„Schwarzer Winkel (und Co)“Schafft den „Tag der Arbeit“ ab !!!

Während „KünstlerInnen“ ihr vom Staat nicht geförderte Skulptur einfordern, „revolutionäre Tanzflächen“ von den Parteien gesponsert werden sollen, sie alle zentral und doch von allen anderen getrennt, oft am Vorabend des 1.Mai versammelnd, besetzen Gewerkschaften , Parteien und parteiähnliche Organisationen am Vormittag danach schon seit so langer Zeit alle Strassen –
Wir fordern stattdessen weg mit diesem 1.Mai, dem „Tag der Arbeit“ – denn während alle oben genannten ihre Teilhabe am Kapitalismus einklagen, erinnern wir uns an die, die von allen verkannt, bekämpft und bestenfalls negiert wurden und werden ---

Der nachfolgende Artikel wurde für die Ausstellung „Marginalisierte“ im Januar 2008 formuliert und als Audiodatei veröffentlicht. In diesen zwei Jahren haben sich viele der dort aufgestellten Zusammenhänge nicht geändert, d.h. doch: sie sind deutlicher, rassistischer und mehrheitsfähiger geworden.


Schwarzer Winkel und Co.

Ihr behandelt mich wie Scheisse, wie den allerletzten Dreck
Doch guck ich euch in die Augen, dann dreht ihr euch lieber weg
Ihr nennt mich Penner, wenn ich durch eure Viertel geh
Weil ich keine Kohle hab und anders ausseh
Doch nur hinter vorgehaltner Hand, denn ihr seid feige
Aber wartet nur ab, denn mit euch geht’s auch zu Neige
Dann bleibt euch eure Arroganz im Halse stecken
Eure Dummheit und Ignoranz, daran sollt ihr verrecken


Auch wenn die Verfolgung und Vernichtung der so genannten „Asozialen“ fast siebzig Jahre zurückliegt, drängen sich in den aktuellen Methoden des Arbeitszwangs, der „Faulenzer und Unterschichten“ Debatte und der damit verbundenen Repressionen mehr und mehr Erinnerungen an diese Zeit auf – von den Vertreibungen der Bettler und Wohnungslosen in den letzten Jahren gar nicht erst groß zu reden.

Lieg ich im Suff am Boden, dann spuckt ihr mir ins Gesicht
Und ihr macht eure Witze, aber ich vergess das nicht
Du gehst aufrecht und ich auf allen Vieren
Doch mein Vorteil in dem Spiel: Ich hab nichts mehr zu verlieren
Du dagegen – Ist dein Job sicher?
Und wie lange zahlt es sich noch aus als Arschkriecher?
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, red nicht mit dem Penner von nebenan
Du glaubst, dir geht es gut, doch wer ist als nächstes dran
Doch bis dahin passt auf, dass ihr eure Viertel nicht verlasst
Denn ich wart auf euch – ich bin das Arschloch, das euch hasst

(Fischmob: Hey du Penner)

Die Bezeichnung „asozial“ war und ist die übliche Bezeichnung für die als „minderwertig“ eingestuften Menschen, die nach Ansicht der tonangebenden Gesellschaftsschichten nicht oder nur ungenügend arbeiten oder unangepasst leben – scheinbar unfähig zur Eingliederung.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

Gemäß einem Grunderlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung vom Dezember 1937 konnten die „Asozialen“ im Rahmen dieser Prävention in ein Konzentrationslager eingeliefert werden. Durch die Aktion“ Arbeitsscheu Reich“ kam es 1938 zu Massendeportationen, oft mit tatkräftiger Unterstützung der Arbeits- und Fürsorgeämter.

