DIE VERNEBELTE SPUR VON OS CANGACEIROS DURCH DIE SOZIALE PAMPA


Originaltitel: „The Blurred Trail of Os
Cangaceiros In The Social Pampas“
1995, Frankreich
Übersetzt aus dem Englischen
Mokum, Herbst 2010


EINLEITUNG ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG

Dieses Pamphlet wurde aus dem Englischen übersetzt, aus der
Motivation heraus, dass sofern mir bekannt weder Originalliteratur
von oder andere Texte zu den Totengräbern in deutscher
Sprache bestehen. Vor allem die Texte von Os Cangaceiros selbst
können einen wichtigen Beitrag zum Diskurs innerhalb der anarchistischen
Milieus geben, da sie sehr bestimmt jeglicher offiziellen
Struktur und jeder Organisation absagen und der Politik
bzw. Gesellschaft den Kampf ansagen. Os Canagceiros haben
sich nicht als Anarchisten bezeichnet und jeglichem politischen
Couleur abgeschworen, in ihren Aktionen und Texten können
sich aber durchaus viele Anarchisten erkennen. Sie folgten einem
Bedürfnis der Aufständigkeit und Delinquenz, basierend auf
ihren individuellen Erfahrungen und ließen sich weder durch
politische Bildung, moralische Dogmen oder andere Ideologien
beeinflussen. Ihr Kampf gegen das Gefängnis, inspiriert durch
eben jene Erfahrungen, war vielfältig und angreifend und machte
sie so innerhalb von einigen Jahren zum öffentlichen inneren Feind
des französischen Staates.
Der erste Teil dieses Pamphlets besteht aus einem kurzen enzyklopädischen
Beitrag zur Entstehung und Entwicklung von
Os Cangaceiros, sowie einer Chronologie und Exzerpten ihres
Kampfes gegen das Gefängnis.

Der zweite Teil enthält einige kurze einleitende Absätze und einen
reflektorischen Kommentar2 aus dem Jahr 1995 von Leopold Roc,
einem Protagonisten der Totengräber. Wie Roc selbst anmerkt
kann dieser nicht als stellvertretend für die restlichen Protagonisten
von Os Canagceiros angesehen werden und auch ich teile
seine Analysen nicht vollständig. Dennoch ist dieser Beitrag interessant,
vor allem weil er Diskussionen aufwirft, insbesondere

wenn man sich mit den Texten die von der Gruppe selbst aus den
Jahren ihrer Aktivität stammen auseinandersetzt und aus diesem
Grund wird er hier publiziert. Wie bereits erwähnt bestehen diese
leider nicht in deutscher Sprache (dies ist ein zukünftiger Ansporn
für mich selbst und vielleicht auch für andere), ich will dennoch
jedem zwei Publikationen zu den Totengräbern nahe legen: Os
Canagceiros – A Crime Called Freedom (Englisch, übersetzt aus
dem Italienischen durch Wolfi Landstreicher – Eberhardt Press)
und Os Cangaceiros [ Janvier 1985 – juin 1987] (Französisch,
gesammelte Texte und Artikel von und über O.C.3)

Ich will abschließend noch zwei kurze Anmerkungen zum „Stil“
der Übersetzung machen, die zum besseren Verständnis der
verwendeten Form beitragen und zur Diskussion anregen sollen.
Zum ersten habe ich der Verwendung von geschlechtsneutralen
Formen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich finde es, in erster
Instanz, aus eigener Erfahrung heraus mühsam solche Texte zu
lesen, das sei eine sehr praktische und einfache Erklärung, wodurch
sie aber für mich nicht an Wichtigkeit verliert. Dies war auch der
Anstoß zu einer etwas tiefergehenden Überlegung. Diesem, meines
Erachtens, oberflächlichen Detail wird auch innerhalb anarchistischer
Milieus (ganz zu schweigen von der alles vereinnahmenden
linken Intelligenzia) zuviel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Illusion,
dass durch das Verändern und Adaptieren der Sprache die
oft ersehnte Emanzipation vielleicht ein Stückchen realer wird,
passt nur zu gut zur scheinbar intellektuellen Fassade, hinter der
sich die Politisch-Korrekte versteckt, um die essentiellen Fragen
des revolutionären Projekts zu negieren. Eben jene Fassade ist
eine filigrane Konstruktion basierend auf den neuen Regeln und
Dogmen der Politisch-Korrekten und ihrer Subkultur. Dahinter
befindet sich keine Substanz sondern die Realität der Welt, in der
wir leben, die sich in Tristesse und Leere widerspiegelt. Dessen
müssen wir uns bewusst werden, um mit aller Ernsthaftigkeit

die Gesellschaft und jenes Fundament der Macht und Unterdrückung,
das ihr Zugrunde liegt, anzugreifen und letztendlich
niederzureißen. Wir sollten deshalb danach streben, uns nicht mit
partikulären Kämpfen und Zielen bzw. jeglicher pazifizierender
Illusion zufrieden zu geben.
Zum zweiten verwende ich in dieser Übersetzung das Wort
Kamerade(n) als direkte Übersetzung des englischen Wortes
comrade(s). Leider gibt es im Deutschen kein anderes Wort, das
der Bedeutung und des Gefühls dieses entspricht. Viele Alternativen
wurden ausprobiert, Gefährten, Kumpanen, Genossen, etc.,
jedoch vermisse ich in diesen Ausdrücken ein gewisses Gefühl,
das meine Bedeutung dafür ausdrückt. Mit der braunen Kameraderie
hat dies gar nichts zu tun und mit der Deutlichkeit dieser
Aussage will ich mich auch nicht auf eine tiefergehende Erklärung
diesbetreffend einlassen.
Mokum, Sommer 2010

DIE VERNEBELTE SPUR
VON OS CANGACEIROS
DURCH DIE SOZIALE
PAMPA

„Wenn wir die Banken plündern, dann deshalb weil wir
erkannt haben, dass das Geld der Hauptgrund unser aller
Elends ist. Wenn wir die Fenster einschlagen, dann nicht
weil das Leben teuer ist, sondern weil die Waren uns davon
abhalten, um jeden Preis zu leben. Wenn wir die Maschinen
zerstören, dann nicht aus dem Wunsch die Arbeit zu
beschützen, sondern um die Lohnsklaverei anzugreifen.
Wenn wir die Polizei angreifen, dann nicht um sie aus
unseren Vierteln zu jagen, sondern um sie aus unseren Leben
zu vertreiben. Das Spektakel würde uns gerne fürchterlich
aussehen lassen. Wir versuchen viel schlimmer zu sein.“
Die Totengräber, Paris, Mai 1980

DER MAI WIRD ZU NEUJAHR
Os Cangaceiros war eine Gruppe von proletarischen Revolutionären,
die aus den Studenten- bzw. Arbeiterunruhen und Besetzungen
im Frankreich des Mai 1968 hervorging. Os Cangaceiros
– oder Les Fossoyeurs du vieux monde (Totengräber der alten
Welt), wie sie auch genannt wurden – kamen in Nice, Frankreich,
zusammen und waren charakteristisch für die neuen antagonistischen
Sozialbewegungen des Europas nach dem Mai `68, die
nichts weniger als das „Ende der Politik“ forderten. In Lokalzeitungen
wurden sie als „Hooligans“ und „jugendliche Delinquenten“
bezeichnet. Sie hatten keine offizielle Struktur, sondern
bildeten ein Kollektiv aus individuellen Begierden, fähig sich in
gegenseitigem Ausdruck zu finden. Mit „Ne travaillez, jamais!“1 als
Programm, machten sie sich daran jene Umstände zu schaffen, die
dies sofort möglich machen würden. Zu diesem Zweck kollektivierten
sie ihre Ressourcen und kriminellen Begabungen, die ihnen

durch ihr Verlangen nach Abenteuer vertraut waren. Sie reisten
durch den Süden Frankreichs, gewannen Freunde und initiierten
autonom politische Aktionen; meistens gegen die Polizei, die
Gewerkschaftsbürokratie, Politiker und soziale Manager aller
Art. Sie lebten nomadisch, strebten danach Orte zu finden, wo
die Unzufriedenheit ihren Höhepunkt erreichte und bereisten
diese, um Situationen dort im Rahmen ihrer Möglichkeiten
zu verschärfen. Insbesondere versuchten sie die Rolle der liberalen,
sozialen Demokraten und Linken beim Manipulieren und
Befrieden von jenen aufzuzeigen, die zu ihrem eigenen Nutzen
revoltierten, indem sie die Bestimmung des Kampfes aus den
Händen der generalisierten Radikalität nahmen, die ihre eigene
Dynamik hatte.
„Wir wollen ein für allemal klar machen, dass wir, Os Cangaceiros,
nicht aus der Linken kommen; es gibt keinen einzigen ehemaligen
Linken unter uns. Keiner von uns hatte jemals etwas mit irgendeiner
politischen Couleur zu tun. Wir haben nur eine Art der Beziehung
zu politischen Gruppen und Organisationen: Krieg. Sie sind alle
ausnahmslos unsere Feinde.“

Dies beinhaltete auch den Anarchismus und ihre Kämpfe mit
Anarchisten in Paris, welche zumindest zu einem Todesopfer
führten.
JENSEITS VON FRANKREICH
In den späten 1970er Jahren reisten sie ausführlich in Italien, wo
die Autonomia ihren ersten Höhepunkt erreichte und der revolutionäre
Moment die Fabriken und die Jugend der Kontrolle der
Kommunistischen Partei und der Gewerkschaften entriss. Dort
begegneten sie auch Comontismo, der sich für einen „kriminellen
Kampf gegen das Kapital“ aussprach und erlebten aus erster Hand
den gewalttätigen Angriff der italienischen Unkontrollierbaren auf

den Staat. Da ihre Handlungsmethoden sie häufig in die Illegalität
und manchmal auch ins Gefängnis brachten, begriffen sie dessen
Bedeutung und richteten ihre Aufmerksamkeit später fühlbarer auf
das System von Verbrechen und Strafe. In den 80er Jahren folgten
O.C. Aufruhren im ganzen Land bzw. auf dem ganzen Kontinent,
verbreiteten Subversion und bildeten soziale Netzwerke in Paris,
Lyon, Belgien, Polen, Brixton und Toxteth. Der Reiz, der sie zu
diesen Orten zog war unterschiedlich; in Lyon war es der Nervenkitzel
des Joyriding und das Auflauern und Angreifen von verfolgenden
Polizeiautos durch eine mit Steinen wartenden Menge.
In Polen waren es die wilden Streiks und Besetzungen gegen die
kommunistische Regierung. In Brixton und Toxteth war es die
Explosion der Innenstadtjugend gegen die Langeweile und die Polizeirepression.
An jedem dieser Orte führten sie ihre eigenen Aktionen
als Beitrag zum Kampf durch, ohne die lokalen Teilnehmer
in welcher Weise auch immer zu beeinflussen. In ihrem damaligen
Journal, welches keine politische Veröffentlichung, sondern eher
eine Zusammenfassung ihrer Aktivitäten und Reflektionen darauf
war, behandelten sie Fragen wie zum Bedürfnis an Unsichtbarkeit
(und der konsequenten Ablehnung des politischen Milieus,
welches die Aufmerksamkeit der Polizei wegen seiner eigenen
Eitelkeit geradezu herausfordert) sowie Strategien zur Untergrabung
der alten Welt des Kapitalismus mit all seinen Neuigkeiten
und Lügen. Im Jahr 1984 gingen O.C. nach England, um dort
zusammen mit den Grubenarbeitern ihre eigenen Steine zu werfen
und hielten sich ein Jahr lang in verschiedensten Städten in Yorkshire
auf; dies war der letzte Kampf der traditionellen Arbeiterklassenbewegung
in Großbritannien, dem letzten Land, das dem
europäischen Model folgte. Danach kehrten sie nach Paris zurück
(zusammen mit mehreren befreundeten Grubenarbeitern) und
begannen Häuser zu besetzen.
„Lasst unsere Kerkermeister keine Herrschaft walten, lasst uns jeden
Tag auf das Herz des Tigers einschlagen, in jeglicher Manier, nach
unserem Gegensatz, gegen die Traurigkeit und Einsamkeit der Zellen
unserer Gefangenschaft.“

VORÜBERGEHENDE RUHE
Während andere Hausbesetzer versuchten umweltschutzbezogene
oder architektonische Argumente zu verwenden, um die
Besetzung von leerstehenden, zerfallenen Gebäuden zu rechtfertigen,
entschieden sich Os Cangaceiros die besten Gebäude die
sie fanden zu nehmen – sie sahen das Häuserbesetzen als direkte
Enteignung des materiellen Luxus auf den wir alle ein Anrecht
haben, da jeder einzelne von uns ein Leben lang durch die Illusion
des materiellen Reichtums aufgereizt wurde. O.C. wollten genau
diese Lüge erkennen und ausschöpfen, zu diesem Zweck zogen
sie in einen neu gebauten Appartementblock ein und warfen die
sich beschwerenden Yuppiebewohner hinaus. Das eingenommene
Gebäude wurde dann gegen einen Polizeiangriff verbarrikadiert
und sie errichteten eine No-Go Zone für die Polizei in ihrem
Viertel. Als die Polizei letztendlich kam, um sie zu räumen, dauerte
es drei Stunden bis diese durch die Stahlbarrikaden an der Tür
kam, währenddessen ein, per Telefon informiertes, Netzwerk an
Unterstützern die Polizei in einem Gegenangriff von hinten attackierte.
In den späten 1980er Jahren schlugen O.C. einen neuen
Weg ein und begannen ihre Bemühungen gegen die Gefängnisindustrie
zu richten. In den nächsten drei Jahren führten sie mehrere
Sabotageakte gegen in Bau befindliche Gefängnisse durch, stahlen
Baupläne für neue Gefängnisse, verprügelten Architekten, die in
die Planung dieser neuen Gulags involviert waren und zogen
Aufmerksamkeit auf den Widerstand, der auch innerhalb der
Mauern stark zunahm. Der Kampf gegen diesen Industriekomplex
zwang O.C. ihr Journal aufzulösen und vollständig unterzutauchen,
nachdem sie nun massiv von der Polizei verfolgt wurden.
Als eine ihrer letzten Aktionen (bevor sie sich vollständig in inoffiziellen,
kriminellen Netzwerken auflösten, die sie über die letzten
20 Jahre hin erschaffen hatten) veröffentlichten sie ein Buch über
die Bewegung des freien Geistes des 16. Jahrhunderts, eine protoanarchistische
Strömung, mit der sie sich stark identifizierten.
DIE VERNEBELTE SPUR…

„In der Morgenröte des Industrialismus wurden Fabriken nach dem
Muster von Gefängnissen gebaut. In dessen Dämmerung werden nun
Gefängnisse nach dem Abbild von Fabriken gebaut.“

ZÄHNE UND KLAUEN

Im Mai 1985 brachen in ganz Frankreich Krawalle in den
Gefängnissen aus. In Solidarität griffen Os Cangaceiros verschiedene
Ziele an, von Eisenbahnschienen bis Tour de France Autos,
basierend auf ihrem eigenen Hass gegen Gefängnisse und nicht
als außenstehende Befreier, um den Widerstand der Gefangenen
publik zu machen.
— 5. Mai, 1985 – In Fleury-Mérogis randalieren die Gefangenen
des D4 Flügels und zerstören den gesamten Trakt.
— 6. Mai – Abermals in Fleury weigern sich 300 Inhaftierte des
D1 Flügels nach ihrem Hofgang zurückzukehren; 60 von
ihnen zünden die Krankenabteilung an.
— 7. Mai – In Bois d’Arc klettern ca. 15 Jugendhäftlinge
(Insassen jünger als 18 Jahre, die normalerweise in separaten
Abteilungen gehalten werden) auf das Dach und bleiben dort
bis zum 9. Mai unterstützt und versorgt durch die anderen
Gefangenen.
— 8. Mai – In Lille klettern ungefähr zehn Gefangene auf das
Dach. In Bastia verweigern Insassen das Gefängnisessen in
Solidarität mit den anderen Gefangenen. (Die „Verweigerung
von Gefängnisessen“ ist nicht wirklich mit einem Hungerstreik
zu vergleichen, dennoch kann es ein Weg sein diesen
auszuführen.)
— 9. Mai – In Fresnes klettern 400 Insassen auf die Dächer und
liefern sich Zusammenstöße mit der Polizei, die dabei einen
Gefangenen tötet. In Compiegne, klettern ca. zehn Gefan-

gene, denen der „Morgenschicht“ folgend, auf die Dächer. Im
Bonne Nouvelle Gefängnis in Rouen, klettern ca. 50 Jugendhäftlinge
auf die Dächer, während andere Gefangene ihre
Zellen zerstören; nach angeblichen Verhandlungen kletterten
ca. 30 zurück auf das Dach in Solidarität mit den Kameraden
in Fresnes.
— 10. Mai – Vom 9. bis zum 10. Mai gehen Gefangene auf die
Dächer in Douai. Es gibt einen kurzen Zusammenstoss mit
der CRS (Französische Bereitschaftspolizei). In Amiens
klettern ungefähr 50 Gefangene auf die Dächer. In Nizza
schließen sich 60 Gefangene mit ca. 20 Jugendhäftlingen
während eines Zusammenstoßes mit der Polizei auf den
Dächern zusammen. In Beziers nehmen 130 Gefangene drei
Wächter und einen Krankenpfleger für drei Stunden als
Geisel.
— 11. Mai – In Evreux, Saintes und Coutances, klettern Gefangene
auf die Dächer und bekämpfen sich mit der Polizei.
Dasselbe passiert am nächsten Tag in St. Brieuc.
— 19. Mai – Gefangene zerstören das gesamte Gefängnis von
Montpellier (Brandstiftung und Verwüstungen) und liefern
sich Kämpfe mit der Polizei. Draußen greift die Menge,
bestehend aus Freunden und Verwandten der Gefangenen,
die Polizei von hinten an.
Darüber hinaus brechen in verschiedensten Gefängnissen
Unruhen aus, von der Verwüstung von Zellen und versuchter
Brandstiftung (in Rennes, Angers, Metz, etc.) bis zur kollektiven
Verweigerung von Gefängnisessen (Lyon, Frauen und Männer in
Fleury, Ajaccio, Auxerres, St. Malo, Avignon, Chambery, etc.). In
dieser Zeit finden mehrere „Selbstmorde“ statt. Die Rebellen in
Douai und Evreux erhalten harte Strafen unter dem Vorwand der
verursachten Schäden.

— 17. Juni – Auf der Eisenbahnstrecke Nantes-Paris nahe
Nantes wird eine Barrikade in Solidarität mit den Gefängnisrevolten
in Brand gesteckt.
— 20. Juni – Sabotage an den TGV (Schnellzug) Anlagen der
Eisenbahngleise im Süden von Paris.
— 27. Juni – Auf der Eisenbahnstrecke Toulouse-Paris nahe
Toulouse wird eine Barrikade in Brand gesteckt.
— 30. Juni – In der Nacht von 30. Juni auf 1. Juli wird der Druck
der Pariser Tageszeitung lahm gelegt durch Sabotage der
IPLO Druckerei nahe Nantes.
„Wir haben uns dazu entschlossen der nationalen Presse einen
halben Tag der Stille aufzuerlegen zu Ehren der rebellierenden
Knastbrüder. Diese Aktion ist weiters in Solidarität mit all den
toten Gefangenen, die „ge-selbst-mordet“ wurden. Alle diese
Zeitungen sind bekannt für ihre Feindseligkeit gegen die jüngste
Bewegung der Revolten in den Gefängnissen.“

— 1. Juli – Sabotage an den Eisenbahnanlagen der Nimes-
Tarascon Strecke.
Jedes Mal verursachten diese Aktionen längere Unterbrechungen
im Zugverkehr und stundenlange Verspätungen der täglichen
Züge. Die Forderungen waren immer die gleichen:
„Eine Reduktion der Strafen für alle verurteilten Gefangenen. Die
Freilassung von allen, auf den Prozess wartenden, Inhaftierten. Das
endgültige Stoppen von allen Abschiebemaßnahmen gegen Immigranten.
Die Aufhebung aller Sanktionen gegen die Rebellierenden.“

— 2. Juli – Der Paris-Brüssel TEE-Zug wird nahe Compiegne
gestoppt. Die vier Forderungen werden auf die Wagons
gesprayt. Fenster werden eingeschlagen und Exemplare des
Pamphlets „Freiheit ist das Verbrechen“ werden durch die
zerstörten Fenster geworfen.
— 5. Juli – Sabotage an der Paris-Le Havre Linie. Vier Personen
werden zwei Tage später in Rouen in Verbindung mit dieser
Aktion verhaftet und für drei Monate eingesperrt.
— 8. Juli – Von 7. bis 8. Juli klettern in Chaumont Gefangene
auf die Dächer, um ihre Sorgen angesichts der anstehenden
präsidialen Amnestie am 14. Juli (Tag der Stürmung der
Bastille) zu demonstrieren, welche verspricht sehr dürftig zu
werden. Es kommt zu Konflikten mit der Polizei. Vier der
Rebellen erhalten schwere Strafen.
— 9. Juli – Ein anonymer Sabotageakt wird gegen die Paris-
Strassburg Linie, die nahe Chaumont entlang läuft, ausgeführt.
— 12. Juli – Am frühen Morgen werden in Paris zwei Metrolinien
mehrere Stunden lang durch schwere Objekte blockiert,
die in Solidarität mit den Rouen 4 und den Rebellen von
Chaumont auf die Gleise geworfen wurden. Wieder wurden
die vier Forderungen publik gemacht.
— 13. Juli – In Lyon werden zwei Autos der Behörden in Solidarität
mit den Gefangenen in Lyon in Brand gesteckt. Bevor
noch ein Bekennerschreiben veröffentlicht wird, entflammen
erneut zahlreiche Unruhen in verschiedensten Gefängnissen
(Fleury, Loos-les Lille, Toul, etc.).
— 14. Juli – Im St. Paul Gefängnis von Lyon rebellieren ca. 20
Gefangene der „psychiatrischen“ Abteilung (Verwüstungen
und Brandstiftungen). Die lächerliche präsidiale Amnestie
wird angekündigt: ein bis zwei Monate Reduzierung der
kurzen Haftstrafen. Die JAP (Komitee der Strafvollzugsrichter)
wird ihr Arbeitspensum ausweiten: 3000-4000

Gefangene sollen in den nächsten Tagen freigelassen werden.
Diese Neuigkeit soll von zahlreichen Unruhen in den Gefängnissen
des Landes begleitet werden.
— 15. Juli – In der Nacht von 14. auf 15. Juli werden die Reifen
des Konvois, der die Tour de France begleitet, in Solidarität
mit den verurteilten Rebellen aufgeschlitzt (ungefähr 100
Fahrzeuge werden unbrauchbar gemacht).
In Toulouse wird ein Unternehmen, welches Gefangene
beschäftigt, durch Brandstiftung zerstört.
— 18. August – In Lille klettern dutzende Gefangene auf die
Dächer. In Lyon wird die ROP Druckerei der Pariser Tageszeitungen
verwüstet. Die Publikation und die Distribution
werden schwer beeinträchtigt. Erneut war es das Ziel
die Zeitungen für ihre Lügen und Feindseligkeit gegen die
Rebellen zu züchtigen. Der Text „Die Wahrheit über einige
Aktionen“ wurde in den Räumlichkeiten zurückgelassen.
Während Unruhen in Guadalupe können ca. 30 Gefangene
nach Ausschreitungen im Gefängnis Pointe-à-Pitre ausbrechen.
„Die Forderungen vereinigen die Offensive der Gefangenen gegen ihre
Isolation und einen Aufruf an jene außerhalb der Mauern, um diese
konkret zu zerstören. Es geht darum Druck zu erzeugen, um sich
gegen diese Gesellschaft zu behaupten, auf eine Welt zu scheißen, die
lieber taub wäre, wenn es um ihre Gefängnisse geht.“

13.000 PROJEKT
Im Jahr 1990 begann ein umfangreiches Dossier in Frankreich zu
kursieren. Das von Os Cangaceiros in Umlauf gebrachte Dossier
enthielt sowohl gestohlene Gefängnispläne und -dokumente als
auch eine Chronologie, welche die Sabotagekampagne von O.C.

gegen das „13.000 Projekt“ umschrieb. Dieses Projekt beinhaltete
den Plan des französischen Staats um neue Hochsicherheits-
Gefängnisse mit Platz für 13.000 Gefangene zu schaffen. Weiters
beinhaltete die Akte Kopien der Communiques, die an jene von
O.C. angegriffenen Institutionen und Personen gesendet wurden.
Interessanterweise versuchten die Polizei und die angegriffenen
Betriebe sehr diskret mit dieser Kampagne umzugehen, offensichtlich
um ihr so wenig wie möglich Aufmerksamkeit in der
Öffentlichkeit zu geben.

BRIEF AN EINEN ARCHITEKTEN
Betrifft: Hinterhalt
Sind Deine Wunden gut geheilt, Architekt? Hast Du herausgefunden
warum? Unverschämt, ohne jeglichen Skrupel, Zentimeter für Zentimeter
hast Du diese Käfige erschaffen, in denen sogar die Behinderten
eingesperrt werden sollen. Innerhalb der Mauern, die Du entworfen
hast, werden in Zukunft Individuen, die mehr wert sind als Du, regelmäßig
verprügelt werden. Die Zeit war reif, dass Du einen Appetitanreger
von dem erhalten hast, was tausende Gefangene bis zum
xten Grade ertragen werden müssen. Architekt, dies ist nämlich nicht
die erste Niederträchtlichkeit für die Dein Betrieb verantwortlich ist.
Wenn man betrachtet, was Du baust, um normale Bürger unterzubringen,
kann man Deine Kompetenz um Delinquenten wegzusperren
erahnen. Man kann leicht von den Hochhausblöcken des 13. Arrondissements
auf die Gefängniszellen schließen. Du Schwein, schau Dir
Deine Schnauze gut an, wir konnten von Deinem erschöpften Gesicht
ablesen, wie tief Du selbst in Deine Projekte verwickelt bist. Zuerst
hast Du Mauern gebaut, nun wirst Du diese einreißen.

Os Cangaceiros, Lyon, 19. März 1990


OS CANGACEIROS IN DER
SOZIALEN PAMPA
EINE KURZE EINLEITENDE ERKLÄRUNG…

In den 1980er und frühen 1990er Jahren waren wir mit einigen
der Personen befreundet, welche die französische Gruppe Os
Cangaceiros bildeten, die aus Les Fossoyeurs du Vieux Monde
(Die Totengräber der alten Welt) entstanden war. Die originalen
Cangaceiros waren Robin Hood-artige Banditen – die Reichen
berauben um den Armen zu geben – im Brasilien des 19. Jahrhunderts.
Die neu gegründete Frog-Gruppe1 (wie wir sie mit einer Brise
übertriebenen Chauvinismus nannten) war nach Großbritannien
gekommen, begeistert von der Periode der urbanen Krawalle in

den frühen 80er Jahren und den Überschneidungen mit den erbitterten
Streiks, besonders die der Grubenarbeiter zwischen 1984
und 1985, zu welchen die Froggies ihre eigenen Zutaten hinzufügten.
Sie freundeten sich mit einigen der wildesten, eigensinnigsten
und bemerkenswertesten Individuen der Grubenarbeitergemeinschaft
in Yorkshire an und versuchten so dauerhaftere
internationale Verknüpfungen zu schaffen. In der Hoffnung, dass
sich bei der steigenden Verelendung in den 80er Jahren und dem
Unglück auch ein Silberstreif am Horizont abzeichnete, vielleicht
sogar ein Regenbogen in der Form eines interethnischen Zusammenkommens
in Großbritannien in der Dämmerung der 1980er
Jahre, ausgedrückt durch offene Revolte. Leider wollte es nicht
sein, da der Zuspruch von wenig auf noch weniger umschlug und
letztendlich fast gänzlich verschwunden war.
Manche meinten, dass die Kangaroos, wie sie unvermeidlich von
uns in Großbritannien genannt wurden – um uns wiederum
hinter einem filmreifen Chauvinismus zu verstecken – Gewalt der
Gewalt wegen fetischisierten und unkritisch jede Art von individuellem
Hooliganismus unterstützen, was keiner von uns einfach so
tun konnte. Besonders nicht nach der Tragödie im Heysel Stadion
von Brüssel, als 1985 bei einer Massenpanik während eines UEFACup
Spiels, hervorgerufen durch Zusammenstöße zwischen der
Polizei und englischen (Liverpool) bzw. italienischen ( Juventus)
Fußballfans, viele Menschen starben. Man könnte meinen – und
darauf wurde damals auch von einigen Leuten hingewiesen – dass
es um mehr gehen könnte bei den „linken“ Liverpool-Fans in ihren
roten Heimdressen gegen die italienischen „Faschisten“, aber das
würde wohl zu weit gehen.
Andererseits verbreiteten die Kangaroos das Beispiel der Autonomie,
der spanischen Dockarbeiterorganisation Coordinadora
entsprungen, bevor auch diese entartete, in dem sie Pamphlets
von BM Blob distributierten: „International Dockers struggle in the
Eighties“ (Internationaler Kampf der Dockarbeiter in den Achtzigern)
wurde in ganz Yorkshire verteilt und durch ihre freundliche

Veranlagung ergaben sich andauernde Freundschaften
Darüber
hinaus haben die Kanagaroos einige interessante Texte, vor allem
die besten in französischer Sprache, über den Streik der Grubenarbeiter
verfasst, welche ein sehr überzeugendes „ich war dabei“
Gefühl vermitteln.
Zur gleichen Zeit begannen Os Cangaceiros zu Hause in Frankreich
in verschiedene Arten der direkten Aktion involviert zu sein,
speziell in Zusammenhang mit den Kämpfen der Gefangenen,
indem sie eine Reihe von einfallsreichen Aktionen initiierten.
Der folgende Text bezieht sich auf eine dieser Interventionen
unter vielen und geht sensibel und intelligent mit den Problemen
um, die einem sozial ausgeschlossenen Grüppchen innewohnen,
welches in die Offensive gegangen ist und dadurch den Hass des
Establishments auf die eigene, klandestine Existenz gezogen hat.
Insbesondere relevant sind die Fragen des wie, warum und wofür,
neben anderen unvorhersehbaren Schwierigkeiten in Bezug auf
die Publicity-Maschine der Medien; wie sie einen benützen und
vor allem wie man ihren modus operandi umstürzen kann und
somit die Medienleute dazu bringt, sein eigenes Spiel zu spielen
und nicht ihres. Einiges davon ist scharfsinnig und man kann die
aus reiner Erfahrung erzählende Stimme hören. Dies ist sicher ein
wertvolles Beispiel für jene, die ähnliche Wege beschreiten oder
selbst dort waren.

