Archiv für Oktober 2010

Schickt das gegenwärtige System in die Insolvenz ! Enric Duran z.B.

Es gibt immer politisch korrekte Leute, die uns erzählen, daß individuelle ja auch kollektive Aneignungen (besser:Wiederaneignungen)die herrschenden Produktionsverhältnisse nicht verändern. Nun ist Aneignung ja nun erstmal das herrschende Prinzip des gegenwärtigen Systems. Private Aneignung des gesellschaftlichen Reichtumes, Aneignung der Arbeitskraft vieler anderer, Enteignung gesellschaftlicher Kontrolle der Produktion und Reproduktion — auf diesen Säulen ruht der Kapitalismus.
Von daher ist selbst das individuelle Wieder(aneignen) ein Akt der Subversion(das Recht auf bedürfnisbefriedigung für alle wird zumindest angedeutet), mehr noch da das der kollektiven.
Wir holen uns das entwertete in Ware gepresste Leben zurück — und schaffen dadurch selbstbestimmt und kollektiv Situationen die es ermöglichen, gemeinsam über die Produktionsbedingungen zu bestimmen.
Einer, der durch massenhafte Umverteilung auch dafür gesorgt hatte, der geniale anarchistische Fälscher Lucio Uturbia, über den haben wir hier schon berichtet. Eine Radiosendung über seine Veranstaltungen in Deutschland wird vorbereitet. Hier möchte wir einen seiner „Enkel“ vorstellen: Enric Duran, der innerhalb von zwei Jahren wohl an die 500 000 Euro von Banken und Kaufhäusern zurückgeholt hatte.Auch für ihn Wiederaneignung, die von den Banken und Konzernen geraubt wurde — auch bei ihm – wie bei Lucio – gingen all diese Gelder an Projekte in Spanien und anderswo, eine globalisierungskritische Zeitschrift „Podem“ wird dadurch finanziert.
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Hier zuerst aus einem Artikel im „Neuen Deutschland“ die Entstehung und der Verlauf:

Kataloniens moderner Robin Hood
Bankenraub mal andersrum – der Globalisierungskritiker Enric Duran ertrickste sich fast eine halbe Million Euro an Krediten, um damit linke Projekte zu unterstützen und das System bloßzustellen
Die Bilanz Enric Durans ist beachtlich: 68 Kreditlinien bei 39 Banken und Kaufhäusern wurden ihm binnen gut zweier Jahre bewilligt, 492 000 Euro insgesamt. Sicherheiten: keine – bis auf gefälschte Einkommensnachweise. Für Duran ist das Wiederaneignung von Mitteln, die durch Banken geraubt wurden. Mittel, mit denen er zahllose kleine, finanzschwache, linke Projekte unterstützte. Seit März sitzt Duran als erster Kreditschuldner in Spanien überhaupt in Untersuchungshaft – sonst geht es für das Vergehen schlimmstenfalls nach dem Prozess hinter Gitter.

»Er ist genetisch unfähig, inkonsequent zu sein!« Er, das ist der 33-jährige Enric Duran, seit zehn Jahren in Barcelonas globalisierungskritischer Szene aktiv. Auf diese Beschreibung seiner Persönlichkeit können sich die am Tisch sitzenden Aktivisten einer Unterstützergruppe für Durans Freilassung ohne Umschweife einigen. Duran ist ein Visionär der praktischen Veränderung, frei von Dogmen, aber mit der festen Überzeugung, dass die Welt, wenn sie so bleibt, wie sie ist, nicht bleibt, erzählt Anna.
»Er könnte ein Deutscher sein«

Hartnäckig und beharrlich arbeitet er seit Jahren in verschiedenen Projekten an einer anderen Welt – von Schuldenerlass für die Dritte Welt über Demonstrationen für eine entschleunigte Welt per Wachstumsrücknahme bis hin zu Infozentren wie dem von ihm mitgegründeten Infoespai im Stadtteil Gracia. »Er könnte ein Deutscher sein«, fügt Eduardo halb ernst und halb mit Blick auf die deutsche Leserschaft hinzu, deutsch in diesem Fall positiv besetzt mit konsequent und zielstrebig.

Dieses Muster zieht sich in der Tat wie ein roter Faden durch das Leben Enric Durans – auch das vorpolitische. Als Fünfjähriger begann er mit dem Schachspiel und brachte es zum katalanischen Schülermeister. Seine zweite vorpolitische Leidenschaft galt dem Tischtennis. Schon da zeigte sich seine Gabe der Überzeugungskraft, wie Anna es nennt. Er kann andere für seine Ideen begeistern. Damals war es seine Mutter, die auf sein Ansinnen hin im 60 Kilometer von Barcelona entfernt gelegenen Vilanova einen Tischtennisverein gründete, um dem sportlichen Ehrgeiz des Sohnes entgegenzukommen.

So akribisch wie dem Tischtennis und so strategisch wie beim Schach widmete er sich nach dem Abitur und dem Umzug nach Barcelona zwecks Soziologiestudiums der politischen Arbeit. Das Thema Geld, Schulden, Banken und ihre Rolle für das System stand von Beginn an im Zentrum seiner politischen Aktivitäten. »Enric war einer der Initiatoren der Volksbefragung über den Schuldenerlass für den Süden«, erinnert sich sein damaliger Mitstreiter und jetziger Unterstützer Víctor. Die Kampagne erzielte im März 2000 einen Achtungserfolg: Über eine Million Menschen gaben in Spanien ihr Votum ab und 98 Prozent sprachen sich für eine Schuldenstreichung zugunsten der Länder des Südens aus! Da die Befragung keine legale Grundlage hatte, war die Teilnahme ein Ausdruck des zivilen Ungehorsams – einer der Grundpfeiler des politischen Handelns nach Überzeugung Enric Durans.

»Enric ist ein großes Organisationstalent«, erzählt Víctor. Seine Fähigkeit brachte er bei der Kampagne gegen die Tagung des Internationalen Währungsfonds im September 2000 ebenso ein wie bei der Kampagne gegen die Weltbank (2001), gegen das Europa des Kapitals (2002), gegen den Irak-Krieg und ab 2003 beim Aufbau des Infoladens im Stadtteil Gracia. Dem Soziologiestudium konnte er hingegen nichts abgewinnen. Zu weltfremd erschienen ihm die von den Professoren gelehrten Theorien, nicht geeignet, um einen dringend notwendigen Wandel der Gesellschaft zu befördern. Nach vier Monaten und fruchtlosen Diskussionen mit den Professoren schmiss er sein Studium, erzählt Anna, um es als Autodidakt in Form eines Studiums generale fortzusetzen: Politik, Philosophie, Literatur, Wirtschaft und Finanzen. Es ging und geht ihm immer um das System als Ganzes. Und dass das gegenwärtige kapitalistische nicht zukunftsfähig ist, zeigt sich nicht nur für Duran an einem simplen Grundwiderspruch: Kapitalismus bedarf zur Renditesicherung eines fortwährenden exponentiellen Wachstums, und das in einer Welt endlicher Ressourcen. Bereits 2005 – längst vor der Finanzkrise – sann Duran über einen systemrelevanten Angriff auf die Banken nach, inspiriert von einem Freund, den er in Prag beim IWF-Gipfel getroffen hatte und der ihn Jahre später über mögliche Praktiken der fingierten Kreditbeschaffung informierte. Inspiriert war er auch von der lebenden Legende Lucio Uturbia. Der spanische Anarchist hatte 1980 mit brillant gefälschten Traveller Checks der Citibank im Wert von mehreren Millionen Dollar die damals mächtigste Bank der Welt und ihren Aktienkurs derart ins Wanken gebracht, dass sie gezwungen war, sich – um den Schaden zu begrenzen – auf einen außergerichtlichen Vergleich mit dem bereits verhafteten Täter einzulassen: keine Strafanzeige gegen Herausgabe der Druckplatten.

Systemrelevanter Angriff auf die Banken

Mit Lucio teilt Duran die Einschätzung, dass die Banken die Menschen ausrauben und dass dieses Verhältnis legitimerweise umgedreht werden darf. Ende August 2005 begann Duran seinen kalkulierten Bankraub. Notwendige Voraussetzungen: ein fingierter Arbeitsvertrag, der 2200 Euro Monatslohn festschreibt, ein Unternehmen (der Infoladen), das diesen Lohn pro forma überweist und 3000 Euro Startkapital, um ein weiteres Unternehmen zu gründen. Mit 6000 Euro Startkapital als Kredit von einem ahnungslosen Verwandten legte Duran schließlich los und setzte die Kreditspirale in Gang. Von kleinen Konsumkrediten, die gigantische Kaufhäuser wie El Corte Inglés oder Carrefour anbieten, über ein von Volkswagen Finance finanziertes Auto bis hin zu einer Hypothek über 210 000 Euro auf eine angezahlte Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kredite flossen ohne genauere Prüfung des Antragstellers, bei Nachfragen reichten plausible Erklärungen. Mit frischem Geld aus neuen Krediten zahlte Duran anfangs die ersten Raten der alten Kredite. Nach einigen Monaten stellte er die Zahlung dann ein.

»Die Lawine wurde immer größer«, berichtete Duran. Vergangenen September beschloss er schließlich, alles Geld abzuheben, umzuverteilen und »die Aktion« öffentlich zu machen. 360 000 Euro flossen in soziale Projekte und in die Herausgabe der eigens gegründeten Zeitschrift »Crisi«, die mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren in Katalonien unentgeltlich verteilt wurde. Während der Verteilaktion war Duran selbst schon abgetaucht, dem Vernehmen nach in Lateinamerika. Doch wer glaubte, ihn als simplen Kreditbetrüger für den eigenen Vorteil inklusive Sonnenbads diskreditieren zu können, wurde enttäuscht. Auch in der Ferne arbeitete Duran weiter akribisch an seinem Projekt, das System und die Macht herauszufordern und zu demaskieren. Nach einem knappen halben Jahr kehrte er mit einer zweiten Zeitung zurück: Auflage 450 000, Titel »Podem!« Das heißt auf Katalanisch »Wir können«, dürfte aber keine Anspielung auf Barack Obamas »Yes, we can« sein, denn Durans Vision einer anderen Welt ist eine gänzlich andere: Wir können »ohne Banken, ohne Multis, ohne Geld, ohne politische Klasse«, kurzum »ohne Kapitalismus leben«. Durans Plan zur Systemabschaffung: »Wenn alle Schuldner die Rückzahlung gemeinsam verweigern, gehen die Banken pleite und kollabiert das System.«
Blamierte Kreditgeber geraten in Rage

Nicht zuletzt wegen der gegenwärtigen Finanzkrise war das mediale Interesse an Duran groß: Interview folgte auf Interview, Fernsehen, Radio, Zeitungen – alle gaben Duran ein Forum. Das brachte die bloßgestellten Kreditgeber in Rage, wollten sie doch die peinliche Sache geräuschlos aus der Welt schaffen. In die Enge getrieben, stellten 19 der geprellten Kreditinstitute schließlich Strafanzeige. Erst danach wurde Duran festgenommen, am Abend des 17. März. Und es erging ein Haftbefehl wegen mutmaßlich fortgesetzten Betrugs und Urkundenfälschung.

»Ich bereue nichts«, lässt Duran aus dem Gefängnis mitteilen. »Enric ist von seinem Weg völlig überzeugt, er hat eine klare Vorstellung davon, wie eine andere Gesellschaft aussehen soll, wenn auch nicht, wie man da hinkommt. Er weiß, dass der Systemwandel schwierig ist, und setzt dabei auf die Methode Versuch und Irrtum«, schildert Anna Durans Philosophie. Ohne Rücksicht auf eigene Verluste: »Unsere Zukunft steht auf dem Spiel, nicht meine.« Es ist eine Einstellung, die derjenigen von Ackermann und Co. diametral entgegengesetzt ist, die mit Casino-Kapitalismus und irrealen Renditevorgaben von 25 Prozent, die realwirtschaftlich überhaupt nicht zu erwirtschaften sind, der jetzigen Systemkrise den Weg bereitet haben. Ob sie dazu genutzt werden kann, eine echte basisdemokratische Volkssouveränität zu schaffen, wie es Duran vorschwebt, ist offen.

So offen wie der Zeitpunkt der Entlassung Enric Durans aus dem Gefängnis. Seine Unterstützer arbeiten mit vielfältigen Aktionen daran. Und es sind weit mehr als Anna, Víctor und Eduardo.

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Inzwischen ist Enric Duran wieder frei und hat ein Buch geschrieben „Liquidiert die Banken“
ist der entsprechende Link dafür.

Bei „Töne„findet ihr (katalanisch mit spanischen Untertiteln) eine kurze Geschichte, von ihm selbst erzählt.

Für eine Welt ohne Schlösser(PrismA)

Bei „Töne“ koennt ihr die Broschüre eigenverantwortlich kennenlernen( so wie BILD,NDR und andere es schon getan haben)

Resistencia


gibts einen Blog zur Poesie des Widerstandes

DIE VERNEBELTE SPUR VON OS CANGACEIROS DURCH DIE SOZIALE PAMPA


Originaltitel: „The Blurred Trail of Os
Cangaceiros In The Social Pampas“
1995, Frankreich
Übersetzt aus dem Englischen
Mokum, Herbst 2010


EINLEITUNG ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG

Dieses Pamphlet wurde aus dem Englischen übersetzt, aus der
Motivation heraus, dass sofern mir bekannt weder Originalliteratur
von oder andere Texte zu den Totengräbern in deutscher
Sprache bestehen. Vor allem die Texte von Os Cangaceiros selbst
können einen wichtigen Beitrag zum Diskurs innerhalb der anarchistischen
Milieus geben, da sie sehr bestimmt jeglicher offiziellen
Struktur und jeder Organisation absagen und der Politik
bzw. Gesellschaft den Kampf ansagen. Os Canagceiros haben
sich nicht als Anarchisten bezeichnet und jeglichem politischen
Couleur abgeschworen, in ihren Aktionen und Texten können
sich aber durchaus viele Anarchisten erkennen. Sie folgten einem
Bedürfnis der Aufständigkeit und Delinquenz, basierend auf
ihren individuellen Erfahrungen und ließen sich weder durch
politische Bildung, moralische Dogmen oder andere Ideologien
beeinflussen. Ihr Kampf gegen das Gefängnis, inspiriert durch
eben jene Erfahrungen, war vielfältig und angreifend und machte
sie so innerhalb von einigen Jahren zum öffentlichen inneren Feind
des französischen Staates.
Der erste Teil dieses Pamphlets besteht aus einem kurzen enzyklopädischen
Beitrag zur Entstehung und Entwicklung von
Os Cangaceiros, sowie einer Chronologie und Exzerpten ihres
Kampfes gegen das Gefängnis.

Der zweite Teil enthält einige kurze einleitende Absätze und einen
reflektorischen Kommentar2 aus dem Jahr 1995 von Leopold Roc,
einem Protagonisten der Totengräber. Wie Roc selbst anmerkt
kann dieser nicht als stellvertretend für die restlichen Protagonisten
von Os Canagceiros angesehen werden und auch ich teile
seine Analysen nicht vollständig. Dennoch ist dieser Beitrag interessant,
vor allem weil er Diskussionen aufwirft, insbesondere

wenn man sich mit den Texten die von der Gruppe selbst aus den
Jahren ihrer Aktivität stammen auseinandersetzt und aus diesem
Grund wird er hier publiziert. Wie bereits erwähnt bestehen diese
leider nicht in deutscher Sprache (dies ist ein zukünftiger Ansporn
für mich selbst und vielleicht auch für andere), ich will dennoch
jedem zwei Publikationen zu den Totengräbern nahe legen: Os
Canagceiros – A Crime Called Freedom (Englisch, übersetzt aus
dem Italienischen durch Wolfi Landstreicher – Eberhardt Press)
und Os Cangaceiros [ Janvier 1985 – juin 1987] (Französisch,
gesammelte Texte und Artikel von und über O.C.3)

Ich will abschließend noch zwei kurze Anmerkungen zum „Stil“
der Übersetzung machen, die zum besseren Verständnis der
verwendeten Form beitragen und zur Diskussion anregen sollen.
Zum ersten habe ich der Verwendung von geschlechtsneutralen
Formen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich finde es, in erster
Instanz, aus eigener Erfahrung heraus mühsam solche Texte zu
lesen, das sei eine sehr praktische und einfache Erklärung, wodurch
sie aber für mich nicht an Wichtigkeit verliert. Dies war auch der
Anstoß zu einer etwas tiefergehenden Überlegung. Diesem, meines
Erachtens, oberflächlichen Detail wird auch innerhalb anarchistischer
Milieus (ganz zu schweigen von der alles vereinnahmenden
linken Intelligenzia) zuviel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Illusion,
dass durch das Verändern und Adaptieren der Sprache die
oft ersehnte Emanzipation vielleicht ein Stückchen realer wird,
passt nur zu gut zur scheinbar intellektuellen Fassade, hinter der
sich die Politisch-Korrekte versteckt, um die essentiellen Fragen
des revolutionären Projekts zu negieren. Eben jene Fassade ist
eine filigrane Konstruktion basierend auf den neuen Regeln und
Dogmen der Politisch-Korrekten und ihrer Subkultur. Dahinter
befindet sich keine Substanz sondern die Realität der Welt, in der
wir leben, die sich in Tristesse und Leere widerspiegelt. Dessen
müssen wir uns bewusst werden, um mit aller Ernsthaftigkeit

die Gesellschaft und jenes Fundament der Macht und Unterdrückung,
das ihr Zugrunde liegt, anzugreifen und letztendlich
niederzureißen. Wir sollten deshalb danach streben, uns nicht mit
partikulären Kämpfen und Zielen bzw. jeglicher pazifizierender
Illusion zufrieden zu geben.
Zum zweiten verwende ich in dieser Übersetzung das Wort
Kamerade(n) als direkte Übersetzung des englischen Wortes
comrade(s). Leider gibt es im Deutschen kein anderes Wort, das
der Bedeutung und des Gefühls dieses entspricht. Viele Alternativen
wurden ausprobiert, Gefährten, Kumpanen, Genossen, etc.,
jedoch vermisse ich in diesen Ausdrücken ein gewisses Gefühl,
das meine Bedeutung dafür ausdrückt. Mit der braunen Kameraderie
hat dies gar nichts zu tun und mit der Deutlichkeit dieser
Aussage will ich mich auch nicht auf eine tiefergehende Erklärung
diesbetreffend einlassen.
Mokum, Sommer 2010

DIE VERNEBELTE SPUR
VON OS CANGACEIROS
DURCH DIE SOZIALE
PAMPA

„Wenn wir die Banken plündern, dann deshalb weil wir
erkannt haben, dass das Geld der Hauptgrund unser aller
Elends ist. Wenn wir die Fenster einschlagen, dann nicht
weil das Leben teuer ist, sondern weil die Waren uns davon
abhalten, um jeden Preis zu leben. Wenn wir die Maschinen
zerstören, dann nicht aus dem Wunsch die Arbeit zu
beschützen, sondern um die Lohnsklaverei anzugreifen.
Wenn wir die Polizei angreifen, dann nicht um sie aus
unseren Vierteln zu jagen, sondern um sie aus unseren Leben
zu vertreiben. Das Spektakel würde uns gerne fürchterlich
aussehen lassen. Wir versuchen viel schlimmer zu sein.“
Die Totengräber, Paris, Mai 1980

DER MAI WIRD ZU NEUJAHR
Os Cangaceiros war eine Gruppe von proletarischen Revolutionären,
die aus den Studenten- bzw. Arbeiterunruhen und Besetzungen
im Frankreich des Mai 1968 hervorging. Os Cangaceiros
– oder Les Fossoyeurs du vieux monde (Totengräber der alten
Welt), wie sie auch genannt wurden – kamen in Nice, Frankreich,
zusammen und waren charakteristisch für die neuen antagonistischen
Sozialbewegungen des Europas nach dem Mai `68, die
nichts weniger als das „Ende der Politik“ forderten. In Lokalzeitungen
wurden sie als „Hooligans“ und „jugendliche Delinquenten“
bezeichnet. Sie hatten keine offizielle Struktur, sondern
bildeten ein Kollektiv aus individuellen Begierden, fähig sich in
gegenseitigem Ausdruck zu finden. Mit „Ne travaillez, jamais!“1 als
Programm, machten sie sich daran jene Umstände zu schaffen, die
dies sofort möglich machen würden. Zu diesem Zweck kollektivierten
sie ihre Ressourcen und kriminellen Begabungen, die ihnen

durch ihr Verlangen nach Abenteuer vertraut waren. Sie reisten
durch den Süden Frankreichs, gewannen Freunde und initiierten
autonom politische Aktionen; meistens gegen die Polizei, die
Gewerkschaftsbürokratie, Politiker und soziale Manager aller
Art. Sie lebten nomadisch, strebten danach Orte zu finden, wo
die Unzufriedenheit ihren Höhepunkt erreichte und bereisten
diese, um Situationen dort im Rahmen ihrer Möglichkeiten
zu verschärfen. Insbesondere versuchten sie die Rolle der liberalen,
sozialen Demokraten und Linken beim Manipulieren und
Befrieden von jenen aufzuzeigen, die zu ihrem eigenen Nutzen
revoltierten, indem sie die Bestimmung des Kampfes aus den
Händen der generalisierten Radikalität nahmen, die ihre eigene
Dynamik hatte.
„Wir wollen ein für allemal klar machen, dass wir, Os Cangaceiros,
nicht aus der Linken kommen; es gibt keinen einzigen ehemaligen
Linken unter uns. Keiner von uns hatte jemals etwas mit irgendeiner
politischen Couleur zu tun. Wir haben nur eine Art der Beziehung
zu politischen Gruppen und Organisationen: Krieg. Sie sind alle
ausnahmslos unsere Feinde.“

Dies beinhaltete auch den Anarchismus und ihre Kämpfe mit
Anarchisten in Paris, welche zumindest zu einem Todesopfer
führten.
JENSEITS VON FRANKREICH
In den späten 1970er Jahren reisten sie ausführlich in Italien, wo
die Autonomia ihren ersten Höhepunkt erreichte und der revolutionäre
Moment die Fabriken und die Jugend der Kontrolle der
Kommunistischen Partei und der Gewerkschaften entriss. Dort
begegneten sie auch Comontismo, der sich für einen „kriminellen
Kampf gegen das Kapital“ aussprach und erlebten aus erster Hand
den gewalttätigen Angriff der italienischen Unkontrollierbaren auf

den Staat. Da ihre Handlungsmethoden sie häufig in die Illegalität
und manchmal auch ins Gefängnis brachten, begriffen sie dessen
Bedeutung und richteten ihre Aufmerksamkeit später fühlbarer auf
das System von Verbrechen und Strafe. In den 80er Jahren folgten
O.C. Aufruhren im ganzen Land bzw. auf dem ganzen Kontinent,
verbreiteten Subversion und bildeten soziale Netzwerke in Paris,
Lyon, Belgien, Polen, Brixton und Toxteth. Der Reiz, der sie zu
diesen Orten zog war unterschiedlich; in Lyon war es der Nervenkitzel
des Joyriding und das Auflauern und Angreifen von verfolgenden
Polizeiautos durch eine mit Steinen wartenden Menge.
In Polen waren es die wilden Streiks und Besetzungen gegen die
kommunistische Regierung. In Brixton und Toxteth war es die
Explosion der Innenstadtjugend gegen die Langeweile und die Polizeirepression.
An jedem dieser Orte führten sie ihre eigenen Aktionen
als Beitrag zum Kampf durch, ohne die lokalen Teilnehmer
in welcher Weise auch immer zu beeinflussen. In ihrem damaligen
Journal, welches keine politische Veröffentlichung, sondern eher
eine Zusammenfassung ihrer Aktivitäten und Reflektionen darauf
war, behandelten sie Fragen wie zum Bedürfnis an Unsichtbarkeit
(und der konsequenten Ablehnung des politischen Milieus,
welches die Aufmerksamkeit der Polizei wegen seiner eigenen
Eitelkeit geradezu herausfordert) sowie Strategien zur Untergrabung
der alten Welt des Kapitalismus mit all seinen Neuigkeiten
und Lügen. Im Jahr 1984 gingen O.C. nach England, um dort
zusammen mit den Grubenarbeitern ihre eigenen Steine zu werfen
und hielten sich ein Jahr lang in verschiedensten Städten in Yorkshire
auf; dies war der letzte Kampf der traditionellen Arbeiterklassenbewegung
in Großbritannien, dem letzten Land, das dem
europäischen Model folgte. Danach kehrten sie nach Paris zurück
(zusammen mit mehreren befreundeten Grubenarbeitern) und
begannen Häuser zu besetzen.
„Lasst unsere Kerkermeister keine Herrschaft walten, lasst uns jeden
Tag auf das Herz des Tigers einschlagen, in jeglicher Manier, nach
unserem Gegensatz, gegen die Traurigkeit und Einsamkeit der Zellen
unserer Gefangenschaft.“

VORÜBERGEHENDE RUHE
Während andere Hausbesetzer versuchten umweltschutzbezogene
oder architektonische Argumente zu verwenden, um die
Besetzung von leerstehenden, zerfallenen Gebäuden zu rechtfertigen,
entschieden sich Os Cangaceiros die besten Gebäude die
sie fanden zu nehmen – sie sahen das Häuserbesetzen als direkte
Enteignung des materiellen Luxus auf den wir alle ein Anrecht
haben, da jeder einzelne von uns ein Leben lang durch die Illusion
des materiellen Reichtums aufgereizt wurde. O.C. wollten genau
diese Lüge erkennen und ausschöpfen, zu diesem Zweck zogen
sie in einen neu gebauten Appartementblock ein und warfen die
sich beschwerenden Yuppiebewohner hinaus. Das eingenommene
Gebäude wurde dann gegen einen Polizeiangriff verbarrikadiert
und sie errichteten eine No-Go Zone für die Polizei in ihrem
Viertel. Als die Polizei letztendlich kam, um sie zu räumen, dauerte
es drei Stunden bis diese durch die Stahlbarrikaden an der Tür
kam, währenddessen ein, per Telefon informiertes, Netzwerk an
Unterstützern die Polizei in einem Gegenangriff von hinten attackierte.
In den späten 1980er Jahren schlugen O.C. einen neuen
Weg ein und begannen ihre Bemühungen gegen die Gefängnisindustrie
zu richten. In den nächsten drei Jahren führten sie mehrere
Sabotageakte gegen in Bau befindliche Gefängnisse durch, stahlen
Baupläne für neue Gefängnisse, verprügelten Architekten, die in
die Planung dieser neuen Gulags involviert waren und zogen
Aufmerksamkeit auf den Widerstand, der auch innerhalb der
Mauern stark zunahm. Der Kampf gegen diesen Industriekomplex
zwang O.C. ihr Journal aufzulösen und vollständig unterzutauchen,
nachdem sie nun massiv von der Polizei verfolgt wurden.
Als eine ihrer letzten Aktionen (bevor sie sich vollständig in inoffiziellen,
kriminellen Netzwerken auflösten, die sie über die letzten
20 Jahre hin erschaffen hatten) veröffentlichten sie ein Buch über
die Bewegung des freien Geistes des 16. Jahrhunderts, eine protoanarchistische
Strömung, mit der sie sich stark identifizierten.
DIE VERNEBELTE SPUR…

„In der Morgenröte des Industrialismus wurden Fabriken nach dem
Muster von Gefängnissen gebaut. In dessen Dämmerung werden nun
Gefängnisse nach dem Abbild von Fabriken gebaut.“

ZÄHNE UND KLAUEN

Im Mai 1985 brachen in ganz Frankreich Krawalle in den
Gefängnissen aus. In Solidarität griffen Os Cangaceiros verschiedene
Ziele an, von Eisenbahnschienen bis Tour de France Autos,
basierend auf ihrem eigenen Hass gegen Gefängnisse und nicht
als außenstehende Befreier, um den Widerstand der Gefangenen
publik zu machen.
— 5. Mai, 1985 – In Fleury-Mérogis randalieren die Gefangenen
des D4 Flügels und zerstören den gesamten Trakt.
— 6. Mai – Abermals in Fleury weigern sich 300 Inhaftierte des
D1 Flügels nach ihrem Hofgang zurückzukehren; 60 von
ihnen zünden die Krankenabteilung an.
— 7. Mai – In Bois d’Arc klettern ca. 15 Jugendhäftlinge
(Insassen jünger als 18 Jahre, die normalerweise in separaten
Abteilungen gehalten werden) auf das Dach und bleiben dort
bis zum 9. Mai unterstützt und versorgt durch die anderen
Gefangenen.
— 8. Mai – In Lille klettern ungefähr zehn Gefangene auf das
Dach. In Bastia verweigern Insassen das Gefängnisessen in
Solidarität mit den anderen Gefangenen. (Die „Verweigerung
von Gefängnisessen“ ist nicht wirklich mit einem Hungerstreik
zu vergleichen, dennoch kann es ein Weg sein diesen
auszuführen.)
— 9. Mai – In Fresnes klettern 400 Insassen auf die Dächer und
liefern sich Zusammenstöße mit der Polizei, die dabei einen
Gefangenen tötet. In Compiegne, klettern ca. zehn Gefan-

gene, denen der „Morgenschicht“ folgend, auf die Dächer. Im
Bonne Nouvelle Gefängnis in Rouen, klettern ca. 50 Jugendhäftlinge
auf die Dächer, während andere Gefangene ihre
Zellen zerstören; nach angeblichen Verhandlungen kletterten
ca. 30 zurück auf das Dach in Solidarität mit den Kameraden
in Fresnes.
— 10. Mai – Vom 9. bis zum 10. Mai gehen Gefangene auf die
Dächer in Douai. Es gibt einen kurzen Zusammenstoss mit
der CRS (Französische Bereitschaftspolizei). In Amiens
klettern ungefähr 50 Gefangene auf die Dächer. In Nizza
schließen sich 60 Gefangene mit ca. 20 Jugendhäftlingen
während eines Zusammenstoßes mit der Polizei auf den
Dächern zusammen. In Beziers nehmen 130 Gefangene drei
Wächter und einen Krankenpfleger für drei Stunden als
Geisel.
— 11. Mai – In Evreux, Saintes und Coutances, klettern Gefangene
auf die Dächer und bekämpfen sich mit der Polizei.
Dasselbe passiert am nächsten Tag in St. Brieuc.
— 19. Mai – Gefangene zerstören das gesamte Gefängnis von
Montpellier (Brandstiftung und Verwüstungen) und liefern
sich Kämpfe mit der Polizei. Draußen greift die Menge,
bestehend aus Freunden und Verwandten der Gefangenen,
die Polizei von hinten an.
Darüber hinaus brechen in verschiedensten Gefängnissen
Unruhen aus, von der Verwüstung von Zellen und versuchter
Brandstiftung (in Rennes, Angers, Metz, etc.) bis zur kollektiven
Verweigerung von Gefängnisessen (Lyon, Frauen und Männer in
Fleury, Ajaccio, Auxerres, St. Malo, Avignon, Chambery, etc.). In
dieser Zeit finden mehrere „Selbstmorde“ statt. Die Rebellen in
Douai und Evreux erhalten harte Strafen unter dem Vorwand der
verursachten Schäden.

— 17. Juni – Auf der Eisenbahnstrecke Nantes-Paris nahe
Nantes wird eine Barrikade in Solidarität mit den Gefängnisrevolten
in Brand gesteckt.
— 20. Juni – Sabotage an den TGV (Schnellzug) Anlagen der
Eisenbahngleise im Süden von Paris.
— 27. Juni – Auf der Eisenbahnstrecke Toulouse-Paris nahe
Toulouse wird eine Barrikade in Brand gesteckt.
— 30. Juni – In der Nacht von 30. Juni auf 1. Juli wird der Druck
der Pariser Tageszeitung lahm gelegt durch Sabotage der
IPLO Druckerei nahe Nantes.
„Wir haben uns dazu entschlossen der nationalen Presse einen
halben Tag der Stille aufzuerlegen zu Ehren der rebellierenden
Knastbrüder. Diese Aktion ist weiters in Solidarität mit all den
toten Gefangenen, die „ge-selbst-mordet“ wurden. Alle diese
Zeitungen sind bekannt für ihre Feindseligkeit gegen die jüngste
Bewegung der Revolten in den Gefängnissen.“

— 1. Juli – Sabotage an den Eisenbahnanlagen der Nimes-
Tarascon Strecke.
Jedes Mal verursachten diese Aktionen längere Unterbrechungen
im Zugverkehr und stundenlange Verspätungen der täglichen
Züge. Die Forderungen waren immer die gleichen:
„Eine Reduktion der Strafen für alle verurteilten Gefangenen. Die
Freilassung von allen, auf den Prozess wartenden, Inhaftierten. Das
endgültige Stoppen von allen Abschiebemaßnahmen gegen Immigranten.
Die Aufhebung aller Sanktionen gegen die Rebellierenden.“

— 2. Juli – Der Paris-Brüssel TEE-Zug wird nahe Compiegne
gestoppt. Die vier Forderungen werden auf die Wagons
gesprayt. Fenster werden eingeschlagen und Exemplare des
Pamphlets „Freiheit ist das Verbrechen“ werden durch die
zerstörten Fenster geworfen.
— 5. Juli – Sabotage an der Paris-Le Havre Linie. Vier Personen
werden zwei Tage später in Rouen in Verbindung mit dieser
Aktion verhaftet und für drei Monate eingesperrt.
— 8. Juli – Von 7. bis 8. Juli klettern in Chaumont Gefangene
auf die Dächer, um ihre Sorgen angesichts der anstehenden
präsidialen Amnestie am 14. Juli (Tag der Stürmung der
Bastille) zu demonstrieren, welche verspricht sehr dürftig zu
werden. Es kommt zu Konflikten mit der Polizei. Vier der
Rebellen erhalten schwere Strafen.
— 9. Juli – Ein anonymer Sabotageakt wird gegen die Paris-
Strassburg Linie, die nahe Chaumont entlang läuft, ausgeführt.
— 12. Juli – Am frühen Morgen werden in Paris zwei Metrolinien
mehrere Stunden lang durch schwere Objekte blockiert,
die in Solidarität mit den Rouen 4 und den Rebellen von
Chaumont auf die Gleise geworfen wurden. Wieder wurden
die vier Forderungen publik gemacht.
— 13. Juli – In Lyon werden zwei Autos der Behörden in Solidarität
mit den Gefangenen in Lyon in Brand gesteckt. Bevor
noch ein Bekennerschreiben veröffentlicht wird, entflammen
erneut zahlreiche Unruhen in verschiedensten Gefängnissen
(Fleury, Loos-les Lille, Toul, etc.).
— 14. Juli – Im St. Paul Gefängnis von Lyon rebellieren ca. 20
Gefangene der „psychiatrischen“ Abteilung (Verwüstungen
und Brandstiftungen). Die lächerliche präsidiale Amnestie
wird angekündigt: ein bis zwei Monate Reduzierung der
kurzen Haftstrafen. Die JAP (Komitee der Strafvollzugsrichter)
wird ihr Arbeitspensum ausweiten: 3000-4000

Gefangene sollen in den nächsten Tagen freigelassen werden.
Diese Neuigkeit soll von zahlreichen Unruhen in den Gefängnissen
des Landes begleitet werden.
— 15. Juli – In der Nacht von 14. auf 15. Juli werden die Reifen
des Konvois, der die Tour de France begleitet, in Solidarität
mit den verurteilten Rebellen aufgeschlitzt (ungefähr 100
Fahrzeuge werden unbrauchbar gemacht).
In Toulouse wird ein Unternehmen, welches Gefangene
beschäftigt, durch Brandstiftung zerstört.
— 18. August – In Lille klettern dutzende Gefangene auf die
Dächer. In Lyon wird die ROP Druckerei der Pariser Tageszeitungen
verwüstet. Die Publikation und die Distribution
werden schwer beeinträchtigt. Erneut war es das Ziel
die Zeitungen für ihre Lügen und Feindseligkeit gegen die
Rebellen zu züchtigen. Der Text „Die Wahrheit über einige
Aktionen“ wurde in den Räumlichkeiten zurückgelassen.
Während Unruhen in Guadalupe können ca. 30 Gefangene
nach Ausschreitungen im Gefängnis Pointe-à-Pitre ausbrechen.
„Die Forderungen vereinigen die Offensive der Gefangenen gegen ihre
Isolation und einen Aufruf an jene außerhalb der Mauern, um diese
konkret zu zerstören. Es geht darum Druck zu erzeugen, um sich
gegen diese Gesellschaft zu behaupten, auf eine Welt zu scheißen, die
lieber taub wäre, wenn es um ihre Gefängnisse geht.“

13.000 PROJEKT
Im Jahr 1990 begann ein umfangreiches Dossier in Frankreich zu
kursieren. Das von Os Cangaceiros in Umlauf gebrachte Dossier
enthielt sowohl gestohlene Gefängnispläne und -dokumente als
auch eine Chronologie, welche die Sabotagekampagne von O.C.

gegen das „13.000 Projekt“ umschrieb. Dieses Projekt beinhaltete
den Plan des französischen Staats um neue Hochsicherheits-
Gefängnisse mit Platz für 13.000 Gefangene zu schaffen. Weiters
beinhaltete die Akte Kopien der Communiques, die an jene von
O.C. angegriffenen Institutionen und Personen gesendet wurden.
Interessanterweise versuchten die Polizei und die angegriffenen
Betriebe sehr diskret mit dieser Kampagne umzugehen, offensichtlich
um ihr so wenig wie möglich Aufmerksamkeit in der
Öffentlichkeit zu geben.

BRIEF AN EINEN ARCHITEKTEN
Betrifft: Hinterhalt
Sind Deine Wunden gut geheilt, Architekt? Hast Du herausgefunden
warum? Unverschämt, ohne jeglichen Skrupel, Zentimeter für Zentimeter
hast Du diese Käfige erschaffen, in denen sogar die Behinderten
eingesperrt werden sollen. Innerhalb der Mauern, die Du entworfen
hast, werden in Zukunft Individuen, die mehr wert sind als Du, regelmäßig
verprügelt werden. Die Zeit war reif, dass Du einen Appetitanreger
von dem erhalten hast, was tausende Gefangene bis zum
xten Grade ertragen werden müssen. Architekt, dies ist nämlich nicht
die erste Niederträchtlichkeit für die Dein Betrieb verantwortlich ist.
Wenn man betrachtet, was Du baust, um normale Bürger unterzubringen,
kann man Deine Kompetenz um Delinquenten wegzusperren
erahnen. Man kann leicht von den Hochhausblöcken des 13. Arrondissements
auf die Gefängniszellen schließen. Du Schwein, schau Dir
Deine Schnauze gut an, wir konnten von Deinem erschöpften Gesicht
ablesen, wie tief Du selbst in Deine Projekte verwickelt bist. Zuerst
hast Du Mauern gebaut, nun wirst Du diese einreißen.

