SELBSTSCHUTZ BEI TRÄNENGAS (und PFEFFERSPRAY) UND GUMMISCHROT !

SELBSTSCHUTZ BEI TRÄNENGAS, (PFEFFERSPRAY) UND GUMMISCHROT

WAS IST CN/CS?

Das Zeug hat viele Namen: Tränengas, Reizgas, Distanzmittel. All das klingt viel zu harmlos für diese chemische Waffe, die gemäss Völkerrecht „im Krieg“ verboten ist, zur Bekämpfung der „eigenen“ Bevölkerung aber weltweit eingesetzt wird. Es handelt sich um einen reizerregenden Kampfstoff. Zum Einsatz gelangen in erster Linie die Tränengase CN und CS.

--CN (a-Chloracetophenon), Giftklasse 1, ist thermisch stabil (bei Zimmertemperatur fest, schmilzt bei 58 Gad C und verdampft bei 246 Grad C), kristallin, farblos, fettlöslich. Weil CN nicht mit Wasser reagiert, setzt man es auch als Beimischung in Wasserwerfern ein. Wasserlöslich ist es aber kaum. Auch in Rückenkanistern gelangt CN zum Einsatz.

--CS (o-Chlorbezylidenmalodinitril), Giftklasse 2, ist bei Zimmertemperatur fest (schmilzt bei 95 Grad C, verdampft bei 313 Grad C), weiss, kristallin. CS reagiert langsam mit Wasser und ist deshalb für Wasserwerfer nicht geeignet. Seine Reizwirkung ist etwa 10mal stärker als bei CN, es ist aber weniger giftig. Es soll durch die hervorgerufene Brustenge v.a. stärker bewegungsunfähig machen und damit die Verhaftungsquote erhöhen.

CN/CS sind eigentlich keine Gase, sondern Aerosole. Das heisst, die unterschiedlichen Trägerwaffen bringen kristallförmige Schwebeteilchen unter die Leute:

--als „chemische Keule“, ein pistolengriff-grosses Sprühgerät, Reichweite etwa 10m;

(Pfefferspray)

--als feuerlöscher-ähnliches Sprühgerät, das auf dem Rücken getragen wird, bis zu 20m;
--als Wurfkörper, bis 40m;

--als Wasserwerfer „mit Geschmack“, bis etwa 65m;


--als Petarden, die mit dem Tränengaswerder abgeschossen werden, bis zu 180m.

Die Geschosse sind teilweise mit kleinen Treibsätzen ausgestattet, die sie hüpfen lassen. Andere fallen später auseinander, damit sie nicht zurückgeschossen werden können. Spezialgeschosse können Glas und Holzu durchbrechen und dahinter liegende Räume einnebeln.

DIE WIRKUNG…

…der beiden Tränengase ist in etwa gleich: Beide wirken auf sensible Nervenenden, auf die Haut und die Schleimhäute der Augen und der Atemwege. Menschen mit Vorerkrankungen an diesen Organen sind deshalb besonders gefährdet. Schon geringste Mengen Tränengas können heftige Reaktionen auslösen. Bei direkten Augentreffern aus der „chemischen Keule“ kann allein das Auftreffen der Kristalle zu Verletzungen der Hornhaut führen.

Es ist bekannt, dass v.a. CS ein starkes Engegefühl in der Brust auslöst und Menschen lähmen kann, so dass sie nicht mehr fähig sind, aus dem Gasbereich zu fliehen. CS löst das Gefühl aus, keine Luft mehr zu bekommen, was zu Panik führen kann.

Ein Unterschied zwischen CN und CS besteht darin, dass die von ihnen ausgelöste Übelkeit verschieden stark ist. CS hat auch den Beinamen „Kotzgas“ bekommen.

Bei CN gibt es nur gelegentlich Unwohlsein, z.B. nach Verschlucken des Wassers eines Wasserwerfers oder einem Treffer mit der „chemischen Keule“ in den Mund. Dafür verursacht CS häufig schwere Magenkrämpfe.

Tränengas dringt über die Bindehaut der Augen, die Atemwege, die Haut und den Magen-Darmtrakt ein. Kontakt mit Tränengas führt zu:

--Augenbrennen und -stechen, Tränenfluss, Fremdkörpergefühl und krampfhaftem Lidschluss, gefolgt von einer mehrstündigen, vorübergehenden Bindehautreizung;
--Niess- und Hustenreiz, Nasenlaufen, verstärktem Speichelfluss, Mund- und Zungenbrennen, Beklemmungsgefühl und Atemnot;
--Hautbrennen, Hautrötung oder Verätzungen mit möglicher Blasenbildung;
--Durchfall, Schmerzen beim Pissen;
--Angstgefühl, Unsicherheit, Lethargie, Müdigkeit, panische Reaktionen, massive Erhöhung des Blutdrucks.

Durch anhaltende Aufnahme in geschlossenen Räumen, bei mangelnden Fluchtmöglichkeiten oder bei vertiefter Atmung (Flucht, Rennen) kann Tränengas bis in die Lungenbläschen gelangen. Dann kommt es zum toxischen Lungenoedem, zum Übertritt von Blutflüssigkeit in die Lungen. Ohne umgehende Behandlung kann dies tödlich sein.

Die Auswirkungen sind abhängig von der Konzentration des Gases und der Dauer der Einwirkung.

--In geschlossenen Räumen (Telefonzelle, Keller, Auto, Knastwagen, Zelle) erhöht sich die Konzentration, bei Windstille bleibt das Gas länger am Ort.
--Weil CN nicht wasserlöslich ist, weist das Tränengas in der Wasserwerfer-Aufschwemmung unterschiedliche Konzentrationen auf.
--Das Tränengas bleibt an Kleidern, Haut und Haar hängen, wirkt also aich ausserhalb des Einsatzortes nach.
--Bei Stress erhöht sich das durchschnittliche Atemvolumen um ein Vielfaches, und damit auch die eingeatmete Tränengasmenge. Zudem begünstigen Schwitzen und warmes Wetter die Aufnahme durch die Haut.

Hinzu kommen individuelle psychische und physische Reaktionen der Betroffenen!

HILFE GEGEN CN/CS

Die körperlichen Folgen nach CN/CS-Einsätzen sind vielfältig, jede mögliche Auswirkung bedarf aber einer schnellen Erstversorgung. Je länger Tränengas auf den Körper einwirkt, desto grösser ist die Gefahr akuter oder chronischer Schäden.

Bei sämtlichen äusserlichen Einwirkungen von Kampfstoffen ist Wasser das richtige Mittel(also auch bei Pfefferspray – sollte es auf die Haut kommen mit fetthaltigen Stoffen abwaschen, da der Wirkstoff Capsaicin fettlöslich ist).
Nur durch anhaltendes Spülen lassen sich die Stoffe entfernen: *also reichliches Augenspülen, Klamotten runter und duschen.*

Die einzige Erfolgskontrolle beim Spülen der Augen ist der nachlassende Schmerz. Tritt er nach einiger Zeit wieder auf, sind unter dem Augenlief Tränengasreste geblieben. Du musst erneut versuchen, sie herauszuspülen. Deshalb sollten keine schmerzstillende Tropfen genommen werden. Tritt der Schmerz nach Stunden erneut auf, ist evtl. die Bindehaut verletzt oder entzündet. Du solltest Dich dann in kundige Hände begeben.

Duschen zuerst nur mit kaltem Wasser, denn warmes Wasser regt die Durchblutung der Haut an und öffnet die Poren. Erst dann warm duschen, wenn Du sicher bist, dass keine CN/CS-Reste mehr auf Deinem Körper sind.

Falls nach dem Duschen Rötungen oder Bläschenbildung bemerkbar sind, dann sollten sie wie Verbrennungen behandelt werden. Sind sie stark, musst Du Dich in kompetente Hände begeben.

Die andauernde Ausdünstung von CN/CS gerade bei Kleidern führt zu einer anhaltenden Tränengasaufnahme durch die Atemwege. Also: unbedingt Kleider wechseln, in Autos Fenster öffnen! Bei allen Formen von Atembeschwerden, Kratzen im Hals und Atemnot brauchst Du v.a. erst mal frische Luft. Leute mit Asthma oder Bronchitis sollten sich so schnell als möglich aus der Situation verabschieden. Ist die Schleimhautreizung intensiv und kommen zusätzlich schmerzen in der Brust, evtl. Blutspucken hinzu, dann musst Du Dich in kundige Hände begeben. Bei Atemnot besteht die Gefahr eines Lungenoedems. Ärztliche Behandlung ist unbedingt notwendig!

Die Reaktionen auf Kampfstoffe sind von Mensch zu Mensch verschieden. Schwerwiegende Folgen können auch Tage später entstehen, ganz abgesehen von Langzeitschäden wie Allergien, Bindehautschädigungen, Atemwegserkrankungen und Hautausschlägen.

SCHUTZ GEGEN TRÄNENGAS U.Ä.

*Die Augen werden am besten durch eine dichtschliessende Brille geschützt.* Kontaktlinsen rausnehmen, denn das Gas kann sich darunter festsetzen. Wenn Du Linsen trägst, dann nimm eine Brille mit, damit Du auch nach einem Gaseinsatz was siehst.

*Zum Schutz der Atemwege bieten sich Atemschutzmasken an*, die aber nach der darauf angegebenen Zeit gewechselt werden müssen; sie halten das Aerosol zurück. Vollmasken haben den Nachteil, dass Atmen nach kurzer Zeit anstrengend wird. Trockene, feingewebte Halstücher tun es auch, sie müssen jedoch trocken (!) sein und häufig gewechselt werden.



Falsch ist der Tipp, dass auf ein Mundtuch oder um die Augen geträufelter Zitronensaft Tränengas vor Atemwegen und Augen fernhalten soll. In zitronenbefeuchteten, erfrischenden Tüchern steigt die Konzentration von Tränengas an.
Bei den Augen dasselbe, so gelangt zusätzlich Zitronensaft ins Auge und auf die Haut, ohne dass die CN/CS-Teilchen herausgespült oder unschädlich gemacht werden. Also: Zitronen ganz schnell vergessen!

*Deine Haut schützt am besten wasserdichte Kleidung.* Lederklamotten sollten ausreichend gefettet sein. Beim Kragen ist zu achten, dass nichts reinlaufen kann. Der feuchtwarme Hautkontakt mit CN/CS bewirkt grossflächige Reizungen. Plastik- und Öljacken sind auf die Dauer problematisch, weil sie die Haut nicht atmen lassen und ein Hitzstau droht. Faserpelzjacken auf keinen Fall tragen, denn sie bieten den Tränengasmolekülen so richtig Halt.

Weil CN fettlöslich ist, solltest Du Dein Gesicht nicht eincremen (auch keine Schminke, Salben usw.). Auf diese Weise wird Tränengas vermutlich auf der Haut eingelagert und ist durch einfaches Abspülen nicht mehr zu entfernen.

*Feuerfeste Handschuhe tragen“, sonst kann das Zurückwerfen von Tränengasgranaten zu Verbrennungen führen. Sie sind sehr heiss!

(Keine so gute Idee !!)

GUMMISCHROT…

…besteht oft aus 6-kantigen, 10-18g schweren Gummigeschossen (etwa 2.7 × 1.8cm), die in Paketen zu 35 Stück mit dem Tränengaswerfer verschossen werden. Wenn das Paket das Gewehr verlässt, zerspringt die Pakethaut und die Gummigeschosse fliegen in mehr oder minder starker Streuung ins Ziel. Der offizielle Mindestabstand beträgt 20m, die Reichweite 50m, Ausschussgeschwindigkeit 180m/s (bei 10g-Geschossen).

