Anarchismus und Islam – Einleitung

Eine der bekanntesten anarchistischen Phrasen ist „Kein Gott, kein Herr“ , und doch werden immer wieder verschiedene Versuche unternommen, religiöse Formen den anarchistischen Gedanken dazu zu erfinden. Im Anarchopazifismus ist es der religiöse und spirituelle Einfluss von Leo Tolstoi, ehemalige WaldorfschuelerInnen versuchen mit Steiners „Dreigliederung“ (s. dazu Couplet) dem Anarchismus eine „spirituelle“ Note zu geben, andere gar Ähnlichkeiten zwischen dem Talmud und den libertären Ideen herbeizuschreiben.

In den letzten Jahren nun kommen verschiedene Versuche, den Islam und den Anarchismus miteinander zu vermischen (so neu auch nicht, hatte doch schon der eben erwähnte Tolstoi islamisches Denken durchaus bei seinen Schriften einfliessen lassen –

Die Revolten in Nordafrika, der Widerstand im Iran sowie die rassistische Hetze , die bis in die höchsten Stellen westeuropäischer und anderer Staaten gegen den „Islam“ geführt wird ,macht dieses Thema äusserst aktuell.

Zeit nun hier in verschiedenen Artikeln eine Reihe von anarchistischen Schriften über den Islam sowie Texte und Personen des islamischen „Anarchismus“ vorzustellen und zu versuchen uns anhand einiger persönlicher Biografien (Leda Rafanelli, Hakim Bey) auch den jeweiligen Motiven und – wie bei den „temporären Zonen“ eines Hakim Bey – den daraus erwachsenden neuen Ideen zu nähern.

Zu Beginn und aktuellen Anlässen folgend sei eine der wichtigen und einflussreichsten Figuren im 20. Jahrhundert erwähnt: Ali Shariati, einer der Ideologen der Islamischen Revolution im Iran, von dem Jean Paul Sartre sagte: „Ich habe keine Religion, aber wenn ich eine auswählen, wäre es die Schariatis “. Shariati wurde für seine Vorlesungen inhaftiert, die sehr beliebt bei den Studenten waren, und war gezwungen, aus dem den Iran zu fliehen. Er wurde kurz darauf in London wahrscheinlich vom SAVAK ermordet (offizielle Todesursache: Herzinfarkt)
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Obwohl Shariati kein Anarchist war, war seine Vision vom Islam die einer revolutionären Parteinahme für die Armen. Er glaubte, dass die einzig wahre Reflexion des islamischen Konzepts von „Tawhid „(Einheit und Einzigkeit ) die einer klassenlosen Gesellschaft ist.

Ähnlich wie einige Zeit zuvor bei den Charidschiten ( die so etwas wie die „Antiautoritären“ in der islamischen Geschichte waren) gab es für Ali Schariati zwei Arten des Islams , den „reinen und authentischen“ Islam von Ali (Ali Ibn Talib, den Schwiegersohn des Propheten Mohammed) und den „korrumpierten“ Islam der Safawiden, der herrschenden Klasse, der nichts als Unterdrückung und Ausbeutung mit sich gebracht hätte.

Khan Abdul Ghaffar Khan
wiederum war für seinen gewaltlosen Widerstand gegen die britische Herrschaft in Indien bekannt. Ein Pazifist, Moslem und ein enger Freund von Mahatma Gandhi, war er auch als Badshah Khan bekannt . Sein muslimischer Pazifismus gründete sich auf die anarcho-pazifistische Ideen von Henry Thoreau und Leo Tolstoi. Siehe auch „Die Kommune von Peschawar“

http://www.graswurzel.net/263/kommune.shtml“>

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Selbstlose Handlung, Glaube und Liebe sind nach Badshah Khans Überzeugung das Wesen des Islam. Als „Khudai Khidmatgar“ („Gottesdiener“) war er der Meinung, dass „Gott“ keine Dienste benötigte – seiner Schöpfung zu dienen, bedeute, „Gott“ zu dienen.