Os Cangaceiros, Lyon, 19. März 1990


OS CANGACEIROS IN DER
SOZIALEN PAMPA
EINE KURZE EINLEITENDE ERKLÄRUNG…

In den 1980er und frühen 1990er Jahren waren wir mit einigen
der Personen befreundet, welche die französische Gruppe Os
Cangaceiros bildeten, die aus Les Fossoyeurs du Vieux Monde
(Die Totengräber der alten Welt) entstanden war. Die originalen
Cangaceiros waren Robin Hood-artige Banditen – die Reichen
berauben um den Armen zu geben – im Brasilien des 19. Jahrhunderts.
Die neu gegründete Frog-Gruppe1 (wie wir sie mit einer Brise
übertriebenen Chauvinismus nannten) war nach Großbritannien
gekommen, begeistert von der Periode der urbanen Krawalle in

den frühen 80er Jahren und den Überschneidungen mit den erbitterten
Streiks, besonders die der Grubenarbeiter zwischen 1984
und 1985, zu welchen die Froggies ihre eigenen Zutaten hinzufügten.
Sie freundeten sich mit einigen der wildesten, eigensinnigsten
und bemerkenswertesten Individuen der Grubenarbeitergemeinschaft
in Yorkshire an und versuchten so dauerhaftere
internationale Verknüpfungen zu schaffen. In der Hoffnung, dass
sich bei der steigenden Verelendung in den 80er Jahren und dem
Unglück auch ein Silberstreif am Horizont abzeichnete, vielleicht
sogar ein Regenbogen in der Form eines interethnischen Zusammenkommens
in Großbritannien in der Dämmerung der 1980er
Jahre, ausgedrückt durch offene Revolte. Leider wollte es nicht
sein, da der Zuspruch von wenig auf noch weniger umschlug und
letztendlich fast gänzlich verschwunden war.
Manche meinten, dass die Kangaroos, wie sie unvermeidlich von
uns in Großbritannien genannt wurden – um uns wiederum
hinter einem filmreifen Chauvinismus zu verstecken – Gewalt der
Gewalt wegen fetischisierten und unkritisch jede Art von individuellem
Hooliganismus unterstützen, was keiner von uns einfach so
tun konnte. Besonders nicht nach der Tragödie im Heysel Stadion
von Brüssel, als 1985 bei einer Massenpanik während eines UEFACup
Spiels, hervorgerufen durch Zusammenstöße zwischen der
Polizei und englischen (Liverpool) bzw. italienischen ( Juventus)
Fußballfans, viele Menschen starben. Man könnte meinen – und
darauf wurde damals auch von einigen Leuten hingewiesen – dass
es um mehr gehen könnte bei den „linken“ Liverpool-Fans in ihren
roten Heimdressen gegen die italienischen „Faschisten“, aber das
würde wohl zu weit gehen.
Andererseits verbreiteten die Kangaroos das Beispiel der Autonomie,
der spanischen Dockarbeiterorganisation Coordinadora
entsprungen, bevor auch diese entartete, in dem sie Pamphlets
von BM Blob distributierten: „International Dockers struggle in the
Eighties“ (Internationaler Kampf der Dockarbeiter in den Achtzigern)
wurde in ganz Yorkshire verteilt und durch ihre freundliche

Veranlagung ergaben sich andauernde Freundschaften
Darüber
hinaus haben die Kanagaroos einige interessante Texte, vor allem
die besten in französischer Sprache, über den Streik der Grubenarbeiter
verfasst, welche ein sehr überzeugendes „ich war dabei“
Gefühl vermitteln.
Zur gleichen Zeit begannen Os Cangaceiros zu Hause in Frankreich
in verschiedene Arten der direkten Aktion involviert zu sein,
speziell in Zusammenhang mit den Kämpfen der Gefangenen,
indem sie eine Reihe von einfallsreichen Aktionen initiierten.
Der folgende Text bezieht sich auf eine dieser Interventionen
unter vielen und geht sensibel und intelligent mit den Problemen
um, die einem sozial ausgeschlossenen Grüppchen innewohnen,
welches in die Offensive gegangen ist und dadurch den Hass des
Establishments auf die eigene, klandestine Existenz gezogen hat.
Insbesondere relevant sind die Fragen des wie, warum und wofür,
neben anderen unvorhersehbaren Schwierigkeiten in Bezug auf
die Publicity-Maschine der Medien; wie sie einen benützen und
vor allem wie man ihren modus operandi umstürzen kann und
somit die Medienleute dazu bringt, sein eigenes Spiel zu spielen
und nicht ihres. Einiges davon ist scharfsinnig und man kann die
aus reiner Erfahrung erzählende Stimme hören. Dies ist sicher ein
wertvolles Beispiel für jene, die ähnliche Wege beschreiten oder
selbst dort waren.

Ein weiterer faszinierender, oft tiefgehender, bewegender autobiographischer Bericht ist
„N’Drea“ von einer Kameradin, die in sehr jungen Jahren an Krebs starb. Es ist bis dato eine
der besten Kritiken am modernen Krankenhaus, in Bezug auf tödliche Krankheiten (Herausgegeben
von Peligan Press, Here & Now Collective Leeds, übersetzt von Don Smith. Das Buch
ist auf Grund der limitierten Auflage leider nicht mehr erhältlich, vielleicht aber durch Peligan
Press im Internet veröffentlicht).

Zwischen 1985 und 1990 erlangte die Gruppe „Os Cangaceiros“
durch einige durchschlagende Aktionen in Frankreich einen
gewissen Ruf; jetzt, da Os Cangaceiros der Vergangenheit angehören,
sind es wahrscheinlich diese Aktionen, die es wert sind
daran zu erinnern oder eher noch die Lektionen und Kritiken,
welche man daraus ziehen kann. Die folgenden Anmerkungen
versuchen dennoch weder Bewunderung noch Verachtung zu
erregen: Ich denke, dass sie nützlich sein können für andere, die
sich auf einen ähnlichen praktischen Dissens einlassen wollen.1
Die verschiedenen Sabotageakte, die wir ausführten, waren die
Erklärung, dass eine handvoll entschlossener Leute sich etwas
effizienterem hingeben können als dem gewohnten Flugblatt/
Pamphlet-Verteilen, wenn es darum geht Solidarität oder Unzufriedenheit
auszudrücken. Im Jahr 1985 war es die Idee, die
Forderungen der damals revoltierenden Gefangenen, durch die
Störung des Schienenverkehrs im großen Rahmen, weiterzuleiten.
Das Blockieren von Autobahnen und Eisenbahnlinien hat
eine lange Tradition im französischen Arbeiterkampf und durch
das Anwenden dieser Mittel wollten wir verdeutlichen, dass die

Revolte eines Gefangenen ein legitimer sozialer Kampf ist wie jeder
andere: genauso wie Arbeiter für eine Lohnerhöhung streiken,
revoltieren Gefangene für die Reduzierung der Strafen (und bei
beiden steht natürlich mehr auf dem Spiel als die ausgedrückten
Forderungen). Selbstverständlich erkannten dies die Medien und
der Staat nicht an und wetterten gegen die von Kriminellen unterstützten
Terroristen (oder umgekehrt). Trotzdem wurde diese
Art Solidarität zu zeigen gut von den Menschen innerhalb der
Gefängnismauern aufgenommen und auch von jenen draußen. Im
Zuge der Berichte über unsere Aktionen musste die Presse auch
die Forderungen der Gefangenen erwähnen und erlaubte so die
weitere Verbreitung eben jener Forderungen. Es muss auch hinzugefügt
werden, dass die vier wegen dieser Aktionen angeklagten
Personen, trotz der irren Beschuldigung des Terrorismus, letztendlich
sehr milde Strafen bekamen, dank einer lokalen Verteidigungskampagne,
die in Bezug auf die „Terroristen“-Frage die
entgegengesetzte Richtung einschlug.
Obwohl wir diese bestimmte Art der Aktion nicht endlos reproduzieren
und unsere ganze Zeit auf dem Gleisschotter verbringen
wollten, griffen wir im Februar 1986 noch einmal darauf zurück.
Dieses Mal, um Abdelkarim Khalki zu unterstützen, der seinen
großzügigen Sinn für Freundschaft und Humanität gezeigt hatte,
indem er versuchte seine Kumpels, Courtois und Thiollet, während
ihres Prozesses zu befreien. Er nahm das Gericht, die Jury und die
Journalisten als Geisel. Nach 36 Stunden scheiterte sein Versuch
dennoch, jedoch nicht bevor sie es schafften die Richter, das Rechtssystem
und die Gesellschaft, live in der Hauptsendezeit des Fernsehens,
zu „richten“. Jetzt war Khalki im Hungerstreik und forderte,
dass der Innenminister das von ihm gegebene Versprechen einhielt,
ihn im Austausch für das Aufgeben von Thiollet und Courtois,
gehen zu lassen. Eines Morgens fanden tausende Pariser eine gute
Ausrede, um zu spät zur Arbeit zu kommen, nachdem wir praktisch
das ganze Metro-Netzwerk für mehr als eine Stunde lahm gelegt
hatte, indem wir ganz einfach schwere Gegenstände auf die Gleise
warfen und die elektrischen Hauptleitungen durchschnitten. Plaka-

tierte Poster in und um die Metrostationen informierten jeden über
Khalki’s Situation und seine Forderungen. Wiederum zwang diese
Aktion die Presse Khalki’s Hungerstreik zu erwähnen, den sie bis
zu diesem Zeitpunkt vertuschte. Selbstverständlich hielt die Regierung
nie ihr Versprechen und Khalki bekam eine schwere Strafe.
Wie unser Poster damals sagte: „was kann man vom Staat außer
Lügen und Schläge erwarten?“

Die Reihe von Aktionen, die wir zwischen 1989 und 1990
ausführten, gründeten auf einer anderen Perspektive. Dieses Mal
war es keine direkte Antwort auf eine gerade stattfindene Revolte2,
sondern eine Entscheidung, um irgendwie gegen den geplanten
Bau von neuen Gefängnissen vorzugehen. Das bedeutete, dass wir
selbst das Timing und die Mittel wählen konnten, die wir für angebracht
hielten, ganz abgesehen von den offensichtlichen Gründen,
warum einen die Aussicht auf 13.000 neu gebaute Käfige ankotzt.
Wir hatten auch persönliche Gründe für unseren Ärger, da wir in
den letzten Jahren permanenten Auseinandersetzungen mit der
Polizei ausgesetzt wurden, welche versuchte die Cangaceiros mit so
wenig wie möglichem Aufsehen zu besiegen, was uns zur ständigen
Flucht zwang. Es war keine Übertreibung anzunehmen, dass diese
Gefängnisse auch für uns gebaut wurden und nachdem „Angriff
die beste Verteidigung“ ist, dachten wir wenn wir schon gefasst
würden, dann auch für etwas sich Lohnendes. Dennoch spielte das
Gefühl eines sorgenvollen Notfalls auch eine schädliche Rolle bei
der ganzen Sache. Das spielende Element, notwendig für jede Art
der subversiven Aktivität, neigte sich in eine neurotische Besessenheit
vom erzwungen erfolgreichen Ergebnis zu verwandeln.
2 Obwohl wir dies natürlich als Teil des anhaltenden Kampfes gegen das Gefängnis betrachteten,
hatte sich die Situation seit 1985, dank einer Anzahl von Individuen und Gruppen,
sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauern verändert. Über die sporadisch ausbrechenden
Unruhen hinaus, begann sich damals eine Bewegung zu organisieren, die sich z.B. in
landesweiten Streiks der Gefangenen, Komitees von kämpfenden Gefangenen und öffentlicher
Unterstützung, wenn Insassen wegen Rebellion vor dem Richter erscheinen mussten, manifestierte.
Brilliante kritische Texte wurden in Untergrundmagazinen der Gefangenen veröffentlicht.
Diese Bewegung scheint heute ausgestorben zu sein.

Der abschließende Bericht, den wir zu dieser Kampagne veröffentlicht
hatten, könnte einen betrügerischen Eindruck von
Leichtigkeit und Mühelosigkeit hinterlassen. Genau genommen
rannten wir für mehr als ein Jahr mit unseren Köpfen gegen die
(gut bewachten) Wände der Regierungsbüros, privaten Unternehmen,
Baustellen und geheime Daten beherbergenden Orte,
mit dem Eindruck, dass unsere Sabotage nur ein Nadelstich
gegen eine monströse Maschinerie war. Damit konfrontiert war
unsere erste Reaktion unsere Ziele zu überschätzen, was zu einer
gefährlichen (d.h. unkontrollierten) Eskalation führen kann.
Zudem neigen Langzeitpläne in Zusammenhang mit Hit-Squad
Aktivitäten dazu, ihre eigene „militärische“ Logik zu entwickeln,
die uns von distanzierteren und selbstkritischeren Reflektionen
entfremdet und die Mittel somit den Zweck erfüllen3. So unhierarchisch
die Gruppe auch sein mag, trotzdem hatte jeder das
Gefühl die Initiative zu verlieren und es dauerte einige Zeit bis
wir realisierten, dass wir eine viel effizientere und einfachere Karte
ausspielen konnten, nämlich die weite Verbreitung der geheimen
Pläne und Dokumente, die in unsere Hände gelangt waren. Dies
war jedoch nicht nur eine Änderung der Taktik; und ich möchte
einige allgemeinere Überlegungen zu diesem Thema aufwerfen.
Die erste betrifft unsere Beziehung zu den Medien. Die Art der
Sabotageaktionen, die wir 1985 und 1986 ausführten, war sehr
abhängig von der Medienberichterstattung. Wie sehr man die
Medien auch hasst, man braucht auch ihre Aufmerksamkeit, denn
was ist eine solidarische Aktion wert, wenn jene, an die sie adressiert
ist, nichts davon mitbekommen? Und deshalb ergibt man
sich ihrer Macht – der Macht dich zu verleumden, deine Sache
übertrieben aufzublasen, um Repression zu provozieren oder dich
3 Einem der Grubenarbeiter aus Yorkshire zufolge hatten die militantesten von ihnen dieselbe
Erfahrung während der Streiks von 1984 bis 1985: sie waren so vertieft in die tägliche Organisation
von Streikposten und Blitzaktionen, dass sie keine Zeit mehr hatten um über die
allgemeine, auf dem Spiel stehende Perspektive zu diskutieren (in der Armee ist es nur den
Generälen erlaubt über Strategien zu sprechen). Jedoch hatten ihre Frauen in den Küchen
Zeit und Bereitschaft für tiefgründigere Reflektionen. OS CANGACEIROS 26
ganz einfach nicht zu erwähnen und so unbemerkt lassen. In den
Jahren 1989-1990 hatte die Presse offensichtlich die Anweisung
bekommen unsere Aktivitäten auszublenden: sogar die lokalen
Zeitungen, die es nie verpassen würden über einen überfahrenen
Hund zu berichten, schrieben keine einzige Zeile über die Sicherheitsfirma,
die wir zu Asche verbrannt hatten oder über den
Gefängnisarchitekten, den wir in Paris auf offener Straße verprügelt
hatten.
Mit der Verbreitung des „13.000 belles“-Dossiers stellten wir das
Problem auf den Kopf. Bevor die Medien auch nur irgendwas
erfuhren, waren sich schon zehntausende Menschen bewusst
darüber was passierte. Wir hatten das Dossier zum Beispiel an
alle Cafes der Orte, an denen neue Gefängnisse gebaut wurden,
gesandt und unsere Spione vor Ort meinten, dass es in allen
Bars Diskussionen nährte, die den ganzen Tag anhielten. Einer
Lokalzeitung zufolge eilte eine entsetzte Pensionistin zum
lokalen Gemeindeamt und fragte, ob es wahr sei, dass Gefangene
durch sabotierte Gefängnismauern ausbrechen könnten.
Die Beamten kopierten das Dossier, das die Frau erhalten hatte
(„die Kopierer waren an diesem Tag sehr beschäftigt“, schrieb ein
Journalist) und es wurde an höhere Institutionen weitergeleitet.
Die Journalisten waren dann gezwungen herumzueilen, um eine
Kopie des Dossiers zu ergattern und so gingen an diesem Tag die
Neuigkeiten ihren Weg von den Lokalzeitungen zur nationalen
Presseagentur, bis ein Regierungsvertreter eine Pressekonferenz
veranlasste, um die Öffentlichkeit zu den möglichen Gefahren
der Enthüllung dieser Dokumente zu „beruhigen“. Und nur weil
wir dieses Mal die Presse nicht als notwendiges Übertragungselement
gebraucht hatten um die Öffentlichkeit zu erreichen,
waren ihre Meldungen weitaus folgerichtiger und genauer als
gewöhnlich – manchmal sogar lustig. Le Figaro druckte einen
ganzseitigen Artikel mit dem Titel „Ausbrüche – Anleitung zur
Anwendung“ in dem sie unseren ganzen Brief rezitierten und eine
andere Zeitung kommentierte: „Diese Cangaceiros sind genauso
romantisch wie ihre Vorfahren (d.h. die brasilianischen Sozial-

banditen), aber besser organisiert.“ Ein TV-Nachrichtensprecher
schlussfolgerte: „Man könnte denken das sei ein schlechter Witz,
denn waren diese Personen nicht schon der Polizei bekannt?“

Dies ist die Moral zur Geschichte: Die beste Nutzung der Medien
(anstatt von ihnen benutzt zu werden) ist, zu versuchen, sie zu
übergehen.4 Sie zuerst verzichtbar machen, damit sie vielleicht als
gewöhnlicher Verstärker der Geschehnisse fungieren, ohne dass
wir ihre Hilfe einsetzen.
Hinter der Medienproblematik liegt jedoch eine viel substanziellere
Frage. Desto mehr wir danach strebten dem Gefängnisprogramm
beständigen Schaden zuzufügen, desto mehr entwickelte
sich das unbehagliche Gefühl, dass wir einen „eins gegen eins“
Kampf gegen den Staat führten – eine Herausforderung, die wir
als solche offensichtlich verdammt waren zu verlieren. Wir waren
„Die letzten Mohikaner“ in ihrem verzweifelten Angriff gegen
die Bleichgesichter. Schlussendlich war es von geringerer Wichtigkeit,
ob die Medien über diesen Kampf berichteten bzw. ob es
Sympathie oder Verachtung in der Öffentlichkeit erzeugen würde,
denn die „Öffentlichkeit“ konnte ohnehin nichts anderes als eine
Öffentlichkeit von weit weg betrachtenden Zuschauern bleiben.
Wir betrachteten uns nie als sich opfernde Avantgarde, dennoch
fanden wir uns in eine Ecke gedrängt wieder, in der unsere „guten
Absichten“ wenig Nutzen hatten. Die Option die Gefängnispläne
zu verbreiten war so etwas wie ein Durchbruch der Anklang fand,
nicht bei den Zuschauern, sondern bei potenziellen Komplizen,
die sich in unserer Initiative finden und diese weiterführen
konnten. Dies funktionierte ganz gut. Obwohl einige Gefangene
sicherlich von dem Dossier wussten und begeistert darüber waren,
wissen wir nicht, ob es Insassen wirklich half, um einen Weg aus
dem Gefängnis zu finden (obwohl die Presse es seither, sobald es
in einem dieser Gefängnisse Unruhen gab, niemals verabsäumte

an jene fehlende Dokumente zu erinnern, die sich irgendwo dort
draußen auf freiem Fuß befanden). Nichtsdestotrotz trug die
spielerische Seite des Stehlens verbotener Dokumente bzw. des
heimlichen Weiterreichens an andere sicher zur großräumigen
Verbreitung bei. Sogar Leute die uns gewöhnlich nicht mochten
schätzten es, dass wir dem Staat gezeigt hatten, was wir von ihm
halten. Dieser schlussendliche Erfolg war auf alle Fälle auch eine
Ablehnung gegen unsere frühere Perspektive, ganz abgesehen von
der Freude, dass wir es durchgeführt hatten, denn letztendlich
hinterließ die ganze Sache uns in völliger Erschöpfung.
Um zur entfremdenden Seite von langzeitlicher klandestiner
Aktivität zurückzukommen: die Polizeistrategie gegen uns passte
bemerkenswert gut auf die oben beschriebene. Wie ich bereits
erwähnte, hatte es die Polizei auf ein hartes Durchgreifen ausgelegt,
zusammengetragen zu einem spektakulären Schauprozess,
komplettiert mit erfundenen Beweisen und es scheint, als ob
sie auch versuchten uns zu infiltrieren, um uns dazu zu bringen
Bomben zu legen.5 Ihr Hauptinteresse dieser Jahre lag jedoch
darin uns durch permanente Schikanen von unseren potenziellen
Verbündeten zu isolieren. Im Februar 1991 folgte dem „13.000
belles“ Skandal eine mittels der Medien inszenierte Razzia in
mehreren Städten, bei der 25 Menschen einvernommen und ihre
Appartements durchsucht wurden. Dem Mordicus Magazin, das
Teile unseres Dossiers veröffentlicht hatte, wurde mit gerichtlichen
Schritten gedroht. Nachdem der französische Staat sich
1987 Action Directe entledigt hatte, suchte er nach einem neuen
öffentlichen, inneren Feind und wir waren definitiv auf ihrer
Liste ganz oben, um diese Rolle einzunehmen. Es ist Grundschule
der Polizeipsychologie, dass desto mehr ein Individuum
5 Laut Behauptungen in Le Figaro im November 1990 und wir hatten einige Gründe diesen
zu glauben. Schon 1983 schrieb ein gewisser X. Raufer ein Buch „über soziale Gewalt“, in dem
er uns als eine Gruppe von verbitterten Halbintellektuellen bezeichnete, die begierig waren
Öl in jedes bestehende Feuer zu gießen! Zu jener Zeit, als die Polizeioperationen gegen uns
begannen war Raufer persönlicher Berater für Sicherheitsfragen von Pasqua, dem Minister für
Inneres, der einmal versprochen hatte, die Subversiven mit Subversion bekämpfen.

oder eine Gruppe vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten ist,
es/sie mit einem umso erhöhten Level an Gewalt reagiert, was
es/sie wiederum weiter isolieren wird. Die Nachrichtensperre der
Medien über unsere Aktionen gegen die neuen Gefängnisse hatte
zweifellos dies zum Ziel und wir entblößten uns dem zugegebenermaßen.
Wir dachten es sei mit einer Kritik am Terrorismus
abgetan, da wir nie eine Möglichkeit verabsäumten, um unsere
Verachtung für Action Directe, RAF, Brigate Rosse usw. auszudrücken
und weil wir uns weigerten auf Bomben und Gewehre
zurückzugreifen, „unsere Aktionsmittel sind jene der Proletarier:
Sabotage und Vandalismus“. Dies verfehlte jedoch die essentielle
Frage: Im Kontext von sozialer Regression kann eine Gruppe von
Leuten, die ihre gewaltvolle Revolte durchsetzt und so heraussticht,
einfach hervorgehoben, isoliert und auf feindliches Terrain
– den Bullen in deinem Kopf – geschleppt werden. Unbewusst
findet man sich darin wieder, sein eigenes Verhalten und die
eigenen Gedanken nach ihnen zu formen und dies ist ihr erster
Sieg.
Dieser Widerspruch präsentierte sich auch im weniger öffentlichen
Teil unserer Aktivität, dem organisierten Diebstahl, „la
reprise“ (das Wiederaneignen) wie es die anarchistischen Illegalisten
im späten 19. Jahrhundert nannten. „Ne travaillez, jamais“:
wir erachteten diesen Ausdruck niemals nur als poetischen Slogan,
sondern als unmittelbares Programm. Natürlich ist auch Diebstahl
in vielen Belangen eine Art der Arbeit, deren Aufteilung,
Organisation und Resultate jedoch dir selbst gehören. In einem
permanenten Kampf zu leben, lässt dich einige wertvolle Fähigkeiten
verfeinern und letzten Endes – nur wenn du erfolgreich
warst – hast du die Freude dich dem vorhergesagten Schicksal
zu widersetzen. Außerdem, wie Woody Allen es in „Take the
Money an Run“ ausdrückt, sind die Arbeitszeiten gut, man trifft
interessante Menschen und die Bezahlung ist ordentlich. Natürlich
war unser Ziel weder unsere Kohle für Sportautos, Paläste
oder Champagner rauszuschmeißen (obwohl nichts falsch ist
mit Luxusgütern) noch Kapital für irgendeine Businessinvesti-

tion anzuhäufen. Auch wenn wir es kollektiv geschafft hatten
einen netten Betrag zu bunkern, die Frage nach der kollektiven
Verwendung, die unseren sozialen Ambitionen entsprach, stellte
sich noch immer. Auch weil wir mit dieser abstrakten radikalen
Sprache brechen wollten, von der wir nie wussten woher sie
eigentlich gekommen war, denn wir wollten aus unserer eigenen
konkreten Situation als Delinquenten in dieser Welt sprechen. In
dieser Hinsicht fühlten wir, wie weit entfernt wir von den alten
anarchistischen Illegalisten in Spanien und anderswo waren, die
Teil von nachhaltigen Gemeinschaften waren und deren Diebstähle
als untrennbare Bestandteile eines anhaltenden Kampfes
betrachtet werden konnten. Durruti hatte sich beleidigt gefühlt,
wenn die Presse ihn einen Bösewicht nannte; er war ein Arbeiter
unter anderen Arbeitern, die ihn auch als solchen erkannten.6
Natürlich sind die Dinge jetzt völlig anders, da nahezu alle kämpfenden
Gemeinschaften und soziale Traditionen zerstört wurden.
Das Geld das wir uns nahmen erlaubte natürlich ein größeres
Maß an Solidarität und Großzügigkeit – ohne die die Erfahrung
unserer Freundin Andrea nicht möglich gewesen wäre7. Dennoch,
wer waren wir in dieser Hinsicht, wenn nicht eine isolierte
Gruppe unter isolierten Individuen? Wir hatten viele Gespräche
über eine dadaistische Verwendung des Geldes, über eine Vergesellschaftung
und die allgemeine Notwendigkeit des Geldes zum
Thema zu machen, was allerdings zu nichts führte. Nicht das die
Idee falsch war – ich bin noch immer überzeugt davon, dass jeder
Versuch sich dem sozialen Zerfall zu widersetzen, sich der finanziellen
Frage, in welcher Weise auch immer, stellen muss – aber
ihre Anwendung bedarf einer größeren Basis als einem Dutzend
Irregulärer, die sich auf der Flucht befinden.

Tatsächlich bewältigten wir nie wirklich unsere subjektiven Sehnsüchte:
neben unserem Willen irgendwie zu einer neuen Welle
von sozialem Dissens beizutragen – d.h. ein Ziel auf lange Sicht,
gekoppelt mit einem sorgfältigen Bedenken für die angemessene
Vermittlungen, gab es auch diesen groben Impuls für unmittelbare
Rache, der an uns nagte. Am allerwenigsten möchte ich
mich dagegen ausdrücken Rache zu nehmen, als Handlungen von
spektakulärem Draufgängertum, das sich keine Gedanken über
die Konsequenzen macht – dies ist ein menschliches Handeln,
das keine weitere Erklärung braucht, da es im Untergrund große
Wiedererkennung bewirkt.8 Was Aktionen gegen das Gefängnis
angeht, führte uns der Anblick dieser Architekten, die sorgfältig
Käfige für Menschen planen, der kleinen Unternehmer, die sich
die Hände reiben in der Vorstellung des Profits den sie damit
erzielen werden und der Lakaien des Staates, die alles kaltherzig
beaufsichtigen, oft in Versuchung zu weniger symbolischen Reaktionen.
Es schien jedoch, dass wir entgegen aller Erwartungen
noch nicht genug verzweifelt dafür waren.9
Sicherlich ließ das Leben im Alltag der 1980er Jahre in Frankreich
(und Europa) wenig Platz für Optimismus, aber wir nahmen uns
der Situation mit einem völligen Fatalismus an, der uns wiederum
zu einem verschärften Voluntarismus ermutigte, soweit es unseren
eigenen Kampf anging. Deshalb ist es bezeichnend, dass sich,
obwohl wir uns niemals als Anti-Gefängnis Aktivisten sahen, alle
unsere Aktionen trotzdem gegen das Gefängnis richteten, als ob
jede Perspektive mittlerweile genauso starr war wie eine Gefängnismauer.
Ich glaube nicht, dass wir die einzigen waren, die sich
bloß über die Ebbe nach der revolutionären Flut der Sechziger
und Siebziger beklagten, ohne übermäßig zu hinterfragen, ob

die „radikalen“ Konzepte und Praktiken, die wir immer noch
mittrugen, nicht auch für diese Situation verantwortlich gemacht
werden könnten.
Insbesondere, da ich hier an Englisch sprechende Leser schreibe,
weiß ich, dass diese Anmerkungen leicht von einigen Leuten als
Bestätigung für ihre alte individualistische Haltung interpretiert
werden können, welche a priori jede Art von kollektivem Versuch
als einen „Brutplatz für hierarchische Macht“, als „Entfremdung
des Individuums durch die Gruppe“ usw. abtut. Ich glaube
dennoch, dass diese Art von Kritik irrelevant ist. Wohl wahr,
sobald Menschen sich für ein langfristiges Ziel zusammentun
besteht das Risiko, dass Machtkämpfe ausbrechen, sich spezialisierte
Rollen entwickeln oder emotionale Gefühle hinter dem
Schleier der „Objektivität“ unterdrückt werden – und Os Cangaceiros
war davon überhaupt nicht ausgenommen. Dies ist jedoch
kein Grund sich zurück zu lehnen und darauf zu warten, dass „die
Revolution“ auf magische Art und Weise all diese Probleme löst:
sie existieren ohnehin und sind deshalb Teil eines durch kollektive
Aktivität ermöglichten Experiments, von dem man viel Nützliches
lernen kann. Die eigentliche Frage ist eher, ein ausreichendes
Niveau an Austausch zwischen der Gruppe und ihrem sozialen
Umfeld zu erreichen bzw. zu halten; durch Scheitern neigt die
Gruppe dazu einer anderen Logik zu folgen und wird so zu ihrer
eigenen Bestimmtheit – eine Art von Autismus, der wiederum
zwischenmenschliche Konflikte verschärft.
In all diesen Jahren waren wir sehr zwanghaft mit der Idee beschäftigt
einen großen Skandal zu verursachen, etwas in der dadaistisch-
surrealistisch-situationistischen Tradition; eine punktuelle
und spektakuläre Tat, die den latenten Negativisimus ausdrückt,
der die Gesellschaft untergräbt – und irgendwie war das Resultat
von „13.000 belles“ so etwas. Jedoch erfuhren wir auch die Grenzen
dieser Idee. Der hauptsächliche Fehler der meisten radikalen
post-68 Agitationen war ihre Unfähigkeit bleibende Brüche in der
Kohärenz der Gesellschaft zu verursachen, der geduldige Aufbau

von sozialen Bünden durch verschiedenste Vermittlungen und
Initiativen. Diese „radikale“ Einstellung reduzierte sich selbst zu
oft auf die bloße Brandmarkung der Gesellschaft in all ihren spezifischen
und begrenzten Aktivitäten, anstatt zu versuchen in innovativer
Weise innerhalb eines festgelegten Terrains zu agieren. Es
waren die gewöhnlichen Kommentare von außen zu stattfindenden
Kämpfen (oft mit einer „wir wissen eh schon wie’s ausgehen wird“
Haltung), oder etwas weniger passiv, die „Hit-and-Run“ Aktionen,
welche unfähig waren einen bleibenden dynamischen Impuls zu
haben. Diese wären vielleicht zu Zeiten einer möglichen revolutionären
Situation relevant („keine Zeit zu verlieren, Mai `68 oder
rein gar nichts“), dies ist jedoch nicht länger der Fall. Und da die
Cangaceiros nach den Grenzen solch eines Konzeptes strebten,
es als totale Herausforderung lebten, fühlten wir mit einer besonderen
Schärfe, dass es uns bloß in eine radikale Sackgasse geführt
hatte: Einsame Seefahrer auf der wilden See.
Ich will hier keine Verbitterung aufkommen lassen. Dies war ein
Abenteuer in einer Epoche, in der Abenteuer eher selten sind.
Glücklicherweise endete es nicht wie das Schicksal der meisten illegalen
Gruppen in einer tragischen Niederlage (und was dich nicht
umbringt, macht dich stärker). Weil es aber nur ein Abenteuer
war ging es nicht über den Willen seiner Protagonisten hinaus.
Letztendlich war das einzige in dem die Cangaceiros übereinstimmten,
dass eine solche Vereinigung nicht weiter wünschenswert
war und jeder ging seinen eigenen Weg und versuchte was
auch immer er aus dieser Geschichte gelernt hatte in die Praxis
umzusetzen. Deswegen werde ich die Frage offen lassen, ob diese
Erfahrung nur eine verspätete Erscheinung des post-68 Radikalismus
war oder den Weg für etwas neues ebnete.
Leopold Roc, Mai 1995

«
»
Leute, die revolutionäre Ansprüche erheben
gelten als Träumer. Aber der Mensch
ist aus dem Stoff gemacht, aus dem seine
Träume sind. Wir sind Revolutionäre.
Os Cangaceiros heißt: « alles ist möglich », « wir sind
im Krieg », « nichts ist wahr, alles ist erlaubt ».
Wir sind zahlreich, im Bezug auf die vorherrschende
Atomisierung. Wir haben viele Verbündete überall
auf der Welt.
Unser Programm ist sehr alt: ohne tote Zeit zu
leben. Wir beabsichtigen natürlich ihm seine Publizität
durch den Skandal zu sichern. Unsere Existenz
selbst ist bereits ein Skandal… Im sozialen Krieg
kann nichts außer Acht gelassen werden.
« Notes éditoriales »,
Os Cangaceiros nr. 2, November 85

Bei „TÖNE“ „Anarchist Poem 1″
Auch zu den Cangaceiros selbst gibst Musik: Hier (O Cangaceiro)eine bizarre deutschsprachige Aufnahme aus den 60er. Auch Joan Baez hat den Titel mal gesungen.

Betreff: Streiks in Frankreich

Datum: Dienstag, 26. Oktober 2010
Von: „AG/R“
An: „AG/R“


Wir haben einen „Hilferuf“ aus Frankreich bekommen – die Streikenden dort
würden sich über Unterstützung aus Deutschland freuen. Leitet diese Bitte
weiter, druckt sie ab usw. (AG/R):

„Die Raffinierie-Arbeiter/innen aus Frankreich brauchen dringend
internationale Solidarität. Der sehr wirksame Raffinerie-Steik wird
ausgehölt durch vermehrte Treibstoff-Importe aus Nord-Europa (auch
Deutschland), was man nur als internationalen Streikbruch bezeichnen kann
(auch wenn die betroffenen LKW-Fahrer und Seeleute sich dessen meist nicht
bewusst sind).

Angeblich sind belgische Genoss/innen bereit die belgisch-französische
Grenze dicht zu machen, aber sie warten erst auf grünes Licht aus Paris. Das
Problem ist, dass die Gewerkschaftszentralen in Paris gegen den Streik sind
(ausser FO und Solidaires). Die Basis ist jedoch in grossem Masse für den
Streik. Deshalb ist es unsinnig, auf Zustimmung der Gewerkschaften aus Paris
zu hoffen.

Es wäre ausserordentlich nützlich, wenn Ihr in Deutschland in diese Richtung
hin agitieren könntet. Selbst sehr symbolische Blockade-Aktionen vor
deutschen Treibstoff-Lagern, Raffinerien oder in deutschen Häfen wären sehr
willkommen.“

In offener Feindschaft

In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern

I

« Jeder kann dem Umherirren in der Sklaverei dessen, was er nicht kennt, ein Ende setzen – und, das Angebot leerer Worte zurückweisend, in offener Feindschaft dem Leben entgegentreten. »

Das Leben ist nichts anderes, als eine beständige Suche nach etwas, woran man sich festhalten kann. Man steht morgens auf, um sich ein paar Stunden später wieder ins Bett zu legen, wie traurige Pendler zwischen Lustlosigkeit und Müdigkeit. Die Zeit vergeht und treibt uns mit Sporen an, die immer weniger lästig scheinen. Auch die Last der sozialen Pflichten scheint uns nicht mehr den Rücken zu brechen, so dass wir sie überall mit uns tragen. Wir gehorchen, ohne uns noch die Mühe zu machen, ‘Ja‘ zu sagen. Der Tod wird durch das Leben gesühnt, schrieb der Dichter aus einem anderen Schützengraben.

Wir können ohne Leidenschaft und ohne Träume leben – dies ist die grosse Freiheit, die uns diese Gesellschaft bietet. Wir können ungehemmt sprechen, vor allem über all die Dinge, von denen wir nichts verstehen. Wir können alle Meinungen der Welt vertreten, selbst die gewagtesten, und hinter dem Gewirr von Stimmen verschwinden. Wir können unseren Lieblingskandidaten wählen und im Gegenzug das Recht einfordern, uns beschweren zu dürfen. Wir können jederzeit den Kanal wechseln, falls er uns dogmatisch zu werden scheint. Wir können uns zu festgelegten Zeiten amüsieren und mit immer höherer Geschwindigkeit traurig identische Landschaften durchqueren. Wir können uns wie junge Hitzköpfe aufführen, bevor wir eimerweise eiskalten, gesunden Menschenverstand verabreicht bekommen. Wir können nach belieben heiraten; so heilig ist die Ehe. Wir können uns sinnvoll betätigen und, falls wir wirklich kein Schreibtalent haben, Journalisten werden. Wir können auf tausend Arten Politik machen und sogar von exotischen Guerillas sprechen. In der Karriere sowie im Gefühlsleben können wir uns, falls wir es nicht schaffen, selbst zu befehligen, noch immer durch Gehorsamkeit profilieren. Auch durch Gehorsamkeit können wir zum Märtyrer werden, denn allem Anschein zum trotz, benötigt diese Gesellschaft noch immer Helden.

Unsere Dummheit wird bestimmt nicht grösser als jene der Anderen erscheinen. Falls wir nicht fähig sind, uns zu entscheiden, kein Problem, dann lassen wir eben die Anderen wählen. Anschliessend werden wir Position beziehen, wie man im Jargon der Politik und des Spektakels sagt. An Rechtfertigungen mangelt es nie, besonders nicht in einer Welt, die sie alle schluckt.

Auf diesem grossen Jahrmarkt der Rollen haben wir alle einen loyalen Verbündeten: das Geld. Demokratisch par excellence, schaut es niemandem ins Gesicht. In seiner Begleitschaft kann uns keine Ware und keine Dienstleistung dieser Welt verwehrt werden. Wer auch immer sein Besitzer ist, er fordert mit der Kraft einer ganzen Gesellschaft. Natürlich, dieser Verbündete gibt nie genug von sich selbst und vor allem gibt er sich auch nicht allen. Doch seine besondere Hierarchie vereinigt in ihren Werten das, was sich in den Lebensbedingungen entgegensteht. Wenn man es besitzt, hat man allen Grund dazu, wenn es mangelt, hat man nicht weniger Milderungsgründe.

Mit etwas Übung könnten wir ganze Tage ohne die geringste Idee verbringen. Die tägliche Routine übernimmt das Denken für uns. Von der Arbeit bis zur “Freizeit” dreht sich alles um den Erhalt des Überlebens. Es gibt immer irgendetwas, woran wir uns festhalten können. Im Grunde liegt die erstaunlichste Eigenschaft der heutigen Gesellschaft darin, die “kleinen Alltagskomforte” und die zum greifen nahe Katastrophe nebeneinander existieren zu lassen. Parallel zur technologischen Verwaltung des Bestehenden, schreitet auch die Ökonomie mit der verantwortungslosesten Unkontrollierbarkeit voran; man wechselt von Unterhaltung zu Massenmassakern mit der disziplinierten Leichtfertigkeit von vorberechneten Gesten. Der Kauf und Verkauf des Todes erstreckt sich über den gesamten Raum und die gesamte Zeit. Risiko und gewagter Aufwand existieren nicht mehr; es bleibt nur noch die Sicherheit oder das Desaster, die Routine oder die Katastrophe. Überlebende oder Untergehende. Lebende, niemals.

Mit etwas Übung könnten wir mit geschlossenen Augen von Zuhause zur Schule, vom Büro zum Supermarkt oder von der Bank zur Diskothek gehen. Langsam begreifen wir die ganze Weisheit jener Worte eines alten Griechens: « Auch die Schlafenden halten die Ordnung der Welt aufrecht. »

Es ist Zeit mit diesem Wir zu brechen, mit dieser Wiederspiegelung der einzigen Gemeinschaft, die gegenwärtig existiert, jener der Autorität und der Waren.

Ein Teil dieser Gesellschaft hat alles Interesse daran, dass die Herrschaft dieser Ordnung fortbesteht, der andere daran, dass alles so bald wie möglich kollabiert. Sich für eine Seite zu entscheiden, ist der erste Schritt. Doch überall herrschen die Resignierten – die wirkliche Basis zur Übereinkunft beider Seiten –, die Verbesserer des Bestehenden und dessen falsche Kritiker. Überall, auch in unserem Leben – dem echten Ort des sozialen Krieges –, unseren Träumen und unserer Entschlossenheit, sowie in unseren kleinen, alltäglichen Unterwerfungen.

All dem muss in offener Feindschaft entgegengetreten werden, um endlich das Leben selbst herauszufordern.

II

« Die Dinge, die notwendigerweise gelernt sein müssen, um sie zu tun, erlernen wir, indem wir sie tun. »

Das Geheimnis liegt darin, wirklich zu beginnen.

Die gegenwärtige soziale Organisation schiebt nicht nur jegliches Ausleben der Freiheit hinaus, sondern verhindert und verdirbt es auch. Um zu erfahren, was Freiheit ist, gibt es keinen anderen Weg, als mit ihr zu experimentieren. Und um mit ihr zu experimentieren, braucht man den nötigen Raum und die nötige Zeit.

Die wichtigste Grundlage einer freien Handlung ist der Dialog. Nun, ein wirklich gemeinsamer Diskurs muss in sich zwei Voraussetzungen vereinen: Ein reelles Interesse der Individuen an den Fragen, die in der Diskussion aufgeworfen werden (das Problem des Inhalts) und eine freie Suche nach möglichen Antworten (das Problem der Methode). Diese beiden Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein, da der Inhalt die Methode bestimmt und umgekehrt. Von Freiheit kann nur in Freiheit geredet werden. Was nützen die Fragen, wenn wir nicht frei darauf antworten können? Was nützt es zu Antworten, wenn die Fragen falsch sind? Der Dialog existiert nur, wenn die Individuen ohne Mediation miteinander sprechen können, das heisst, wenn ihre Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn der Diskurs einseitig geführt wird, ist eine Kommunikation unmöglich. Wenn jemand die Macht besitzt, die Fragen zu bestimmen, wird deren Inhalt genau seinen Zwecken entsprechen (und die Antworten werden in ihrer Methode die Zeichen der Unterwerfung tragen). Einem Untertan können ausschliesslich Fragen gestellt werden, deren Antworten seine Rolle als Untertan bestätigen, und aus eben dieser Rolle entnimmt der Herrscher die zukünftigen Fragen. Die Versklavung besteht also darin, weiterhin zu antworten, denn die Fragen der Herrschenden enthalten in sich selbst bereits die Antwort.

In diesem Sinne sind Marktforschungen identisch mit Wahlen. Die Souveränität des Wählers entspricht der Souveränität des Konsumenten und umgekehrt. Wenn die Passivität des Fernsehens eine Rechtfertigung braucht, spricht man von Audienz; wenn der Staat eine Legitimierung für seine eigene Macht braucht, spricht man vom souveränen Volk. In beiden Fällen sind die Individuen bloss Geiseln eines Mechanismus, der ihnen das Recht zu Reden zugesteht, nachdem er ihnen die Möglichkeit, es zu tun entzogen hat. Wo bleibt der Dialog, wenn man bloss zwischen dem einen oder anderen Kandidaten wählen kann? Wo bleibt die Kommunikation, wenn man bloss zwischen unterschiedlich identischen Waren und Fernsehprogrammen wählen kann? Der Inhalt der Fragen wird bedeutungslos, denn die Methode ist falsch.

« Nichts gleicht einem Repräsentanten der Bourgeoisie mehr, als ein Repräsentant des Proletariats », schrieb Sorel 1907. Das, was sie einander gleich machte, war die schlichte Tatsache, ein Repräsentant zu sein. Heute dasselbe über rechte oder linke Wahlkandidaten zu sagen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Banalität. Die Politiker brauchen nicht originell zu sein (darum kümmern sich die Werbefachleute), es reicht, wenn sie diese Banalitäten zu verwalten wissen. Die schreckliche Ironie ist, dass die Massenmedien als Kommunikations-Mittel definiert werden und der Abstimmungszirkus als Wahl (was im ursprünglichen Sinn des Wortes für eine freie und bewusste Entscheidung steht).

Der Punkt ist, dass die Macht keine andere Handhabung zulässt. Selbst wenn man es wollte (womit wir uns bereits inmitten der “Utopie” befänden, um mit den Worten der Realisten zu sprechen), könnte nichts Bedeutendes von den Wählern verlangt werden, denn die einzige, freie Handlung – die einzige, wirkliche Wahl – die sie vollbringen könnten, wäre mit dem Wählen aufzuhören. Jemand, der sich an Wahlen beteiligt, kann sich gar nichts anderes als belanglose Fragen stellen, denn authentische Fragen lassen Passivität und Delegation nicht zu. Lasst uns das genauer erklären.

Nehmen wir an, der Kapitalismus soll durch ein Referendum abgeschafft werden (ungeachtet der Tatsache, dass eine solche Forderung innerhalb der heutigen, sozialen Verhältnisse unmöglich ist). Bestimmt würden die meisten Wähler für den Kapitalismus stimmen, und zwar aus dem schlichten Grund, dass man sich, während man gerade gemütlich das Haus, das Büro oder den Supermarkt verlässt, gar keine Welt ohne Waren und ohne Geld vorstellen kann. Doch selbst wenn dagegen gestimmt würde, würde sich nichts ändern, denn eine solche Forderung muss die Wähler ausschliessen, um authentisch zu sein. Eine ganze Gesellschaft kann nicht per Anordnung umgewälzt werden.

Dieselbe Überlegung kann auch auf weniger radikale Fragen angewandt werden. Nehmen wir das Beispiel eines Wohnviertel: Was wäre (wir befinden uns wieder inmitten der “Utopie” ), wenn sich die Bewohner über die Organisation ihrer Lebensräume (Häuser, Strassen, Plätze, usw.) aussprechen könnten? Lasst uns gleich klarstellen: Die Wahl der Bewohner wäre von Anfang an und unvermeidlich eine begrenzte; die Viertel sind das Ergebnis einer Verlagerung und Konzentrierung der Bevölkerung zugunsten der ökonomischen Anforderungen und der sozialen Kontrolle. Versuchen wir uns trotzdem eine andere Organisation dieser Ghettos vorzustellen. Ohne Furcht widerlegt zu werden, könnte man behaupten, dass die Mehrheit der Bevölkerung diesbezüglich dieselben Ideen wie die Polizei haben würde. Und falls dem nicht so wäre (wenn eine Praxis des Dialogs, wenn auch eine begrenzte, das Verlangen nach einer neuen Umgebung entstehen liesse), dann würde man die Ghettos explodieren sehen. Wie versöhnt man in der heutigen sozialen Ordnung das Interesse des Autoherstellers mit dem Willen der Bevölkerung zu atmen; das freie Umherziehen der Individuen und die Angst der Besitzer von Luxusgeschäften; die Kinderspielplätze und den Beton von Parkplätzen, Banken und Einkaufszentren? Und all die leeren und verlassenen Häuser in den Händen von Spekulanten? Und die Wohnblöcke, die den Kasernen so schrecklich ähneln, die den Schulen so schrecklich ähneln, die den Krankenhäusern so schrecklich ähneln, die den psychiatrischen Kliniken so schrecklich ähneln? Das Verschieben einer kleinen Mauer in diesem Schreckenslabyrinth, bedeutet das ganze Projekt in Frage zu stellen. Je weiter wir uns von einer polizeilichen Betrachtung der Umwelt entfernen, desto näher rückt eine Konfrontation mit der Polizei.

« Wie kann man im Schatten einer Kapelle frei denken? », schrieb während des Pariser Mai eine anonyme Hand auf die heilige Stätte der Sorbonne. Diese einwandfreie Frage ist von umfassender Bedeutung. Jede wirtschaftlich und religiös gedachte Umgebung kann nichts anderes als wirtschaftliche und religiöse Wünsche auferlegen. Eine geschlossene Kirche wird weiterhin das Haus Gottes bleiben. In einem verlassenen Einkaufszentrum werden die Waren weiter quasseln. Der Hof einer unbenutzten Kaserne enthält noch immer den Marschschritt der Soldaten. In diesem Sinne hatten diejenigen Recht, die sagten, dass die Zerstörung der Bastille ein sozialpsychologischer Akt war. Keine Bastille kann auf eine andere Art genutzt werden, denn die Mauern würden weiterhin die Geschichte von gefangenen Körpern und Sehnsüchten erzählen.

Die Zeit der Leistungen, der Verpflichtungen und der Langeweile vermählt sich mit den Räumen der Konsumption in einer ununterbrochenen Trauerhochzeit. Die Arbeit reproduziert das soziale Umfeld, welches die Resignation bei der Arbeit reproduziert. Man liebt die Abende vor dem Fernseher, weil man den ganzen Tag im Geschäft und in der U-Bahn verbracht hat. Das Schweigen in der Fabrik lässt das Geschrei im Stadion wie versprochenes Glück erscheinen. Die Schuldgefühle in der Schule sind ein Bekenntnis für die idiotische Verantwortungslosigkeit des Samstagabends in der Disco. Die Werbung des Club Med lässt nur die Augen von Mc Donald’s Besuchern träumen. Et cetera.

Man muss mit der Freiheit zu experimentieren wissen, um frei zu sein. Man muss sich befreien, um mit der Freiheit experimentieren zu können. Innerhalb der gegenwärtigen sozialen Ordnung verhindern Zeit und Raum das Experimentieren mit der Freiheit, weil sie die Freiheit zu experimentieren unterdrücken.

III

« Die Tiger der Wut sind weiser als die Pferde der Belehrung. »

Nur durch den Umsturz der Imperative von Zeit und sozialem Raum können neue Beziehungen und neue Umgebungen gedacht werden. Ein alter Philosoph sagte einmal, dass man nur ausgehend von dem, was man kennt, begehren kann. Die Begierden können sich nur ändern, wenn sich das Leben ändert, das sie entstehen lässt. Um es deutlich auszudrücken, der Aufstand gegen die Zeiten und Orte der Macht ist eine materielle und gleichzeitig eine psychologische Notwendigkeit.

Bakunin sagte, Revolutionen werden aus drei Vierteln Fantasie und einem Viertel Realität gemacht. Das Wichtige ist, zu verstehen, woher diese Fantasie entspringt, die die generalisierte Revolte losbrechen lässt. Die Entfesselung aller bösen Leidenschaften, wie ein russischer Revolutionär sagte, ist die unwiderstehliche Kraft der Transformation. Auch wenn all dies die Resignierten oder die kalten Analytiker der historischen Bewegungen des Kapitals zum lächeln bringen mag, könnten wir behaupten – wenn uns ein solcher Jargon nicht anwidern würde –, dass eine solche Vorstellung der Revolution äusserst modern ist. Die Leidenschaften sind böse*, da sie gefangen sind, erstickt von der Normalität, diesem kältesten aller eisigen Monster. Doch sie sind auch böse, weil sich der Wille zu Leben, anstatt unter der Last der Pflichten und Masken unterzugehen, in das genaue Gegenteil verwandelt. Unter dem Zwang der alltäglichen Leistungen verleugnet sich das Leben und erscheint in der Rolle des Dieners wieder; verzweifelt nach Raum suchend, wird es zu traumartiger Anwesenheit, physischer Angespanntheit, nervösen Ticks und idiotischer Gruppengewalt. Wird der unerträgliche Charakter der aktuellen Lebensbedingungen angesichts der massiven Verbreitung von Psychopharmakas (dieser neuen Intervention des Sozialstaates) nicht offensichtlich? Die Herrschaft verwaltet überall die Gefangenschaft und rechtfertigt dies durch das, was wiederum ihr eigenes Produkt ist: die Boshaftigkeit. Der Aufstand stellt sich beidem entgegen.

Wenn man sich selbst und den Anderen nicht etwas vormachen will, kann kein Individuum, das für die Zerstörung der gegenwärtigen sozialen Struktur kämpft verbergen, dass die Subversion ein wildes und barbarisches Kräftespiel ist. Der Eine nannte sie Kosaken, ein anderer die Kanaille, in Wirklichkeit sind es all die Individuen, denen der soziale Frieden nicht die Wut genommen hat.

Doch wie erschafft man aus Wut eine neue Gemeinschaft? Lasst uns ein für alle mal mit den Illusionen der Dialektik Schluss machen. Die Ausgebeuteten sind nicht Träger irgendeines positiven Projektes, im Sinne einer klassenlosen Gesellschaft (all dies sieht dem produktiven Muster allzu ähnlich). Ihre einzige Gemeinschaft ist das Kapital, dem sie sich nur entziehen können, indem sie alles zerstören, was sie zu Ausgebeuteten macht: den Lohn, die Waren, die Rollen und die Hierarchien. Der Kapitalismus präparierte nicht die Grundlage seiner eigenen Überwindung durch den Kommunismus – die berühmte Bourgeoisie, die “die Waffen ihres eigenen Untergangs schmiedet” – sondern jene, einer Welt des Schreckens.

Die Ausgebeuteten haben nichts selbstzuverwalten, ausser die eigene Negation als Ausgebeutete. Nur so werden ihre Bosse, ihre Führer und ihre Verfechter zusammen mit ihnen verschwinden. In dieser “immensen Arbeit dringender Zerstörung” müssen wir so schnell wie möglich Freude finden.

Bei den Griechen bezeichnete das Wort “Barbar” nicht nur den Fremden, sondern auch den “Stotterer”, wie man diejenigen mit Verachtung bezeichnete, die die Sprache der Polis nicht korrekt beherrschten. Sprache und Territorium sind zwei untrennbare Realitäten. Das Gesetz legt die Grenzen fest, denen die Ordnung der Benennung Achtung verschafft. Jede Machtstruktur hat seine Barbaren und jeder demokratische Diskurs hat seine Stotterer. Die Warengesellschaft will deren hartnäckige Präsenz – durch Ausschluss und Verschweigen – verbannen, als ob Nichts wäre. In eben diesem Nichts begründet sich die Rebellion. Keine Ideologie des Dialogs und der Partizipation wird jemals einem jeden die Ausgrenzung und die internen Kolonien verhüllen können. Wenn die alltägliche Gewalt des Staates und der Wirtschaft die böse Seite zum explodieren bringt, braucht man sich nicht wundern, wenn manche die Füsse auf den Tisch legen und sich weigern zu diskutieren. Nur durch Leidenschaften kann eine Welt des Todes verjagt werden. Die Barbaren lauern um die Ecke.

IV

« Wir müssen alle Modelle verlassen und unsere Möglichkeiten studieren »

Notwendigkeit des Aufstands. Notwendigkeit, natürlich nicht im Sinne von etwas unabwendbarem (ein Ereignis, das früher oder später eintreten muss), sondern im Sinne der konkreten Voraussetzung einer Möglichkeit. Notwendigkeit des Möglichen. Das Geld ist notwendig in dieser Gesellschaft. Ein Leben ohne Geld ist möglich. Um mit diesem Möglichen zu experimentieren, ist es notwendig, diese Gesellschaft zu zerstören. Heute können wir nur mit dem experimentieren, was in sozialer Hinsicht notwendig ist.

Seltsamerweise sprechen die Leute, die den Aufstand als tragischen Fehler (oder je nach Geschmack, als unrealisierbaren, romantischen Traum) betrachten oft von sozialer Aktion und von dem Experimentieren mit Räumen der Freiheit. Dennoch reicht es aus, etwas an der Oberfläche solcher Argumente zu kratzen, um ihnen den ganzen Saft rauszulassen. Um frei zu handeln, ist es, wie bereits gesagt, notwendig, ohne Mediation miteinander sprechen zu können. Und nun sage uns jemand: Wie, wann und wo kann man heutzutage Dialoge führen?

Um frei zu diskutieren, muss man den sozialen Zwängen Zeit und Raum entreissen. In einem Wort, der Dialog ist nicht vom Kampf zu trennen. Er kann nicht separiert werden, sowohl materiell (um miteinander zu sprechen, muss man sich der auferlegten Zeit entziehen und die möglichen Räume ergreifen) als auch psychologisch (die Individuen sprechen gerne über das, was sie tun, denn nur so verändern die Worte die Realität.)

Was man vergisst, ist, dass wir alle in einem Ghetto leben, selbst wenn wir keine Miete bezahlen oder der Kalender viele Sonntage zählt. Wenn es uns nicht gelingt, dieses Ghetto zu zerstören, reduziert sich die Freiheit des Experimentierens auf eine ziemlich magere Sache.

Zahlreiche Libertäre denken, dass die soziale Veränderung stufenweise, ohne unerwarteten Bruch geschehen kann und muss. So sprechen sie von “nicht-staatlichen Sphären der Öffentlichkeit”, worin neue Ideen und Praktiken ausgearbeitet werden sollen. Lassen wir die wahrhaft komischen Aspekte der Frage beiseite (Wo ist der Staat abwesend? Wie soll man ihn ausklammern?). Man kann feststellen, dass die ideale Referenz dieser Diskurse die selbstverwaltende und föderalistische Methode ist, mit der Subversive zu gewissen historischen Momenten experimentierten (die Kommune von Paris, das revolutionäre Spanien, die Kommune von Budapest, usw.). Eine Banalität, die ausser Acht gelassen wird, ist, dass sich die Rebellen die Möglichkeit miteinander zu sprechen und die Realität zu verändern mit Waffen genommen haben. Man vergisst schlicht ein kleines Detail: den Aufstand. Man kann eine Methode (Quartiersversammlungen, direkte Entscheidungen, horizontale Verbindungen, usw.) nicht vom Kontext, der sie ermöglicht loslösen, und noch viel weniger, für die eine und gegen die andere Position ergreifen (mit Begründungen wie: « Es führt zu nichts, den Staat anzugreifen, wir müssen uns selbstorganisieren und die Utopie konkretisieren »). Noch bevor man in Betracht zieht, was beispielsweise die Arbeiterräte bedeuteten – und was sie heute bedeuten könnten –, ist es notwendig, sich die Bedingungen ins Bewusstsein zu rufen, unter denen sie geboren wurden (1905 in Russland, 1918-21 in Deutschland und Italien, usw.). Es handelte sich um aufständische Momente. Möge uns jemand erklären, wie es den Ausgebeuteten heute möglich sein soll, in ihrem eigenen Namen über Fragen von einer gewissen Wichtigkeit zu entscheiden, ohne gewaltsam die soziale Normalität zu durchbrechen; danach könnten wir von Selbstverwaltung und Föderalismus sprechen. Noch bevor man darüber diskutiert, was es hiesse, “nach der Revolution” die gegenwärtigen Produktionsstrukturen selbstzuverwalten, muss eine Basisbanalität hervorgehoben werden: die Bosse und die Polizei wären damit nicht einverstanden. Man kann nicht über eine Möglichkeit diskutieren, während die Bedingungen, die sie ermöglichen, ausser Acht gelassen werden. Jegliche Befreiungshypothese ist an einen Bruch mit der aktuellen Gesellschaft gebunden.

Nehmen wir uns einem letzten Beispiel an. Auch in libertären Kreisen wird von direkter Demokratie gesprochen. Man kann sofort erwidern, dass die anarchistische Utopie der Methode des Mehrheitsentscheides entgegengestellt ist. Sehr richtig. Doch Tatsache ist, dass niemend konkret von direkter Demokratie spricht. Lassen wir diejenigen beiseite, die als direkte Demokratie ihr exaktes Gegenteil durchgehen lassen, das heisst, die Erstellung von Bürgerlisten und die Beteiligung an Gemeindewahlen, und nehmen wir diejenigen, die sich wirkliche Bürgerversammlungen vorstellen, in denen man ohne Mediation miteinander sprechen kann. Worüber sollten sich die wohlgenannten Bürger aussprechen? Wie könnten sie anders antworten, ohne gleichzeitig auch die Fragen zu ändern? Wie soll die Trennung zwischen einer angeblichen, politischen Freiheit und den aktuellen ökonomischen, sozialen und technologischen Verhältnissen aufrechterhalten werden? Kurzum, wie man es auch dreht, das Problem der Zerstörung bleibt bestehen. Es sei denn, man ist der Meinung, dass nur eine technologisch zentralisierte Gesellschaft gleichzeitig föderalistisch sein kann; oder, dass die generalisierte Selbstverwaltung in diesen wahrhaften Gefängnissen, die die heutigen Städte darstellen existieren kann. Zu sagen, dass sich all dies stufenweise ändern wird, läuft bloss darauf hinaus, die Angelegenheit zu verschleiern. Ohne verbreitete Revolte kann überhaupt keine Veränderung begonnen werden. Der Aufstand ist die Gesamtheit der sozialen Beziehungen, die sich, wenn die Maske der Spezialisierungen des Kapitals einmal gefallen ist, dem Abenteuer der Freiheit öffnet. Es stimmt, der Aufstand alleine bringt keine Antworten mit sich, er beginnt bloss, Fragen zu stellen. Die Frage ist also nicht, schrittweise oder abenteuerlich zu Handeln. Die Frage ist, zu handeln oder davon zu träumen, es zu tun.

Die Kritik der direkten Demokratie (um bei diesem Beispiel zu bleiben) muss diese letztere in ihrer konkreten Dimension in Betracht ziehen. Nur so kann sie weiter gehen, indem man darüber nachdenkt, was die sozialen Grundlagen der individuellen Autonomie sind. Nur so kann sich dieses Darüberhinausgehen unmittelbar in eine Methodes des Kampfes verwandeln. Die Subversiven befinden sich heute wieder in der Situation, die Hypothesen anderer kritisieren zu müssen, indem sie diese auf eine korrektere Weise definieren, als es ihre eigenen Verteidiger tun.

Um die eigenen Messer nachzuschleifen.

V

« Es ist eine axiomatische Wahrheit, eine Lapalie, dass die Revolution nur gemacht werden kann, wenn es ausreichend Kräfte gibt, um sie zu machen. Doch es ist eine historische Wahrheit, dass sich die Kräfte, die den Wandel und die sozialen Revolutionen bestimmen, nicht durch Volkszählungen messen lassen. »

Die Idee eines sozialen Wandels ist heute ausser Mode. Die “Massen”, so sagt man, sind völlig eingeschläfert und in die sozialen Normen integriert. Aus einer solchen Feststellung kann man mindestens zwei Schlussfolgerungen ziehen: Die Revolte ist nicht möglich; die Revolte ist nur mit wenigen möglich. Die erste Schlussfolgerung kann ihrerseits entweder in einen offen institutionellen Diskurs (Notwendigkeit zu Wählen, legale Eroberungen) oder in den sozialen Reformismus (syndikalistische Selbstorganisation, Kämpfe für kollektive Rechte, usw.) auseinanderfallen. Gleichermassen kann die zweite Schlussfolgerung entweder einen klassisch avantgardistischen Diskurs begründen, oder einen anti-autoritären Diskurs der permanenten Agitation.

Als Einleitung kann angemerkt werden, dass die scheinbar entgegengesetzten Hypothesen im Verlaufe der Geschichte eine gemeinsame Ausgangslage hatten.

Wenn man beispielsweise den Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Bolschewismus betrachtet, wird ersichtlich, dass sie beide von der Voraussetzung ausgehen, dass die Massen kein revolutionäres Bewusstsein besitzen und folglich geführt werden müssen. Sozialdemokraten und Bolschewisten unterscheiden sich nur in der Methode – reformistische Partei oder revolutionäre Partei, parlamentarische Strategie oder gewaltsame Machtergreifung –, womit sie dasselbe Programm durchsetzen: Von Ausserhalb den Ausgebeuteten ein Bewusstsein zu verleihen.

Nehmen wir die Hypothese einer “minoritären”, subversiven Praxis, die das leninistische Modell ablehnt. In einer libertären Perspektive verlässt man entweder jeglichen aufständischen Diskurs (zugunsten einer offen abgesonderten Revolte), oder man muss sich früher oder später dem Problem der sozialen Wirkungskraft der eigenen Ideen und Praktiken stellen. Wenn wir die Frage nicht im Rahmen linguistischer Wendungen einschliessen wollen (indem man beispielsweise sagt, dass die Thesen, die wir unterstützen, bereits in den Köpfen der Ausgebeuteten sind, oder, dass die eigene Rebellion bereits zu einer verbreiteten Bedingung gehört), drängt sich eine Tatsache auf: Wir sind isoliert – Um nicht zu sagen: Wir sind wenige.

Sich mit wenigen zu bewegen stellt nicht nur keine Grenze dar, es bedeutet auch, die soziale Veränderung auf eine andere Weise zu denken. Die Libertären sind die Einzigen, die sich eine Dimension des kollektiven Lebens vorstellen, das nicht der Existenz von Machtzentren untergeordnet ist. Die wirkliche, föderalistische Hypothese ist eben die Idee, die Abmachungen unter den freien Vereinigungen von Individuen ermöglicht. Die Affinitätsbeziehungen sind eine Art und Weise, die Vereinigung nicht mehr auf Basis von Ideologien und quantitativem Anhang zu verstehen, sondern im Gegenteil, ausgehen von der gegenseitigen Kenntnis, dem Vertrauen und dem Teilen von Leidenschaften in einem Projekt. Die Affinität innerhalb der Projekte und die Autonomie der individuellen Handlung bleiben jedoch tote Buchstaben, wenn es nicht gelingt, sie auszuweiten, ohne dass sie für angeblich übergeordnete Notwendigkeiten aufgeopfert werden. Die horizontale Verbindung ist das, was jegliche libertäre Praxis konkret werden lässt: eine informelle, tatsächliche Verbindung, die im Stande ist, mit jeglicher Repräsentation zu brechen. Eine zentralisierte Gesellschaft kommt ohne polizeiliche Kontrolle und ohne einen tödlichen technologischen Apparat nicht aus. Deshalb haben jene, die sich keine Gemeinschaft ohne staatliche Autorität vorstellen können, keine Mittel, um die Ökonomie, die den Planeten am zerstören ist, zu kritisieren; und jene, die sich keine Gemeinschaft von Einzigen denken können, haben keine Waffen gegen die politische Mediation. Die Idee des freien Experimentierens und der Vereinigung unter Gleichgesinnten [affini] als Grundlage für neue Beziehungen, macht hingegen eine komplette soziale Umwälzung möglich. Nur durch das Verlassen jeglicher Idee eines Zentrums (die Eroberung des Winterpalastes, oder, um mit der Epoche schrittzuhalten, des Staatsfernsehens), können wir ein Leben ohne Zwang und ohne Geld aufbauen. Somit ist die Methode des diffusen Angriffs eine Kampfform, die bereits eine andere Welt in sich trägt. Handeln, während alle das Warten predigen, während man nicht auf viel Unterstützung zählen kann, während man im Voraus nicht weiss, ob man Resultate erzielen wird – handeln bedeutet so, bereits das zu bekräftigen, wofür man kämpft: Eine Gesellschaft ohne Mass. Und hier enthält das Handeln in kleinen Gruppen von Gleichgesinnten seine wichtigste Qualität – jene, nicht ein schlichter, taktischer Ausweg zu sein, sondern gleichzeitig das eigene Ziel zu realisieren. Die Lüge der Übergangsperiode zu liquidieren (die Diktatur vor dem Kommunismus, die Macht vor der Freiheit, der Lohn vor der Plünderung, die Gewissheit von Resultaten vor der Handlung, die Finanzierungsanfragen vor der Enteignung, die “ethischen Banken” vor der Anarchie, usw.), bedeutet, aus der Revolte selbst ein anderes Mittel zu machen, die Beziehungen wahrzunehmen. Unmittelbar die technologische Hydra anzugreifen, bedeutet, sich ein Leben ohne Bullen in weissen Hemden zu denken (was heisst: ohne die ökonomische und wissenschaftliche Organisation, die sie notwendig macht); unmittelbar die Instrumente der medialen Domestizierung anzugreifen, bedeutet, von Bildern befreite Beziehungen aufzubauen (was heisst: von der alltäglichen Passivität befreit, die sie fabriziert). Jene, die schreien, dass es nicht mehr – oder noch nicht – Zeit ist, um zu rebellieren, enthüllen uns im Voraus, welcherart die Gesellschaft ist, für die sie kämpfen.

Das Verteidigen der Notwendigkeit eines sozialen Aufstands – einer unbezwingbaren Umwälzung, die mit der historischen Zeit bricht, um das Mögliche an die Oberfläche treten zu lassen – bedeutet hingegen eine einfache Sache zu sagen: wir wollen keine Führer. Heute ist der einzige konkrete Föderalismus die generalisierte Rebellion.

Um jegliche Form von Zentralisierung zurückzuweisen, ist es notwendig, die quantitative Idee des Kampfes zurückzulassen, das heisst, die Idee, die Ausgebeuteten aufzurufen, sich für einen frontalen Konflikt mit der Macht zu versammeln. Es ist notwendig, ein anderes Konzept von Stärke zu denken – um die Volkszählungszettel zu verbrennen und die Realität zu verändern.

« Regel Nummer Eins: Nicht in Massen bewegen. Aktionen zu dritt oder höchstens zu viert ausführen. Die Zahl der kleinen Gruppen muss so gross wie möglich sein und jede von ihnen muss lernen, schnell anzugreifen und zu verschwinden. Die Polizei kann eine Masse von tausend Personen mit einer einzigen Gruppe von hundert Kosaken niederschlagen. Es ist einfacher hundert Menschen zu besiegen als einen einzelnen, vor allem wenn er überaschend zuschlägt und mysteriös verschwindet. Die Polizei und die Armee sind machtlos, wenn Moskau von diesen kleinen, unangreifbaren Splittergruppen übersäht ist. […] Besetzt keine Festungen. Die Truppen werden sie stets erobern, oder schlicht mit ihrer Artillerie zerstören können. Unsere Stärken sollen Innenplätze sein, und alle Orte, von wo man leicht zuschlagen und einfach abhauen kann. Würden sie diese Orte einnehmen wollen, dann werden sie dort niemanden finden und hätten zahlreiche Männer verloren. Für sie ist es unmöglich, sie alle einzunehmen, denn, um dies zu tun, müssten sie jedes Haus mit Kosaken füllen. »

Anweisungen an die Aufständischen, Moskau
11.Dezember 1905

VI

« Die Poesie besteht darin, die Dinge ungesetzlich zu vermählen und zu scheiden »

Ein anderes Konzept von Stärke denken. Vielleicht liegt gerade darin die neue Poesie. Was ist im Grunde die soziale Revolte, wenn nicht ein generalisiertes Spiel von ungesetzlichen Vermählungen und Scheidungen zwischen den Dingen?

Die revolutionäre Stärke ist keine Stärke, die jener der Macht gleicht und ihr gegenübersteht. Wenn dies so wäre, wären wir schon im Voraus geschlagen, da jede Veränderung eine ewige Rückkehr des Zwangs bedeuten würde. Alles würde sich auf eine militärische Konfrontation reduzieren, auf einen makaberen Tanz von Bannern. Doch die wirklichen Bewegungen entziehen sich stets dem quantitativen Blick.

Staat und Kapital verfügen über die ausgefeiltesten Kontroll- und Repressionssysteme. Wie sich diesem Moloch engegensetzen? Das Geheimnis liegt in der Kunst des Zerlegens und wieder Zusammenfügens. Die Bewegung der Intelligenz ist ein fortwährendes Spiel von Brüchen und Korrespondenzen. Dasselbe gilt für die subversive Praxis. Die Technologie zu kritisieren, zum Beispiel, bedeutet, ihr allgemeines Ausmass zu begreifen, sie nicht als schlichte Gesamtheit von Maschinen zu betrachten, sondern als soziale Beziehung, als System; dies bedeutet, zu verstehen, dass ein technologisches Instrument die Gesellschaft widerspiegelt, die es produziert hat, und, dass seine Einführung die Beziehungen zwischen den Individuen verändert. Technologie zu kritisieren, heisst, die Unterordnung aller menschlichen Tätigkeiten unter die Zeit des Profits zu verweigern. Andernfalls würden wir uns selbst etwas vormachen, was ihre Auswirkung, ihre angebliche Neutralität und die Umkehrbarkeit ihrer Tragweite betrifft. Doch gleich darauf sollte man die Technologie in ihre tausend Verästelungen zerlegen; in ihre konkreten Realisierungen, die uns mit jedem Tag etwas mehr verstümmeln. Man muss verstehen, dass die Verbreitung der von ihr ermöglichten Produktions- und Kontrollstrukturen, die Sabotage einfacher machen. Ansonsten wäre es unmöglich, die Technologie anzugreifen. Dasselbe gilt für die Schule, die Kasernen und die Büros. Es handelt sich um Realitäten, die von den allgemeinen hierarchischen Verhältnissen und Warenbeziehungen nicht zu trennen sind, sich jedoch in präzisen Orten und Menschen konkretisieren.

Wie können wir – so wenig, wie wir sind – für Studenten, Arbeiter und Arbeitslose sichtbar werden? Wenn wir von Konsens und Bildern sprechen (eben, sich sichtbar machen), liegt die Antwort auf der Hand: Die Gewerkschaften und gewitzten Politiker sind stärker als wir. Woran es wiederum mangelt, ist die Fähigkeit, zusammenzufügen und voneinander zu scheiden. Der Reformismus nimmt sich der Details an und dies auf quantitative Weise: Er mobilisiert grosse Zahlen, um bestimmte Teilbereiche der Macht zu verändern. Eine globale Kritik der Gesellschaft hingegen kann eine qualitative Betrachtung der Aktion hervortreten lassen. Eben weil es keine revolutionären Zentren oder Subjekte gibt, denen man seine eigenen Projekte unterordnen könnte, verweist jeder Aspekt der sozialen Wirklichkeit auf die Gesamtheit, von der sie Teil ausmacht. Ob es sich um Umweltverschmutzung, das Gefängnis oder den Urbanismus handelt, ein wirklich subversiver Diskurs endet damit, alles in Frage zu stellen. Heute mehr denn je kann sich ein quantitatives Projekt (In permanenten Organisationen mit einem spezifischen Programm Studenten, Arbeiter oder Arbeitslose zu versammeln) bloss um ein Detail drehen, während es die Aktion ihrer wichtigsten Stärke beraubt – der Stärke, Fragen zu stellen, die nicht in kategorische Unterteilungen einzugrenzen sind (Studenten, Arbeiter, Migrant, Homosexueller, usw.). Dies gilt umso mehr, da der Reformismus immer unfähiger ist, auch nur irgendetwas zu reformieren (Man denke an die Arbeitslosigkeit, fälschlicherweise als – lösbarer – Fehler der ökonomischen Rationalität präsentiert). Irgendjemand sagte einmal, dass sogar das Bedürfnis nach unvergiftetem Essen bereits ein revolutionäres Projekt geworden ist, da es für dessen Befriedigung notwendig ist, alle sozialen Beziehungen zu verändern. Jegliche, an einen präzisen Verhandlungspartner gerichtete Forderung trägt ihr eigenes Scheitern bereits in sich, und sei es bloss, weil keine einzige Autorität – auch wenn sie es wollte – ein Problem von allgemeiner Bedeutung zu lösen vermag. An wen soll man sich wenden, um gegen die Luftverschmutzung anzukämpfen?

Die Arbeiter, die während eines Generalstreiks ein Transparent mit der Aufschrift Wir fordern nichts trugen, hatten verstanden, dass das Scheitern in der Forderung selbst liegt (“Gegen den Feind ist die Forderung unendlich” heisst es in einem der Zwölftafelgesetze). Es bleibt der Revolte überlassen, sich allem zu entledigen. Wie Stirner sagte: « Egal wieviel ihr ihnen abgebt, sie würden stets nach mehr fragen, denn was sie wollen, ist nichts geringeres als das Ende von jeglichem Zugeständnis ».

Und nun? Nun können wir daran denken, mit wenigen zu handeln ohne isoliert zu handeln, im Bewusstsein, dass ein paar gute Kontakte in explosiven Situationen zu mehr dienen, als grosse Zahlen. Die traurig fordernden, sozialen Kämpfe entwickeln sehr oft Methoden, die interessanter sind als ihre Ziele (eine Gruppe Arbeitsloser, zum Beispiel, die Arbeit fordert und schlussendlich ein Stellenvermittlungsbüro niederbrennt). Gewiss, wir können uns Abseits halten und sagen, dass Arbeit nicht gefordert sondern zerstört werden muss. Oder wir könnten versuchen, eine Verbindung zwischen der Kritik an der Ökonomie und dem leidenschaftlich abgebrannten Büro, oder der Kritik an Gewerkschaften und einem Diskurs über Sabotage zu machen. Jegliches spezifische Kampfziel enthält in sich, zum explodieren bereit, die Gewalt aller sozialen Beziehungen. Wie wir wissen, ist die Banalität ihres unmittelbaren Anlasses, die Visitenkarte der Revolten im Verlaufe der Geschichte.

Was könnte eine Gruppe von entschlossenen Gefährten in solchen Situationen tun? Nicht viel, wenn sie (beispielsweise) noch nicht darüber nachdachten, wie sie ein Flugblatt verteilen, oder an welchen Orte der Stadt sie eine Blockade ausbreiten könnten; und etwas mehr, wenn eine freudige und aufrührerische Intelligenz sie die grossen Zahlen und die grossen organisatorischen Strukturen vergessen lässt.

Ohne die Absicht, die Mythologie des Generalstreiks als den Aufstand entfesselnde Bedingung wiederzubeleben, ist es ziemlich klar, dass die Unterbrechung der sozialen Aktivität ein entscheidender Punkt bleibt. Was auch immer der Grund des aufständischen Konfliktes ist, die subversive Aktion muss auf eben diese Lähmung der Normalität abziehlen. Solange die Studenten weiterhin studieren, die Arbeiter – jene, die übrigbleiben – und die Angestellten weiterhin arbeiten und die Arbeitslosen weiterhin mit dem Suchen nach einer Arbeitsstelle beschäftigt sind, ist keine Veränderung möglich. Die revolutionäre Praxis bliebe den Leuten stets aufgesetzt. Eine von den sozialen Kämpfen getrennte Organisation nützt weder dazu, die Revolte zu entfesseln, noch ihre Wirkungskraft zu verbreitern und zu verteidigen. Wenn es stimmt, dass sich die Ausgebeuteten um diejenigen sammeln, die im Verlaufe des Kampfes die grössten, ökonomischen Vorteile garantieren können – wenn es also stimmt, dass jeder fordernde Kampf notwendigerweise einen reformistischen Charakter hat –, dann sind es die Libertären, die durch ihre Methoden (individuelle Autonomie, direkte Aktion, permanente Konfliktualität) danach drängen können, den Rahmen der Forderung zu übersteigen und alle sozialen Identitäten (Professor, Angestelter, Arbeiter, usw.) zu negieren. Eine spezifische, permanente Organisation von Libertären, die Forderungen stellt, würde abseits der Kämpfe bleiben (nur einige Ausgebeutete könnten sich entscheiden, an ihr teilzunehmen), oder die eigenen, libertären Charakterzüge verlieren (im Rahmen der syndikalistischen Kämpfe, sind die Syndikalisten die professionellsten). Eine von Revolutionären und Ausgebeuteten gebildete, organisatorische Struktur kann nur konfliktuell bleiben, wenn sie auf die Zeitlichkeit eines Kampfes, auf ein spezifisches Ziel und auf die Perspektive des Angriffs abgestimmt ist; schliesslich nur, wenn sie eine handelnde Kritik an Syndikaten und der Kollaboration mit den Bossen ist.

