„Mit Blut tränkt sich ihr Speichel“ — 3.und abschliessender Teil zur „Geschichte des Anarchismus in Brasilien“

Im März 1958 gründeten einige Anarchist*innen in Rio de Janeiro das „Studiencenter Jose Oiticica“(CEPJO), der 1957 gestorben war
(siehe Poem „ A Anarquia „)

Die Gruppe, die die Gründungsurkunde unterzeichnete, bestand u.a. aus: Edgar Rodrigues und Ideal Peres.

(Edgar Rodrigues)

Antonio Francisco Correia( „Edgar Rodrigues“) wurde 1921 in Portugal als Sohn des militanten Anarchosyndikalisten Manuel Francisco Correia geboren, der in der Militärdiktatur eines Salazar mehrmals interniert war.
Antonio schrieb Artikel in syndikalistischen Zeitungen, spielte Theater und begann 1938 mit seinem ersten Buch.
Selber mehrmals verhaftet, flüchtete er zusammen mit Thomas Fonseca und anderen 1951 nach Brasilien. In dieser Zeit nahm er den Namen Edgar Rodrigues an. Er schrieb bis 2007 62 Bücher die vor allem in Brasilien und Portugal erschienen.

Die Aktivitäten der CEPJO umfassten Vorträge und Kurse zu vielfältigen Themen zu Kunst, Geschichte, Anarchismus und die Gründung eines Verlages, der anarchistische Literatur von Oitica und Kropotkin herausgab.
Das Centrum wurde im Oktober 1969 durch die Militärdiktatur geschlossen, die Mitarbeiter*innen festgenommen, einkerkert und gefoltert.

Ideal Peres gehörte zu den „geistigen Vätern“ der heutigen „Anarchistischen Föderation von Rio de Janeiro“(FARJ). Mit seiner Lebensgefährtin Esther de Oliveira Redes – die schon zu den Mitgründer*innen der CEPJO gehört – schuf er 1985 den Círculo de Estudos Libertários (CEL), der bis 1995 existierte. In diesem Kreis erschien die Zeitschrift „Libera … Amore Mio“, die bis heute existierte.

Die Jahre 1930 -1964 erscheinen in der Geschichte Brasiliens wie der permanent gleiche Mist. Durch die Präsidentschaft von Vargas und anschliessend seiner Anhänger Kubitschek und Goulart gab es ein sich weiter ausbreitendes korporatistisches System und anschliessend ein sich demokratisch nennenden Populismus. Die Drahtzieher blieben Vargas und seine Anhänger – und vor allem das Militär.
Führende Militärs waren es dann auch die zusammen mit kirchlichen Gruppen, vielen Gouverneuren und vor allem dem Botschafter der USA am 31.März 1964 einen Staatsstreich begannen – „seguranca e desenvolvimento“(Sicherheit und Entwicklung) wurde ihr Motto.

In dieser Zeit baute der Staat seine Stellung in der Wirtschaft aus, die Einkommensverteilung immer ungleicher. Der politische Soldat siegte über den Bürger, der Staat über die Gesellschaft.

Es entwickelte sich ein bewaffneter Widerstand, der sich vor allem aus den Spaltungen innerhalb der Kommunistischen Partei entwickelte. Mehrere Stadtguerillagruppen, darunter eine unter Carlos Marighela (Vorbild für solche Gruppen wie die marxistische „RAF“) bestand vor allem aus Student*innen, dazu viele ehemalige Militärangehörige.

„Ich reiste auf den Strömen der Verzweiflung/bis zum Herz der Erde/Ich wusch meine Müdigkeit/im Wasser gefesselter Flüsse/ Ich trank die Seele der Flüsse/Wasser des Aufruhrs/Entfesselte Adern der Erde/Wasser des Aufruhrs/ Bewaffnete Hoffnung des Volkes/Wasser des Aufruhrs“ (Pedro Terra)

Dies diente der Militärregierung, ihren Repressionsapparat auszubauen und jedwede Opposition zu bekämpfen. „ Zwischen den Kasernen und den Instituten der höheren Bildung herrschte Krieg. Ein Krieg, der nicht nur die marxistischen Student*innen in einen gnadenlosen Kampf trieb“ Erschiessungen und Folter wurden alltäglich. Todesschwadrone (esquadrao da morte) beherrschten die Strasse.

In die nachfolgende grausame Stille des ATO Institucional („Institutionelle Handlungen“ – eine Reihe von Militärdekreten) baute die US Wirtschaft ihre Ideologie in Brasilien aus, der Neoliberalismus bestimmte über den unterirdischen Schreien der Gefolterten die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes.

Mit Blut tränkt sich ihr Speichel./ Schwanger/ Wird die Frau gefoltert/ Dem Meer vergehen die Wasser/ Dem Wind das sanfte Streicheln./ Der Zeit, jede Hoffnung/ Auf eine zukünftige./ Schwanger / Wird die Frau gefoltert.“ (Paulo César Fonteles de Lima)

In der Zeit der Militärdiktatur hörten die Kontakte zwischen den Anarchist*innen der verschiedenen Ort auf.
Von der Gruppe um Ideal Peres wissen wir, daß auch sie verhaftet und viele mit Elektroschocks gefoltert wurden. Ideal selber in Isolationshaft gehalten, in bewusster (Hör)-Nähe der Folterzellen.

1972 wird ihm, Esther und anderen der CEPJO der Prozess gemacht.

„http://radiochiflado.blogsport.de/2011/08/15/351/“> (Link zur Broschüre)

Nie den Kontakt zu den sozialen Bewegungen aufgebend, gehört er zu denjenigen, die die ersten Experimente in der „sozialen Einfügung“ für den Anarchismus versuchten.
„Soziale Einfügung“ gehört zu den Konzepten des „Especifismo“, der vor allem in den Ländern Latein-und Südamerikas eine breite Basis gesfunden hat. Es geht hier um eine aktive Teilnahme von Anarchist*innen in und die Bildung von autonomen und sozialen Bewegungen

„http://www.faubern.ch/index.php?pid=news&spid=3&lid=de&nid=313″>
(Artikel zum „sozialen Anarchismus in Brasilien“)

Seit den achtziger Jahren gibt es wieder neues Leben in der anarchistischen Landschaft. Neue Generationen bringen neue Elemente in die Szene und mit ihnen auch Differenzierungen und Spaltungen.

Vieles spielt sich in den Städten ab, wobei es die Anarchist*innen der FARJ mit ihrem „sozialen Anarchismus“ sind, die auch zu Bewegungen wie Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra(Bewegung der Landlosen) haben, die als reformistisch eingeschätzt werden, aber innerhalb ihrer Bewegung sehr stark an den Erfahrungen der mexikanischen Revolution eines Magón oder Zapata interessiert sind.

„http://youtu.be/ujmj93LQncE“> (Musikvideo zu „MST“)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks