„Soziometrie“ und „Anarchistischer Untergrund“ – Lev Cherny

Zwischen dem 11. und dem 12. April 1918 stürmen 1000 Einsatzkräfte des bolschewistischen Geheimdienstes „Tscheka“ 20 von Anarchist*innen besetzte Häuser in Moskau. In der Malaia Dimitrovka Strasse (dem Sitz der Moskauer anarchistischen Föderation) kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der „Tscheka“ und den „Schwarzen Garden“, bewaffnete Abteilungen der Föderation.
Auf beiden Seiten gibt es Tote (dabei 40 Anarchist*innen), über 500 von ihnen werden festgenommen, 25 anschliessend hingerichtet.

Die „Schwarzen Garden“ hatten sich im Februar 1918 gegründet, die so auf die wachsende Unterdrückung jeglicher Opposition reagiert hatten. Der Anarchist und Schriftsteller Pavel Dmitrievič Turčaninov ( Lev Cherni )spielte dabei eine aktive Rolle.

Lev Cherni , 1878 in Moskau geboren, schloss sich schon früh anarchistischen Gruppierungen an. 1907 erschien sein Buch über den „assoziativen Anarchismus“( „Nowoje napravlénie v anarjizme: assotsiatsiónnyi anarjizm“,) in dem er die „totale Befreiung der Einzelnen aus den Fesseln der Gesellschaft“ forderte, und eine „freie Vereinigung von unabhängigen Individuen“dem anarchistischen Kommunismus eines Kropotkin entgegensetzte.

In dem Essay wird das verbindende Element der Freiheit hervorgehoben und ein neues soziologisches Konzept entworfen, das er „Soziometrie“ nennt (1907 !) Hierbei teilt er alle Systeme, in denen menschliche Beziehungen bestehen, in drei Typen ein. Im Folgenden wird der erste Typ abgelehnt, weil er die autoritäre Unterordnung darstellt. Der zweite Typ wird ausgeschlossen, weil er die Sklaverei im Industriebetrieb vertritt. Der dritte Typ wird hervorgehoben, da dieser die Freiheit und primäre Formen des Mutualismus vertritt.

Das zaristische Regime verbannte ihn nach Sibirien, von wo er im Frühjahr 1917 nach Ausbruch der Februarrevolution nach Moskau zurückkehrte und bald Sekretär der sich im März gebildeten Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen wurde. Schon im März 1918 ging er auf Konfrontation zu den Bolschewisten. Der sich herausbildende sozialistische Staat sei genau so zu bekämpfen wie zuvor der bürgerliche schrieb er in der Zeitschrift „Anarchija“ .

Als die Bolschewiki systematisch anfingen Kritik und Opposition repressiv zu bekämpfen, entstanden die oben genannten „Schwarzen Garden“.

Als emsiger Verfechter der „ kollektiven Wiederaneignung“ war er auch Mitglied der „Anarjisti Podpolia“ („Anarchistischer Untergrund“).

Diese protestierten zusammen mit einigen Sozialrevolutionär*innen mit einem Anschlag gegen die bolschewistische Repression. Einige Bomben wurden im Hauptquartier des Moskauer Komitees der Kommunistischen Partei deponiert und gezündet, 12 Bolschewiki starben, 55 wurden verletzt.

Obwohl Lev Cherny keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte, wurde er aufgrund seiner Verbindungen zum „Anarchistischen Untergrund“ festgenommen und ohne Anhörung oder Gerichtsverfahren am 21.September 1921 mit neun anderen , dabei die Sozialrevolutionärin Fanny Baron,

nach Informationen der „Iswestija“ erschossen. Die Bolschewiki weigerten sich anschliessend, der Familie den Körper zu übergeben, es mehrten sich die Gerüchte, daß Lev schon während der Folter gestorben sei.

„Die Tragödien gingen weiter. Aus Odessa kam eine ungeheuerliche Nachricht: Die Tscheka hatte Fanny Baron und Lew Tschorny, einen der Ideologen des russischen Anarchismus, erschossen. (Es war eine schmutzige Geschichte provinzieller Provokation gewesen.) Lew Tschorny hatte ich ein Dutzend Jahre früher in Paris gut gekannt, als er mit seinem wächsernen Teint, den tiefen Augenhöhlen und den glühenden Augen wie eine Figur, die aus einer byzantinischen Ikone herabgestiegen zu sein schien, im Quartier Latin lebte, wo er die Fensterscheiben der Restaurants wusch, um dann unter den Bäumen des Luxembourg seine „Soziometrie“ zu schreiben. Er kam natürlich aus irgendeinem Gefängnis oder Zuchthaus, ein systematischer Geist, ein großer Gläubiger und Asket. …“ (Victor Serge).

Eine weitere Welle von Verhaftungen folgte diesem Jahr 1921, der mit der Niederschlagung des „Kronstädter Aufstandes“ begonnen hatte. Danach starben noch tausende, unter anderem verschwanden viele Anarchist*innen nach „Revolutionären Tribunalen“ in Gefängnislagern, wo sie an Krankheit, Zwangsarbeit oder durch die Henker der „Tscheka“ krepierten.

„Grau sind die vorübergehenden Tage. Ein Hoffnungsfunke nach dem anderen ist verglimmt. Terror und Despotismus haben das im Oktober geborene Leben vernichtet. Den Slogans der Revolution abgeschworen, ihre Ideale im Blut des Volkes erstickt. Der Atem von gestern verdammt Millionen zum Tode, der Schatten von heute hängt wie ein schwarzes Leichentuch über dem Land. Die Diktatur tritt die Massen mit Füßen. Die Revolution ist tot; ihr Geist schreit in der Wildnis“ (Alexander Berkmann)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks