ZUERST TRAGÖDIE, DANN FARCE

Slavoy Zižek

Ich will einen einfachen Gedanken entwickeln:

Warum ist die Wohltätigkeit in unserer Ökonomie nicht mehr nur Eigenart vereinzelter „Guter“, sondern zur Grundlage der Ökonomie geworden?

Ich fange mit der Vorstellung des so genannten Kulturkapitalismus in seiner heutigen Form an und werde dann darlegen, wie er Anwendung auf die Ökonomie im engen Sinne findet

Was hat sich verändert?

Vor dieser Zeit gab es eine mehr oder weniger einfache Opposition:
Auf einer Seite steht der Konsumismus, man kauft und spekuliert, usw.
Auf der anderen Seite kommt das, was man für die Gesellschaft tut.

Soros ist ein Beispiel für diesen „alten“ Typ: Morgens greift er das Geld ab, einfach gesagt.
Nachmittags gibt er die Hälfte davon zurück an Wohltätigkeitsorganisationen, usw.

Jedoch, der Kapitalismus heute tendiert dazu, diese zwei Dimensionen zu clustern.

Im Akt des Kaufens ist die antikonsumeristische Pflicht zur Wohltätigkeit, etc. bereits enthalten.

Wenn Sie denken, ich übertreibe, gehen Sie einfach in ein Starbucks-Cafè um die Ecke.

Sie werden sehen, wie sie Ihnen explizit sagen – und ich zitiere ihre Kampagne:
„Es geht nicht darum, was Sie kaufen, sondern darum in was Sie sich einkaufen“

Und dann beschreiben sie es:

„Wenn Sie bei Starbucks einkaufen, ob Sie es wissen, oder nicht,
kaufen Sie sich in etwas Größeres als eine Tasse Kaffee ein.

Sie kaufen sich ein in eine Kaffee-Ethik.

Durch das Starbucks Shared Planet Program kaufen wir mehr fair gehandelten Kaffee als alle anderen.

Damit sichern wir, dass die anbauenden Bauern einen fairen Preis für ihre harte Arbeit bekommen.

Und wir investieren in die Verbesserung von Anbaupraktiken und Communities weltweit.
Es ist ein gutes Kaffee-Karma.“

Und ein bisschen vom Verkauf jeder Tasse hilft, die Cafés gemütlich einzurichten, usw. usw.

Dies nenne ich Kulturkapitalismus in seiner reinsten Form.
Man kauft dabei nicht einfach einen Kaffee.
Durch den Akt des Konsumierens selbst kauft man sich davon frei, ein einfacher Konsument zu sein.
Man tut etwas für die Umwelt und etwas dafür, hungernden Kindern in Guatemala zu helfen.

Man tut etwas dafür, den Gemeinschaftssinn wieder herzustellen, usw. usw.

Ein fast absurdes Beispiel dafür ist das amerikanische Unternehmen „TOMS“.
ihre Formel heiß: „Eins für eins.“

Sie behaupten, für jedes Paar Schuhe, dass bei ihnen gekauft wird,
ein weiteres Paar Schuhe an ein afrikanisches Land zu spenden, usw. usw.

Im Akt des Konsumierens zahlt man dafür, die Umwelt zu schützen, etwas für andere zu tun, usw.

Dies generiert fast eine Art semantischer Überinvestition:

Es geht nicht nur darum, eine Tasse Kaffee zu kaufen.
Zugleich erfüllt man eine ganze Serie von ethischen Verpflichtungen, usw. usw.

Diese Logik ist heute fast universalisiert.
Seien wir offen: Wenn Sie in einen Laden gehen, kaufen sie wohl vorzugsweise Bioäpfel.
Warum? Schauen Sie tief in sich hinein?

Ich denke nicht, dass Sie wirklich daran glauben, diese halb verrotteten teueren Äpfel seien besser als die guten alten genetisch modifizierten Äpfel?

Ich behaupte, dass wir hier zynisch, oder skeptisch sind.
Aber sie geben uns das warme Gefühl, etwas für Mutter Erde zu tun, für unseren Planeten, usw.
Das alles bekommt man in diesem interessanten kurzen Kreislauf!

Der bloße Akt des selbstgefälligen Konsums beinhaltet bereits den Preis für sein Gegenteil.

Kehren wir vor diesem Hintergrund zurück zum guten alten Oscar Wilde.