Als „Asozial“ galten u.a. : Bettler, Körperbehinderte, Denunziantenopfer, Wohnungs- und Obdachlose, Aufsässige, Wanderarbeiter, Legastheniker, Roma und Sinti, weibliche Homosexuelle, Waisen, Prostituierte, Zwangsprostituierte, Frauen mit wechselnden sexuellen Kontakten, Kleinkriminelle, ständige Nörgler, Menschen, die Armen oder gar KZ-Häftlingen halfen, Anarchisten, Gehörlose, Analphabeten, so genannte Arbeitsscheue, Bummelanten, Faule, Autisten, Stotterer, nicht „Reinrassige“, Volksschädlinge, Volksverräter usw.usw.

Stacheldraht – mit Tod geladen

Die so als „Asoziale“ Verschleppten wurden mit einem „Schwarzen Winkel“ auf der Häftlingskleidung markiert. Diese KZ-Insassen standen zusammen mit den männlichen Homosexuellen und den jüdischen Gefangenen am untersten ende der Häftlingshierarchie.
Durch dieses System (der Kennzeichnung) waren die Gefangenen zum einen besser kontrollierbar, zum anderen wurde mit der Vergünstigung , einen anderen Winkel zu erhalten, KZ-Häftlinge zu Denunzianten und Spitzeln angeworben.
Auch – aber nicht nur in den genannten untersten Kategorien gab es dokumentierte Versuche interner Aufstiege.

Aber es waren nicht die Nazis, die das Wort „Asozial“ geprägt hatten.

Links zwei, drei ..“

Schon zuvor bei Sozialdemokraten und Kommunisten war die Arbeit heilig. Der Sinn der jeweiligen Arbeit wurde nicht hinterfragt. Vielleicht irgendwann im Paradies, aber auf Erden gings allein um Lohnerhöhungen und Arbeitszeiten.
Nur die AnarchistInnen waren es, die dem von Marx/Engels geprägten Begriff der „Entfremdung der Arbeit“ nachgingen und im Diesseits zum Programm machten. Mit dem Niederkämpfen durch Unternehmer und Sozialisten verschwanden diese Fragen mehr und mehr aus der Arbeiterbewegung und die Arbeit wurde zur Ideologie. Wollte dann doch einer nicht arbeiten, so galt er bei den Kommunisten und Sozialisten als „asozial“, ja, die Kommunisten prägten das Wort „Lumpenproletariat“

„Wer wirklich will, findet auch Arbeit“ diese heute ach so vertraute Aussage fand sich auch in den Gedanken und Aussagen der kommunistischen Arbeiterbewegung. Arbeit wurde mehr und mehr idealisiert.
Die so genannten „Helden der Arbeit“ dienten als Ansporn und Vorbild – kräftige Männer mit Hammer und Blick in die Zukunft gerichtet, an ihrer Seite die tüchtige Frau mit Sichel und Kopftuch.
Selbst Schwerstarbeit wurde verklärt.
Menschen, die sich diesem entzogen, galten als „gemeinschaftsschädigend“, als „asoziale Schmarotzer“.

Die deutschen Faschisten ihrerseits mochten das Wort „Asozial“ nicht und versuchten es durch andere Begriffe zu ersetzen. Aus „Asozialen“ wurden so „Volksschädlinge“, die es zu vernichten galt –

Vernichtung durch Arbeit

- Begriff der im NaziLagerSystem geprägt wurde. Gemeint ist die planmässige Tötung von Zwangsarbeitern oder Häftlingen durch Schwerstarbeit und mangelhafte Versorgung , oft 12 bis 16 Stunden Arbeit mit ungenügender medizinischer Versorgung, mit Folter und Misshandlungen bis hin zur direkten Ermordung.“

Der Einfluss der sogenannten Asozialen auf das Lagergeschehen war äusserst gering. Weder wurden sie von anderen Häftlingsgruppen unterstützt, noch entwickelten sie selber eigene Formen der Organisierung. In den Erinnerungen der anderen Überlebenden waren die vom „Schwarzen Winkel“ nur verachtet. Erst einmal in ein KZ eingewiesen, blieb ihnen nicht einmal die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Diesseits oder im Jenseits. Vor allem von den “Politischen“ wurden sie vehement abgelehnt. Hatten die „Politischen“ ihre Partei oder „ihre“ andere Welt als Hoffnung, so blieben die Asozialen nach Meinung der anderen nichts als ihr eigenes, von den Nazis als minderwertig eingestuftes selbstverschuldetes Leben.