Im Moment kann man nicht sagen, dass die Kapazität der Subversiven, soziale Kämpfe (anti-militaristisch, gegen Umweltverschmutzung, usw.) zu lancieren bemerkenswert ist. Es bleibt noch immer die andere Hypothese (für all jene, wohlverstanden, die sich nicht ständig widerholen, dass “die Menschen mitschuldig und resigniert sind”, und gute Nacht den Träumern), jene einer autonomen Intervention in die Kämpfe – oder in die mehr oder weniger breiten Revolten –, die spontan entstehen. Falls man klare Diskurse über die Gesellschaft, für die die Ausgebeuteten kämpfen sucht (wie es ein raffinierter Theoretiker angesichts einer kürzlichen Streikwelle beabsichtigte), dann kann man in Ruhe Zuhause bleiben. Und falls man sich darauf beschränkt, “kritisch zuzustimmen” – was im Grunde nicht viel anders ist –, dann stellt man seine roten und schwarzen Flaggen schlicht neben jene der Parteien und Syndikate. Noch einmal, die Kritik des Details nimmt sich dem quantitativen Modell an. Wenn man denkt, man müsse während die Arbeitslosen vom Recht auf Arbeit sprechen, dies ebenso tun (mit der unerlässlichen Unterscheidung zwischen Lohnarbeit und “sozial nützlicher Aktivität”), dann wird der mit Demonstranten gefüllte Platz der einzige Handlungsort sein. Wie der alte Aristoteles wusste, gibt es keine mögliche Repräsentation ohne Einheit von Zeit und Ort.

Doch wer hat gesagt, dass wir – indem wir es praktizieren – zu den Arbeitslosen nicht von Sabotage, von der Abschaffung des Rechts oder der Weigerung den Anwalt zu bezahlen sprechen können? Wer hat gesagt, dass die Ökonomie im Verlauf eines Streiks auf der Strasse nicht woanders kritisiert werden darf? Das zu sagen, worauf der Feind nicht gefasst ist und da zu sein, wo er uns nicht erwartet.

Dies ist die neue Poesie.

VI

« Wir sind zu jung, wir können nicht länger warten. »

Wandgraffiti in Paris

Die Stärke eines Aufstands ist sozial, nicht militärisch. Das Mass, um die Auswirkung einer generalisierten Revolte abzuschätzen, ist nicht die bewaffnete Konfrontation, sondern vielmehr, in welchem Umfang die Ökonomie lahmgelegt und Produktions- und Distributionsstätten eingenommen wurden, das freie Geben jegliche Berechnung versengte und von den Pflichten und sozialen Rollen desertiert wurde; in einem Wort: die Umwälzung des Lebens.

Keine Guerilla, wie effektiv sie auch sein mag, kann diese überwältigende Bewegung der Zerstörung und Umformung ersetzen. Der Aufstand ist das anmutige Zutagetreten einer Banalität: Keine Macht kann herrschen, ohne die freiwillige Knechtschaft jener, die sie ertragen. Nichts bringt besser als die Revolte ans Licht, dass es die Ausgebeuteten selbst sind, die die mordende Ausbeutungsmaschine am Laufen halten. Die verbreitete und wilde Unterbrechung der sozialen Aktivität zieht plötzlich den Vorhang der Ideologie weg und lässt die wirklichen Kräfteverhältnisse hervortreten; so zeigt sich der Staat als das, was er ist – die politische Organisation der Passivität. Die Ideologie auf der einen und die schöpferische Fantasie auf der anderen Seite enthüllen nun ihr gesamtes materielles Gewicht. Die Ausgebeuteten entdecken schlicht eine Kraft, die sie schon immer besassen, und brechen mit der Illusion, dass sich die Gesellschaft von selbst reproduziert – oder irgendein Maulwurf ihr den Weg bereitet.

Sie erheben sich gegen ihre eigene, unterwürfige Vergangenheit – das, was eben der Staat** ist –, gegen die Gewohnheit, die zur Verteidigung der alten Welt errichtete wurde. Die Verschwörung von Aufständischen ist die einzige Gelegenheit, bei welcher die “Kollektivität” weder die Nacht ist, die den Flug der Glühwürmchen an die Polizei verrät, noch die Lüge, die aus der Summe der individuellen Unbehagen ein Allgemeingut macht, sondern das Schwarz, dass der Differenz die Stärke der Komplizenschaft verleiht. Das Kapital ist in erster Linie eine Gemeinschaft von Denunzianten, eine Vereinigung, die die Individuen schwächt, ein Zusammensein, das uns getrennt hält. Das soziale Bewusstsein ist eine Stimme in unserem Innern, die wiederholt: “die anderen akzeptieren es”. Die wirkliche Kraft der Ausgebeuteten richtet sich somit gegen sie selbst. Der Aufstand ist der Prozess, der diese Kraft befreit und sie auf die Seite der Lebensfreude und Autonomie trägt; es ist der Moment, in dem man gegenseitig denkt, dass die beste Sache, die man für die Anderen tun kann, ist, sich selbst zu befreien. In diesem Sinne ist er “eine kollektive Bewegung individueller Realisierung”.

Die Normalität der Arbeit und der “Freizeit”, der Familie und des Konsums tötet jede böse Leidenschaft für die Freiheit. (Selbst in diesem Moment, während wir diese Zeilen schreiben, sind wir von unseren Mitmenschen getrennt, und diese Trennung erleichtert den Staat um die Last, uns das Schreiben zu verbieten). Ohne einen gewaltsamen Bruch mit der Gewohnheit, ist keine Veränderung möglich. Doch Revolte ist stets das Werk von Minoritäten. Um sie herum gibt es die Masse, bereit sich zum Instrument der Herrschaft zu machen (für den rebellierenden Sklaven besteht die Macht zugleich aus der Gewalt des Meisters und aus der Unterwerfung der anderen Sklaven), oder durch Untätigkeit, die im Gange befindliche Veränderung hinzunehmen. An dem grössten, wilden Streik der Geschichte – jenem des Mai 68 – beteiligte sich bloss ein Fünftel der Bevölkerung eines einzigen Staates. Die einzige aus all dem zu ziehende Schlussfolgerung ist weder, die Macht an sich zu reissen, um die Massen zu führen, noch, dass es notwendig ist, sich als das Bewusstsein des Proletariats zu präsentieren; sondern schlichtwegs, dass es keinen Sprung von der heutigen Gesellschaft in die Freiheit geben kann. Die unterwürfige, passive Haltung ist keine Angelegenheit, die sich in einigen Tagen oder Monaten auflösen wird. Doch ihr Gegenteil muss sich Raum verschaffen und sich eigene Zeit nehmen. Die soziale Umwälzung ist bloss die Voraussetzung zum Aufbruch.

Die Verachtung der “Masse” ist nicht qualitativ, vielmehr ideologisch, also den herrschenden Vorstellungen unterworfen. Das Volk des Kapitals existiert, gewiss, aber es hat keine präzisen Konturen. Denn das Unbekannte und der Wille zu leben treten meuternd aus der anonymen Masse hervor. Zu sagen, wir seien die einzigen Rebellen in einem Meer aus Unterwerfung, ist im Grunde genommen beruhigend, denn es beendet das Spiel schon im Voraus. Wir sagen bloss, dass wir nicht wissen, wer unsere Komplizen sind, und dass es eines sozialen Sturmes bedarf, um diese aufzuspühren. Heute entscheidet jeder von uns darüber, inwiefern die Anderen nicht entscheiden können (indem man sein eigenes Entscheidungsvermögen aufgibt, lässt man eine Welt von Automaten funktionieren). Im Verlaufe des Aufstands vergrössert sich durch die Waffen die Möglichkeit zu Wählen und mit den Waffen gilt es, sie zu verteidigen; denn auf dem Kadaver des Aufstands, keimt die Reaktion. Auch wenn das aufständische Phänomen in seinen aktiven Kräften minoritär ist (doch in Bezug auf welche Masseinheit?), kann es äusserst weitreichende Dimensionen annehmen, und in dieser Hinsicht enthüllt es seine soziale Natur. Je umfangreicher und enthusiastischer die Rebellion ist, desto weniger wird die militärische Konfrontation zu seinem Mass. Mit der Ausbreitung der bewaffneten Selbstorganisation der Ausgebeuteten zeigt sich die ganze Gebrechlichkeit der sozialen Ordnung und verfestigt sich das Bewusstsein, dass die Revolte – ebenso wie die Hierarchien und Warenbeziehungen – überall ist. Wer hingegen an die Revolution als Staatsstreich denkt, hat eine militärische Auffassung der Konfrontation. Jegliche Organisation, die sich als Avantgarde der Ausgebeuteten hinstellt, neigt dazu, die Tatsache zu verbergen, dass die Herrschaft eine soziale Beziehung und nicht ein schlichtes zu eroberndes Hauptquartier ist; denn wie könnte sie sonst ihre Rolle rechtfertigen?

Das Nützlichste, was mit den Waffen getan werden kann, ist, sie so unnütz wie möglich zu machen. Aber das Problem der Waffen bleibt abstrakt, solange es nicht mit der Beziehung zwischen Revolutionären und Ausgebeuteten, zwischen Organisation und reeller Bewegung in Verbindung gebracht wird.

Allzuoft haben die Revolutionäre behauptet, das Bewusstsein der Ausgebeuteten zu sein und den Grad ihrer subversiven Reife zu repräsentieren. So ist die “soziale Bewegung” zur Rechtfertigung der Partei geworden (die in der leninistischen Version zu einer Elite von Berufsrevolutionären wird). Je mehr man von den Ausgebeuteten getrennt ist, desto mehr muss man eine Beziehung repräsentieren, die mangelt; hierin besteht der Teufelskreis. Die Subversion wird somit auf die eigenen Praktiken reduziert, und die Repräsentation wird zur Organisation einer ideologischen Erpressung – die bürokratische Version der kapitalistischen Aneignung. Die revolutionäre Bewegung identifiziert sich also mit ihrem “fortgeschrittensten” Ausdruck, demjenigen, der ihr Konzept realisiert. Die hegelianische Dialektik bietet ein perfektes Gerüst für diese Konstruktion.

Doch es gibt auch eine Kritik der Trennung und der Repräsentation, die das Warten rechtfertigt und der Rolle der Kritiker Wert beimisst. Unter dem Vorwand, sich nicht von der “sozialen Bewegung” zu trennen, endet man damit, jegliche Praxis des Angriffs, als “Flucht nach vorne” oder “bewaffnete Propaganda” anzuprangern. Ein weiteres Mal ist der Revolutionär dazu berufen, die wirklichen Bedingungen der Ausgebeuteten zu “entschleiern”, wenn auch durch seine eigene Untätigkeit. Demnach ist ausserhalb einer sichtbaren, sozialen Bewegung überhaupt keine Revolte möglich. Jene, die zur Tat übergehen, müssen sich also zwangsläufig an die Stelle der Proletarier setzen wollen. Die “radikale Kritik”, die “revolutionäre Erleuchtung” wird so zum einzigen zu verteidigenden Erbe. Das Leben ist ein Elend, man kann also nur das Elend theoretisieren. Die Wahrheit über alles. Auf diese Weise wird die Trennung zwischen den Subversiven und den Ausgebeuteten nicht im Geringsten beseitigt, sie wird bloss verschoben. Wir sind nicht Ausgebeutete an der Seite anderer Ausgebeuteter; unsere Träume, unser Wut und unsere Schwächen sind nicht Teil des Klassenkonfliktes. Wir können nicht handeln, wenn es uns danach ist: Wir haben eine Mission zu erfüllen – auch wenn sie sich selbst nicht so nennt. Es gibt also jene, die sich durch das Handeln für das Proletariat aufopfern und jene, die es durch die Passivität tun.

Diese Welt vergiftet uns, sie zwingt uns zu unnützen und schädlichen Handlungen, sie drängt uns die Notwendigkeit von Geld auf und beraubt uns der leidenschaftlichen Beziehungen. Wir werden alt, inmitten von Männern und Frauen ohne Träume, Fremde in einer Gegenwart, die unserem freizügigsten Elan keinen Platz übriglässt. Wir sind nicht Partisanen irgendeiner Selbstverleugnung. Das Beste was diese Gesellschaft anzubieten hat (eine Karriere, ein Ansehen, ein plötzlicher, grosser Gewinn, die “Liebe”) interessiert uns ganz einfach nicht. Das Erteilen von Befehlen ist uns genauso zuwider wie die Gehorsamkeit. Wir sind Ausgebeutete wie die Anderen und wir wollen unverzüglich mit der Ausbeutung Schluss machen. Die Revolte hat für uns keine weitere Rechtfertigung nötig.

Unser Leben entgleitet uns und jeglicher Klassendiskurs, der dies nicht zum Ausgangspunkt nimmt, ist nichts als eine Lüge. Wir wollen soziale Bewegungen weder dirigieren noch tragen, sondern an den bestehenden in dem Masse teilnehmen, wie wir in ihnen gemeinsame Ansprüche erkennen. In einer masslosen Perspektive der Befreiung gibt es keine übergeordneten Kampfformen. Die Revolte braucht alles, Zeitschriften und Bücher, Waffen und Sprengsätze, Überlegung und Blasphemie, Gifte, Dolche und Brandstiftungen. Die einzige interessante Frage ist, wie sie kombinieren?

VIII

« Es ist leicht ein Vogel zu treffen, der in gerader Linie fliegt. »

Wir können das Verlangen, das eigene Leben umgehend zu verändern nicht nur verstehen, es stellt auch das einzige Kriterium dar, nach dem wir unsere Komplizen suchen. Dasselbe gilt für das, was man ein Bedürfniss nach Kohärenz nennen könnte. Der Wille seine Ideen auszuleben und die Theorie ausgehend von seinem eigenen Leben zu erschaffen, ist gewiss keine Suche nach Exemplarität (mit ihrer paternalistischen und hierarchischen Kehrseite), sondern im Gegenteil, die Verweigerung jeglicher Ideologie, einschliesslich jener der Freude. Noch bevor wir nachdenken, trennt uns die Art und Weise selbst, die Existenz zu betasten, von denjenigen, die sich mit den Lebensräumen, die sie in dieser Gesellschaft finden – und erhalten – zufriedenstellen können. Doch ebenso fern fühlen wir uns von jenen, die von der alltäglichen Normalität desertieren wollen, um sich der Mythologie der Klandestinität und der bewaffneten Organisation hinzugeben, was heisst, um sich in anderen Käfigen einzuschliessen. Überhaupt keine Rolle, wie gesetzlich Riskant sie auch sei, kann die reelle Veränderung der Beziehungen ersetzen. Es liegt keine Abkürzung zur Hand, es gibt keinen unmittelbaren Sprung ins Anderswo. Die Revolution ist kein Krieg.

Die unheilvolle Ideologie der Waffen hat schon in der Vergangenheit das Bedürfnis nach Kohärenz von einigen in eine Herdenmentalität von vielen verwandelt. Mögen sich die Waffen ein für alle mal gegen die Ideologie wenden.

Wer die Leidenschaft für soziale Umwälzung und eine “persönliche” Vision des Klassenkampfes besitzt, will sofort etwas tun. Wenn er den Wandel des Kapitals und des Staates analysiert, dann um sich für den Angriff zu entscheiden, und gewiss nicht, um mit klareren Ideen schlafen zu gehen. Wenn er die Verbote und Trennungen des herrschenden Gesetzes und der herrschenden Moral nicht verinnerlicht hat, dann mit der Absicht, alle Mittel zur Bestimmung der eigenen Spielregeln zu verwenden. Schreibfeder und Pistole sind für ihn in gleichem Masse Waffen, im Unterschied zum Schriftsteller und zum Soldaten, für welche die Dinge Berufsangelegenheiten und daher eine Warenindentität sind. Der Subversive bleibt subversiv, auch ohne die Feder oder die Pistole, solange er jene Waffe besitzt, die alle anderen enthält: seine Entschlossenheit.

Der “bewaffnete Kampf” ist eine Strategie, die in den Dienst eines beliebigen Projektes gestellt werden kann. Heute wird die Guerilla auch von Organisationen eingesetzt, deren Programm im Wesentlichen sozialdemokratisch ist; sie verteidigen ihre Forderungen schlicht mit einer militanteren Praxis. Politik lässt sich auch mit Waffen machen. In jeglicher Unterhandlung mit der Macht – das heisst, in jeder Beziehung, die sie als Gesprächspartner beibehält, wenn auch als Gegner – müssen sich die Verhandelnden als repräsentative Kraft darstellen. Eine soziale Realität zu repräsentieren, bedeutet aus dieser Sicht, sie auf die eigene Organisation zu reduzieren. Der beabsichtigte bewaffnete Konflikt ist folglich nicht diffus und spontan, sondern an diverse Unterhandlungsphasen gebunden. Die Organisation wird die Ergebnisse verwalten. Die Beziehungen zwischen den Organisationsmitgliedern, und zwischen diesen und dem Rest der Welt spiegeln als Folge das wieder, was ein autoritäres Programm ist; sie tragen die Hierarchie und die Unterwerfung in ihrem Herzen.

Das Problem ist bei denjenigen, die sich die gewalttätige Übernahme der politischen Macht zum Ziel machen nicht viel anders. Es geht ihnen darum, Propaganda für ihre Kraft als Avantgarde zu machen, die fähig ist, die revolutionäre Bewegung zu leiten. Der “bewaffnete Kampf” wird als die höchste Form der sozialen Kämpfe dargestellt. Diejenigen, die militärisch am repräsentativsten sind – dank der spektakulären Wirkung der Aktionen –, bilden folglich die authentische bewaffnete Partei. Die Prozesse und die Volksgerichte sind die konsequente in Szene Setzung von denjenigen, die sich an der Stelle des Staates sehen wollen.

Der Staat seinerseits hat alles Interesse daran, die revolutionäre Bedrohung auf eine Hand voll kämpfender Organisationen zu reduzieren, um so die Subversion in einen Konflikt zwischen zwei Armeen zu verwandeln: die Institutionen auf der einen Seite, die bewaffnete Partei auf der anderen. Wovor sich die Herrschaft wirklich fürchtet, ist die generalisierte und anonyme Revolte. Das mediale Bild des “Terroristen” arbeitet Hand in Hand mit der Polizei zur Verteidigung des sozialen Friedens. Der Bürger applaudiert oder empört sich, bleibt jedoch so oder so ein Bürger, das heisst, ein Zuschauer.

Schliesslich nährt die reformistische Verschönerung des Bestehenden die bewaffnete Mythologie indem sie die falsche Wahl zwischen legaler Politik und klandestiner Politik produziert. Es genügt festzustellen, wie viele aufrechte, linke Demokraten sich von den Guerillas in Mexiko oder Lateinamerika gerührt fühlen. Die Passivität benötigt stets Ratgeber und Spezialisten. Wenn sie von den einen – den traditionellen – enttäuscht wird, schart sie sich um die neuen.

Eine bewaffnete Organisation – mit einem Programm und einem Kennzeichen –, die ausschliesslich aus Revolutionären besteht, kann sicherlich libertäre Charakteristiken enthalten, ebenso wie die soziale Revolution, die zahlreiche Anarchisten wollen, zweifellos auch ein “bewaffneter Kampf” ist. Doch genügt das?

Wenn wir die Notwendigkeit erkennen, die bewaffnete Tat im Laufe der aufständischen Konfrontation zu organisieren; wenn wir von nun an die Möglichkeit verteidigen, die Menschen und Strukturen der Herrschaft anzugreifen; wenn wir schliesslich die horizontale Verbindung zwischen Affinitätsgruppen in den Praktiken der Revolte als entscheidend erachten, dann kritisieren wir im Gegenzug die Perspektive von jenen, die die bewaffneten Aktionen als eine wirkliche Überwindung der Grenzen der sozialen Kämpfe darstellen und somit einer Kampfform eine den anderen übergeordnete Rolle zuschreiben. Darüberhinaus sehen wir in dem Gebrauch von Kennzeichen und Programmen die Schaffung einer Identität, die die Revolutionäre von anderen Ausgebeuteten separiert, während sie sich gleichzeitig für die Augen der Macht sichtbar, das heisst, repräsentierbar macht. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist der bewaffnete Angriff nicht mehr eines der zahlreichen Mittel zur eigenen Befreiung, sondern ein Ausdruck, der mit einem symbolischen Wert aufgeladen ist und zur Aneignung der anonymen Rebellion tendiert. Die informelle Organisation als Handlung an den zeitlichen Aspekt der Kämpfe gebunden, wird zur permanenten und formalisierten Entscheidungsstruktur. Was eine Gelegenheit war, sich in seinen Projekten zu treffen, verwandelt sich in ein Projekt an sich. Die Organisation beginnt, genauso wie die reformistischen, quantitativen Strukturen, ihre eigene Reproduktion anzustreben. Daraus folgt unabwendbar die triste Reihe von Bekennerschreiben und programmatischen Dokumenten, in welchen man den Ton anhebt, um sich folglich in der Suche nach einer Identität wiederzufinden, die nur existiert, weil sie deklariert wurde. Angriffsaktionen, die mit anderen, schlicht anonymen Aktionen vergleichbar sind, scheinen somit wer weiss was für einen qualitativen Sprung in der revolutionären Praxis darzustellen. Das Muster der Politik taucht wieder auf und man beginnt in gerader Linie zu fliegen.

Natürlich ist die Notwendigkeit sich zu organisieren etwas, das die Praxis der Subversiven, über die Erfordernisse eines Kampfes hinaus, immer begleiten kann. Doch um sich zu organisieren braucht es lebendige und konkrete Vereinbarungen, nicht ein Bild auf der Suche nach Scheinwerfern.

Das Geheimnis des subversiven Spiels ist die Fähigkeit, die deformierenden Spiegel zu zerschlagen und sich von Angesicht zu Angesicht mit den eigenen Nacktheiten wiederzufinden. Die Organisation ist die reelle Gesamtheit von Projekten, die sie zum Leben erweckt. Alles andere ist eine politische Prothese und nichts anderes.

Der Aufstand ist viel mehr als ein “bewaffneter Kampf”, denn die generalisierte Konfrontation macht aus ihm Eins mit der Umwälzung der sozialen Ordnung. Die alte Welt wird umgestürzt, insofern die aufständischen Ausgebeuteten alle bewaffnet sind. Nur dann sind die Waffen nicht mehr der abgetrennte Ausdruck einer Avantgarde, das Monopol zukünftiger Bosse und Bürokraten, sondern die konkrete Bedingung der revolutionären Fete: die kollektive Möglichkeit, die Umwandlung der sozialen Beziehungen auszuweiten und zu verteidigen. In Abwesenheit des aufständischen Bruchs ist die subversive Praxis noch weniger ein “bewaffneter Kampf”, es sei denn, man will das masslose Feld seiner Leidenschaften einzig auf bestimmte Werkzeuge beschränken. Die Frage ist, ob man sich selbst mit den bereits festgelegten Rollen zufriedengeben will, oder ob man die Kohärenz ausgehend vom entlegendsten Punkt sucht: dem Leben.

So werden wir in der diffusen Revolte, im Gegenlicht eine prächtige Verschwörung von Egos ausmachen können, um eine Gesellschaft ohne Chefs und ohne Schlafende zu erschaffen. Eine Gesellschaft freier und einzigartiger Individuen.

IX

« Frag uns nicht nach der Formel, die dir Welten zu öffnen vermag, doch irgendeine deformierte Silbe, trochen wie ein Ast.
Heute können wir dir einzig sagen, was wir nicht sind, was wir nicht wollen. »

Das Leben kann nicht nur etwas sein, woran man sich festhält. Es existiert eine Idee, die jeden zumindestens einmal flüchtig streift. Wir besitzen eine Möglichkeit, die uns freier macht als die Götter: Jene davonzugehen. Es ist eine Idee, die in aller Fülle auszukosten ist. Nichts und Niemand verpflichtet uns zu leben. Nicht einmal der Tod. Darum ist unser Leben eine tabula rasa; eine noch unbeschriebene Tafel, die folglich alle möglichen Worte enthält. Mit einer solchen Freiheit können wir nicht als Sklaven leben. Sklaverei ist für jene gemacht, die zum Leben verdammt sind, jene, die bis in die Unendlichkeit gezwungen sind, nicht für uns. Für uns gibt es das Unbekannte.

Das Unbekannte von Stimmungen, in denen es sich zu verlieren gilt, von nie erforschten Gedanken, von Gewissheiten, die in Luft aufgehen, von perfekten Fremden, denen wir das Leben anzubieten haben. Das Unbekannte einer Welt, der wir endlich den Überfluss an Selbstliebe geben können. Und auch das Risiko. Das Risiko von Brutalität und Angst. Das Risiko schliesslich dem Lebensschmerz ins Gesicht zu blicken. All dies betrifft jene, die mit dem Beruf des Existierens Schluss machen wollen.

Unsere Zeitgenossen scheinen beruflich zu leben. Sie schlagen keuchend mit tausend Verpflichtungen um sich, selbst mit der tristesten – jener, sich zu amüsieren. Sie verhüllen die Unfähigkeit, über ihr eigenes Leben zu bestimmen, mit detaillierten und hektischen Aktivitäten, mit einer Geschwindigkeit, die täglich passivere Verhaltensweisen verwaltet. Sie kennen die Leichtigkeit des Negativen nicht.

Wir können uns entscheiden, nicht zu leben. Dies ist der schönste Grund, um sich mit Stolz dem Leben zu öffnen. « Es ist noch immer Zeit, die Tür hinter sich zuzuschlagen; wir können also ebensogut rebellieren und spielen » – so spricht der Materialismus der Freude.

Wir können uns entscheiden, nichts zu tun. Dies ist der schönste Grund, um zu handeln. Wenn wir die Kraft aller Taten, zu denen wir fähig sind in uns versammeln, dann wird uns kein Boss jemals die Möglichkeit zu Verweigern entreissen. Was wir sind und was wir wollen beginnt mit einem Nein. Daraus gehen die einzigen Gründe hervor, sich Morgens zu erheben. Daraus gehen die einzigen Gründe hervor, um bewaffnet zum Angriff auf eine Ordnung überzugehen, die uns erstickt.

Auf der einen Seite gibt es das Bestehende, mit seinen Gewohnheiten und seinen Sicherheiten. Und an Sicherheiten, diesem sozialen Gift, kann man sterben.

Auf der anderen Seite gibt es den Aufstand, das Unbekannte, das im Leben eines jeden hervorbricht. Der mögliche Beginn einer exzessiven Praxis der Freiheit.

* “schlecht/böse” und “gefangen” fallen im italienischen Wort cattivo zusammen. Daher das Wortspiel mit cattività (Gefangenschaft) und cattiveria (Bosheit).

** Wortspiel zwischen “Staat” und “gewesen”, was im Italienischen beides stato heisst.

Bei „Töne“ Podcast „Aufständischer Anarchismus hier und jetzt“

Demonstrant in Argentinien erschossen

http://argentina.indymedia.org/uploads/2010/10/dsc_7923.jpgProtest-und Trauermarsch

Bei „Töne“ ein Protestmarsch in Buenos Aires von Zehntausenden gegen die Ermordung von Mariano Ferreyra

Die Kennedy 12 kommen heute vor Gericht

Presseaussendung von Abahlali baseMjnondolo (vorbereitet während der Nachtwache für die Kennedy 12)

Abahlali baseMjondolo wird heute zahlreich im Gericht zur Unterstützung anwesend sein, wenn die Kennedy 12 um 9 Uhr vor dem High Court von Durban vor Gericht stehen.

Am 26. September 2009 drang eine Gruppe von ca. 40 bewaffneten Männern in die Barackensiedlung Kennedy Road ein, rief ANC- und ethnische Parolen und führte einen Angriff auf die gewählten FührerInnen des Kennedy Road Entwicklungskomitee (KRDC), Abahlali base Mjondolo, deren Familien, deren GenossInnen und all diejenigen durch, die sich mit unserer Bewegung verbunden fühlen. Sie erklärten ihre Absicht, Mphondo sprechende Leute aus der Siedlung zu vertreiben. Sie machten völlig klar, dass ihre Absicht darin bestand, eine Menge Leute zu töten, darunter S’bu Zikode.

Es handelte sich um einen gut geplanten und gewalttätigen Angriff. Während des Angriffs befanden sich Geheimdienstleute in der Siedlung. Alle Anrufe bei der Polizei wurden ignoriert. Die Menschen flohen und die Menschen verteidigten sich, so gut sie konnten. Als die Sonne aufging, waren zwei Menschen tot, viele verwundet, und tausende vertrieben. Als die Polizei in die Siedlung kam, gingen die Angriffe weiter. Die Führung des KRDC und von Abahlali baseMjondolo wurden aus der Siedlung vertrieben, ihre Häuser geplündert und zerstört.

Die ANC-Führung in KwaZulu-Natal befürwortete den Angriff auf unsere Bewegung. Der Stadtrat für Sicherheit in der community, Willies Mchunu, sagte, die Siedlung sei „befreit“ worden und dass die Entscheidung gefällt worden sei, unsere gewählten Strukturen zu „zerschlagen“. Der Vorsitzende des Wohnungskomitees von eThekwini, Nigel Gumede, feierte den Angriff auf einer Pressekonferenz in der Siedlung und sagte gegenüber den Medien, dass die community Kennedy Road die einzige Barackensiedlung sei, die die Regierung vor Gericht gebracht habe. Weiters sagte er, dass S’bu Zikode selbstherrlich regiert habe. Und er sagte, dass S’bu Zikode sich gegen den Staatspräsidenten gewandt habe, als der Präsident sagte, dass die Baracken bis 2014 verschwinden müssen. Gumede sagte, die Leute müssten „eingesperrt werden“, damit die Entwicklung weiter gehen könne. Tatsächlich hatten wir, nach vier Jahren Kampf und mehr als einem Jahr Verhandlungen, eine gemeinsame Absichtserklärung mit der Stadtverwaltung zur Verbesserung der Siedlung in partizipatorischer Weise unterzeichnet. Die Art, in der Gumede sprach, legte nahe, dass S’bu Zikode als Hauptbedrohung für die Entwicklung der Barackensiedlung betrachtet wurde. Er sprach, als sei S’bu Zikode eine Person, die mensch töten müsse.

Als sich Gumede darüber sprach, dass Abahlali die Regierung vor Gericht gezerrt hätte, bezog er sich auf unseren Fall gegen das berüchtigte Slumgesetz vor dem Verfassungsgerichtshof. Zehn Tage später gewannen wir unseren Fall gegen das Slumgesetz und die Angriffe auf unsere Bewegung gingen weiter. Mehr Häuser wurden zerstört und die Generalsekretärin unserer Jugendliga musste aus ihrem Haus, aus der Siedlung fliehen, nachdem sie öffentlich mit dem Tod bedroht wurde, als sie in den TV-Nachrichten die Gerichtsentscheidung kommentierte.

Nach dem Angriff setzten höhere ANC-Politiker rasch eine nicht gewählte ANC-Führung in der Siedlung ein. Seither kam die Siedlung nicht mehr zur Ruhe. Weiterhin wurden Menschen umgebracht und kamen in Bränden ums Leben. Wegen Vergünstigungen und Hilfsmittelzuteilungen nach dem Feuer kam es zu extremer parteipolitischer Korruption. Alles, das von der Bewegung aufgebaut worden war, von der Kinderkrippe über die Bibliothek, sicheren Stromzugang, Gemeinschaftsküche und organisierter Hilfe für die Kranken, wurde zerstört.

Abahlali möchte gegenüber der Presse und allen fortschrittlichen Menschen, Organisationen und Bewegungen in Südafrika und der Welt klarstellen, dass die polizeiliche Untersuchung des Angriffs und der juristische Prozess, der folgte, unverhohlen politisch beeinflusst waren. Es ging nicht darum, die Wahrheit herauszufinden oder Gerechtigkeit zu üben. Es gab nur ein Ziel, und das Ziel war es, unsere Bewegung zu destabilisieren und dem ANC die Freiheit zu verschaffen, seine kriminellen Angriffe auf unsere Bewegung fortzuführen. Die Angreifer wurden nie verhaftet. Niemand wurde wegen der Zerstörung, dem Verbrennen und den Plünderungen verhaftet. Die Kennedy 12 sind welche von denen, deren Häuser zerstört wurden, deren Hab und Gut geplündert worden ist. Niemand wurde wegen der öffentlich ausgesprochenen Morddrohungen gegen uns verhaftet. Niemand wurde verhaftet, weil er unsere Bewegung aus der Siedlung verbannt hat, unter Androhung der Todesstrafe.

Der gesamte Prozess, der zu dieser Verhandlung geführt hat, war offenkundig ein politischer und deshalb offenkundig ein korrupter. Das ist der Grund, warum wir den Aufruf zu einer unabhängigen Untersuchungskommission verfasst haben, die im Interesse von Gerechtigkeit und Wahrheit sorgfältig und fair diese Aktionen, und damit den lokalen und den Provinz-ANC, die Polizei, die Geheimdienste, die Staatsanwaltschaft, die Gerichte und unsere Bewegung untersuchen soll, ihre Unterkomitees und unsere UnterstützerInnen.

Abahlali baseMjondolo möchte all unseren GenossInnen in Südafrika, darunter vor allem unseren GenossInnen in der Allianz der Armen und den Kirchenführern, die uns zur Seite gestanden sind, für ihre Solidarität aufrichtig danken. Wir möchten auch unseren GenossInnen in Russland, Italien, Deutschland, England, der Türkei, den Philippinen, den USA und anderswo danken, die Protestbriefe an unsere Regierung geschrieben und Protestversammlungen vor den Botschaften unserer Regierung auf der ganzen Welt veranstaltet haben. All diese unterschiedlichen Menschen und Gruppen haben darauf bestanden, dass es eine faire Untersuchungen aller Aspekte des Angriffs geben muss (sowohl des ursprünglichen Angriffs, der Plünderungen und Zerstörungen unserer Häuser, als auch der Gewalt und von der Polizei unterstützten Vertreibung und der Verbannung unserer Bewegung aus der Siedlung) und dass die südafrikanische Regierung sich bei ihrer Antwort auf diesen Angriff und die sich daraus ergebenden Konsequenzen an ihre eigenen Gesetze halten muss, an internationale Gesetze und an die Basis von Demokratie und Fairness.

In den letzten Tagen hat der Staat eine Vertagung der Verhandlung verlangt. Sie haben durchgängig konstruierte Verzögerungen eingebracht, um den jurstischen Prozess zu verzerren und die Kennedy 12 weiterhin im Gefängnis zu behalten sowie deren Möglichkeit einer Freilassung auf Kaution zu hintertreiben. Sie hatten zehn Monate Zeit, sich auf ihren Fall vorzubereiten, und wenn sie in diesem späten Stadium immer noch Vertagungen verlangen, dann steht für uns fest, dass sie nichts in der Hand haben. Wir haben unsere AnwältInnen beauftragt, diesen Antrag auf Vertagung abzulehnen.

Wir stehen nicht alleine gegen die Repression. Alle Bewegungen der Armen in Südafrika sind seit Jahren mit Schikanen durch die Polizei konfrontiert. Aber die Art der Repression, wenn eine Bewegung von bewaffneten Zivilisten angegriffen wird, die auf ethnischer Basis mobilisiert werden und von der Polizei unterstützt anstatt direkt angegriffen zu werden, ist eine neue Form der Repression. Das ähnelt fatal der Art, in der der Apartheid-Staat versuchte, in den 80er Jahren die UDF zu unterminieren. Unlängst wurde die Bewegung der Landlosen in Johannesburg in ähnlicher Weise angegriffen. Wir erhalten weiterhin Unterstützung von allen, die an Gerechtigkeit glauben und an das Recht der Armen, sich selbst für sich selbst zu organisieren. Wir lehnen weiterhin alle Arten ethnischer Politik ab und bestehen auf unserem Recht, eine Politik von den und für die Armen zu machen, und zwar von und für alle Armen, von der Basis ausgehend.

Abahlali baseMjondolo wurde zur Hoffnung und Heimat so vieler Menschen auf der Welt. Deshalb gelobt Abahlali baseMjondolo, dass es alles tun wird, die Durchsetzung der Interessen der BarackenbewohnerInnen und der Armen in Südafrika zu schützen und dafür einzustehen und, wenn es in unserer Macht steht, die Kämpfe unserer GenossInnen in aller Welt zu unterstützen.

Wir wissen genau, dass in den Augen des Staates unser echter Sündenfall der war, dass wir außerhalb staatlicher Kontrolle operiert haben. Deshalb haben sie uns angegriffen. Der ANC weigert sich, die politische Autonomie der Armen anzuerkennen. Aber jedeR kann sehen, dass der Staat die Armen in Südafrika hat fallenlassen, und deshalb werden wir uns weiterhin außerhalb seiner Kontrolle und seiner Logik organisieren. Wir werden weiterhin die Armen ermuntern, sich selbst für sich selbst zu organisieren. Unser Leben und die Leben unserer Kinder stehen auf dem Spiel. Wir können nicht aufgeben.

Aluta Continua – Der Kampf geht weiter

Kontakt: Bwandile Mdlalose, Generalsekretärin von Abahlali baseMjondolo: 074 730 8130, Mnikelo Ndabankulu, Sprecher von Abahlali baseMjondolo: 079 745 0653, S’bu Zikode, Präsident von Abahlali baseMjondolo: 083 547 0474, Mzwake Mdlalose, Vorsitzender des Kennedy Road Development Committee: 072 132 8458

Neue Ausgabe der Zeitung der Anarchokommunisten aus Suedafrika

zabalaza nachrichten

We, at the Zabalaza Anarchist Communist Front (ZACF) are pleased to announce that issue number 11 of our organ Zabalaza: A Journal of Southern African Revolutionary Anarchism is now available online.

Zabalaza: A Journal of Southern African Revolutionary Anarchism

In this issue:

Editorial – by the Zabalaza Anarchist Communist Front

South Africa:

- At the End of the Baton of South African Pretentions – Warren McGregor (ZACF)
- Electricity Crisis in Protea South – Lekhetho Mtetwa (ZACF)
- Conned by the Courts – Sian Byrne, James Pendlebury (ZACF), Komnas Poziaris
- Death and the Mielieboer – Michael Schmidt
- The Crisis Hits Home: Strategic Unionism or Revolt? – Lucien van der Walt
- Sharpening the Pangas?: Understanding and Preventing future Pogroms – Michael Schmidt
- Riding to Work on Empty Promises – Jonathan P. (ZACF)

Africa:

- Short-changed: Egyptian Struggle for Democracy Founders on Obama’s Stinginess – Michael Schmidt
- Massacre as a Tool of the African State – Michael Schmidt

International:

- Chile and Haiti after the Earthquakes: so different yet so similar – Jose Antonio Gutierrez D.
- Obama’s Imperial War: An Anarchist Response – Wayne Price (NEFAC)

Theory:

- Anarchism vs Liberalism: Whose Powers are Separate? – James Pendlebury & Sian Byrne (ZACF)

History:

- Industrial and Social Foundations of Syndicalism – Michael Schmidt

Counter-Culture:

- All in the Name of the Beautiful Gain: A ZACF Statement on the 2010 Soccer World Cup in South Africa

Related Link: http://www.zabalaza.net/pdfs/sapams/zab11.pdf

Anti-Columbus-Tag 12.10.

Anti-Columbus-Tag 12-10-

Siehe auch bei „Töne“ einen Aufruf: Reconsider Columbus Day