Die Sprengung der Gefängnismauern – Olga Taratuta und die Gründung des „Anarchist Black Cross“

Im Dezember 1905 wird ein Bombenanschlag auf das Cafe Libman in Odessa verübt, es gibt viele Verletzte. Eine anarchokommunistische Gruppe, die „Chernoe Znamia“ (Schwarze Fahne) bekennt sich zu dem Anschlag.

Chernoe Znamia war eine Gruppe von Student*innen, Arbeiterinnen und Arbeitern, einigen Handwerkern, vereinzelt Bauern und Arbeitslose. Diese vorwiegend jüdischen Anarchist*innen waren zwischen 19 und 20 Jahre jung, und einige der aktivsten gerade 15, 16 Jahre geworden.

Wir anerkennen einzelne Expropriationen, um Geld für unsere revolutionären Aktionen zu erwerben. Wenn wir das Geld bekommen, töten wir die Person nicht, die wir enteignen. Aber das bedeutet nicht, dass er, der Eigentümer, uns bestochen hat. Nein! Wir werden ihn in den verschiedenen Cafés, Restaurants, Theatern, Bällen, Konzerten und ähnliches finden. Tod dem Bourgeois! Immer, wo auch immer er sein wird, wird er durch eine Bombe oder die Kugel eines Anarchisten eingeholt“

Das Ziel, die totale Zerstörung des Kapitalismus und des Staates. In ihrer Zeitschrift „Anarkhiia“ Proklamationen und Manifestationen gegen die bestehende Gesellschaft und Aufforderung ihrer sofortigen Vernichtung.

(Eine Gruppe der Chernoe Znamia)

In ihren jeweiligen Gruppen, die aus 10 – 12 Aktivist*innen bestanden, planten sie Rache auch für die in Blut getauchte Niederschlagung der Revolution von 1905, das Massaker durch zaristische Truppen bei der Meuterei der Potemkin, den anschließenden Pogromen in Odessa. Das Cafe Libman war ein beliebter Treffpunkt der Bürgerschaft von Odessa, die sich an diesen Pogromen beteiligt hatte.

Bei der Gruppe in Odessa war auch Olga Taratuta, die wie die meisten anderen schon unmittelbar nach dem Bombenanschlag verhaftet wurde.

Olga wurde am 21.Januar 1876 als Elka Ruvinskaia in Novodmitrovka in der Ukraine geboren wird. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Lehrerin und wurde schon bald wegen „politischer Subversion“ zum ersten Mal verhaftet. 1901 reiste sie als Mitarbeiterin einer sozialdemokratischen Gruppe um die Brüder Abraham und Iuda Grossmann nach Deutschland und anschließend in die Schweiz, wo sie für die Zeitschrift „Iskra“(Funke) schrieb, wo sie u.a. Lenin traf.

Zwei Jahre später reiste sie zurück nach Odessa und trat dort der Gruppe „Neprimirimye“(Die Unversöhnlichen) bei, eine Gruppe von Anarchist*innen und Leute um den polnischen Sozialisten Jan Waclaw Machajski. Im April 1904 wurde sie erneut inhaftiert, Als sie im Herbst desselben Jahres entlassen wird, trifft sie eine südrussische Gruppe von Anarchokommunist*innen und wird bald – die sich, obwohl erst knapp dreißig Jahre alt, „Babuschka“ (Oma) nannte – eine der herausragendsten Anarchist*innen in Russland.

Die großen politischen und sozialen Missstände des agrarisch geprägten Russlands dieser Zeit hatten immer wieder zu Aufständen und Bewegungen geführt, die den Sturz des zaristischen Regimes wollten. Die langsam wachsende Industrialisierung verschärfte nun auch die soziale Lage vieler Menschen in den Städten.
Eine Rezession nach einem verlorenen Krieg verstärkte die Arbeitslosigkeit, die Exportmärkte brachen zusammen.
Als im Januar 1905 eine friedliche Demonstration in St.Petersburg niedergeschlagen wird (Hunderte von Toten – zwischen 200-600) beginnt die Revolution.

Knechte und Bauern, Bürger*innen und Sozialrevolutionäre erheben sich, Landenteignungen und Arbeiter*innenstreiks, Meutereien der Flotte schließen sich an. Berühmt wurde die Meuterei der „Potemkin“ in Odessa, wo die zaristischen Truppen wieder ein Blutbad anrichten. Berühmt durch den Film von Eisenstein, wobei die bekannteste Szene, das Massaker auf der Treppe, da in der Realität nicht stattgefunden hat, sondern in den Strassen drum herum.

http://youtu.be/0mLcpT0hcRI„> (Dramatische Treppenszene in Odessa)

Die Höhepunkte der Streikbewegung waren wohl der Eisenbahnerstreik im Oktober 1905 wie auch ein Streik von 10 000 Arbeiterinnen aus der Textilindustrie, der zu einem der größten dieser Zeit gerechnet werden kann.

Nachdem der Zar einigen Forderungen nachgegeben hatte, erlosch vor allem bei Teilen des Bürgertums und dem Landadel jeglicher revolutionärer Eifer, die anschließenden Bauernaufstände, die weiter in Leibeigenschaft blieben, konnten ohne weitere Probleme zerschossen werden.

In diesen Zeiten griff die Gruppe um Olga Taratuta zu den Mitteln der „Propaganda der Tat“. Es ist für uns heute ein leichtes zu sagen, dass diese Methoden keine von ihnen so erhoffte libertäre Gesellschaft bringen würde, sondern schon im Ansatz die Fratze eines neuen Terrorregimes verkörpert, aber die Überlebenden der „Chernoe Znamia“ sollten schon bald selbst die Konsequenzen so genanntem „revolutionären Terror“ an eigenem Leibe als Anarchist*innen erleben.

Olga war eine der wenigen Frauen, die nicht aus adligen oder großbürgerlichen Häusern kamen und trotzdem studieren konnten. Ihr Vater hatte einen kleinen Verkaufsladen in dem ukrainischen Dorf, wo sie nach dem (kurzen) Studium als Lehrerin arbeitete. Sie hatte nur Unverständnis, manchmal etwas Spott für die Gebaren der anderen Studentinnen, die aus Aristokratenkreisen kamen, Dienstboten und Kinderfrauen gewohnt waren und deren vorrangiges Streben darin bestand, sich aus den vor allem sexuellen Konventionen ihrer Umgebung zu lösen und sich oft durch Scheinehen Pässe für Europa besorgen zu können.
Olga erlebte die Missachtung dieser Frauen gegenüber den Arbeiterinnen, die Verelendung der Leibeignen auf den Gütern und – als Tochter jüdischer Eltern – die täglichen Pogrome vor allem auf den Dörfern hautnah mit.

(Postkarte zu einem Pogrom in Odessa)

Am 15. Dezember 1906 gelang ihr die Flucht aus dem Gefängnis, in das sie wegen dem Anschlag auf das Cafe Libman 1905 eingesperrt war. Die nächsten Jahre sind immer wieder durch Agitation und Propaganda, verschiedene Attentatsversuche auf zaristische Generale, Anschläge auf das Gericht in Odessa und wiederholten Gefängnisaufenthalten geprägt. Vor allem die von Sozialrevolutionären und aufständischen Anarchist*innen bestehenden Gruppen waren oft von Polizeispitzel durchsetzt, so dass nach erfolgten Anschlägen und Attentaten ziemlich schnell Verhaftungen stattfinden konnten.

Als Olga 1908 in Kiew mit einer kleinen Gruppe die Gefängnismauern in die Luft sprengen will, um einige Anarchisten herauszuholen wird auch sie verhaftet und zu 21 Jahren Kerkerhaft verurteilt.
Die Oktoberrevolution 1917 holt sie da erst einmal raus.

Paul Avrich schildert in seinem Buch zu den russischen Anarchist*innen Olga nun als „eine müde und körperlich angeschlagene Frau in den Vierzigern“, die sich bald darauf dem „Anarchistischen Roten Kreuz“ anschließt.

Die Gründung des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ wird von Rudolf Rocker, dem „Schatzmeister“ des „ARC“ in London, zwischen 1900- 1905 angegeben. Genauer sind die Angaben von Harry Weinstein, einem der beiden Männer, die 1906 die Gruppe in Russland organisierten.
Andere sprechen von 1907. Zu diesem Jahr fanden zwei Konferenzen in London statt, an der Vera Figner sich mit Anarchist*innen traf, um die Notlage der Gefangenen in Russland zu besprechen.
Der Grund bleibt unstrittig: Das „Politische Rote Kreuz“ wurde in der Zarenzeit von Sozialdemokraten kontrolliert, die sich in der Regel weigerten, trotz fortlaufender Spenden, revolutionäre und anarchistische Gefangene zu versorgen.

