In der anarchistischen Theorie bedeutet „soziale Revolution“ weit mehr als nur Revolution. Für Anarchisten ist eine echte Revolution weit mehr als nur ein Make-up in der politischen Verfassung, Struktur oder Form einer Gesellschaft. Es müssen sich alle Aspekte einer Gesellschaft - politische, wirtschaftliche, soziale, zwischenmenschliche Beziehungen, und so weiter - und die entsprechenden Personen verändern. Tatsächlich gehen diese beiden Transformationen Hand in Hand und ergänzen und unterstützen sich gegenseitig. Menschen verändern sich während sie die Gesellschaft verändern. Alexander Berkman formulierte es so:
“Denn es gibt Revolutionen und Revolutionen. Die eine verändert nur die Regierungsform, indem sie eine Gruppe neuer Herrscher auf den Platz der alten setzt. Das ist eine politische Revolution und als solche trifft sie oft auf wenig Widerstand. Die andere Revolution aber, die darauf abzielt, das gesamte System der Lohnsklaverei abzuschaffen, muß auch die Macht einer Klasse beseitigen, die andere unterdrücken zu können. Das heißt, daß es sich nicht mehr um einen reinen Austausch der Herrschenden, der Regierung, nicht um eine politische Revolution handelt, sondern um eine , die das ganze Wesen der Gesellschaft zu verändern sucht. Das wäre eine soziale Revolution.“
Das bedeutet zweierlei. Zum einen meint es die Umwandlung aller Teile der Gesellschaft und nicht nur ein Herumbasteln an einzelnen, bestimmten Aspekten des gegenwärtigen Systems.
Politische Revolution bedeutet im Wesentlichen das Auswechseln von Chef*innen, während die soziale Revolution eine sich verändernde Gesellschaft meint, eine Transformation in der Art und Weise wie Gesellschaft sich organisiert und weiterentwickelt. Die soziale Revolution, anders formuliert, zielt nicht darauf eine Form der Unterwerfung gegen eine andere auszutauschen, sondern sehr darauf, alles zu beseitigen, was das Individuum versklavt und unterdrückt.
Zum anderen bedeutet es , daß dieser grundlegende Wechsel direkt von den Menschen dieser Gesellschaft durchgeführt wird, anstatt sich auf die politischen Mittel zur Erreichung dieses Zieles einzulassen ,wie es die Marxisten-Leninisten und andere autoritäre Sozialisten propagieren. Für Anarchist*innen ist ein solcher Ansatz nur eine politische Revolution und zum Scheitern verdammt.
Das „wirkliche, eigentliche Werk der sozialen Revolution muß natürlich von den Arbeitern selbst, von den erwerbstätigen Menschen ausgeführt werden … als „den am schlimmsten mitgespielten Opfern der heutigen Institutionen liegt es in ihrem Interesse, sie abzuschaffen“(Berkman)
Das soll jetzt aber nicht bedeuten, daß eine soziale Revolution inhaltlich nicht politisch ist – ganz im Gegenteil ,durch z.b. einer Analyse des Staates, der zu einem Instrument der Klassenherrschaft eingerichtet wurde, um die Beteiligung von vielen auszuschliessen, sollte es klar sein, daß wir diesen abschaffen wollen. Was wir aber auch sagen, ist, daß Anarchist*innen nicht die Macht ergreifen und durch die Kontrolle über Justiz oder Militär nun dadurch feine Änderungen zu verursachen.
Vielmehr wollen wir Veränderungen von unten nach oben und dabei ist eine solche Revolution unvermeidlich und hängt nicht von den Machenschaften einer politischen Avantgarde ab. Wie Durutti schon argumentierte: „ Wir haben nie geglaubt, daß eine Revolution durch die Machtübernahme einer Minderheit entsteht, die den Menschen eine Zwangsherrschaft auferlegen würde. Wir wollen eine Revolution von und für die Menschen. Ohne diese ist keine Revolution möglich. Alles andere wäre .. ein Staatsstreich, mehr nicht.“
Für Anarchist*innen ist eine soziale Revolution eine Bewegung von unten, wo die Unterdrückten und Ausgebeuteten für ihre eigene Freiheit kämpfen. Darüberhinaus erscheint eine solche Revolution nicht über Nacht. Sie sind „ nicht improvisiert. Sie werden nicht nach dem Wunsch von Einzelpersonen oder mächtigen Verbänden gemacht, sie kommen unabhängig von allen und jeder Verschwörung und sind immer auf die natürliche Kraft der Umstände zurückzuführen.“(Bakunin)
Revolutionen brechen aus, wenn die Bedingungen dafür reif sind und können nicht künstlich hergestellt werden( durch, sagen wir mal, eine Gewerkschaftsführung die aus heiterem Himmel an dem und dem Tag einen Streik ausruft). Allerdings kann das Handeln von Individuen und Organisationen eine Revolution durch Propaganda und dem Organisieren von Kämpfen anstossen, so daß, wenn die Umstände sich ändern und die Menschen in der Lage und willens sind, in einer revolutionären Art zu handeln( durch, sagen wir hier,einen spontanen Streik der sich zu einem Generalstreik ausweitet.)
Dies bedeutet, daß keine mechanischen, objektiven Prozesse ablaufen, sondern etwas, was wir zwar beeinflussen, aber nicht befehlen können und wollen. Revolutionen sind ein Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung und der soziale Kampf ein unvermeidlicher Teil davon:
„Auch die unterdrückten Massen, die sich nie ganz in ihre Sklaverei und ihr Elend gefunden haben, und die heute mehr denn je nach Gerechtigkeit, Freiheit und Wohlstand hungern, fangen an zu verstehen, daß sie sich nur durch das Vereinigen, durch die Solidarität mit allen Unterdrückten und Ausgebeuteten der ganzen Welt befreien können. Sie begreifen endlich, daß die unumgängliche Bedingung ihrer Befreiung der Besitz der Produktionsmittel, des Bodens und der Arbeitswerkzeuge ist.“(Malatesta)
So geht jede soziale Revolution aus den täglichen Kämpfen der Arbeiter*innen hervor.Es ist kein Ereignis, sondern ein Prozess - ein Prozess, der in diesem Moment passiert. So eine soziale Revolution ist nicht etwas in der Zukunft, auf das wir warten, sondern etwas im hier und jetzt, das wir - neben den objektiven Faktoren - beeinflussen können. Das bedeutet, daß „Evolution und Revolution keine getrennten Dinge sind.Noch sind sie Gegensätze … Revolution ist nur der Siedepunkt der Evolution“(Berkman). Dies bedeutet, daß wir die Zukunft prägen durch unsere Kämpfe die wir heute führen. Gustav Landauer formulierte es so: „Der Staat ist nicht etwas, das durch eine Revolution zerstört werden kann, er ist ein Zustand, eine bestimmte Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und wir zerstören ihn, in dem wir anderen Beziehungen zueinander eingehen, in dem wir uns anders zueinander verhalten.“
Das bedeutet nicht, daß Anarchist*innen nicht erkennen, daß eine Revolution durch bestimmte Ereignisse(Generalstreik, wirkliche Aufstände etc.) gekennzeichnet sind. Natürlich nicht. Es bedeutet, daß wir diese Ereignisse in einem Prozess innerhalb der sozialen Bewegungen erkennen, daß sie nicht losgelöst sind von der Geschichte noch von der Entwicklung von Ideen und Bewegungen innerhalb der Gesellschaft.
Berkman bekräftigte diesen Punkt, als er argumentierte, dass zwar „eine soziale Revolution eine Revolution ist, die das Fundament der Gesellschaft, ihren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Charakter vollständig verändert…“ aber „diese Veränderung zuerst in den Ideen und Ansichten der Leute, in den Gehirnen der Menschen erfolgen muß;“ Dies bedeutet, daß „eine soziale Revolution vorbereitet werden muß; vorbereitet im Sinne einer Förderung des evolutionären Prozesses, Aufklärung der Menschen über die Übel in unserer heutigen Gesellschaft und indem man sie davon überzeugt, daß ein Leben in einer Gesellschaft auf der Basis von Freiheit wünschenswert und möglich, gerecht und durchführbar ist“
Eine solche Vorbereitung wäre das Ergebnis der sozialen Kämpfe im Hier und Jetzt, soziale Kämpfe, die auf direkte Aktion, Solidarität und selbstverwalteten Organisationen beruhen.
Während sich Berkman auf die Arbeiterbewegung konzentrierte, sind seine Ausführungen auf alle sozialen Bewegungen anwendbar:
„Im täglichen Kampf des Proletariats könnte solch eine Organisation Siege erringen, von denen die konservative Gewerkschaft, so wie sie gegenwärtig aufgebaut ist, nicht einmal träumen kann…
Solch eine Gewerkschaft würde bald mehr sein als nur ein Verteidiger und Beschützer der Arbeiter. Sie würde wesentlich an der Verwirklichung der eigentlichen Bedeutung von Einheit und der sich ergebenden Macht, der Arbeitersolidarität, mitwirken. Die Fabrik und der Betrieb würden als Übungsfeld dazu dienen, das Verständnis des Arbeiters bezüglich seiner wirklichen Rolle im Leben zu entwickeln, sein Selbstvertrauen und seine Unabhängigkeit zu pflegen, ihn gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit lehren und ihm seine Verantwortung bewußt machen. Er wird lernen, zu entscheiden und seinem eigenen Urteil gemäß zu handeln und es nicht mehr seinen Führern oder Politikern zu überlassen, daß sie seine Angelegenheiten regeln und sich um sein Wohlergehen kümmern … er wird in zunehmendem Maße verstehen, daß das heutige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem falsch und verbrecherisch ist, und er wird sich entscheiden, diesen Zustand zu ändern. Der Werksausschuß und die Gewerkschaft werden das Vorbereitungsfeld für ein neues Wirtschaftssystem, für eine neue Gesellschaft werden.“
Mit anderen Worten ist der Kampf gegen Autorität, Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft im Hier und Jetzt der Beginn der sozialen Revolution. Es ist dieser tägliche Kampf, der, wie Bakunin betont, freie Menschen schafft und die Organisationen „… als lebender Samen der neuen Gesellschaft, die die alte ersetzen soll.Sie schaffen nicht nur die Ideen, sondern auch die Tatsachen der Zukunft selbst.“
Deshalb kann der libertäre Sozialismus nur durch die Entwicklung der nicht-politischen oder anti-politischen gesellschftlichen Macht der arbeitenden Klasse in Stadt und Land erreicht werden“.
Diese gesellschaftliche, soziale Macht sind in wirtschaftlichen und sozialen Organisationen wie die selbstverwaltete Gewerkschaften und Fabrik-und Gemeindeversammlungen verankert (die den organisatorischen Rahmen für eine freie Gesellschaft sind)
Anarchist*innen versuchen und folgen dem Beispiel unserer spanischen Genoss*innen in der CNT und FAI, die „als sie mit dem herkömmlichen Gegensatz zwischen Reformismus und Revolution konfrontiert wurden, sie in der Tat eine dritte Alternative suchten, in dem sie eine sofortige praktische Verbesserung durch die Praxis autonomer, libertärer Formen der Selbstorganisation unterbreiteten.“(Nick Rider).
Während dies getan wird ,müssen Anarchist*innen sich selbst davor schützen, immer weniger anarchistisch zu werden,weil die Menschen noch nicht bereit sind für die Anarchie“.(Malatesta)
So ist Revolution und Anarchismus das Ergebnis von Kämpfen, ein sozialer Prozess, in dem anarchistische Ideen sich verbreiten und entwickeln.“Das heisst nicht“ schreibt Malatesta „ daß wir, um die Anarchie zu erreichen, warten müssen, bis jeder Anarchist ist. Im Gegenteil … Es wäre unter derzeitigen Bedingungen nur eine kleine Minderheit, die - begünstigt durch bestimmte Voraussetzungen -in der Lage ist zu erfassen, was Anarchie bedeutet. Es wäre Wunschdenken, die Hoffnung auf eine allgemeine Konvertierung zu setzen, bevor Änderungen in dem Umfeld, in dem derzeit Autoritarismus und Privilegien florieren, tatsächlich stattgefunden haben. Genau aus diesem Grund, müssen (wir) … uns organiseren, um Anarchie, oder zumindest einen graduell realisierbaren Grad, herbeizuführen, so bald ein ausreichendes Mass an Freiheit gewonnen wurde und irgendwo ein Kern von Anarchist*innen existiert, der sowohl zahlenmässig stark genug ist als auch in der Lage,autark zu handeln und seinen Einfluss lokal geltend zu machen. „
So beeinflussen die Anarchist*innen den sozialen Kampf, den revolutionären Prozess, in dem sie anarchistische Tendenzen bei denjenigen förder n, die noch keine Anarchisten sind, aber instinktiv in einer libertären Art und Weise handeln. Anarchist*innen verbreiten unsere Botschaften an diejenigen, die kämpfen und unterstützen libertäre Tendenzen so weit wir können.Auf diese Weise werden immer mehr Leute zu Anarchist*innen und Anarchie wird immer möglicher werden. Für Anarchist*innen ist eine soziale Revolution das Endergebnis von Jahren des Kampfes.Es ist durch die Umwandlung der Gesellschaft geprägt, dem Abbau aller Formen vn Unterdrückung und der Schaffung neuen Lebenswegen, neuen Formen der selbstverwalteten Organisation, einer neuen Einstellung zum Leben selbst. Vor allem warten wir mit solchen Veränderungen nicht auf die Zukunft. Vielmehr versuchen und schaffen wir so viele anarchistische Tendenzen in der heutigen Gesellschaft wie möglich, in der festen Überzeugung, daß wir auf diese Weise die Schaffung einer freien Gesellschaft näher kommen.
Nur wenige Anarchist*innen denken bei Anarchie als etwas in ferner Zukunft, für uns anderen alle ist es etwas, was hier im Hier und Jetzt versuchen können zu schaffen, in dem wir in einer libertären Art und Weise leben und kämpfen. Wenn genügend Leute es tun,dann ist eine weitergehende Veränderung in Richtung Anarchie möglich.
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