„Von Beruf bin ich Emigrant“ – Carl Meffert(Clément Moreau)

In der Nacht auf den 10. Juli 1934 wird Erich Mühsam im KZ Oranienburg von der SS ermordet. Offiziell wird „Selbstmord“ als Todesursache ausgegeben („Der Jude Erich Mühsam hat sich in der Schutzhaft erhängt“.) Doch der Linolschnitt von Carl Meffert zeigt mit künstlerischen Mitteln, was die Mithäftlinge von Mühsam schon Tags darauf mitteilten.

Auf dem Bild trägt Erich Mühsam Handschellen – er war kurz vor seinem Tode in das Büro des Lagerkommandanten gebracht worden. Sein Gesicht eher friedlich, der Mund ist geschlossen. Das Seil so gut geknüpft, wie es Mühsam hätte nie selber machen können.
Aber es sind vor allem die Handfesseln, die all die Schändlichkeit und Absurdität zeigen.

Es ist zum einen ein einsamer Tod aber durch die eindringliche Darstellung ein Augenblick, an dem wir, all die Überlebenden, teilhaben — eingebrannt dieser Moment, so als gäbe es keine Zeit mehr, keinen neuen Tag mehr, (mit)leidend wie „ein geschundener Hund“.

Carl Meffert hatte Erich Mühsam persönlich kennen gelernt.

»Ich kam dann zusammen, über die Käthe Kollwitz, mit dem Heinrich
Vogeler, einem Maler damals und dem gegenüber als Nachbar
wohnte so ein komischer Kauz, ein Anarchist. was wusste ich, was ein
Anarchist war und der hieß Erich Mühsam. Ein kleinerer Mann mit
einem roten Bart, schmal, aber weißt du, der war menschlich sehr anständig.
Der war menschlich sehr sympathisch….
Ich hatte Mühsam gern, menschlich, und wir sind menschlich zusammen
ausgekommen. Sein Verhalten, seine Lebensweise war äußerst
human, immer freundlich, angenehm im Umgang, gewaltlos, er hat nie
über andere befohlen, andere belehrt. Er gab Denkanstösse, sonst nichts.

Carl Meffert wurde am 26. März 1903 als „uneheliches“ Kind geboren und von Beginn zwischen seinen Eltern hin-und hergeschoben. Mit elf steckt ihn sein prügelnder Vater in ein Heim, damit er „mal so richtig angepackt wird“.

„Die Kinder bekamen ein Minimum an Schulbildung. Anfänglich waren es drei Stunden täglich, später weniger, die restliche Zeit arbeiteten sie auf dem Feld oder wurden an umliegende Rüstungsfabriken ausgemietet. Carl lernte vor allem eines: ausreißen, abhauen, flüchten. Wenn ihm die Situation ausweglos erschien, lief er davon, meistens zu seiner Mutter. Die Bestrafungen danach waren fürchterlich. Er wurde in den Keller gesperrt: vierzehn Tage Dunkelhaft mit einem Teller Suppe pro Tag. Nach der Entlassung fiel seine Klasse über ihn her, weil auch sie bestraft worden war. Nur durchs Zeichnen konnte er sich eine gewisse Erleichterung verschaffen.“

Der 20teilige Fürsorgezyklus, den Carl 1929 fertig stellt, gibt einen Einblick in die Heimerziehung der damaligen Zeit.


„http://www.societyofcontrol.com/reform/meffert_web/„>

Es gelingt ihm nach einiger Zeit die Flucht. In den Revolutionsjahren 1918/19 schliesst er sich den Spartakisten an, wird Plakatmaler. Hier werden zum ersten Mal seine zeichnerischen und gestalterischen Fähigkeiten geschätzt.

