Anarchie im MapucheLand


Con Tierra, Sin Estado

Anarchie im MapucheLand

Nach einem Reisebericht von John und Jane Doe
bearbeitet von Radio Chiflado

***

Die vier Männer, die im September 2010 im Gefängnis von Temuco besucht werden, wählen ihre Worte und machen lange Pausen. Siebzig Tage ohne Essen haben ihren Tribut gefordert.

„Unsere Knochen tun weh, uns ist schwindlig, wir sind müde, wir müssen viel liegen. Es ist unbequem so lange ohne Essen. Aber wir werden bis zur endgültigen Konsequenzen zu gehen. Wir setzen unseren Körper und unsere Gesundheit ein für das Volk der Mapuche.

Sie erzählen von den Gründen für den Hungerstreik.

Wir erwarten, dass das Anti-Terror-Gesetz abgeschafft wird. Kein inhaftierter und kein streikender Mapuche ist ein Terrorist. Denn Terroristen sind nicht jene, die ihre Behausungen verteidigen, sondern jene, die töten. Dazu gehören die Ordnungskräfte, die unsere Gemeinden überfallen.“

Mit dem Antiterrorgesetz noch aus der Zeit der Pinochetdikatur kann jede Form von Demonstration als Anschlag auf den Staat gewertet und von der Militärjustiz mit drakonischen Strafen geahndet werden. Wenn die Aktionen der Mapuche eskalieren und beispielsweise zu Bränden kommt, dann werden sie nicht wie Brandstifter, sondern wie Schwerverbrecher behandelt. Wer in die Fänge dieser Justiz gerät – und das können selbst Kinder sein, befindet sich in einem quasi rechtlosen Raum.

Als sie herausfinden, dass keine Menschenrechtsaktivisten sie besuchen sondern Anarchist*innen, lächeln sie. Zwar zeigen die Menschenrechtsorganisationen durchaus ihre Sorge um die Mapuche, sobald sie im Gefängnis gelandet sind, nehmen aber nie eine Position zur Unabhängigkeit der Mapuche. Einer von ihnen sagt : “

Wir waren die ersten Anarchisten. Unsere Politik ist ein immer eine Anti-Politik “.

Die Linken haben eine herablassende Haltung gegenüber den Mapuche ,sagt José, einer der Gefangenen, allein die Anarchisten waren sehr respektvoll und haben viel Solidarität gezeigt.. Er macht aber sofort klar, dass der Kampf der Mapuche ihr eigener ist.


„Wir sind Mapuche. Wir haben unsere eigenen Leute, mit unserer eigenen Geschichte, und unser Kampf kommt direkt aus diesem.“

Der Kampf der Mapuche um Selbstbestimmung und den Besitz ihres angestammten Landes dauert bereits Jahrhunderte. Das kämpferische Volk hat sich einst erfolgreich gegen die Inkas gewehrt und später im 17. Jahrhundert den Spaniern ein Autonomie-Gesetz abgetrotzt, das ihren Landbesitz sicherte. Als dann aber Chile vor 200 Jahren unabhängig wurde, stellten es die wechselnden Regierungen zunehmend infrage. Schließlich raubten sie ihnen in einer blutigen Militäroperation 9/10 ihres Territoriums.

Die Mapuche sind nicht marginalisiert als untere Klasse der chilenischen Gesellschaft. Sie sind nicht das Proletariat, und die Idee des Klassenkampfes nicht ihrer Realität.

„Die Linke betrachten die Mapuche nur als einen weiteren Sektor der Unterdrückten, eine Meinung, die wir nicht teilen. Unser Kampf findet statt im Rahmen der Befreiung eines Volkes. Unsere Leute unterscheiden sich von der westlichen Gesellschaft.“

Es gibt keine Zentralisierung der Macht unter den Mapuche, sie sind verschiedene Volksgruppen, leben in verschiedenen Regionen und sprechen verschiedene Dialekte der gleichen Sprache. Das Land gehört der Gemeinde, und es wird gemeinsam gepflegt:

„Im westlichen Denken verbindet sich mit dem Begriff ‚Land‘ Privatbesitz, ein Gebiet, das einem gehört, das man ausbeuten kann. Für uns ist es dagegen der Raum unseres Lebens, den wir deshalb immer verteidigt haben. Wir verstehen uns nicht als Eigentümer, sondern als ein weiteres Element dieser Gesamtheit von Natur, mit der wir und durch die wir leben, mit allen Fasern unseres Körpers und unseres Geistes, eben allem, was zum Leben gehört.
Denn der Name „Mapu Che“ bedeutet „Menschen der Erde“.Für die Regierung geht es gemäß der herrschenden Meinung jedoch nur um Besitz, über den sie die Kontrolle ausüben will“

Jede Gemeinde hat einen Lonko, eine Position, die wir als „Chef““ übersetzen würden, aber jede Familie hat ein großes Maß an eigener Autonomie, und viele Entscheidungen werden von der ganzen Gemeinde getroffen. Diese Lonkos sind in der Regel Männer, aber es gibt auch Frauen in dieser Position. Es gibt auch andere traditionelle Positionen mit Einfluss: die Machi ist eine religiöse Figur und ein Heiler. Männer und Frauen können Machis sein, aber sie sind weder gewählt noch selbst ernannte. Diejenigen, die bestimmte Träume haben oder aus unerklärlichen Gründen als Kinder krank waren, und wer eine gewisse Sensibilität zeigt, wird Machis

Dann gibt es den Werken, die Sprecherin, eine Rolle, die explizit politische Züge angenommen hat beim Organisieren des Widerstands der Mapuche-Gemeinden.

Bei Fragen nach Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Meinung der Mapuche zu Familie und Homosexualität sagt Jose: die Mapuche-Familie Struktur ist die gleiche wie in der europäischen Gesellschaft, und es gibt viel konservatives Denken.
In der kurzen Zeit, wo wir da sind, erleben wir aber immer wieder, dass die Frauen alle eine starke und aktive Rolle in den Gemeinden haben und Homosexuelle keine Probleme darstellen.

Der Hungerstreik, hat viele Augen auf die Mapuche konzentriert und die Aufmerksamkeit der gesamten chilenischen Bevölkerung gewonnen

„Was wir verlangen, ist die Souveränität und Unabhängigkeit der Mapuche. […] Unser Kampf ist grundsätzlich gegen den Kapitalismus und Staat […]“

„Das größte Problem ist der Fortschritt des Kapitalismus, in Form von Investitionen in unser Land. Dies ist eine der wichtigsten Bedrohungen, weil sie die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen bedeutet. Diese Ressourcen werden auf Mapuche Gebiete ausgebeutet, und dass heißt die Vertreibung der Bewohner*innen „

Sie wurden beispielsweise durch die Ausbreitung des Soja-Anbaus vertrieben und in einem Gebiet zusammengepfercht, das ihre Existenz gefährdet. Sie leben unter miserablen Bedingungen. Für viele bedeutet das den Tod durch Unterernährung.

„Aber die Regierung interessiert sich nicht dafür, denn sie richtet sich nur nach Kapitalinteressen. Wir sind Gefangene im eigenen Land, Gefangene einer anderen Gesellschaft und Kultur.“

Vom traditionellen anarchistischen Standpunkt aus ist ein Volk oder eine Nation eine essentialisierende Kategorie und damit ein Vehikel um die Vorherrschaft. Es wird jedoch sofort klar, dass es unmöglich wäre, den Kampf der Mapuche zu unterstützen ohne diese Kategorien zu hinterfragen. Wir westlichen Anarchist*innen müssen erkennen, dass die nationalen Befreiungskämpfe nicht von Natur aus nationalistisch ist oder staatlich.

Und können wir von einer Mapuche Weltanschauung oder Lebensweise sprechen? Mapuche ist eine gewählte Identität, durch erzwungene Assimilation und Völkermord, ist die Identität als Mapuche, eine politische Erklärung, eine vorsätzliche Entscheidung zu einer kulturellen Tradition und Hunderten von Jahren des Kampfes gegen die Kolonisierung.

So wenn Mapuche eine gewählte Identität auf einer gemeinsamen Geschichte ist, was ist es dann bei unserer Identität als Anarchist*innen, mit unserer Geschichte von einem Jahrhundert des Kampfes, mit bestimmten geografischen Gebieten und sprachlich-kulturellem Erbe. Anarchismus enthält eine große Vielfalt an Weltanschauungen, wie es auch bei den Mapuche ist, auch wenn sie über ein Weltbild sprechen

1998 gründete sich die CAM (Coordinadora de Arauca-Malleco),entwickelten bestimmte Taktiken des Widerstandes, holten sich Land zurück, gingen auf die Bäume, um deren Abholzung zu vermeiden und wandelten Holzplantagen in Gärten um.

Aber viele verließen die Organisation, als sich diese mehr und mehr von dem Denken der Mapuche entfernten.

„Wir haben deshalb überlebt, weil wir Mapuche sind mit unserer eigenen Denkweise.Wir können Solidarität mit der Linken haben, aber wir können nicht Teil dieser Linken wenden. Das wäre gegen das, was wir selber sind.“

Hinzu kam, dass die CAM sich für Autonomie statt für Unabhängigkeit einsetzte, vergleichbar den Kämpfen im Baskenland. Autonome Regierung innerhalb des Staates, einige kulturelle Rechte für den Erhalt ihrer Sprache, Wiedergabe einiger Ländereien, dies aber nach den bestehenden kapitalistischen Gesetzen.

Doch die Mapuche kämpfen um Unabhängigkeit, mit der Wiederherstellung eines souveränen Wallmapu, selbst organisiert nach ihren eigenen kulturellen Traditionen, dezentral und nicht hierarchisch.
Die Mapuche sehen sich nicht als Opfer, sondern ihr Kampf für diese Unabhängigkeit führt sie direkt in die Konfrontation mit dem chilenischen Staat.

„Wir haben noch keine bewaffnete Organisation.Unsere Ideen sind es, die uns gefährlich machen.“

Wir Anarchisten und Anarchistinnen haben auch eine lange Reihe von Kämpfen hinter uns, holen uns unsere Energie auch aus diesen Wurzeln. Wir haben erkannt, dass es hunderte Wege des Kampfes gibt und viele Arten auch des Anarchismus, Genossinnen und Genossen, die anders drauf sind, und sie alle haben eins gemeinsam: die Liebe zur Freiheit und den Hass auf Herrschaft jeder Art.

Der Kampf der Mapuche um Unabhängigkeit erfordert daher unsere Solidarität und ihr Kampf gegen ihre Unterdrückung unsere Unterstützung so wie es schon bei Teilen des Zapatismo geschieht, und vielleicht lernen wir wiederum, gewinnen auch wir , indem wir miterleben, wie die Mapuche die Fundamente des Staates und des Kapitalismus ausbrennen, ohne dass wir gleich bei den beiden Bewegungen einziehen wollen..

Möge ihr Kampf um Unabhängigkeit jeden Tag etwas erfolgreicher sein, und wir als Anarchistinnen und Anarchisten unsere Wurzeln wieder täglich neu entdecken und dadurch eine Kraft entwickeln, die tiefer geht als jeder Versuch einer Repression.

Tierra y libertad

Bei „Töne“ hört und seht ihr einen dreiteiligen Bericht über die Rock-und HipHopszene der Mapuches (ARTE)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks