Was bedeutet für Anarchist*innen‭ „ ‬soziale Revolution‭“?(Anarchismus FAQ J.7)

‬In der anarchistischen Theorie bedeutet‭ „‬soziale Revolution‭“ ‬weit mehr als nur Revolution.‭ ‬Für Anarchisten ist eine echte Revolution weit mehr als nur ein Make-up in der politischen Verfassung,‭ ‬Struktur oder Form einer Gesellschaft.‭ ‬Es müssen sich alle Aspekte einer Gesellschaft‭ ‬-‭ ‬politische,‭ ‬wirtschaftliche,‭ ‬soziale,‭ ‬zwischenmenschliche Beziehungen,‭ ‬und so weiter‭ ‬-‭ ‬und die entsprechenden Personen verändern.‭ ‬Tatsächlich gehen diese beiden Transformationen Hand in Hand und ergänzen und unterstützen sich gegenseitig.‭ ‬Menschen verändern sich während sie die Gesellschaft verändern.‭ ‬Alexander Berkman formulierte es so:‭
Denn es gibt Revolutionen und Revolutionen.‭ ‬Die eine verändert nur die Regierungsform,‭ ‬indem sie eine Gruppe neuer Herrscher auf den Platz der alten setzt.‭ ‬Das ist eine politische Revolution und als solche trifft sie oft auf wenig Widerstand.‭ ‬Die andere Revolution aber,‭ ‬die darauf abzielt,‭ ‬das gesamte System der Lohnsklaverei abzuschaffen,‭ ‬muß auch die Macht einer Klasse beseitigen,‭ ‬die andere unterdrücken zu können.‭ ‬Das heißt,‭ ‬daß es sich nicht mehr um einen reinen Austausch der Herrschenden,‭ ‬der Regierung,‭ ‬nicht um eine politische Revolution handelt,‭ ‬sondern um eine‭ ‬,‭ ‬die das ganze Wesen der Gesellschaft zu verändern sucht.‭ ‬Das wäre eine soziale Revolution.‭

Das bedeutet zweierlei.‭ ‬Zum einen meint es die Umwandlung aller Teile der Gesellschaft und nicht nur ein Herumbasteln an einzelnen,‭ ‬bestimmten Aspekten des gegenwärtigen Systems.
Politische Revolution bedeutet im Wesentlichen das Auswechseln von Chef*innen,‭ ‬während‭ ‬die soziale Revolution eine sich verändernde Gesellschaft meint,‭ ‬eine Transformation in der Art und Weise wie‭ ‬Gesellschaft sich organisiert und weiterentwickelt.‭ ‬Die soziale Revolution,‭ ‬anders formuliert,‭ ‬zielt nicht darauf eine Form der Unterwerfung gegen eine andere auszutauschen,‭ ‬sondern sehr darauf,‭ ‬alles zu beseitigen,‭ ‬was das Individuum versklavt und unterdrückt.‭

Zum anderen bedeutet es‭ ‬,‭ ‬daß dieser grundlegende Wechsel direkt von den Menschen dieser Gesellschaft durchgeführt wird,‭ ‬anstatt sich auf die politischen Mittel zur Erreichung dieses Zieles einzulassen‭ ‬,wie es die Marxisten-Leninisten und andere autoritäre Sozialisten propagieren.‭ ‬Für Anarchist*innen ist ein solcher Ansatz nur eine politische Revolution und zum Scheitern verdammt.
Das‭ „‬wirkliche,‭ ‬eigentliche Werk der sozialen Revolution muß natürlich von den Arbeitern selbst,‭ ‬von den erwerbstätigen Menschen ausgeführt werden‭ … ‬als‭ „‬den am schlimmsten mitgespielten Opfern der heutigen Institutionen liegt es in ihrem Interesse,‭ ‬sie abzuschaffen‭“(‬Berkman‭)

Das soll jetzt aber nicht bedeuten,‭ ‬daß eine soziale Revolution inhaltlich nicht politisch ist‭ – ‬ganz im Gegenteil‭ ‬,durch z.b.‭ ‬einer Analyse des Staates,‭ ‬der zu einem Instrument der Klassenherrschaft eingerichtet wurde,‭ ‬um die Beteiligung von vielen auszuschliessen,‭ ‬sollte es klar sein,‭ ‬daß wir diesen abschaffen wollen.‭ ‬Was wir aber auch sagen,‭ ‬ist,‭ ‬daß Anarchist*innen nicht die Macht ergreifen und durch die‭ ‬Kontrolle über Justiz oder Militär nun dadurch feine Änderungen zu verursachen.‭
Vielmehr wollen wir Veränderungen von unten nach oben und dabei ist eine solche Revolution unvermeidlich und hängt nicht von den Machenschaften einer politischen Avantgarde ab.‭ ‬Wie Durutti schon argumentierte:‭ „ ‬Wir haben nie geglaubt,‭ ‬daß eine Revolution durch die Machtübernahme einer Minderheit entsteht,‭ ‬die den Menschen eine Zwangsherrschaft auferlegen würde.‭ ‬Wir wollen eine Revolution von und für die Menschen.‭ ‬Ohne diese ist keine Revolution möglich.‭ ‬Alles andere wäre‭ ‬..‭ ‬ein Staatsstreich,‭ ‬mehr nicht.‭“