Sein Vater lässt ihn von der Polizei jagen, festnehmen und Carl wird zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbringt davon 3 ½ Jahre in Einzelhaft. 1925 geht er nach Berlin und in die „Meisterklasse“ von Käthe Kollwitz. Hier lernt er dann Erich und Zensel Mühsam kennen

Mit ihnen diskutiert er über ihre Kunstauffassungen, entdeckt Gemeinsamkeiten,

„Ihnen muss gesagt werden, dass alle Kunst notwendig anarchisch ist, und dass ein Mensch zuerst Anarchist sein muss, um Künstler sein zu können. Denn alles künstlerische Schaffen entspricht der Sehnsucht nach Befreiung von Zwang und ist im Wesen frei von Autorität und äußerlichem Gesetz. Die innere Bindung und Ordnung der Kunst aber hängt tief zusammen mit den Beziehungen des einzelnen freiheitlichen Individuums zum ganzen Organismus der Gesellschaft“ (Mühsam)

In unseren Auffassungen über die Kunst bzw. über das, was wir mit künstlerischen
Mitteln anfangen wollten – den Begriff Kunst gebrauchte ich nicht – hatten
wir Gemeinsames. Der Inhalt der Arbeit war der Mensch, es ging um das Menschliche. Abstraktes, künstlich Symbolisches hat mich nie interessiert. In dieser Hinsicht waren wir uns damals einig“
(Meffert)

ist von dem solidarischen Umgang beeindruckt, findet seine Themen Flucht, Gefängnisse, Solidarität widergespiegelt.

In seinem späteren Zyklus „Nacht über Deutschland“ variiert er noch einmal in den Bildern 23 bis 29 die Ermordung Erich Mühsams

„http://www.clement-moreau.ch/downloads/Heft32.pdf„>

Carl selber entgeht nur knapp einer Verhaftung durch die Gestapo, kann in der Schweiz untertauchen. In dieser Illegalität sucht er einen neuen Namen – er nimmt den Nachnamen seiner Grossmutter – Moreau –Nun wird er sich abwechselnd Clément Moreau oder Carl Meffert nennen.

1935 reist er mit einem Ausweis für Staatenlose („Nansenpass“) nach Buenos Aires, ins argentinische Exil.

Zwei Jahre später veröffentlicht er den angesprochenen Zyklus „Nacht über Deutschland“.
Aber auch in Buenos Aires findet er keine Ruhe – er wird zensiert, seine Familie schikaniert. Er wird nach Jujuy(im Nordwesten von Argentinien), dann nach Patagonien gezwungen, wo er Zeichnungen und Linolschnitte vom Leben der Indigenas anfertigt.

In den 6oerJahren – 26 Jahre Exil – entscheidet er sich mit seiner Familie in die Schweiz zurück zu gehen.

«mensch könnte von meinem leben eigentlich sagen: von beruf bin ich ein emigrant. wo ich auch hin kam, nach kurzer zeit musste ich als emigrant wieder weg. Einfach: mensch wird als emigrant durch die welt gehetzt

Die meisten seiner Werke sind Linolschnitte. Linoleum, ein Fussbodenbelag, billig und überall erhältlich. Seine Schnitte sind Reaktionen auf Tagesereignisse, er arbeitet mit klaren, einfachen Mitteln.

»Es sind nie abstrakte Ideen, sondern es ist immer eine ganz menschliche,
reale, wirkliche Situation, die zur Hilfe aufruft, auf die aufmerksam
gemacht werden soll, die verändert werden soll. Insofern kann es
politisch sein, aber es ist niemals parteipolitisch.Keine Partei kann mich
in ihren Dienst stellen und damit meine Arbeit, ich bin ein Humanist,
ein humanistischer Grafiker, wenn ich schon ein Bekenntnis ablegen
soll.«

Durch die Form eines Bildzyklus entstehen Bildergeschichten, die für jede lesbar wird, jede(n) auf einen bestimmten Weg führt, den der Veränderung.

Was dargestellt ist,muss überzeugen. So haben die Zeichnungen ihre
Gültigkeit. Ich habe immer geschafft für aktuelleThemen und Probleme
und habe immer geschafft für Zeitungen und Zeitschriften, habe aber
versucht, das immer so anständig und gut zu machen vom Grafischen
her, dass es sich als Grafik bis heute gehalten hat.Das ist derWitz dabei.
Verstehst Du? Meine Arbeit hatte immer eine Funktion. Ich empfinde
mich als Gebrauchsgrafiker, als ein Grafiker, der etwas macht, das gebraucht
wird und gebraucht werden kann, und darum habe ich mit
Kunst nichts zu tun

Carl Meffert stirbt am 27. Dezember 1988 .

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