Ein weiterer faszinierender, oft tiefgehender, bewegender autobiographischer Bericht ist
„N’Drea“ von einer Kameradin, die in sehr jungen Jahren an Krebs starb. Es ist bis dato eine
der besten Kritiken am modernen Krankenhaus, in Bezug auf tödliche Krankheiten (Herausgegeben
von Peligan Press, Here & Now Collective Leeds, übersetzt von Don Smith. Das Buch
ist auf Grund der limitierten Auflage leider nicht mehr erhältlich, vielleicht aber durch Peligan
Press im Internet veröffentlicht).

Zwischen 1985 und 1990 erlangte die Gruppe „Os Cangaceiros“
durch einige durchschlagende Aktionen in Frankreich einen
gewissen Ruf; jetzt, da Os Cangaceiros der Vergangenheit angehören,
sind es wahrscheinlich diese Aktionen, die es wert sind
daran zu erinnern oder eher noch die Lektionen und Kritiken,
welche man daraus ziehen kann. Die folgenden Anmerkungen
versuchen dennoch weder Bewunderung noch Verachtung zu
erregen: Ich denke, dass sie nützlich sein können für andere, die
sich auf einen ähnlichen praktischen Dissens einlassen wollen.1
Die verschiedenen Sabotageakte, die wir ausführten, waren die
Erklärung, dass eine handvoll entschlossener Leute sich etwas
effizienterem hingeben können als dem gewohnten Flugblatt/
Pamphlet-Verteilen, wenn es darum geht Solidarität oder Unzufriedenheit
auszudrücken. Im Jahr 1985 war es die Idee, die
Forderungen der damals revoltierenden Gefangenen, durch die
Störung des Schienenverkehrs im großen Rahmen, weiterzuleiten.
Das Blockieren von Autobahnen und Eisenbahnlinien hat
eine lange Tradition im französischen Arbeiterkampf und durch
das Anwenden dieser Mittel wollten wir verdeutlichen, dass die

Revolte eines Gefangenen ein legitimer sozialer Kampf ist wie jeder
andere: genauso wie Arbeiter für eine Lohnerhöhung streiken,
revoltieren Gefangene für die Reduzierung der Strafen (und bei
beiden steht natürlich mehr auf dem Spiel als die ausgedrückten
Forderungen). Selbstverständlich erkannten dies die Medien und
der Staat nicht an und wetterten gegen die von Kriminellen unterstützten
Terroristen (oder umgekehrt). Trotzdem wurde diese
Art Solidarität zu zeigen gut von den Menschen innerhalb der
Gefängnismauern aufgenommen und auch von jenen draußen. Im
Zuge der Berichte über unsere Aktionen musste die Presse auch
die Forderungen der Gefangenen erwähnen und erlaubte so die
weitere Verbreitung eben jener Forderungen. Es muss auch hinzugefügt
werden, dass die vier wegen dieser Aktionen angeklagten
Personen, trotz der irren Beschuldigung des Terrorismus, letztendlich
sehr milde Strafen bekamen, dank einer lokalen Verteidigungskampagne,
die in Bezug auf die „Terroristen“-Frage die
entgegengesetzte Richtung einschlug.
Obwohl wir diese bestimmte Art der Aktion nicht endlos reproduzieren
und unsere ganze Zeit auf dem Gleisschotter verbringen
wollten, griffen wir im Februar 1986 noch einmal darauf zurück.
Dieses Mal, um Abdelkarim Khalki zu unterstützen, der seinen
großzügigen Sinn für Freundschaft und Humanität gezeigt hatte,
indem er versuchte seine Kumpels, Courtois und Thiollet, während
ihres Prozesses zu befreien. Er nahm das Gericht, die Jury und die
Journalisten als Geisel. Nach 36 Stunden scheiterte sein Versuch
dennoch, jedoch nicht bevor sie es schafften die Richter, das Rechtssystem
und die Gesellschaft, live in der Hauptsendezeit des Fernsehens,
zu „richten“. Jetzt war Khalki im Hungerstreik und forderte,
dass der Innenminister das von ihm gegebene Versprechen einhielt,
ihn im Austausch für das Aufgeben von Thiollet und Courtois,
gehen zu lassen. Eines Morgens fanden tausende Pariser eine gute
Ausrede, um zu spät zur Arbeit zu kommen, nachdem wir praktisch
das ganze Metro-Netzwerk für mehr als eine Stunde lahm gelegt
hatte, indem wir ganz einfach schwere Gegenstände auf die Gleise
warfen und die elektrischen Hauptleitungen durchschnitten. Plaka-

tierte Poster in und um die Metrostationen informierten jeden über
Khalki’s Situation und seine Forderungen. Wiederum zwang diese
Aktion die Presse Khalki’s Hungerstreik zu erwähnen, den sie bis
zu diesem Zeitpunkt vertuschte. Selbstverständlich hielt die Regierung
nie ihr Versprechen und Khalki bekam eine schwere Strafe.
Wie unser Poster damals sagte: „was kann man vom Staat außer
Lügen und Schläge erwarten?“

Die Reihe von Aktionen, die wir zwischen 1989 und 1990
ausführten, gründeten auf einer anderen Perspektive. Dieses Mal
war es keine direkte Antwort auf eine gerade stattfindene Revolte2,
sondern eine Entscheidung, um irgendwie gegen den geplanten
Bau von neuen Gefängnissen vorzugehen. Das bedeutete, dass wir
selbst das Timing und die Mittel wählen konnten, die wir für angebracht
hielten, ganz abgesehen von den offensichtlichen Gründen,
warum einen die Aussicht auf 13.000 neu gebaute Käfige ankotzt.
Wir hatten auch persönliche Gründe für unseren Ärger, da wir in
den letzten Jahren permanenten Auseinandersetzungen mit der
Polizei ausgesetzt wurden, welche versuchte die Cangaceiros mit so
wenig wie möglichem Aufsehen zu besiegen, was uns zur ständigen
Flucht zwang. Es war keine Übertreibung anzunehmen, dass diese
Gefängnisse auch für uns gebaut wurden und nachdem „Angriff
die beste Verteidigung“ ist, dachten wir wenn wir schon gefasst
würden, dann auch für etwas sich Lohnendes. Dennoch spielte das
Gefühl eines sorgenvollen Notfalls auch eine schädliche Rolle bei
der ganzen Sache. Das spielende Element, notwendig für jede Art
der subversiven Aktivität, neigte sich in eine neurotische Besessenheit
vom erzwungen erfolgreichen Ergebnis zu verwandeln.
2 Obwohl wir dies natürlich als Teil des anhaltenden Kampfes gegen das Gefängnis betrachteten,
hatte sich die Situation seit 1985, dank einer Anzahl von Individuen und Gruppen,
sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauern verändert. Über die sporadisch ausbrechenden
Unruhen hinaus, begann sich damals eine Bewegung zu organisieren, die sich z.B. in
landesweiten Streiks der Gefangenen, Komitees von kämpfenden Gefangenen und öffentlicher
Unterstützung, wenn Insassen wegen Rebellion vor dem Richter erscheinen mussten, manifestierte.
Brilliante kritische Texte wurden in Untergrundmagazinen der Gefangenen veröffentlicht.
Diese Bewegung scheint heute ausgestorben zu sein.

Der abschließende Bericht, den wir zu dieser Kampagne veröffentlicht
hatten, könnte einen betrügerischen Eindruck von
Leichtigkeit und Mühelosigkeit hinterlassen. Genau genommen
rannten wir für mehr als ein Jahr mit unseren Köpfen gegen die
(gut bewachten) Wände der Regierungsbüros, privaten Unternehmen,
Baustellen und geheime Daten beherbergenden Orte,
mit dem Eindruck, dass unsere Sabotage nur ein Nadelstich
gegen eine monströse Maschinerie war. Damit konfrontiert war
unsere erste Reaktion unsere Ziele zu überschätzen, was zu einer
gefährlichen (d.h. unkontrollierten) Eskalation führen kann.
Zudem neigen Langzeitpläne in Zusammenhang mit Hit-Squad
Aktivitäten dazu, ihre eigene „militärische“ Logik zu entwickeln,
die uns von distanzierteren und selbstkritischeren Reflektionen
entfremdet und die Mittel somit den Zweck erfüllen3. So unhierarchisch
die Gruppe auch sein mag, trotzdem hatte jeder das
Gefühl die Initiative zu verlieren und es dauerte einige Zeit bis
wir realisierten, dass wir eine viel effizientere und einfachere Karte
ausspielen konnten, nämlich die weite Verbreitung der geheimen
Pläne und Dokumente, die in unsere Hände gelangt waren. Dies
war jedoch nicht nur eine Änderung der Taktik; und ich möchte
einige allgemeinere Überlegungen zu diesem Thema aufwerfen.
Die erste betrifft unsere Beziehung zu den Medien. Die Art der
Sabotageaktionen, die wir 1985 und 1986 ausführten, war sehr
abhängig von der Medienberichterstattung. Wie sehr man die
Medien auch hasst, man braucht auch ihre Aufmerksamkeit, denn
was ist eine solidarische Aktion wert, wenn jene, an die sie adressiert
ist, nichts davon mitbekommen? Und deshalb ergibt man
sich ihrer Macht – der Macht dich zu verleumden, deine Sache
übertrieben aufzublasen, um Repression zu provozieren oder dich
3 Einem der Grubenarbeiter aus Yorkshire zufolge hatten die militantesten von ihnen dieselbe
Erfahrung während der Streiks von 1984 bis 1985: sie waren so vertieft in die tägliche Organisation
von Streikposten und Blitzaktionen, dass sie keine Zeit mehr hatten um über die
allgemeine, auf dem Spiel stehende Perspektive zu diskutieren (in der Armee ist es nur den
Generälen erlaubt über Strategien zu sprechen). Jedoch hatten ihre Frauen in den Küchen
Zeit und Bereitschaft für tiefgründigere Reflektionen. OS CANGACEIROS 26
ganz einfach nicht zu erwähnen und so unbemerkt lassen. In den
Jahren 1989-1990 hatte die Presse offensichtlich die Anweisung
bekommen unsere Aktivitäten auszublenden: sogar die lokalen
Zeitungen, die es nie verpassen würden über einen überfahrenen
Hund zu berichten, schrieben keine einzige Zeile über die Sicherheitsfirma,
die wir zu Asche verbrannt hatten oder über den
Gefängnisarchitekten, den wir in Paris auf offener Straße verprügelt
hatten.
Mit der Verbreitung des „13.000 belles“-Dossiers stellten wir das
Problem auf den Kopf. Bevor die Medien auch nur irgendwas
erfuhren, waren sich schon zehntausende Menschen bewusst
darüber was passierte. Wir hatten das Dossier zum Beispiel an
alle Cafes der Orte, an denen neue Gefängnisse gebaut wurden,
gesandt und unsere Spione vor Ort meinten, dass es in allen
Bars Diskussionen nährte, die den ganzen Tag anhielten. Einer
Lokalzeitung zufolge eilte eine entsetzte Pensionistin zum
lokalen Gemeindeamt und fragte, ob es wahr sei, dass Gefangene
durch sabotierte Gefängnismauern ausbrechen könnten.
Die Beamten kopierten das Dossier, das die Frau erhalten hatte
(„die Kopierer waren an diesem Tag sehr beschäftigt“, schrieb ein
Journalist) und es wurde an höhere Institutionen weitergeleitet.
Die Journalisten waren dann gezwungen herumzueilen, um eine
Kopie des Dossiers zu ergattern und so gingen an diesem Tag die
Neuigkeiten ihren Weg von den Lokalzeitungen zur nationalen
Presseagentur, bis ein Regierungsvertreter eine Pressekonferenz
veranlasste, um die Öffentlichkeit zu den möglichen Gefahren
der Enthüllung dieser Dokumente zu „beruhigen“. Und nur weil
wir dieses Mal die Presse nicht als notwendiges Übertragungselement
gebraucht hatten um die Öffentlichkeit zu erreichen,
waren ihre Meldungen weitaus folgerichtiger und genauer als
gewöhnlich – manchmal sogar lustig. Le Figaro druckte einen
ganzseitigen Artikel mit dem Titel „Ausbrüche – Anleitung zur
Anwendung“ in dem sie unseren ganzen Brief rezitierten und eine
andere Zeitung kommentierte: „Diese Cangaceiros sind genauso
romantisch wie ihre Vorfahren (d.h. die brasilianischen Sozial-

banditen), aber besser organisiert.“ Ein TV-Nachrichtensprecher
schlussfolgerte: „Man könnte denken das sei ein schlechter Witz,
denn waren diese Personen nicht schon der Polizei bekannt?“

Dies ist die Moral zur Geschichte: Die beste Nutzung der Medien
(anstatt von ihnen benutzt zu werden) ist, zu versuchen, sie zu
übergehen.4 Sie zuerst verzichtbar machen, damit sie vielleicht als
gewöhnlicher Verstärker der Geschehnisse fungieren, ohne dass
wir ihre Hilfe einsetzen.
Hinter der Medienproblematik liegt jedoch eine viel substanziellere
Frage. Desto mehr wir danach strebten dem Gefängnisprogramm
beständigen Schaden zuzufügen, desto mehr entwickelte
sich das unbehagliche Gefühl, dass wir einen „eins gegen eins“
Kampf gegen den Staat führten – eine Herausforderung, die wir
als solche offensichtlich verdammt waren zu verlieren. Wir waren
„Die letzten Mohikaner“ in ihrem verzweifelten Angriff gegen
die Bleichgesichter. Schlussendlich war es von geringerer Wichtigkeit,
ob die Medien über diesen Kampf berichteten bzw. ob es
Sympathie oder Verachtung in der Öffentlichkeit erzeugen würde,
denn die „Öffentlichkeit“ konnte ohnehin nichts anderes als eine
Öffentlichkeit von weit weg betrachtenden Zuschauern bleiben.
Wir betrachteten uns nie als sich opfernde Avantgarde, dennoch
fanden wir uns in eine Ecke gedrängt wieder, in der unsere „guten
Absichten“ wenig Nutzen hatten. Die Option die Gefängnispläne
zu verbreiten war so etwas wie ein Durchbruch der Anklang fand,
nicht bei den Zuschauern, sondern bei potenziellen Komplizen,
die sich in unserer Initiative finden und diese weiterführen
konnten. Dies funktionierte ganz gut. Obwohl einige Gefangene
sicherlich von dem Dossier wussten und begeistert darüber waren,
wissen wir nicht, ob es Insassen wirklich half, um einen Weg aus
dem Gefängnis zu finden (obwohl die Presse es seither, sobald es
in einem dieser Gefängnisse Unruhen gab, niemals verabsäumte

an jene fehlende Dokumente zu erinnern, die sich irgendwo dort
draußen auf freiem Fuß befanden). Nichtsdestotrotz trug die
spielerische Seite des Stehlens verbotener Dokumente bzw. des
heimlichen Weiterreichens an andere sicher zur großräumigen
Verbreitung bei. Sogar Leute die uns gewöhnlich nicht mochten
schätzten es, dass wir dem Staat gezeigt hatten, was wir von ihm
halten. Dieser schlussendliche Erfolg war auf alle Fälle auch eine
Ablehnung gegen unsere frühere Perspektive, ganz abgesehen von
der Freude, dass wir es durchgeführt hatten, denn letztendlich
hinterließ die ganze Sache uns in völliger Erschöpfung.
Um zur entfremdenden Seite von langzeitlicher klandestiner
Aktivität zurückzukommen: die Polizeistrategie gegen uns passte
bemerkenswert gut auf die oben beschriebene. Wie ich bereits
erwähnte, hatte es die Polizei auf ein hartes Durchgreifen ausgelegt,
zusammengetragen zu einem spektakulären Schauprozess,
komplettiert mit erfundenen Beweisen und es scheint, als ob
sie auch versuchten uns zu infiltrieren, um uns dazu zu bringen
Bomben zu legen.5 Ihr Hauptinteresse dieser Jahre lag jedoch
darin uns durch permanente Schikanen von unseren potenziellen
Verbündeten zu isolieren. Im Februar 1991 folgte dem „13.000
belles“ Skandal eine mittels der Medien inszenierte Razzia in
mehreren Städten, bei der 25 Menschen einvernommen und ihre
Appartements durchsucht wurden. Dem Mordicus Magazin, das
Teile unseres Dossiers veröffentlicht hatte, wurde mit gerichtlichen
Schritten gedroht. Nachdem der französische Staat sich
1987 Action Directe entledigt hatte, suchte er nach einem neuen
öffentlichen, inneren Feind und wir waren definitiv auf ihrer
Liste ganz oben, um diese Rolle einzunehmen. Es ist Grundschule
der Polizeipsychologie, dass desto mehr ein Individuum
5 Laut Behauptungen in Le Figaro im November 1990 und wir hatten einige Gründe diesen
zu glauben. Schon 1983 schrieb ein gewisser X. Raufer ein Buch „über soziale Gewalt“, in dem
er uns als eine Gruppe von verbitterten Halbintellektuellen bezeichnete, die begierig waren
Öl in jedes bestehende Feuer zu gießen! Zu jener Zeit, als die Polizeioperationen gegen uns
begannen war Raufer persönlicher Berater für Sicherheitsfragen von Pasqua, dem Minister für
Inneres, der einmal versprochen hatte, die Subversiven mit Subversion bekämpfen.

oder eine Gruppe vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten ist,
es/sie mit einem umso erhöhten Level an Gewalt reagiert, was
es/sie wiederum weiter isolieren wird. Die Nachrichtensperre der
Medien über unsere Aktionen gegen die neuen Gefängnisse hatte
zweifellos dies zum Ziel und wir entblößten uns dem zugegebenermaßen.
Wir dachten es sei mit einer Kritik am Terrorismus
abgetan, da wir nie eine Möglichkeit verabsäumten, um unsere
Verachtung für Action Directe, RAF, Brigate Rosse usw. auszudrücken
und weil wir uns weigerten auf Bomben und Gewehre
zurückzugreifen, „unsere Aktionsmittel sind jene der Proletarier:
Sabotage und Vandalismus“. Dies verfehlte jedoch die essentielle
Frage: Im Kontext von sozialer Regression kann eine Gruppe von
Leuten, die ihre gewaltvolle Revolte durchsetzt und so heraussticht,
einfach hervorgehoben, isoliert und auf feindliches Terrain
– den Bullen in deinem Kopf – geschleppt werden. Unbewusst
findet man sich darin wieder, sein eigenes Verhalten und die
eigenen Gedanken nach ihnen zu formen und dies ist ihr erster
Sieg.
Dieser Widerspruch präsentierte sich auch im weniger öffentlichen
Teil unserer Aktivität, dem organisierten Diebstahl, „la
reprise“ (das Wiederaneignen) wie es die anarchistischen Illegalisten
im späten 19. Jahrhundert nannten. „Ne travaillez, jamais“:
wir erachteten diesen Ausdruck niemals nur als poetischen Slogan,
sondern als unmittelbares Programm. Natürlich ist auch Diebstahl
in vielen Belangen eine Art der Arbeit, deren Aufteilung,
Organisation und Resultate jedoch dir selbst gehören. In einem
permanenten Kampf zu leben, lässt dich einige wertvolle Fähigkeiten
verfeinern und letzten Endes – nur wenn du erfolgreich
warst – hast du die Freude dich dem vorhergesagten Schicksal
zu widersetzen. Außerdem, wie Woody Allen es in „Take the
Money an Run“ ausdrückt, sind die Arbeitszeiten gut, man trifft
interessante Menschen und die Bezahlung ist ordentlich. Natürlich
war unser Ziel weder unsere Kohle für Sportautos, Paläste
oder Champagner rauszuschmeißen (obwohl nichts falsch ist
mit Luxusgütern) noch Kapital für irgendeine Businessinvesti-

tion anzuhäufen. Auch wenn wir es kollektiv geschafft hatten
einen netten Betrag zu bunkern, die Frage nach der kollektiven
Verwendung, die unseren sozialen Ambitionen entsprach, stellte
sich noch immer. Auch weil wir mit dieser abstrakten radikalen
Sprache brechen wollten, von der wir nie wussten woher sie
eigentlich gekommen war, denn wir wollten aus unserer eigenen
konkreten Situation als Delinquenten in dieser Welt sprechen. In
dieser Hinsicht fühlten wir, wie weit entfernt wir von den alten
anarchistischen Illegalisten in Spanien und anderswo waren, die
Teil von nachhaltigen Gemeinschaften waren und deren Diebstähle
als untrennbare Bestandteile eines anhaltenden Kampfes
betrachtet werden konnten. Durruti hatte sich beleidigt gefühlt,
wenn die Presse ihn einen Bösewicht nannte; er war ein Arbeiter
unter anderen Arbeitern, die ihn auch als solchen erkannten.6
Natürlich sind die Dinge jetzt völlig anders, da nahezu alle kämpfenden
Gemeinschaften und soziale Traditionen zerstört wurden.
Das Geld das wir uns nahmen erlaubte natürlich ein größeres
Maß an Solidarität und Großzügigkeit – ohne die die Erfahrung
unserer Freundin Andrea nicht möglich gewesen wäre7. Dennoch,
wer waren wir in dieser Hinsicht, wenn nicht eine isolierte
Gruppe unter isolierten Individuen? Wir hatten viele Gespräche
über eine dadaistische Verwendung des Geldes, über eine Vergesellschaftung
und die allgemeine Notwendigkeit des Geldes zum
Thema zu machen, was allerdings zu nichts führte. Nicht das die
Idee falsch war – ich bin noch immer überzeugt davon, dass jeder
Versuch sich dem sozialen Zerfall zu widersetzen, sich der finanziellen
Frage, in welcher Weise auch immer, stellen muss – aber
ihre Anwendung bedarf einer größeren Basis als einem Dutzend
Irregulärer, die sich auf der Flucht befinden.