Die Mitarbeiter*innen des „Anarchistischen Roten Kreuzes“ wurden vom zaristischen Regime verhaftet und gefoltert, einige auch ermordet. Die Organisation wurde verboten, eine reine Mitgliedschaft reichte, um in die Arbeitslager nach Sibirien zu kommen.
Nur wenige überlebten dort.

Zwischen 1918 – 1920 änderte die Organisation in der Ukraine ihren Namen in „Anarchistisches Schwarzes Kreuz“ um.

Olga lebt in der Gefangenenarbeit neu auf, alte Energie kehrte zurück. Und eine sich steigernde Empörung, als sie sah, wie die Bolschewiki die Anarchist*innen behandelten.

So unglaublich es auch klingen mag, und doch ist es Tatsache: Die Zuchthäuser und Gefängnisse Russlands sind heute dicht bevölkert von den besten revolutionären Elementen des Landes. Von Männern und Frauen, die Anhänger der höchsten sozialen Ideale und Ziele sind. Im ganzen weitausgedehnten Gebiete Russlands, sowohl in Groß- Russland wie auch in Sibirien, sind die Gefängnisse des alten wie des neuen Regimes und die düsteren Verließe der Tscheka, in die keine Nachricht aus der Außenwelt dringt, überfüllt mit Revolutionären aller Parteirichtungen und Bewegungen. Da sind Maximalisten, Kommunisten, Anhänger der „Arbeiter- Opposition“, Anarchisten, Anarcho- Syndikalisten und Universalisten, Anhänger verschiedener Schulen sozialer Philosophie; aber alle sind sie wahre Revolutionäre, und die meisten waren begeisterte Teilnehmer der November- Revolution 1917.

Aus den Gefängnissen in Moskau, Petrograd, aus Orel und Wladimirk, aus den fernen Provinzen des Ostens und von Kameraden, die verbannt sind in den eisigen Norden, kommen entsetzliche Nachrichten. Der Hunger, der furchtbare Skorbut frisst an ihren Leibern. Ihre Hände und Füße schwellen an, ihre Gaumen werden lose und die Zähne fallen ihnen aus. Die Körper zerfallen lebendigen Leibes.

Kameraden! Eure Ohren müssen diesen Hilfeschrei hören! Die russischen Anarchis*innen (des Schwarzen Kreuzes) sind nicht mehr fähig, auch nur die allerelementarsten Bedürfnisse ihrer gefangenen Kameraden zu befriedigen; sie können ihr Hilfswerk nicht fortsetzen, ohne dass sie Hilfe von ihren Freunden aus anderen Ländern bekommen.“ (aus einem Brief von Alexander Berkman und Emma Goldmann)

Olga hat inzwischen Kontakt zu der Machnow Bewegung aufgenommen, die ihr rd. 5 Millionen Rubel (aus Enteignungen und Diebstählen) gaben, um mit dem Geld in Charkiw (Ukraine) das „Anarchistische Schwarze Kreuz “ aufzubauen und den gefangenen Revolutionären möglichst viel Unterstützung geben zu können. Das „Anarchistische Schwarze Kreuz“ organisierte auch Selbstverteidungseinheiten und war eine Zeitlang für die „Schwarze Armee“ der Machnobewegung so etwas wie eine Stadtmiliz.
Als Vertreterin der Machnowbewegung wurde Olga im Januar 1921 von den Bolschewiki verhaftet und mit 4o anderen ukrainischen Anarchist*innen nach Moskau deportiert.

Sie war eine der anarchistischen Gefangenen, denen es einige Stunden erlaubt war, am Begräbnis von Kropotkin 1921 teilzunehmen.

(Kropotkins Begräbnis, vorne Olga)

In der Zwischenzeit war „Anarchist Black Cross“ von den Bolschewiki verboten, ihre Strukturen weitgehendst zerschlagen.

Für Olga begann erneut die Tortur. Bis 1937 wurde sie immer wieder aufs Neue verhaftet, bis sie dann in diesem Jahr als Dreherin in einer metallverarbeitenden Fabrik Arbeit und ein wenig Einkommen fand.

Doch am 27.November 1937 wurde sie am Arbeitsplatz verhaftet und unter dem Vorwurf der „anarchistischen Tätigkeiten“ und „Handlungen gegen die Sowjetunion“ in ein Moskauer Gefängnis gebracht.

Am 8. Februar wurde sie von dem höchsten sowjetischen Gericht zum Tode verurteilt und noch am gleichen Abend hingerichtet.

Sie war zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt.

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