Beim Eintritt in die Bewegung wurde geschworen, „jenen zu verzeihen, die einen unterdrückten oder grausam behandelten.“ Außerdem musste jedes Mitglied „ein einfaches Leben führen“ und mindestens zwei Stunden täglich Sozialdienst leisten.

(Erwähnt werden sollte dass es einige gibt , die Muammar al-Gaddafis „Vision „ die er in seinem „Grünen Buch“ dargestellt hat , als eine Art linker muslimischer Gesellschaft sehen – das erklärt zumindest die Zurückhaltung bestimmter „linker“ Kreise zum Aufstand in Libyen.)

Ein ganz anderes Kaliber als Badshah Khan die Gruppe „Hardline“. Sie war wohl eine radikale gewalttätige (Name gleich Programm) Ökologiebewegung mit islamistischen Tendenzen. Spaltete sich in mehrere explizit muslimische Organisationen wie Ahl-i-Allah („Die Leute von Allah“) und Taliyah al-Mahdi („Die Vorhut des Mahdi“)

Ganz in der Jetzt Zeit angesiedelt, versucht Mohamed Jean Veneuse mit seiner Schrift „Anarca-Islam“, eine Verbindung zu den heutigen sozialen Bewegungen herzustellen:

Als Anarchist und als Muslim … , argumentiere ich für einen antikapitalistischen und antiautoritären Islam, einen „Anarca-Islam ', die zwei allgemein gehaltene Überzeugungen umstürzen wollen: Erstens, dass der Islam notwendigerweise autoritär und kapitalistisch ist, zweitens, dass Anarchismus notwendigerweise immer anti-religiös zu sein hat. Ich biete stattdessen „Anarca-Islam“, für aufgeschlossene nichtdogmatische Muslime und Anarchisten, sich besser zu verstehen und einander zu helfen, und damit besser zusammenarbeiten in den sozialen Bewegungen auf der Welt

http://www.indymedia.org/fr/2009/08/928045.shtml“>

Die meisten Offenbarungen zum „Islamischen Anarchismus“ behandeln sehr kritisch bis ablehnend die Rolle der menschlichen Autorität, aber durch die religiöse (islamische) Verbindung wird eine „Unterwerfung unter „Gott“ proklamiert

Auch die VertreterInnen einer eher „künstlerischen Verbindung“ des Anarchismus und des Islam bleiben zumindest vom Namen her im Spirituellen. Genannt wird „Taqwacore“, eine Punkrockszene, die sich ihren Namen aus Taqwa „gottesfürchtig sein“ und Hardcore zusammengesetzt hat. Vorwiegend junge Muslime in den USA und anderswo versammeln sich um diese Gruppen in starker Ablehnung des traditionellen Islam. Inzwischen haben sich weitere „IslamPunk“Gruppen gebildet, manche mit solch zwiespältigen Namen wie „Vote Hisbollah“ u.a.

http://www.taqwacore.com/“>


Michael Muhammad Knight
ist ein US-amerikanischer Muslim, Romancier, Journalist, Anarchist und Performance-Künstler, der vor allem bei jungen Leuten sehr gut ankommt.
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Verschiedene anarchistische Positionen kritisieren die organisierte Religion und ihre Rituale ,Unterdrückung und Gewalt, aber in den Handlungen der Nächstenliebe und der Gewaltlosigkeit sehen sie auch im Westen durchaus Verbindungen zu einem „Gottesglauben“. Für diese ist z.b. Jesus ein Anarchist.

In diesem Kontext steht der „Islamische Anarchismus“, auf den wir in der nächsten Zeit insofern etwas intensiver eingehen, in dem wir uns zwei herausragende Personen dieser Richtung nähern – der anarchistischen Schriftstellerin Leda Rafanelli sowie Hakim Bey, eigentlich: Peter Lamborn Wilson ,subkultureller Künstler, Philosoph und selbstproklamierter anarchistischer Ontologist.

(Bei „Töne“ gibst eine ARTEVideo zu „taqwacore“)

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