Die grünen Hemden – 2.Teil von „Geschichte des Anarchismus in Brasilien“

„Se não houver rebelião, não haverá sobrevivência“
(ungefähr: „Wenn es keine Rebellion gibt, wird es kein Überleben geben“)

Während der Regierungszeit von Vargas verschwimmen die Trennungen zwischen demokratischem und faschistischem Denken. Nach dem Muster von Diktaturen etabliert er eine Gewerkschaft, die Augustin Souchy mit dem von Piludski in Polen und Mussolini in Italien vergleicht.

Der Geist des korporativen Staates spukte in den Köpfen dieser Diktatoren. Diesem Zeitgötzen huldigte auch Vargas.
Vargas wollte auch in Brasilien einen korporativen Staat errichten. Den Arbeitern
wurden gewisse Rechte gewährt, die sie früher nicht hatten, gleichzeitig aber
auch Freiheiten genommen, deren sie sich vorher erfreuten. Die Gewerkschaften wurden
nicht nur staatlich anerkannt, sondern auch von der Regierung kontrolliert.
Die Gewerkschaften Brasiliens sind der Staatsaufsicht unterstellt. Will eine Berufsgruppe
ein „sindicato“ gründen, dann muß sie hierzu beim Arbeitsministerium die
Erlaubnis einholen. Sie erhält die vorgedruckten Statuten mit einem Anhang, in
welchem die Zahl der Mitglieder mit Angabe des Namens, Alters, der Berufssparte usw.
eingeschrieben werden müssen. Auf der Gründungsversammlung ist ein Vertreter des
Arbeitsministeriums anwesend. Das Arbeitsministerium hat das Recht, unbequeme oder
politisch nicht zuverlässige Vorstandsmitglieder abzulehnen. Diese Bestimmung liefert
die Gewerkschaften der Willkür der Staatsbehörden aus“
. (Souchy)

Ebenfalls aus dem Tenentismo entstand 1932 die „Acao Integralista Brasileira“, die stark von der katholischen Kirche unterstützt wurde.
Vargas konnte mit diesen, sich offen am deutschen Nationalsozialismus bekennende Gruppierung gut leben, wenn sie seine Staatsauffassung als Motor einer „kapitalistischen Moderne“ auch nicht teilte, so half sie ihm in seiner nationalistischen und vor allem antikommunistischen Politik.

(„Anauê“ – Du bist mein Bruder + Sigmazeichen( Symbol für unteilbares Ganzes)

Er revanchierte sich eine Zeitlang damit, daß er der Polizei bei der Unterstützung der Aktionen und Märsche der „Integralisten“ freie Hand liess. Diese, auch wegen ihrer Uniformen„Grünhemden“ genannt, liessen dann auch mal ein Büro einer linken Organisation abbrennen, stürmten anarchistische Zeitungen, um das komplette Mobiliar zu zerschlagen und die Redakteure mal einige Zeit in den Kerker zu werfen.

Bis 1935 wuchs sie auf angebliche 400.000 Mitglieder an. Sie hatten zwar intensive Kontakte zur deutschen NSDAP ( viele Deutschbrasilianer wurden eifrigste Mitarbeiter), konnten aber mit der „arischen Überlegenheit“ nichts anfangen – ihr Ideal war der „Cabolco“(europäisch-indianischer Abstammung, auch „Mestico“).

1933 warnte „A Plebe“: „Wie der Faschismus so fesselt und versklavt der Integralismus die Menschen. Lasst uns nun unsere Freiheit verteidigen wie aufrechte Menschen, damit wir nachher nicht wie Irre ein Leben lang weinen müssen.“

1934 und 1935 kam es dann zwischen den Integralisten und einzelnen antifaschistischen Komitees zu gewalttätigen Auseinandersetzungen- hier ein Augenzeugenbericht aus Sao Paulo:

Die Polizisten stellen auch Maschinengewehre an strategischen Punkten auf, um potenzielle Angriffe auf den Marsch der Integralisten zu verhindern. Zusätzlich zu den Polizeieinheiten verfügte Oberst Arlindo de Oliveira über 400 Männer vom l., 2. und 6. Infanterie-Bataillon, der Feuerwehr und dem lokalen Kavallerie-Regiment.

(Marsch der „Integralisten“ 1934)

Große Mengen von Zuschauern jedweder politischer Richtung versammelten sich in der Nähe vom Praça da Sé. Als die Integralisten die Kathedrale erreichten, wurden Schreie laut wie ‚Tod den Faschisten‘ ‚Nieder mit dem Grünhemden‘ und Schüsse waren zu hören.
Es wird gesagt, dass ein Maschinengewehr zufällig umgestossen sei. Andere erzählen, die Kommunisten hätten aus der Menge der Wartenden mit dem Schiessen angefangen.

(7.Oktober 1934, Demonstrant*innen in Sao Paulo )

Tatsache bleibt, daß die ersten Schüsse fielen, bevor es einen (geplanten) Angriff der Anarchisten auf die Parade gegeben hat. Nun brach die Hölle los. Leute liefen und schrien, andere fielen tot um oder lagen verwundet auf der Strasse.
Immerhin fand die Parade mit dem beabsichtigten Treueschwur auf den Führer der Integralisten, Salgado, nicht statt.“

Vargas unternahm nichts, kam dies seinem national-sozialistischem Programm doch sehr entgegen. Auch als er 1938 die Integralisten als eigenständige Partei verbieten liess, distanzierte er sich inhaltlich kaum von ihnen. Viele Aspekte der integralistischen Politik floss in sein „Estado Novo

Am 10. November 1937 wurde sie offiziell als „Verfassung“ verabschiedet. Zum einen löste er nun jede noch demokratisch erscheinende Organisation auf und verbot alles, was auch nur im geringsten mit Vereinstätigkeiten zu tun hatte. All dies war nun „unsozial“ und „schädlich.“
Auf der anderen Seite entwickelte sich die Industralisierung und die Wirtschaft florierte, dank vor allem nordamerikanischen Kapitalanlegern wie Standard Oil und die US Stahlvereinigung, die nun Brasilien als stabilen Wirtschaftsfaktor sahen. Glückwünsche kamen auch aus dem faschistischen Deutschland und auf jedem öffentlichen Platz hing nun Brasiliens „grosser Führer“ – Getúlio Dornelles Vargas.

Die Anarchist*innen in Brasilien kämpften weiter um ihr Leben. Ihre tägliche Aufgabe bestand „nur“ noch darin, ihre Freiheit so gut wie möglich aufrechtzuerhalten und noch etwas Atem für ihren bis da schon leidenschaftlichen Kampf zu bewahren.

http://youtu.be/LtxR0EUcLHE“> ( „A Anarquia“)

A Anarquia
José Oiticica

Para a anarquia vai a humanidade
Que da anarquia a humanidade vem!
Vêde como esse ideal de acordo invade
As classes todas pelo mundo além!

Que importa se a fração dos ricos brade,
Vendo que a antiga lei não se mantém?
Hão de ruir as muralhas da cidade,
Que não há fortalezas contra o bem

Façam da ação dos subversivos crime,
Persigam, matem, zombem, tudo em vão…
A idéia perseguida é mais sublime.

Pois nos rudes ataques à opressão,
A cada herói que morra ou desanime
Dezenas de outros bravos surgirão.

(Die Menschheit strebt zur Anarchie/denn die Menschheit stammt aus der Anarchie/Schaut wie dieses Ideal des Miteinanders/die Klassen in der gesamten Welt erfasst/ Was kümmert es, ob die Reichen jammern/wenn die ehernen Gesetze nicht mehr gelten/
Die Stadtmauern zollen zerbröckeln/denn es gibt keine Festungen gegen Güte/Bezeichnet die subversiven Handlungen als Verbrechen/verfolgt sie, tötet sie, es wird alles vergebens sein/die angestrebte Idee ist zu erhaben/
Denn bei jeder brutalen Attacke zur Unterdrückung/werden für jeden Helden, der stirbt oder aufgibt/zehn weitere tapfere Helden aufstehen/)- José Oiticica

Viele aber, inzwischen entmutigt, entschieden sich, Brasilien zu verlassen. Wie Oreste Ristori, Herausgeber der anarchistischen Zeitung „Der Kampf“ der nach Spanien ging, um dort an der anarchistischen Revolution teilzunehmen.

Am 2. Dezember 1943 wird er in Florenz zusammen mit 4 anderen von den Faschisten erschossen.

- Fortsetzung folgt

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