware macht, wurde auch
unser Körper eine Ware, ein Objekt der Forschung und der Experimente für die
Zauberlehrlinge der Warenmedizin und der Molekularbiologie. Und die Herrschenden der
Welt sind bereit alles Lebendige zu patentieren.

Die komplette Entschlüsselung der DNS des menschlichen Erbguts ist der Startpunkt einer
neuen Strategie, eingeführt durch die Mächtigen. Die genetische Dekodierung hat kein
anderes Ziel als die Formen der Dominanz und Kontrolle beträchtlich auszubauen.
Wie viele andere Dinge gehört unser Körper nicht mehr uns selbst.

„Durch ständiges Gehorchen bekommt man Reflexe der Unterwerfung.“
Anonym

Das Beste ihres Lebens gleitet ihnen durch die Finger, trotzdem fahren sie fort, weil sie die
Gewohnheit des Gehorchens schon immer hatten. Die Gehorsamkeit hat sich in eine zweite
Natur gewandelt. Sie gehorchen ohne zu wissen warum, das Einzige was sie wissen, ist, dass
sie zu gehorchen haben. Gehorchen, produzieren und konsumieren, das ist die Dreifaltigkeit,
welche ihr Leben dominiert. Sie gehorchen ihren Eltern, ihren Lehrkräften, ihren Bossen,
ihren Vermietenden, ihren Verkaufenden. Sie gehorchen dem Gesetz und den
Ordnungshütenden. Sie gehorchen den Mächtigen, weil sie nichts anderes zu machen
wissen. Nichts beängstigt sie mehr als der Ungehorsam, weil dieser ein Risiko, ein
Abenteuer, ein Wechsel bedeutet. So wie ein Kind, das panisch wird, sobald es ihre Eltern
aus den Augen verliert, fühlen sich die modernen Versklavten desorientiert ohne die Macht,
die sie erschaffen hat. Aus diesem Grund fahren sie fort zu gehorchen.

Es ist die Angst, die uns zu Versklavten macht und die uns in diesem Zustand hält. Wir
beugen uns vor den Herren und Damen der Welt, aus Furcht akzeptieren wir das Leben in Demütigung
und Elend.
Trotz unserer zahlenmäßigen Überlegenheit, richten wir uns nach dieser Minderheit, die
regiert. Ihre Stärke stützt sich dabei nicht auf ihre Polizei sondern auf unsere Zustimmung.
Wir rechtfertigen unsere Feigheit vor der legitimen Auseinandersetzung mit den uns
unterdrückenden Kräften, mit einem Diskurs voller moralisierendem Humanismus. Die
Ablehnung von revolutionärer Gewalt ist im Geist jener verankert, die sich dem System mit
den Werten widersetzen, die dieses ihnen selbst beigebracht hat.

Die Macht selbst jedoch zögert nie Gewalt einzusetzen, wenn es darum geht ihre
Vormachtstellung zu bewahren

„In einem Staat, der seine Bürger willkürlich einsperrt, ist es eine Ehre für einen Mann im
Gefängnis zu sitzen.“

Henry David Thoreau, Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Trotzdem existieren Individuen, welche der Bewusstseinskontrolle entfliehen. Diese stehen
jedoch unter Überwachung. Jeder Akt der Rebellion oder des Widerstands wird als
abweichende oder terroristische Aktion betitelt. Die Freiheit existiert nur für jene, welche
die Wareninteressen verteidigen. Der reale Widerstand gegen das herrschende System wird
von jetzt an im Verborgenen stattfinden. Für diese Opposition gegen das System stellt die
Repression die Regel dar. Das Schweigen der Mehrheit der Versklavten gegenüber dieser
Repression findet seine Rechtfertigung in der medialen und politischen Kampagne, welche
die Existenz des Konfliktes in der realen Gesellschaft leugnet.

