Italienische Geschichten (1): Zum Todestag von Fabrizio de André !

„Die gleiche Luft zu atmen
Wie ein Gefängniswärter passt mir nicht
Deshalb habe ich mich entschlossen
Auf meine Stunde Freigang zu verzichten
Wenn es etwas zu teilen gibt
Zwischen einem Gefangenen und seinem Bewacher
So soll es nicht die Luft des Hofes sein
Ich will, dass es nur das Gefängnis ist“




Fabrizio de André
widmete sich früh der Musik. Lernte Geige, später Gitarre. Seine Texte holte er sich aus der Altstadt von Genua, in denen er sich wohler fühlte als dem Genua des Adels und der Eroberer, dem Genua seiner Eltern.
Aus Diamanten wächst nichts, nur aus dem Mist wachsen Blumen“ sollte er später in seinem Lied „Via del Campo“ sagen.
„dai diamanti non nasce niente
dal letame nascono i fior”

In den engen Gassen, in der „Poesie der Pflastersteine“ holte er seine Inspirationen, da wo er das wenige Licht bei den dort lebenden Menschen fand, den „ewigen Verlierern“ wie er sie nannte.

Seine damalige Bewunderung galt dem Sänger und Anarchisten Georges Brassens, von dem er viele Lieder ins Italienische übersetzte, wie auch z.B. „Sterben für die Ideen

Für solche Ideen, Ideologien sogar zu sterben ?
Na ja, einverstanden! Aber bitte ganz langsam
Eines langsamen Todes, verdammt noch mal!
Nicht gleich, nicht jetzt schon
Später mal, vielleicht –
Sollen doch die Sprücheklopfer, Revolutionsapostel
Die Anführer aller Art uns doch vorangehen
Als Erste sterben, bitte schön
Wir lassen ihnen gerne den Vortritt.

Lasst doch die anderen einfach ein bisschen leben
Denn das Leben ist so ziemlich ihr einziger Luxus in dieser Welt
Schluss mit den Totentänzen ums Schafott.“

„http://youtu.be/JDw6AElSUtg“> (Georges Brassens)

Während Brassens Zeit seines Lebens Mitglied der Anarchistischen Föderation“ in Frankreich blieb, scheute Fabrizio jegliche politische Organisierung.

Ich habe das Jahr 1968 im Kontakt mit den Gruppen der extremen Linken erlebt. Ich habe am Versuch einer Erneuerung teilgenommen. Ich bin ihnen nicht gefolgt, weil der unabhängige Künstler unabhängig von seiner Ideologie in der Regel ein Individualist ist. Ich habe die Gewaltexzesse nie gut gefunden. Den Widerstand gegen die Art und Weise, wie die Gesellschaft verwaltet wurde, ohne auch nur im Geringsten der Gesellschaft selbst Rechnung zu tragen, billigte ich sehr wohl. Wir wollten die Entfernung zwischen der Macht und der Gesellschaft verringern. Wir haben verschiedene Siege errungen, wenn wir nur an die sogen. Sexuelle Revolution und an die Informationsfreiheit, die es damals noch nicht wirklich gab, denkt. 1968 war eine spontane Revolte, die Tatsache, daß sie nicht gelungen ist, ist vielleicht gut, denn wenn wir bedenken, daß das große Probleme jeder Revolution ist, daß, wenn die Revolutionäre erst einmal die Macht ergriffen haben, sie aufhören Revolutionäre zu sein, um Verwalter zu werden.“

(1968 Mailand)

„Io sono un principe libero, e ho altrettanta autorità di fare guerra al mondo quanto colui che ha cento navi in mare.” (“Ich bin ein freier Prinz/ und habe genauso viel Macht/Kriege zu führen/gegen die gesamte Welt/wie derjenige/der 100 Schiffe auf dem Meer hat) –

Seine anarchistische Grundhaltung fand er immer wieder neu in den Kontakten mit den „traditionellen“ Anarchist*innen von Carrara, dem Zentrum des libertären Widerstands gegen den Faschismus.


(Denkmal der Anarchist*innen in Carrara)

„Ich bin Anarchist, aber ich bin immer zur Kommunalwahl gegangen.“
Diese Kommune war Genua, dessen Dialekt er liebte und zu der er später eine vielbeachtete Platte herausbringen sollte.

Seine Lieder sind oft voll von Ironie, ja sarkastisch – in einigen erinnert er an einen anderen Anarchisten, Erich Mühsam – so wie bei „Il bombarolo“ (Der Bombenleger), ein Anarchisterisch , der bei Fabrizio das Parlament in die Luft sprengen will, seine Bombe aber verfehlt das Ziel und landet in einem Zeitungskiosk. Doch was dann wirklich seinen Stolz raubte, war, daß ihn am nächsten Tag seine Freundin von allen Zeitungen aus vorwurfsvoll anschaute – sie, nun die Verlobte eines Bombenlegers.

„http://youtu.be/HhQc4Q6eAEY„> (Version von La Kocani Orkestar)

„…. Doch was ihn verletzte
Zutiefst in seinem Stolz
War ihr Bild
Das sich auf jedem Blatt hervorhob
Fern der Lächerlichkeit
Mit der sie ihn alleine liess,
Aber auf der ersten Seite
Mit dem Bombenleger.“

Jedoch schon in seinem nächsten Lied „Nella mia ora di libertà“(In meiner Stunde des Hofgangs) beschreibt Fabrizio ihn, wie er ein anderes Leben entdeckt, ein Leben in Würde, Kraft und gemeinsamem Widerstand.


„Die gleiche Luft zu atmen
Wie die Wärter gefällt uns nicht
Deshalb haben wir beschlossen sie einzusperren
Während unserer Stunde Hofgang“

Mitte der 70erJahre überwand er seine Angst vor Liveauftritten. Mit der lombardischen Rockgruppe PFM ( „Premiata Forneria Marconi“) spielte er vor einer begeisterten Menge seine Lieder neu vertont.

http://youtu.be/VpMDFyXy8ZU„>

(Sie haben unser Herz unter eine dunkle Decke genommen/unter einem Mond/klein gestorben schliefen wir ohne Angst/Es war ein General zwanzig Jahre alt/Dunkelblaue Augen und gleichfarbige Jacke……Ich fragte meinen Großvater/ob es ein Traum war /Mein Großvater sagte ja/Ich träumte so stark/dass mir das Blut aus der Nase floss/Der Blitz in einem Ohr/Im anderen das Paradies/Die kleinsten Tränen/Die grössten Tränen/Als auf dem Schneebaum rote Sterne blühten/Nun schlafen die Kinder im Bett des Sand Creek/Als die Sonne ihren Kopf von den Schultern der Nacht erhob/Waren dort nur Hunde und Rauch und umgestürzte Zelte)

Er starb am 11.Januar 1999.

Ich habe mein Leben so gestaltet, daß, falls ich einmal sterben werde, dies mit 300 000 Gewissensbissen tue und keinem einzigen Bedauern.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks