Anarchist FAQ – Gebrauchsanleitung für eine freie Gesellschaft – 1.Was ist der Anarchismus?

Eine Gebrauchsanleitung für den „Anarchismus“, besser für die „Anarchie“? Die kein geschlossenes Lehrsystem kennt, sondern eine Vielzahl von Ideen ist mit allerdings einer bestimmten Ausrichtung.!?
Zum einen wäre da der Satz von Bakunin:

Freiheit ohne Sozialismus bedeutet Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität

Freiheit und Sozialismus also ---, die Toleranz des Anderen, Selbstverantwortlichkeit des eigenen Tuns, Selbstverwirklichung in Eigenverantwortung und mit dem Aufbau menschlicher Gemeinschaft und der Zusammenarbeit mit anderen Gleichgesinnten auch die soziale Verantwortung zu dem, was geschieht --- ein „sozialer Egoismus“ (Ramus).
Die praktischen Mittel dazu sind bekannt: direkte Aktionen um Freiheit und Sozialismus in Selbstorganisation und Selbstverwaltung täglich mehr zu erreichen --- da wären die Sätze von Landauer:

Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andre Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält.
Wie die einzelnen sich durch welche Aktionen und Handlungen zueinander verhalten – siehe Bakunin.

Also wozu ne „Gebrauchsanleitung“? Wo irgendwelche Menschen dann doch ein Denk-und Verhaltensmuster entwerfen – für die „Anarchie“?


„Diese FAQ wurde von Anarchisten auf der ganzen Welt geschrieben um denen, die daran interessiert sind, anarchistische Ideen und Theorien vorzustellen. Es ist ein gemeinschaftliches Projekt, erstellt durch eine (virtuelle) Arbeitsgruppe. Wir hoffen, dass diese FAQ sich als nützliches Hilfsmittel für die Organisation von Anarchist*innen Online und auch in der realen Welt erweist. Dabei versuchen wir darzulegen warum jede/r Anarchist*in werden sollte, genauso wie wir versuchen häufig aufkommende Argumente gegen den Anarchismus zu widerlegen.

Wir sollten die Geschichte der FAQ ansprechen. Sie wurde 1995 von einer Gruppe Anarchisten begonnen um die Behauptung einiger libertärer Kapitalisten zu widerlegen, dass diese Anarchisten seien(„AnarchoKapitalismus“). Die so in diesem Projekt involvierten Personen hatten viele Stunden online verbracht um Behauptungen zu widerlegen, dass Kapitalismus und Anarchismus gemeinsam existieren könnten. Schließlich entschied eine Gruppe von Netzaktivisten, dass die beste Lösung eine FAQ wäre, die erklärt warum Anarchismus den Kapitalismus hasst und warum „Anarcho-Kapitalisten keine Anarchisten sein können.
Obwohl die FAQ zu einem sehr spezifischen Zweck begonnen wurde, hat sie sich in etwas Größeres entwickelt als wir ursprünglich geglaubt hätten. Sie stellt heute eine generelle Einführung in die Thematik des Anarchismus, seiner Ideen und seiner Geschichte dar. Die FAQ wurde sehr ausführlich, da der Anarchismus anerkennt, dass es keine einfachen Antworten gibt und dass Freiheit nur auf individueller Verantwortung basieren kann. Da der Anarchismus viele verbreitete Annahmen hinterfragt mussten wir vieles ansprechen.
Natürlich werden viele Anarchist*innen nicht zu 100% dem zustimmen was wir in dieser FAQ geschrieben haben. Das kann man jedoch auch von einer Bewegung, die auf individuelle Freiheit und kritischem Denken basiert nicht, anders erwarten. Allerdings glauben wir, dass die meisten Anarchist*innen einem Großteil zustimmen und die restlichen Teile respektieren werden, auch wenn sie diesen nicht vollständig zustimmen, da es sich um eindeutig anarchistische Ideen und Ideale handelt.

Es ist nicht unsere Absicht eine endgültige Definition dessen zu schreiben was Anarchismus ist und was nicht. Vielmehr stellt diese FAQ einen Startpunkt für jede dar, um für sich selbst über Anarchismus zu lesen und zu lernen und um das gelernte in direkte Aktion und eigene Aktivitäten umzusetzen. Auf diese Art machen wir aus dem Anarchismus eine lebende Theorie, ein Produkt individueller und sozialer Eigenaktivität. Nur indem wir unsere Ideen praktizieren können wir mehr über ihre Stärken und Schwächen erfahren und so mit neuen Erfahrungen die anarchistische Theorie auf neue Wege bringen. Wir hoffen, dass diese FAQ diesem Prozess von Eigenaktivität und Selbstbildung sowohl wiedergibt als auch hilft.“

(aus der Einleitung der „Anarchist FAQ“)

Hinweis: Die „FAQ“ ist keiner/m Eigentum, sondern soll für die gesamte anarchistische Bewegung eine „lebende Schöpfung“ sein. Wer also was hinzufügen, neue Ideen einbringen möchte, sei aufgefordert dies zu tun

http://www.anarchistfaq.org/„>

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es noch keine komplette deutschsprachige Übersetzung zur „FAQ“ geht. Sollte es Menschen geben, die daran arbeiten, bitte einen kleinen Hinweis an diesen Blog

A.1.1 Was bedeutet „Anarchie“?

Der Begriff „Anarchie“ kommt aus dem Griechischen. Das Präfix an (oder a) steht im Griechischen für „nicht“, „Mangel an“, „Abwesenheit von“, oder „Fehlen von“ plus archos, was soviel heißt wie“Herrscher“, „Leiter“, „Häuptling“, „Person mit leitender Funktion“ oder „Autorität“. Peter Kropotkin übersetzte ihn mit „der Autorität zuwider“.

Während nun die griechischen Worte anarchos und anarchia oft dazu benutzt werden um das „Fehlen einer Regierung“ oder „ohne existierende Regierung“ auszudrücken, bedeutet Anarchismus originalgetreu nicht einfach „ohne Regierung“. „An-archie“ bedeutet eher soviel wie „ohne Herrscher“ oder allgemeiner „ohne Autorität“ – und in dieser Bedeutung haben Anarchist*innen das Wort seit jeher benutzt. Zum Beispiel argumentiert Kropotkin, Anarchismus „attackiert nicht nur die Mittel sondern auch die Hauptquellen der Macht des Kapitalismus: Gesetze, Autorität und den Staat als solchen“
Für Anarchist*innen bedeutet Anarchie also „nicht notwendigerweise das Fehlen von Ordnung, wie allgemein angenommen, sondern eher das Nichtvorhandensein von Regeln“ (Benjamin Tucker).

David Weick hat das recht gut zusammengefasst:
„Anarchismus kann allgemein als soziales und politisches Konzept gelten, welches jede Art von (Vor-)Herrschaft, Macht und hierarchischer Ordnung ablehnt und die Ausrottung selbiger anstrebt … Anarchismus ist daher mehr, als nur eine antistaatliche Einstellung … [selbst wenn] die Regierung (also der Staat) … sachgemäß der zentrale Kritikpunkt der Anarchisten ist“

Der Anarchismus ist also nicht nur gegen Regierung und Staat sondern primär eine Bewegung gegen Hierarchie. Wieso? Weil Hierarchie die organisatorische Struktur der Autorität verkörpert. Und da der Staat nun mal die höchste Form einer Hierarchie darstellt, sind Anarchist*innen der Definition nach gegen den Staat; jedoch ist dies keine hinreichende Definition des Anarchismus, denn richtige Anarchisten lehnen jede Art von hierarchischer Organisation ab, nicht nur den Staat. Brian Morris drückt dies wie folgt aus:

„Der Begriff Anarchie kommt aus dem Griechischen und bedeutet im Wesentlichen ‚ohne Herrschenden‘. Anarchisten sind Menschen die alle Formen von Regierung oder Zwangsautorität, Hierarchie und Vorherrschaft ablehnen. Sie sind also gegen das was der mexikanische Anarchist Flores Magon als `düstere Dreifalt` bezeichnete — den Staat, das Kapital und die Kirche. Anarchisten sind folglich gegen Kapitalismus und den Staat sowie auch gegen alle Formen der religiösen Autorität. Jedoch versuchen Anarchisten auch die Anarchie zu etablieren oder herbeizuführen und das mit den unterschiedlichsten Mitteln – eine Eigenschaft der Anarchie, die aus einer dezentralen Gesellschaft ohne zwingende Institutionen entsteht, eine Gesellschaft die sich durch einen Zusammenschluss von freiwilligen Verbänden organisiert.“ [“Anthropology and Anarchism“, Anarchy: A Journal of Desire Armed, Nr. 45, S. 38]

Der Bezug auf „Hierarchie“ in diesem Zusammenhang ist eine ganz neue Entwicklung. Die „klassischen“ Anarchisten wie Proudhon, Bakunin und Kropotkin benutzten das Wort kaum (sie bevorzugten „Autorität“, ).Wie auch immer, es geht klar aus ihren Schriften hervor, das selbige eine Philosophie gegen Hierarchie, gegen jede ungleiche Machtverteilung und gegen Privilegien unter Individuen sind. Bakunin bestätigte das in soweit, als das er die „offizielle“ Autorität schmähte jedoch den „natürlichen Einfluss “ befürwortete. Hierzu äußerte er sich auch wie folgt:
„Wollen Sie verhindern, dass Menschen ihre Mitmenschen unterdrücken? Dann sorgen Sie dafür, dass niemand im Besitz von Macht ist.“

Ebenso schrieb Jeff Draughn, „bis dato war es immer ein latenter Teil des ‚revolutionären Projekts‘, erst vor kurzem wurde die weitergeführte Idee, nämlich die des Antihierarchismus, weiter untersucht. Nichtsdestoweniger, die Wurzel dessen ist schlechthin in den Wurzeln des griechischen Worts ‚Anarchie‘ zu finden.“

Wir wollen hier betonen, dass diese Opposition gegen Hierarchie für Anarchist*innen nicht nur auf den Staat oder die Regierung begrenzt ist. Sie beinhaltet alle autoritären Beziehungen – wirtschaftliche und soziale ebenso wie die politischen. Jedoch verstärkt diese, die die dem kapitalistischen Besitz und der Lohnarbeit verbunden sind. Es geht aus Proudhons Argumentation hervor, dass Kapital … im politischen Sinn entspricht es der Regierung … Die ökonomische Idee des Kapitalismus … und die Politik der Regierung oder der Autorität … ist identisch und auf verschiedene Arten verbunden … Wo das Kapital die Arbeit macht, „macht“ der Staat die Freiheit…“
So finden wir Emma Goldman den Kapitalismus anfechtend, da dieser den Verkauf des Volkes Arbeit nach sich zieht und „die Neigung der Arbeiter und deren Urteil dem Willen des Herren nachrangig ist.“

Vierzig Jahre früher kam Bakunin zu demselben Schluss, als er argumentiert, dass unter dem jetzigen System „der Arbeiter seine Person und seine Freiheit für eine festgelegte Zeit dem Kapitalisten im Tausch gegen Lohn überlässt. „[
Folglich bedeutet „Anarchie“ mehr als nur „keine Regierung“, es bedeutet Opposition gegen alle Formen von autoritären Organisationen und Hierarchien. In Kropotkins Worten: „Der Ursprung der Anarchisten findet sich schon zu Beginn der Gesellschaft und zeigt sich in der Kritik an hierarchischen Organisationen und autoritären Gesellschaftskonzepten sowie bei der Analyse der Tendenzen der progressiven Bewegung der Menschheit.“
Jeder Versuch zu versichern das Anarchie ausschließlich eine antistaatliche Einstellung ist, ist eine Missinterpretation des Wortes und der Bedeutung, die es in der anarchistischen Bewegung hat. Brian Morris argumentiert, „wenn man die Schriften von klassischen Anarchisten begutachtet … sowie die Beschaffenheit der anarchistischen Bewegung … geht daraus klar hervor das es niemals die beschränkte Sicht war [nur gegen den Staat zu sein]. Im Gegenteil, jede Art von Autorität und Ausbeutung wird abgelehnt und Kapitalismus sowie Religion genauso kritisch betrachtet wie der Staat “
Und nur um das Offensichtliche noch mal darzulegen, Anarchie bedeutet nicht Chaos, genauso wenig suchen Anarchisten das Chaos und die Unordnung. Stattdessen wollen wir eine Gesellschaft schaffen, basierend auf individueller Freiheit und freiwilliger Kooperation. In anderen Worten, Ordnung von unten herauf und keine Unordnung hervorgerufen durch das von-Oben-herab der Autoritäten

(WIRD FORTGESETZT)

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