„Und was man ehedem ‚um Gottes willen’ that, thut man jetzt um des Geldes willen, das
heißt um dessen willen, was jetzt am höchsten Machtgefühl und gutes Gewissen gibt.“

Friedrich Nietzsche, Morgenröte

Wie alle Unterdrückten der Geschichte brauchen die modernen Versklavten das Mystische
und ihren Gott um das Schlechte, das sie quält und das Leid das sie bedrückt zu betäuben.
Der neue Gott aber, welchem sie ihre Seele hingeben, ist nichts anderes als das Nichts: es
ist eine Stück Papier, eine Zahl, die nur einen Wert bekommt, weil alle Welt ihr diesen
zugesteht. Es ist für diesen neuen Gott für den die Versklavten studieren, für den sie
arbeiten, für den sie kämpfen und für den sie sich verkaufen. Für diesen neuen Gott geben
sie alle Werte auf und sind bereit alles zu tun. Sie denken, dass mehr Geld zu besitzen sie
von den Zwängen befreien wird, die sie einsperren, als ob Besitz Hand in Hand mit der
Freiheit ginge. Befreiung ist Askese, die durch Selbstkontrolle kommt. Sie ist eine Sehnsucht
und ein Wollen in Aktion. Ein Sein, nicht ein Haben. Auch braucht es Entschlossenheit,
nicht mehr zu dienen, nicht mehr zu gehorchen. Es fehlt an der Fähigkeit mit dieser
Gewohnheiten zu brechen, welche, so wie es scheint, keine(r) wagt in Frage zu stellen.

Acta est fabulaVorbei ist vorbei

Den modernen Versklavten wird eingeredet, dass keine Alternative zur Organisation der
jetzigen Welt existiert. Sie finden sich mit diesem Leben ab, weil sie denken kein anderes
haben zu können. Und genau darin liegt die Stärke der jetzigen Herrschaft: die Illusion
aufrechtzuerhalten, dass das System, das die gesamte Erdoberfläche kolonisiert hat, das
Ende der Geschichte ist. Das System macht der beherrschten Klasse weis, dass sich an seine
Ideologie anpassen, einer Anpassung an die Welt, so wie sie ist und so wie sie immer war,
gleichkommt. Von einer anderen Welt zu träumen ist ein von den Medien und den
Mächtigen einstimmig verurteiltes Verbrechen geworden. In Wahrheit jedoch begehen
diejenigen die Verbrechen, die bewusst oder nicht an der Demenz der dominanten sozialen
Organisation mitwirken. Es gibt kein größerer Wahnsinn, als der des gegenwärtigen
Systems.

„Und wenn er’s nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht
ehren und das goldene Bild, das du hast aufrichten lassen, nicht anbeten wollen.“

Altes Testament, Daniel 3.18

Angesichts der Verwüstung der realen Welt ist es für das System nötig das Bewusstsein
der Versklavten zu kolonisieren. Den Kräften der Repression geht im herrschenden System
die organisierte Abschreckung voraus, die ihre Aufgabe der Ausbildung der Versklavten von
Kindesalter an erfüllt. Sie müssen ihren sklavischen Zustand, ihr Gefängnis und ihr
miserables Leben vergessen. Es reicht diese hypnotisierte Menge zu sehen, verbunden mit
dem Bildschirm, welcher sie durch ihr alltägliches Leben begleitet. Sie verbergen ihre
permanente Unzufriedenheit mit dem manipulierten Abbild eines Traumlebens, gemacht aus
Geld, Ruhm und Abenteuer.

Jedoch sind ihre Träume so bedauerlich, wie ihr elendes Leben.
Es gibt für alle und für alles Bilder. Diese Bilder enthalten die ideologische Botschaft der
modernen Gesellschaft und dienen als Instrument zur Vereinheitlichung und zur Propaganda.
Sie nehmen in dem Masse zu, wie die Menschen von ihrer Welt und seinem Leben enteignet
wird. Es ist das Kind, das das erste Ziel dieser Bilder ist, um die Freiheit der Kindheit zu
ersticken. Man muss sie dumm machen und ihnen jede Form von Reflexion und Kritik
nehmen. All dies geschieht mit der erschreckenden Komplizenschaft der Eltern, die
aufgegeben haben sich der Schlagkraft der modernen Kommunikationsmittel zu
widersetzen.