Tatsächlich bewältigten wir nie wirklich unsere subjektiven Sehnsüchte:
neben unserem Willen irgendwie zu einer neuen Welle
von sozialem Dissens beizutragen – d.h. ein Ziel auf lange Sicht,
gekoppelt mit einem sorgfältigen Bedenken für die angemessene
Vermittlungen, gab es auch diesen groben Impuls für unmittelbare
Rache, der an uns nagte. Am allerwenigsten möchte ich
mich dagegen ausdrücken Rache zu nehmen, als Handlungen von
spektakulärem Draufgängertum, das sich keine Gedanken über
die Konsequenzen macht – dies ist ein menschliches Handeln,
das keine weitere Erklärung braucht, da es im Untergrund große
Wiedererkennung bewirkt.8 Was Aktionen gegen das Gefängnis
angeht, führte uns der Anblick dieser Architekten, die sorgfältig
Käfige für Menschen planen, der kleinen Unternehmer, die sich
die Hände reiben in der Vorstellung des Profits den sie damit
erzielen werden und der Lakaien des Staates, die alles kaltherzig
beaufsichtigen, oft in Versuchung zu weniger symbolischen Reaktionen.
Es schien jedoch, dass wir entgegen aller Erwartungen
noch nicht genug verzweifelt dafür waren.9
Sicherlich ließ das Leben im Alltag der 1980er Jahre in Frankreich
(und Europa) wenig Platz für Optimismus, aber wir nahmen uns
der Situation mit einem völligen Fatalismus an, der uns wiederum
zu einem verschärften Voluntarismus ermutigte, soweit es unseren
eigenen Kampf anging. Deshalb ist es bezeichnend, dass sich,
obwohl wir uns niemals als Anti-Gefängnis Aktivisten sahen, alle
unsere Aktionen trotzdem gegen das Gefängnis richteten, als ob
jede Perspektive mittlerweile genauso starr war wie eine Gefängnismauer.
Ich glaube nicht, dass wir die einzigen waren, die sich
bloß über die Ebbe nach der revolutionären Flut der Sechziger
und Siebziger beklagten, ohne übermäßig zu hinterfragen, ob

die „radikalen“ Konzepte und Praktiken, die wir immer noch
mittrugen, nicht auch für diese Situation verantwortlich gemacht
werden könnten.
Insbesondere, da ich hier an Englisch sprechende Leser schreibe,
weiß ich, dass diese Anmerkungen leicht von einigen Leuten als
Bestätigung für ihre alte individualistische Haltung interpretiert
werden können, welche a priori jede Art von kollektivem Versuch
als einen „Brutplatz für hierarchische Macht“, als „Entfremdung
des Individuums durch die Gruppe“ usw. abtut. Ich glaube
dennoch, dass diese Art von Kritik irrelevant ist. Wohl wahr,
sobald Menschen sich für ein langfristiges Ziel zusammentun
besteht das Risiko, dass Machtkämpfe ausbrechen, sich spezialisierte
Rollen entwickeln oder emotionale Gefühle hinter dem
Schleier der „Objektivität“ unterdrückt werden – und Os Cangaceiros
war davon überhaupt nicht ausgenommen. Dies ist jedoch
kein Grund sich zurück zu lehnen und darauf zu warten, dass „die
Revolution“ auf magische Art und Weise all diese Probleme löst:
sie existieren ohnehin und sind deshalb Teil eines durch kollektive
Aktivität ermöglichten Experiments, von dem man viel Nützliches
lernen kann. Die eigentliche Frage ist eher, ein ausreichendes
Niveau an Austausch zwischen der Gruppe und ihrem sozialen
Umfeld zu erreichen bzw. zu halten; durch Scheitern neigt die
Gruppe dazu einer anderen Logik zu folgen und wird so zu ihrer
eigenen Bestimmtheit – eine Art von Autismus, der wiederum
zwischenmenschliche Konflikte verschärft.
In all diesen Jahren waren wir sehr zwanghaft mit der Idee beschäftigt
einen großen Skandal zu verursachen, etwas in der dadaistisch-
surrealistisch-situationistischen Tradition; eine punktuelle
und spektakuläre Tat, die den latenten Negativisimus ausdrückt,
der die Gesellschaft untergräbt – und irgendwie war das Resultat
von „13.000 belles“ so etwas. Jedoch erfuhren wir auch die Grenzen
dieser Idee. Der hauptsächliche Fehler der meisten radikalen
post-68 Agitationen war ihre Unfähigkeit bleibende Brüche in der
Kohärenz der Gesellschaft zu verursachen, der geduldige Aufbau

von sozialen Bünden durch verschiedenste Vermittlungen und
Initiativen. Diese „radikale“ Einstellung reduzierte sich selbst zu
oft auf die bloße Brandmarkung der Gesellschaft in all ihren spezifischen
und begrenzten Aktivitäten, anstatt zu versuchen in innovativer
Weise innerhalb eines festgelegten Terrains zu agieren. Es
waren die gewöhnlichen Kommentare von außen zu stattfindenden
Kämpfen (oft mit einer „wir wissen eh schon wie’s ausgehen wird“
Haltung), oder etwas weniger passiv, die „Hit-and-Run“ Aktionen,
welche unfähig waren einen bleibenden dynamischen Impuls zu
haben. Diese wären vielleicht zu Zeiten einer möglichen revolutionären
Situation relevant („keine Zeit zu verlieren, Mai `68 oder
rein gar nichts“), dies ist jedoch nicht länger der Fall. Und da die
Cangaceiros nach den Grenzen solch eines Konzeptes strebten,
es als totale Herausforderung lebten, fühlten wir mit einer besonderen
Schärfe, dass es uns bloß in eine radikale Sackgasse geführt
hatte: Einsame Seefahrer auf der wilden See.
Ich will hier keine Verbitterung aufkommen lassen. Dies war ein
Abenteuer in einer Epoche, in der Abenteuer eher selten sind.
Glücklicherweise endete es nicht wie das Schicksal der meisten illegalen
Gruppen in einer tragischen Niederlage (und was dich nicht
umbringt, macht dich stärker). Weil es aber nur ein Abenteuer
war ging es nicht über den Willen seiner Protagonisten hinaus.
Letztendlich war das einzige in dem die Cangaceiros übereinstimmten,
dass eine solche Vereinigung nicht weiter wünschenswert
war und jeder ging seinen eigenen Weg und versuchte was
auch immer er aus dieser Geschichte gelernt hatte in die Praxis
umzusetzen. Deswegen werde ich die Frage offen lassen, ob diese
Erfahrung nur eine verspätete Erscheinung des post-68 Radikalismus
war oder den Weg für etwas neues ebnete.
Leopold Roc, Mai 1995

«
»
Leute, die revolutionäre Ansprüche erheben
gelten als Träumer. Aber der Mensch
ist aus dem Stoff gemacht, aus dem seine
Träume sind. Wir sind Revolutionäre.
Os Cangaceiros heißt: « alles ist möglich », « wir sind
im Krieg », « nichts ist wahr, alles ist erlaubt ».
Wir sind zahlreich, im Bezug auf die vorherrschende
Atomisierung. Wir haben viele Verbündete überall
auf der Welt.
Unser Programm ist sehr alt: ohne tote Zeit zu
leben. Wir beabsichtigen natürlich ihm seine Publizität
durch den Skandal zu sichern. Unsere Existenz
selbst ist bereits ein Skandal… Im sozialen Krieg
kann nichts außer Acht gelassen werden.
« Notes éditoriales »,
Os Cangaceiros nr. 2, November 85

Bei „TÖNE“ „Anarchist Poem 1″
Auch zu den Cangaceiros selbst gibst Musik: Hier (O Cangaceiro)eine bizarre deutschsprachige Aufnahme aus den 60er. Auch Joan Baez hat den Titel mal gesungen.

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