Wir sind Lumpen! Vorwärts !!

Ich habe die Freiheit nicht bei Marx kennen gelernt… ich habe sie im Elend gelernt“(Camus)


„Ok ! Wir sind Lumpen. Vorwärts. Lumpenproletariat sind all diejenigen, die keine sichere Beziehung oder einen althergebrachten Anteil an den Produktionsmitteln haben. Der Teil der „industriellen Reservearmee“ der beständig in Reserve gehalten wird; der niemals gearbeitet hat und das auch niemals tun wird. Der keine Arbeit finden kann. Der ohne Ausbildung und ungelernt ist. Der durch Maschinen, Automation und Kybernetik ersetzt und niemals „umgeschult“ oder mit neuen Qualifikationen versehen worden ist. All diejenigen, die von der staatlichen Unterstützung leben. Ebenso die so genannten kriminellen Elemente, die von ihrem gewitzten Verstand leben, von denen, die sie ausnehmen. Diejenigen, die einen Job noch nicht einmal wollen, die die Arbeit hassen und keine Lust haben, die Zeituhr irgendeines Kapitalisten zu stechen, die diesem sie lieber in die Fresse stecken und ihn ausrauben, statt für ihn zu arbeiten….. kurz gesagt alle die, denen die Wirtschaft verschlossen ist und die man um ihr rechtmäßiges soziales Erbe betrogen hat.“ (Eldrige Cleaver)

Für Marx und die Kommunisten waren sie die „ passive Verfaulung der untersten Schichten der bestehenden Gesellschaft, Gesindel, absolut käuflich und zudringlich.“

Die Nazis steckten ihnen in den Konzentrationslagern einen „schwarzen Winkel“ an, die politischen Häftlinge bespuckten sie und fanden sie „unerwünscht“. „http://radiochiflado.blogsport.de/2010/04/10/schafft-den-tag-der-arbeit-ab/“> (Alles Naehere dazu hier)

In Frantz Fanon fanden die „Lumpen“ hingegen scheinbar einen Fürsprecher. Er sah die „große gewaltsame Befreiung“ in der Masse der Verarmten und Hungernden, in denen Lumpen die „wie eine Meute Ratten, trotz Tritte und Steinwürfen, die Wurzeln des Baumes annagen.“
Aber auch bei ihm bedarf es der Lenkung und Führung: „ Der Unterdrücker, der keine Gelegenheit auslässt, dass sich die Kolonisierten gegenseitig auffressen, macht sich mit viel Geschick das mangelnde Bewusstsein und Wissen, diese Geburtsfehler des Lumpenproletariats zunutze. Wenn diese Menschen nicht sofort vom Aufstand mobilisiert werden, kann man es als Söldnerheer auf Seiten der kolonistischen Truppen wieder finden.“

Fanon sieht zwar in ihnen eine der spontansten und radikalsten Kräfte, plädiert aber aufgrund vieler Befreiungskämpfe vor allem in Afrika auf eine nicht näher definierte „Befreiungsbewegung“, die deshalb den Lumpen größte Aufmerksamkeit schenken soll.

Aber von solch pädagogischen Maßnahmen hatten die Lumpen eigentlich schon immer genug.

Vor dem Aufstand wurden arme Kinder und Jugendliche „verwildert“, „Abschaum“ usw. genannt bei Eltern, die vor dem Aufstand „Schwachsinnige“, „Nichtsnutze“ usw. genannt wurden von einem vielfältigen, aber doch wohlhabenden Querschnitt irgendeiner Gesellschaft.

Seit dem Aufruhr werden arme Kinder und Jugendliche „verwildert“, „Abschaum“, „Ungeziefer“ „Kriminelle“, „Ratten“,Affen“, „Idioten“, „Perverse“ usw. genannt, von einem vielfältigen, aber relativ wohlhabenden Querschnitt der Gesellschaft

Seit dem Aufruhr werden die Eltern dieser Kinder und Jugendlichen „Schwachsinnige“, „Nichtsnutze“, „Schnorrer“, „Ignoranten“, „vernachlässigende Eltern“, „abwesende Väter“, „faule Säcke“, „inkompetent und nutzlos“, mit „krimineller Gesinnung“ usw. genannt von einem vielfältigen, aber relativ wohlhabenden Querschnitt nicht nur der englischen Gesellschaft

England Burning – diese erste größere Revolte im Innern von Europa seit den Aufständen in der arabischen Welt. Die Revolte war so heftig, als sei all das, gegen das wir täglich ankämpfen, die Zerstörung durch die Arbeit, die Konkurrenz untereinander, das Elend der Wohnviertel, die Gewalt durch Polizei und Militär, all dies zusammenkommen in diesen Tagen des Sommers in England. Und sie war in einigen Teilen ziemlich schmutzig(Ausrauben von Passanten, usw.), so schmutzig, als sollte es demonstrieren, welche kaputte Macht schon in den Köpfen dieser wenigen war, diese Bösartigkeit der offiziellen Ordnung mit ihrer Ausbeutung, Gewalt, Selektion, Knäste und Psychiatrie.

Angegriffen wurden viele Einrichtungen der Elendsverwaltung, der sozialen Kontrolle: Jobcenter, Wohnungsagenturen, Polizeiautos und wohl auch Banken.
Und es wurde geplündert, Supermärkte, Sportgeschäfte, Elektronikketten. Das hat die Linken, die sich der herrschenden Wirtschaftslogik anschließen, um mit Lohnkämpfen den Konsum anzufeuern und die Wirtschaft retten will, am meisten aufgeregt --- statt zumindest Bücher zu klauen wurden Spielekonsolen mitgenommen, statt in langen Wochen der Kämpfe und der Schmach, der Unterdrückung und den täglichen Beleidigungen endlich das Geld für den Plasmafernseher zu haben, diese sich einfach zu nehmen.

Ja, sie brachen aus ihrem Käfig aus, griffen an, was sie zerstörte und nahmen das, was sie brauchten – und ihnen mit legalen Mitteln nicht erlaubt war. Es war der verzweifelte Versuch, sich einen kleinen Teil der eigenen Wünsche erfüllen zu können. So ein Plasmafernseher ernährt eine kleine Familie einige Wochen. Es gab nur noch mitzunehmende Güter in einer Gesellschaft, wo alle sich ducken und treten, um alles Mögliche zu besitzen, sie aber in ein Elend treibt, wo nichts mehr ist.

Es war eine Wut, die sich nicht auf eine Stadt, ein Land beschränken lässt. Eine zwischen den Mauern des täglichen Überlebenskampfes entstandene, gegen die Leere, die Leidenschaftslosigkeit, gegen die Unfreiheit und die geplante Nichtexistenz, die sich nicht mehr auf England, Griechenland beschränken wird.

Eine Wut, Aufstände ohne Pressekonferenz, keine über Vollversammlungen beschlossene willkommene, gute, wohlgefällige Empörung – ohne Zustimmung und – vielleicht auch ohne uns.

Die kommende soziale Revolution ist keine beschlossene Sache ordentlicher Bürger und Bürgerinnen oder anständiger europäischer Kommunisten und Syndikalisten, ist kein Mehrheitsbeschluss auf den Plätzen von Madrid, Berlin oder sonst wo, die so empört und friedlich und demokratisch besetzt wurden.

Aber sie haben ihre eigene Gemeinsamkeit angegriffen.“ Von welcher Gemeinschaft ist denn hier überhaupt die Rede? Die der demokratischen Bürger*innen mit ihren Werten, der Sprache der Gesellschaft, in der die Revoltierenden nicht leben? Wo sie allenfalls Fremde sind, unerwünschte, mit Müh oder Selbstgerechtigkeit toleriert, von vielen offen verachtet und dementsprechend behandelt?

Für uns Anarchist*innen, die wir zwischen der Verbürgerlichung der eigenen Tätigkeiten (und durch Aufrufe zur „direkten Demokratie“ allenfalls noch für eine Erfrischung und neuen Schwung des bestehenden Systems sorgen) und den getrennten Kämpfen gegen den Totalitarismus aus Beton, Bürokratie, Umweltzerstörung, Repression uns selbst verlieren, – wollten wir nicht einmal die direkte Zerstörung der gegenwärtigen Ordnung, die der Ausbeutung, der Autorität, gegen den permanenten Gehorsam und die vergifteten Beziehungen zwischen den Menschen?

Die Zeit ist nicht für uns --- Migration, Sparpolitik, wachsende Perspektivlosigkeit wartet nicht, bis wir unsere Diskussionsgruppen, unsere autonomen Versammlungen beendet haben, unsere schwarzen und schwarz-roten Fahnen entrollen.

Viele der „Perspektivlosen“ dachten nicht an irgendeine „Utopie der Freiheit“, sondern dachten und handelten an und für sich. Und doch unterschieden viele dieser „Idioten“, „Lumpen“,Asozialen“Nichtsnutze“ zwischen den kleinen Läden und den großen Warenhauskonzernen, richteten ihre Angriffe gezielt gegen die Ortschaften der Kontrolle und Repression, halfen dort, wo Not war und Gefahr.

Sie sind die, die die Revolten als Mittel der Befreiung sehen, gegen das, was viele von uns unterdrückt und ausschließt, die keine Angst mehr davor haben, die Hindernisse zu beseitigen, die ihrem Leben, unserem Leben Ketten anlegen, uns unterwerfen, um die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. Eine Ordnung, die die tägliche Gewalt der Macht benutzt, um die Spuren einer anderen Welt für immer zu zerstören

Sie, mit dem Fluch der Kriminellen, der Verrückten, der Lumpen und Idioten sind es, mit denen wir Komplizinnen werden sollten, Beziehungen herstellen, die in sich die Keime dieser anderen Welt enthalten
. Sie werden uns nicht fragen, wie sie keine anderen gefragt haben, sie brauchen keinen Beifall des gesammelten Mob aus Kapital, Politik und Medien, sie ignorieren die Haufen Sozialarbeiter*innen, die sie in eine Welt bringen wollen, die sie zutiefst verachten.

Sie haben keinen Plan für eine andere, ihre, unsere Welt, aber sie wie wir haben weiterhin einen Traum und ein Verlangen nach Freiheit, Selbstbestimmung und gegenseitiger Hilfe – und keine Macht für alle !

Seien wir bei ihnen präsent– sichtbar und antiautoritär, errichten wir Barrikaden, wenn die momentane Gesellschaft sie einfangen oder für immer zerstören will, bringen wir die Angriffe genauer, auf die großen Konzerne, die Gerichte, die Regierungsgebäude, die Banken und all die Orte der sozialen und gedanklichen Kontrolle – sorgen wir mit bei der praktischen Umverteilung des Reichtums der Güter, des Wissens – beginnen wir den Dialog – sonst wird die Antwort von anderen gegeben und es wird kein Protest mehr möglich sein.


Februar 2012

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