WIRKUNG

Tritt ein Gummigeschoss auf den Körper, so ist entscheidend, aus welcher Entfernung der Abschuss erfolgte und wie stark dämpfend die Kleidung wirkt.

Aus geringer Entfernung werden Plastikeimer, dicker Stoff, aber auch Sperrholz durchschlagen, Finger und Nasenbeine gebrochen, Zähne ausgeschlagen. Auch Blutergüsse und Rissquetschwunden können die Folge sein.

Querschläger (am Boden abprallende Geschosse) können ebenfalls schwere Schäden anrichten. Zu Rissquetschwunden kommt es dann, wenn relativ dicht unter der Haut Knochen liegen und das darüberliegende Gewebe durchdie Wucht des Geschosses „zerquetscht“ wird und „platzt“.

Ungeschützte Augen werden auch auf Distanzen von weit über 20m irreperabel geschädigt. Die Energie, Form und Grösse eines Gummigeschosses reicht aus, um Zerreissungen (Rupturen) auszulösen, was zu einem Verlust der Sehkraft, evtl. auch des Auges führen kann. Vielfach kommt es zu Prellungen des Augapfels, wobei mit Spätfolgengerechnet werden muss. Bei Augenverletzungen brauchtst Du ärztliche Hilfe.

Sollten bei Kopftreffern Schwindelgefühl, Sehstörungen, starke Kopfschmerzen Übelkeit oder Erbrechen auftreten, musst Du Dich ebenfalls in kundige Hände begeben.

GEGEN GUMMISCHROT…

...hilft in der Regel nur eines: das Risiko schwerer Verletzungen muss durch ausreichenden Schutz verringert werden. *Auf jeden Fall musst Du eine Schutzbrille (Augen!) tragen, dazu Handschuhe und genügend Schutz bietende Kleidung.* Im Falle eines Gummischroteinsatzes ist es zudem meist nicht ratsam, ziellos wegzurennen und womöglich eine Massenpanik auszulösen. Handelt in der Situation bedacht.Bleibt in Eurer Gruppe zusammen.

--

*Die psychischen Auswirkungen staatlicher Gewalt haben schon viele von uns zu spüren bekommen. Es ist nicht verwunderlich, dass gerade nach Repression auch psychische Zusammenbrüche stattfinden, weil Du eine Konfrontation nahe miterlebt hast oder hilflos zusehen musstest, wie Andere verprügelt wurden.*

*Die Gefühle von Angst, ohmächtiger Wut und extremer Hilflosigkeit bei Bulleneinsätzen sind normal, können sich aber plätzlich stark zuspitzen und in spontane Zusammenbrüchen münden. Zittern, spontane Heulkrämpfe, ziellose Handlungen, Apathie und Teilnahmslosigkeit sind akute Zeichen eines „Psychoschocks“, die schon kurz nach dem Erlebten einsetzen.*

*Aber auch später kann es zu Schlafstörungen, Albträumen, filmartigen Erinnerungen, Stimmungsschwankungen ohne ersichtlichen Grund, ungewohnten Sinneseindrücken (wie z.B. CN/CS-Gruch in völlig gasfreier Umgebung) und anderen individuellen Folgen kommen. Dauer, Heftigkeit und Ausprägung dieser Symptome sind unterschiedlich.*

*Wichtig ist v.a., die Gefühle ernstzunehmen und sich damit einzeln wie zusammen auseinanderzusetzen! Es ist sinnvoll, Aktionen und die dabei auftretenden Eindrücke und Gefühle gründlich nachzubereiten und in Deiner Gruppe das Problem psychischer Belastung bei der Konfrontation mit der Staatsgewalt zu diskutieren.*

*Der beste Schutz gegen Verletzungen, Festnahmen und Resignation ist eine Gruppe, die solidarisch und verbindlich miteinander umgeht.*

(Flugblatt, das zum ersten Mal in Zürich verteilt wurde)

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