Kommunen und brennde Schulen – 1.Teil von „Geschichte des Anarchismus in Brasilien“ !

Im 15. Jahrhundert wurde Brasilien von portugiesischen Seefahrern entdeckt und durch die Kraft der Peitsche kolonisiert – auch wenn ihnen die Ausbeutung der Arbeitskraft für ihre Zuckerrohrplantagen nicht gelang( Hunderttausende der ursprünglichen Bevölkerung wurden bei diesen „Versuchen“ getötet) – so gelang durch die Einfuhr afrikanischer Sklav*innen der Ausbau ihrer Latifundien – vor allem im Nordosten Brasiliens.

Wer nicht gehorchte, wurde gefoltert und verstümmelt. Wer nach einem Fluchtversuch wieder eingefangen wurde, dem/der wurden Füße oder ganze Beine abgehackt. Es kam regelmäßig zu Aufständen und Revolten. Die Sklav*innen, die es schafften, sammelten sich in den „Quilombos“.(„Siedlungen der Entflohenen“) Die ersten hielten nicht lange – sie lagen zu nahe an den Siedlungen der Eroberer. Erst in Palmares im heutigen Bundesstaat Alagoas konnten sie längere Zeit überleben – die erste – Macaco – wurde um 1597 errichtet. Viele andere folgten. Heute sind 11 aus dieser Gegend bekannt.


„Wir waren 20 – 30000 in verschiedene kleine Orte aufgeteilt – und im Laufe der Zeit auch von Indigenen und armen Weissen bewohnt. Dort teilten wir uns die gleichen Rechte und Pflichten, Entscheidungen traf die Dorfversammlung. Jedes Dorf hatte einen gewählten Häuptling. Aber das war einmal. Denn Palmares starb in den Flammen, die die Herrschenden gelegt hatten. Was in uns war, war das Gefühl der Freiheit und der Selbstbestimmung. Wir starben dort als freie Menschen.“

Erst 1695 gelang es den Portugiesen, Palmares dem Erdboden gleichzumachen.

„http://www.youtube.com/watch?v=dKIzKpGp_oQ„> (Kurzes Video zur „Capoeira“ der Quilombos)

„Ich/schwarzer Vogel/schließe/die Brandwunden glühender Eisen/mache den geflohenen Sklaven/unverwundbar/und/halte Wache/am Tor der quilombos“ (Adao Ventura)

Utopie und Experiment

Nach der Unabhängigkeit 1822 kam es zu einer Reihe von Revolten und Aufständen. Am 13.Mai 1888 wurde die Sklaverei offiziell abgeschafft und ein Jahr später Brasilien eine Republik.

Revolutionäre Ideen kamen mit den Schiffen aus Europa. Sie brachten Arbeitsmigrant*innen mit anarchistischen und anarchosyndikalistischen Ideen, hinein in die entstehende Industrialisierung des Landes und konfrontiert mit einer wirtschaftlichen und politischen Struktur, die immer noch durch die Macht der Kaffeepflanzer und Exporteliten bestimmt war. Auf lokaler Ebene wurde sie durch so genannte Coronels vertreten.

In dieser Zeit lernt in Bahia der Arzt Fabio Luz die Schriften von Kropotkin kennen. Er wird danach mit seinen Romanen “Ideologie” und “Unsere Emanzipation” zum ersten Schrifsteller in Brasilien, der die soziale Frage in den Vordergrund stellt.

Mit den europäischen Arbeitsmigranten kommen viele, die im Aufbruch einer „neuen Welt“ alle Möglichkeiten derselben sehen. So wie Giovanni Rossi, 1856 in Pisa geboren, wird er dort schon 1873 Mitglied der „Internationalen ArbeiterAssociation“

In Büchern und Zeitungen tritt für er für einen anarchistischen Kollektivismus ein und propagiert die Schaffung kooperativer Kolonien. Mehrmals wegen „antistaatlicher“ Umtriebe verhaftet, verlässt er am 20.Februar 1890 zusammen mit einer Gruppe von Anarchisten von Genua aus Italien und gründet in Palmiras, Parana, die anarchistische Kolonie „Cecilia“.

…. um (dort) ein socialistisches Gemeinwesen zu errichten. In den Einöden Amerikas wollen sie ein Stück Land aufsuchen und – unerfahren und fast alles entbehrend – wollten sie es bebauen, um selbst zu erfahren und all den anderen in der weiten Welt zu zeigen, wie Menschen ohne Gesetze und ohne Herren leben können.“ (Rossi, Utopie und Experiment,1979).

In weniger als einem Jahr wuchs die Kolonie auf fast 300 Menschen an, vorwiegend italienische Migranten und in der Hauptsache Männer.
Das tägliche Leben orientiert sich anfangs an anarchistischen Entwürfen:
In den internen Beziehungen lebt die Autorität unter keiner Gestalt. Keine Gesetze, keine Statuten, keine freien Verträge, keine Majoritätsoberherrlichkeiten, keine Volksversammlungen, keine Regierungs-oder Verwaltungsorgane, höchstens energisch bekämpfte Verwandschafts-und Befähigungseinflüsse.“ (Rossi, a.a.O.)

Anfangs gelingt es, sogar eine libertäre Schule wird eingerichtet, wenn auch „ die produktive Arbeit uns fast völlig absorbiert.“
Doch bald beginnen die harten Auseinandersetzungen – anfangs nur von aussen (lokale Verwaltungsbehörden, religiöse konservative Farmer) doch auch der weiter steigende Zustrom neuer Kommunard*innen führt mehr und mehr in die Krise: Wohnraum und Lebensmittel werden knapp, die einen wollen nicht mehr teilen, die „energisch bekämpften Verwandschaftseinflüsse“ sorgen für Ungerechtigkeiten bei der täglichen Versorgung –

Die antisozialen Eigenschaften, die sich notwendigerweise im bürgerlichen Leben entwickeln, sind noch vorhanden“

Und ein anderes bürgerliches Problem sorgt für gehörig Verwirrung – viele Siedler*innen ziehen die Sicherheit einer Familie vor – trotz eindringlicher Appelle von Rossi:
Solange ihr einen Garten, eine Gattin, Kinder und ein Haus habt, werdet ihr auch eine Familie haben, daß heisst eine kleine autoritäre Gesellschaft, eifersüchtig in ihren Privilegien, ökonomisch eine Rivalin der grossen Gesellschaft; werdet ihr kleinere von den Stärkeren tyrannisierte Territorien haben, innerhalb derer sich die Liebe in ihren verirrten zeigt, von der Eifersucht bis hin zum Verbrechen.“(alles aus: Giovanni Rossi, Utopie und Experiment, Berlin 1979)

Letztendlich aber reicht die Produktion nicht aus, um alle satt zu bekommen. Die Kommune löst sich nach vier Jahren auf. Ein Leben in Freiheit – um schlechter zu leben als die versklavten Arbeiter der neuen Republik?
In dem Spielfilm von Jean Louis Comolli aus dem Jahre aus dem Jahre 1976 verbrennen die Übriggebliebenen die Hütten und hoffen auf ein neues Land und versprechen sich eine neue Kolonie.

Giovanni Rossi bleibt die nächsten Jahre als Tierarzt in Brasilien. 1907 kehrt nach Italien zurück, versucht es weiterhin mit libertären Kommunen – mit 87Jahren stirbt er 1943 in Pisa.

Aber der Anarchismus bzw.der Anarchosyndikalismus wird nun zur massgeblichen Bewegung in Brasilien.1906 kommt es zur Gründung der „Congresso Operario Brasileria“(COB), die sich nach anarchosyndikalistischem Muster organisiert. Sehr militant die vor allem durch Bauarbeiter in Sao Paulo bestehende „Arbeiterföderation von Sao Paulo „(F.O.S.P). Auch in den Textilfabriken, wo vorwiegend Frauen und Kinder arbeiteten, kam es in den nächsten Jahren wenn auch schwerer zu organisieren, immer wieder zu Streiks.

Streiks in den Häfen von Santos und bei der Eisenbahn für kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen werden vor allem von italienischen Anarchosyndikalisten organisiert – die schliesslich in zwei grosse Streikbewegungen 1917 und 1919 quer durchs Land mündet.

(Sao Paulo, 1917)

Libertäre Tages- und Wochenzeitungen entstehen, die bekannteste wohl „A Plebe“ (so was wie „ein Pöbel“) , gegründet von Edgard Leuenroth, einem der bekanntesten Anarchisten in Brasilien, verschiedene Bildungseinrichtungen gegründet – von hier aus gehen die Kampagnen gegen den Analphabetismus.

In „A Plebe“ schreibt auch Maria Lacerda de Moura, Lehrerin und Feministin, die sich um 1910 für die Organisation der Frauen einsetzt, in internationalen Frauenföderation wie auch in Frauen-Antikriegskomitees. Sie gilt als die erste Feministin Brasiliens.

Zeiten des Aufruhrs und der Folter

1922 gründen einige ehemalige Anarchisten (darunter Leuenroth)– inspiriert durch die russische Revolution – die „Kommunistische Partei“ in Brasilien- anfangs durchaus noch den Ideen und Handlungen des Anarchosyndikalismus verpflichtet.

Im gleichen Jahr wurde Artur da Silva Bernardes Präsident von Brasilien. Wenn sein Wirken auch gegen die bis dahin herrschende Oligarchie aus Grossgrundbesitzern und Kirche galt, verstärkte er aber auf der anderen Seite die militärische Macht --- die anarchistisch und syndikalistisch organisierten Arbeiter waren die ersten, die der nun einsetzenden Repression zum Opfer fielen. Streiks wurden mit Gewalt unterdrückt, Zeitungsbüros gingen in Flammen auf, Kinder verbrannten in den libertären Schulen.
Die neue Bourgeoisie applaudierte Bernardes bei der Errichtung von Konzentrationslagern und Folterzentren – das berüchtigste war in Oiapoque an der Grenze zu Französisch – Guyana.

Aufrührerische Arbeiter, die nicht in Brasilien geboren waren, hatten da noch die „Gnade“ der Deportation in ihre Ursprungsländer.

Eine Zeitlang schien es, daß trotz der Gründung der kommunistischen Partei und trotz oder gerade wegen der staatlichen Repression die anarchistische Bewegung eher zunahm. Doch letztendlich siegte die militaristisch-populistische Bewegung des „Tenentismo“

(„Nationsozialist“ Vargas in der Mitte)

Das Regime unter Vargas 1930 und den von ihr eingesetzten Gewerkschaftsorganisationen versetzte dann der anarchistischen und anarchosyndikalistischen Arbeiter*innenbewegung erst einmal den Todesstoss ---

- wird fortgesetzt -

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