Für Anarchist*innen ist eine soziale Revolution eine Bewegung von unten,‭ ‬wo die Unterdrückten und Ausgebeuteten für ihre eigene Freiheit kämpfen.‭ ‬Darüberhinaus erscheint eine solche Revolution nicht über Nacht.‭ ‬Sie sind‭ „ ‬nicht improvisiert.‭ ‬Sie werden nicht nach dem Wunsch von‭ ‬Einzelpersonen oder mächtigen Verbänden gemacht,‭ ‬sie kommen unabhängig von allen und jeder Verschwörung und sind immer auf die natürliche Kraft der Umstände zurückzuführen.‭“(‬Bakunin‭)

Revolutionen brechen aus,‭ ‬wenn die Bedingungen dafür reif sind und können nicht künstlich hergestellt werden‭( ‬durch,‭ ‬sagen wir mal,‭ ‬eine Gewerkschaftsführung die aus heiterem Himmel an dem und dem Tag einen Streik ausruft‭)‬.‭ ‬Allerdings kann das Handeln von Individuen und Organisationen eine Revolution durch Propaganda und dem Organisieren von Kämpfen anstossen,‭ ‬so daß,‭ ‬wenn die Umstände sich ändern und die Menschen in der Lage und willens sind,‭ ‬in einer revolutionären Art zu handeln‭( ‬durch,‭ ‬sagen wir hier,einen spontanen Streik der sich zu einem Generalstreik ausweitet.‭)‬
Dies bedeutet,‭ ‬daß‭ ‬keine mechanischen,‭ ‬objektiven Prozesse ablaufen,‭ ‬sondern etwas,‭ ‬was wir zwar beeinflussen,‭ ‬aber nicht befehlen können und wollen.‭ ‬Revolutionen sind ein Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung und der soziale Kampf ein unvermeidlicher Teil davon:‭

Auch die unterdrückten Massen,‭ ‬die sich nie ganz in ihre Sklaverei und ihr Elend gefunden haben,‭ ‬und die heute mehr denn je nach Gerechtigkeit,‭ ‬Freiheit und Wohlstand hungern,‭ ‬fangen an zu verstehen,‭ ‬daß sie sich nur durch das Vereinigen,‭ ‬durch die Solidarität mit allen Unterdrückten und Ausgebeuteten der ganzen Welt befreien können.‭ ‬Sie begreifen endlich,‭ ‬daß die unumgängliche Bedingung ihrer Befreiung der Besitz der Produktionsmittel,‭ ‬des Bodens und der Arbeitswerkzeuge ist.‭“(‬Malatesta‭)

So geht jede soziale Revolution aus den täglichen Kämpfen der Arbeiter*innen hervor.Es ist kein Ereignis,‭ ‬sondern ein Prozess‭ ‬-‭ ‬ein Prozess,‭ ‬der in diesem Moment passiert.‭ ‬So eine soziale Revolution ist nicht etwas in der Zukunft,‭ ‬auf das wir warten,‭ ‬sondern etwas im hier und jetzt,‭ ‬das wir‭ ‬-‭ ‬neben den objektiven Faktoren‭ ‬-‭ ‬beeinflussen können.‭ ‬Das bedeutet,‭ ‬daß‭ „‬Evolution und Revolution keine getrennten Dinge sind.Noch sind sie Gegensätze‭ ‬…‭ ‬Revolution ist nur der Siedepunkt der Evolution‭“(‬Berkman‭)‬.‭ ‬Dies bedeutet,‭ ‬daß wir die Zukunft prägen durch unsere Kämpfe die wir heute führen.‭ ‬Gustav Landauer formulierte es so:‭ „‬Der Staat ist nicht etwas,‭ ‬das durch eine Revolution zerstört werden kann,‭ ‬er ist ein Zustand,‭ ‬eine bestimmte Beziehung zwischen den Menschen,‭ ‬ist eine Art,‭ ‬wie die Menschen sich zueinander verhalten‭; ‬und wir zerstören ihn,‭ ‬in dem wir anderen Beziehungen zueinander eingehen,‭ ‬in dem wir uns anders zueinander verhalten.‭