Er hat die noch immer beste Formulierung gegen diese Form von Wohltätigkeit gefunden.
Ich zitiere einige Anfangszeilen aus „Die Seele des modernen Menschen unter dem Sozialismus

„Es ist viel leichter, mit dem Leiden zu sympathisieren, als mit dem Denken.“

Menschen sind umgeben von scheußlicher Armut, Hässlichkeit und Hunger.
Es ist unvermeidbar, dass sie von all dem stark bewegt werden.
Entsprechend versuchen sie, gut gemeint, aber aus einem Missverständnis heraus, dagegen anzukämpfen.

Aber ihre Mühen heilen nicht die Krankheit, sie verlängern sie bloß.

Ihre Heilmittel sind selbst ein Teil der Krankheit.

Sie versuchen das Problem der Armut zu lösen, indem sie die Armen am Leben erhalten.
Oder, im Falle einer fortgeschrittenen Schule, versuchen sie, die Armen zu unterhalten.

Aber dies ist nicht eine Lösung – es ist die Verschlimmerung des Problems.
Das eigentliche Ziel ist es, die Gesellschaft so zu verändern, dass Armut unmöglich wird.

Die altruistischen Werte haben es tatsächlich verhindert, dieses Ziel durchzuführen.

Die schlimmsten Sklavenbesitzer waren jene, die sie am nettesten behandelt haben.
So verhinderten sie, dass der faule Kern dieses Systems von jenen erkannt wird, die daran litten.

Wohltätigkeit degradiert und demoralisiert.

Es ist unmoralisch, mit Hilfe des Privateigentums
die furchtbaren Auswirkungen zu bekämpfen, die aus der Institution des Privateigentums selbst entstehen.

Ich denke, diese Zeilen sind aktueller denn je.

In dieser Serie von Problemen sehe ich ein weiteres.

Dies ist für mich der letzte verzweifelte Versuch, den Kapitalismus für den Sozialismus arbeiten zu lassen:
„Lasst uns nicht das Böse loswerden.
Lassen wir das Böse selbst für das Gute arbeiten!“

Vor 30-40 Jahren haben wir in verrückter Weise vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz geträumt.

Heute ist der radikale Horizont unserer Phantasie der globale Kapitalismus mit menschlichem Antlitz
Die grundlegenden Spielregeln erkennen wir an, machen es Ganze aber etwas toleranter und humaner,
mit etwas mehr Sozialstaatlichkeit, usw. usw.

Meine Einstellung dazu ist: Geben wir dem Teufel, was des Teufels ist.

Wir müssen zugeben, in der jüngeren Geschichte, zumindest im westlichen Europa, leben so viele Menschen in so viel Freiheit, Wohlfahrt und Sicherheit wie nie zuvor.

Ich sehe diese Lebensweise als zunehmend und ernsthaft bedroht an.

Gestern gab ich ein Interview für Hard Talk – der Moderator sagte, ich sei im Grunde Misanthrop.
Und ich sagte: Ja! Dafür bewundere ich auch die britische Nation – für ihre Misanthropie.
Eine bestimmte misanthropische Haltung ist viel sozialer als dieser billige Wohlfahrtsoptimismus.

Ich bin für eine Mischung, eine bestimmte Form von softem Apokalysmus.

Es gibt ökologische und soziale Probleme, neue Apartheids, Biogenetik, usw.

Natürlich bin ich kein Narr und will absolut nicht zu einer leninistischen Partei zurückkehren.
Die kommunistische Erfahrung im 20. Jh. war eine ethische, politische und ökonomische Katastrophe

Ich liebe die Werte des Liberalismus.
Jedoch, der einzige Weg sie zu retten, ist noch weiter zu gehen.

Ich bin nicht gegen Wohlfahrt, mein Gott, in einem abstrakten Sinne ist es besser als nichts.
Aber machen wir uns klar, dass darin ein Anteil von Heuchelei eingebaut ist.
Menschen, die ihn getroffen haben, sagten mir, Soros sei ein ehrlicher Kerl.
Aber es ist paradox, wie er mit der rechten Hand repariert, was er mit der linken zerstört hat.
Das ist alles, was ich sagen will. Natürlich sollten wir den Kindern helfen, zum Beispiel.

Es ist furchtbar, wenn das Leben eines Kindes zerstört wird wegen einer 20-Dollar-OP.

Aber langfristig löst das nicht das Problem, wie wohl auch Oscar Wilde gesagt hätte:

Wenn man „nur“ das Kind operiert, lebt es zwar etwas besser, aber das Elend wird reproduziert.

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