Sie selbst kaufen die Waren, die nötig sind ihre Nachkommen zu unterwerfen.
Sie kümmern sich nicht um die Ausbildung ihrer Kinder und liefern sie als Ganzes dem
System der Verdummung und der Passivität aus.
Für jedes Alter und für jede soziale Klasse existieren Bilder. Und die modernen Versklavten
verwechseln diese Bilder mit Kultur und manchmal mit Kunst. Das System appelliert an die
niedrigsten Instinkte um seine Waren zu verkaufen. Und die Frau, doppelt versklavt in der
heutigen Gesellschaft, ist diejenige, die den höchsten Preis bezahlt. Sie wird darauf reduziert
ein einfaches Objekt des Konsums zu sein. Die Revolte selbst ist zu einem Bild verkommen,
das verkauft wird um das subversive Potential besser zu zerstören. Das Bild ist heute immer
die einfachste und wirkungsvollste Form der Kommunikation. Modelle werden konstruiert,
die Massen werden stumpfsinnig gemacht, sie werden belogen, Frustration wird in ihnen
hervorgerufen. Die Ideologie der Ware wird durch das Bild verbreitet, wobei es sich, wie
immer um das gleiche Ziel handelt: verkaufen. Sei es ein Lifestyle oder ein Produkt, eine
Verhaltensweise oder eine Ware, egal was, es muss verkauft werden.

„Das Fernsehen macht die dumm, die es schauen,
nicht die, die es machen.“

Patrick Poivre d’Arvor

Diese armen Menschen amüsieren sich, aber diese Vergnügungen dienen zu nichts
anderem als sie vom wahren Übel, das sie bedrückt, abzulenken. Sie lassen alles mit ihrem
Leben geschehen und täuschen vor, stolz zu sein. Sie versuchen ihre Zufriedenheit zu
zeigen, wobei sich jedoch niemand täuschen lässt. Sie schaffen es nicht einmal mehr sich
selbst zu täuschen, wenn sie sich im Spiegel sehen. So verlieren sie ihre Zeit damit, Idioten
zuzuschauen, die die Aufgabe haben, sie zum Lachen oder zum Singen, zum Träumen oder
zum Weinen zu bringen.
Durch den medialen Sport erleben die modernen Versklavten die Erfolge und die
Misserfolge, die Stärken und die Siege, die sie in ihrem eigenen Alltag nicht mehr erleben
können. Ihre Unzufriedenheit verlockt sie, ihr Leben stellvertretend durch den Fernseher
leben zu lassen. Während die Kaiser im alten Rom die Unterwerfung des Volkes mit Brot
und Spielen kauften, wird heute mit Vergnügungen und dem Konsum der Leere das
Schweigen der Versklavten erkauft.

„Wir glauben die Worte zu beherrschen, jedoch sind es die Worte die uns beherrschen.“

Alain Rey

Die Bewusstseinskontrolle ist im Wesentlichen das Resultat des Missbrauchs der Sprache
durch die wirtschaftlich und sozial dominante Klasse. Da sie die Besitzerin der Gesamtheit
der Kommunikationsmittel ist, verbreitet die Macht ihre Ideologie der Ware durch die starre,
unvollständige und parteiische Bedeutung, die sie den Worten beimisst.

Die Worte werden als neutral und ihre Bedeutung als offensichtlich präsentiert. Aber unter
der Kontrolle der Macht zeigt die Sprache immer eine andere Sache als das wirkliche Leben.
Es ist vor allem eine Sprache der Resignation und der Machtlosigkeit, die Sprache des
passiven Akzeptierens der Dinge so wie sie sind und so wie sie bleiben müssen. Die Worte
arbeiten im Auftrag der dominanten Struktur des Lebens, wenn wir die Sprache der
Mächtigen nutzen, verdammt uns dies zur Machtlosigkeit.