Das bedeutet nicht,‭ ‬daß Anarchist*innen nicht erkennen,‭ ‬daß eine Revolution durch bestimmte Ereignisse(Generalstreik,‭ ‬wirkliche Aufstände etc.‭) ‬gekennzeichnet sind.‭ ‬Natürlich nicht.‭ ‬Es bedeutet,‭ ‬daß wir diese Ereignisse in einem Prozess innerhalb der sozialen Bewegungen erkennen,‭ ‬daß sie nicht losgelöst sind von der Geschichte noch von der Entwicklung von Ideen und Bewegungen innerhalb der Gesellschaft.
Berkman bekräftigte diesen Punkt,‭ ‬als er argumentierte,‭ ‬dass zwar‭ „‬eine soziale Revolution eine Revolution ist,‭ ‬die das Fundament der Gesellschaft,‭ ‬ihren politischen,‭ ‬wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Charakter vollständig verändert…‭“ ‬aber‭ „‬diese Veränderung zuerst in den Ideen und Ansichten der Leute,‭ ‬in den Gehirnen der Menschen erfolgen muß‭;“ ‬Dies bedeutet,‭ ‬daß‭ „‬eine soziale Revolution vorbereitet werden muß‭; ‬vorbereitet im Sinne einer Förderung des evolutionären Prozesses,‭ ‬Aufklärung der Menschen über die Übel in unserer heutigen Gesellschaft und indem man sie davon überzeugt,‭ ‬daß ein Leben in einer Gesellschaft auf der Basis von Freiheit wünschenswert und möglich,‭ ‬gerecht und durchführbar ist‭“

Eine solche Vorbereitung wäre das Ergebnis der sozialen Kämpfe im Hier und Jetzt,‭ ‬soziale Kämpfe,‭ ‬die auf direkte Aktion,‭ ‬Solidarität und selbstverwalteten Organisationen beruhen.
Während sich Berkman auf die Arbeiterbewegung konzentrierte,‭ ‬sind seine Ausführungen auf alle sozialen Bewegungen anwendbar:‭

„Im täglichen Kampf des Proletariats könnte solch eine Organisation Siege erringen,‭ ‬von denen die konservative Gewerkschaft,‭ ‬so wie sie gegenwärtig aufgebaut ist,‭ ‬nicht einmal träumen kann…‭
Solch eine Gewerkschaft würde bald mehr sein als nur ein Verteidiger und Beschützer der Arbeiter.‭ ‬Sie würde wesentlich an der Verwirklichung der eigentlichen Bedeutung von Einheit und der sich ergebenden Macht,‭ ‬der Arbeitersolidarität,‭ ‬mitwirken.‭ ‬Die Fabrik und der Betrieb würden als Übungsfeld dazu dienen,‭ ‬das Verständnis des Arbeiters bezüglich seiner wirklichen Rolle im Leben zu entwickeln,‭ ‬sein Selbstvertrauen und seine Unabhängigkeit zu pflegen,‭ ‬ihn gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit lehren und ihm seine Verantwortung bewußt machen.‭ ‬Er wird lernen,‭ ‬zu entscheiden und seinem eigenen Urteil gemäß zu handeln und es nicht mehr seinen Führern oder Politikern zu überlassen,‭ ‬daß sie seine Angelegenheiten regeln und sich um sein Wohlergehen kümmern‭ ‬…‭ ‬er wird in zunehmendem Maße verstehen,‭ ‬daß das heutige Wirtschafts-‭ ‬und Gesellschaftssystem falsch und verbrecherisch ist,‭ ‬und er wird sich entscheiden,‭ ‬diesen Zustand zu ändern.‭ ‬Der Werksausschuß und die Gewerkschaft werden das Vorbereitungsfeld für ein neues Wirtschaftssystem,‭ ‬für eine neue Gesellschaft werden.‭“

Mit anderen Worten ist der Kampf gegen Autorität,‭ ‬Ausbeutung,‭ ‬Unterdrückung und Herrschaft im Hier und Jetzt der Beginn der sozialen Revolution.‭ ‬Es ist dieser tägliche Kampf,‭ ‬der,‭ ‬wie Bakunin betont,‭ ‬freie Menschen schafft und die Organisationen‭ „‬…‭ ‬als lebender Samen der neuen Gesellschaft,‭ ‬die die alte ersetzen soll.Sie schaffen nicht nur die Ideen,‭ ‬sondern auch die Tatsachen der Zukunft selbst.‭“
‬Deshalb kann der libertäre Sozialismus nur durch die Entwicklung der nicht-politischen oder anti-politischen gesellschftlichen Macht der arbeitenden Klasse in Stadt und Land erreicht werden‭“‬.
Diese gesellschaftliche,‭ ‬soziale Macht sind in wirtschaftlichen und sozialen Organisationen wie die selbstverwaltete Gewerkschaften und Fabrik-und Gemeindeversammlungen verankert‭ (‬die den organisatorischen Rahmen für eine freie Gesellschaft sind‭)

Anarchist*innen versuchen und folgen dem Beispiel unserer spanischen Genoss*innen in der CNT und FAI,‭ ‬die‭ „‬als sie mit dem herkömmlichen Gegensatz zwischen Reformismus und Revolution konfrontiert wurden,‭ ‬sie in der Tat eine dritte Alternative suchten,‭ ‬in dem sie eine sofortige praktische Verbesserung durch die Praxis autonomer,‭ ‬libertärer Formen der Selbstorganisation unterbreiteten.‭“(‬Nick Rider‭)‬.
Während dies getan wird‭ ‬,müssen Anarchist*innen sich selbst davor schützen,‭ ‬immer weniger anarchistisch zu werden,weil die Menschen noch nicht bereit sind für die Anarchie‭“‬.‭(‬Malatesta‭)

So ist Revolution und Anarchismus das Ergebnis von Kämpfen,‭ ‬ein sozialer Prozess,‭ ‬in dem anarchistische Ideen sich verbreiten und entwickeln.‭“‬Das heisst nicht‭“ ‬schreibt Malatesta‭ „ ‬daß wir,‭ ‬um die Anarchie zu erreichen,‭ ‬warten müssen,‭ ‬bis jeder Anarchist ist.‭ ‬Im Gegenteil‭ … ‬Es wäre unter derzeitigen Bedingungen nur eine kleine Minderheit,‭ ‬die‭ ‬-‭ ‬begünstigt durch bestimmte Voraussetzungen‭ ‬-in der Lage ist zu erfassen,‭ ‬was Anarchie bedeutet.‭ ‬Es wäre Wunschdenken,‭ ‬die Hoffnung auf eine allgemeine Konvertierung zu setzen,‭ ‬bevor Änderungen in dem Umfeld,‭ ‬in dem derzeit Autoritarismus und Privilegien florieren,‭ ‬tatsächlich stattgefunden haben.‭ ‬Genau aus diesem Grund,‭ ‬müssen‭ (‬wir‭) ‬…‭ ‬uns organiseren,‭ ‬um Anarchie,‭ ‬oder zumindest einen graduell realisierbaren Grad,‭ ‬herbeizuführen,‭ ‬so bald ein ausreichendes Mass an Freiheit gewonnen wurde und irgendwo ein Kern von Anarchist*innen existiert,‭ ‬der sowohl zahlenmässig stark genug ist als auch in der Lage,autark zu handeln und seinen Einfluss lokal geltend zu machen.‭ „

So beeinflussen die Anarchist*innen den sozialen Kampf,‭ ‬den revolutionären Prozess,‭ ‬in dem sie anarchistische Tendenzen bei denjenigen förder n,‭ ‬die noch keine Anarchisten sind,‭ ‬aber instinktiv in einer libertären Art und Weise handeln.‭ ‬Anarchist*innen verbreiten unsere Botschaften an diejenigen,‭ ‬die kämpfen und unterstützen libertäre Tendenzen so weit wir können.Auf diese Weise werden immer mehr Leute zu Anarchist*innen und Anarchie wird immer möglicher werden.‭ ‬Für Anarchist*innen ist eine soziale Revolution das Endergebnis von Jahren des Kampfes.Es ist durch die Umwandlung der Gesellschaft geprägt,‭ ‬dem Abbau aller Formen vn Unterdrückung und der Schaffung neuen Lebenswegen,‭ ‬neuen Formen der selbstverwalteten Organisation,‭ ‬einer neuen Einstellung zum Leben selbst.‭ ‬Vor allem warten wir mit solchen Veränderungen nicht auf die Zukunft.‭ ‬Vielmehr versuchen und schaffen wir so viele anarchistische Tendenzen in der heutigen Gesellschaft wie möglich,‭ ‬in der festen Überzeugung,‭ ‬daß wir auf diese Weise die Schaffung einer freien Gesellschaft näher kommen.

Nur wenige Anarchist*innen denken bei Anarchie als etwas in ferner Zukunft,‭ ‬für uns anderen alle ist es etwas,‭ ‬was hier im Hier und Jetzt versuchen können zu schaffen,‭ ‬in dem wir in einer libertären Art und Weise leben und kämpfen.‭ ‬Wenn genügend Leute es tun,dann ist eine weitergehende Veränderung in Richtung Anarchie möglich.

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