Das Problem der Sprache ist zentral im Kampf für die Emanzipation der Menschheit. Es
ist keine Form der Herrschaft unter anderen, es ist das Herz selbst des Projektes der
Unterwerfung des totalitären Warensystems. Es ist durch die Wiederaneignung der Sprache
und somit der realen Kommunikation zwischen den Menschen, die von Neuem die
Möglichkeit eines radikalen Wechsels entstehen lässt. In diesem Sinne muss das
Revolutionäre mit dem Poetischen zusammenkommen. In der kollektiven Auflehnung wird
das gesprochene Wort durch unzählige Gruppen ergriffen und neuerfunden. Die kreative
Spontaneität findet sich in Allen wieder und vereint uns.

„Wählen heißt entsagen.“

Élisée Reclus

Trotz allem denken die modernen Versklavten immer noch wie Citoyens. Sie glauben frei
wählen und entscheiden zu können, wer ihre Angelegenheiten lenken soll. Als hätten sie die
Wahl. Sie haben nichts als Illusionen bewahrt. Glaubt ihr wirklich, dass ein grundlegender
Unterschied existiert zwischen der Sozialdemokratie und der populistischen Rechten in
Frankreich, zwischen der Demokratischen und der Republikanischen Partei in den
Vereinigten Staaten, der Sozialdemokratischen und der Christdemokratischen Partei in
Deutschland?

Eine Opposition existiert nicht, denn die herrschenden politischen Parteien
sind mit dem Wesentlichen einverstanden: die Erhaltung der jetzigen Warengesellschaft.
Keine der politischen Parteien, denen es gelingt an die Macht zu kommen, weist das Dogma
der Ware zurück. Und es sind diese Parteien, die mit der Komplizenschaft der Medien den
äußeren Schein bestimmen. Sie streiten sich um kleine Details, während alles beim Alten
bleiben muss. Sie streiten um zu wissen, wer die Stellen besetzt, welche der
Warenparlamentarismus ihnen offeriert.
Diese armseligen Streitereien werden von allen
Medien übertragen um eine echte Debatte über die Wahl der Gesellschaft, in der wir leben
wollen zu verhindern. Der äußere Schein und die Belanglosigkeit herrschen über die Tiefe
der Auseinandersetzung der Ideen.

All das gleicht nicht im Entferntesten einer Demokratie.

Die wirkliche Demokratie definiert sich zuerst und vor allem durch die Teilnahme der
Masse der Citoyens an der Verwaltung der Angelegenheiten der Kommune. Sie ist direkt
und ermöglicht wahre Mitbestimmung. Sie findet ihren wahrsten Ausdruck in der
Volksversammlung und im ständigen Dialog über die Organisation des Zusammenlebens. Die
repräsentative und parlamentarische Form, die sich unehrlicherweise den Namen
Demokratie angeeignet hat, beschränkt die Macht der Citoyens auf ein Recht zu wählen,
was gar nichts bedeutet, denn das Recht zwischen hellgrau und dunkelgrau zu wählen, ist
keine echte Wahl. Die parlamentarischen Sitze werden in ihrer riesigen Mehrheit durch die
wirtschaftlich dominierende Klasse besetzt, sei sie nun von der politischen Rechten oder der
so genannten linken Sozialdemokratie.

Die Macht ist nicht zu erobern, sie ist zu zerstören. Die Macht ist von Natur aus
tyrannisch, ob sie nun von einer Königin, einem Diktator oder gewählten Präsidenten*innen
ausgeübt wird.

Der einzige Unterschied der parlamentarischen „Demokratie“ zu den
anderen Formen ist, dass die Versklavten die Illusion haben selbst zu wählen, wer sie
unterdrückt. Sie sind nicht Versklavte, weil Herren /Damen existieren, es existieren Damen/ Herren, weil sie
sich dazu entschieden haben Versklavte zu bleiben.

„Die Natur hat weder Diener noch Herren geschaffen. Ich will keine Gesetze erlassen und
keine hinnehmen.“

Denis Diderot

Das dominante System definiert sich also über die Allgegenwart seiner Warenideologie. Es
besetzt zugleich den gesamten Raum und alle Sektoren des Lebens. Alles was es uns sagt ist:
„produziert, verkauft, konsumiert, hortet!“

Das System hat alle menschlichen Beziehungen
auf Warenbeziehungen reduziert und betrachtet unseren Planeten wie eine einfache Ware.
Die Aufgabe, die uns aufgebürdet wird, ist die sklavische Arbeit. Das einzige Recht, das das
System anerkennt, ist das Recht auf Privateigentum. Den einzigen Gott, den es verehrt, ist
das Geld. Das Monopol des äußeren Scheins ist total. Das Einzige was an die
Öffentlichkeit gelangt, sind für die dominante Ideologie vorteilhafte Menschen und Reden.
Die Kritik an dieser Welt wird in der Flut der Medien ertränkt, welche bestimmt, was gut
und was schlecht ist, was man sehen kann und was nicht.

Die Allgegenwart der Ideologie, die Verehrung des Geldes, das Monopol des äußeren
Scheins, eine Einheitspartei unter dem Deckmantel des parlamentarischen Pluralismus, die
Abwesenheit einer sichtbaren Opposition, Repression in all ihren Formen, der Wille den
Menschen und die Welt umzuformen. Das ist das wahre Gesicht des modernen
Totalitarismus, welcher sich „liberale Demokratie“ nennt. Besser wäre es ihn bei seinem
wahren Namen zu nennen: das totalitäre Warensystem.

Der Mensch, die Gesellschaft und die Gesamtheit unseres Planeten stehen im Dienst dieser
Ideologie. Dem totalitären Warensystem ist gelungen, was keinem Totalitarismus vor ihm
gelungen ist: Die Welt vereinheitlichen unter seinem Bild. Heute gibt es kein Entkommen
mehr.

Je weiter sich die Unterdrückung in jeden Bereich des Lebens ausbreitet, desto mehr
bekommt die Revolte die Gestalt eines sozialen Krieges. Die Unruhen leben wieder auf und
künden das Kommen der Revolution an.

Die Zerstörung der totalitären Warengesellschaft ist keine Frage der Anschauung, sie
ist eine absolute Notwendigkeit in einer Welt, die bekanntermaßen verdammt ist. Weil die
Macht überall ist, muss sie auch überall und immer bekämpft werden.
Die Neuerfindung der Sprache, die permanente Revolution im alltäglichen Leben, der
Ungehorsam und der Widerstand sind die Schlüsselworte der Revolte gegen die etablierte
Ordnung. Aber damit aus dieser Revolte eine Revolution wird, müssen alle individuellen
Ansichten in einer gemeinsamen Front vereinigt werden.

Es ist die Einheit aller revolutionären Kräfte, die handeln muss. Und getan werden kann
es nur im Bewusstsein der vergangenen Niederlagen: weder der fruchtlose Reformismus
noch die totalitäre Bürokratie können eine Lösung für unsere Unzufriedenheit sein. Es
müssen neue Formen der Organisation und des Kampfes gefunden werden.

Die Selbstverwaltung in den Betrieben und die „direkte Demokratie“ auf kommunaler
Ebene bilden die Grundlage dieser neuen Organisation, welche antihierarchisch in ihrer
Form und ihrem Inhalt sein muss.

Die Macht ist nicht zu erobern, sie ist zu zerstören.

„O edle Herrn, des Lebens Zeit ist kurz (…) Wir treten Kön’ge nieder, wenn wir leben.“
William Shakespeare

Jean-François Brient

Der Film zum Text: „https://docs.google.com/file/d/0B4PkymNo3EHaLWY1c0RKQ0lLeHM/edit?pli=1„>

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