Wir erinnern uns: als „Asoziale“ galten auch die, die nicht ordentlich gekleidet waren, oder weder die Nazi- noch die KPDZeitungen abonniert hatten, Jugendliche, die sich weigerten, der HJ beizutreten –also alle und jene, die den von den Nazis aufgestellten Normen nicht entsprachen.
Die Häftlinge mit dem „Schwarzen Winkel“ erlebten die gleiche gesellschaftliche Isolation und Diskriminierung wie in der Zeit zuvor und sollte sie bis in die heutige Zeit verfolgen.
In den Lagern wurden sie nicht als LeidensgenossInnen gesehen, sondern nur als Bedrohung.
Leichtes Spiel für die Nazis. Deren Ziel – die endgültige Beseitigung abweichenden Verhaltens.

Männer sind sich alle gleich … „

Ein besonders grausames Schicksal – die Frauen mit dem „Schwarzen Winkel“. Zu ihnen zählten nicht nur homosexuelle Frauen oder Prostituierte, sondern auch Zwangsprostituierte. 33 000 Frauen wurden in den Bordellen der SS, der Wehrmacht und in den Lagerbordellen der KZs zu Zwangsprostituierten.
Viele dieser Frauen wurden nach sechs Monaten „Einsatz“ als „Geheimnisträgerinnen“ sofort ermordet. Die anderen kamen danach in einen Sonderbau des KZ Ravensbrück.

Ein gesonderte Gruppe der „Asozialen“ bildeten die Sinti und Roma. Sie wurden in so genannten „Familienlagern“ innerhalb der KZs in abgesonderten Blöcken untergebracht , häufig dem Prügeln und Foltern auch durch Lagerinsasse ausgeliefert. Alle Roma und Sinti erhielten bei ihrer Einlieferung in die Lager eine Häftlingsnummer in den Arm eintätowiert –damit waren sie ausnahmslos für die spätere Ermordung vorgesehen.

Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern 1945 betrug der Anteil der Häftlinge mit dem „Schwarzen Winkel“ je nach Lager etwa 10 bis 20 %. Danach hat sich keiner/keine ernsthaft um das Schicksal dieser Verfolgten gekümmert. Erst 1987 wurde sich einem Teil dieser Vergessenen wieder erinnert – hier der Roma und Sinti, den männlichen Homosexuellen (Inzwischen auch den Deserteuren und aktuell den weiblichen Homosexuellen- Stand 4/2010)

Alle anderen als „Asozial“ verfolgten Menschen werden bis heute weitestgehend vergessen oder dienen weiterhin als das Negative, Abwertende, Diskriminierende in der Gesellschaft.

Lumpen – proletariat

Ich brauch‘ kein seid‘nes Taschentuch
Zwei Finger sind doch auch genug
Ich bin ein Lump, ich bin ein Lump
Ich bin ein liederlicher Lump

Schlips und Kragen sind mir fremd
Ich trag‘ viel lieber ein offenes Hemd
Ich bin ein Lump …

Schon damals in der Schule, oh, der Lehrer schrie:
Ein Schüler ohne Ordnung, das ist Anarchie
Doch es ist mir ganz egal, wie Ihr das benennt
Ich bleib‘ frech und froh, das ist mein Element
Ich bin ein Lump …

Mein Vater starb am Säuferwahn
Doch ich bau‘ lieber Hanfgras an
Ich bin ein Lump …

Neulich hab‘ ich eine Glatze gerupft
Die ist vor mir über’s Feld gehupft
Ich bin ein Lump …

Gestern in der U-Bahn, oh, der Schaffner schrie:
Sie haben keinen Fahrschein, das ist Anarchie
Doch es ist mir ganz egal, wie Ihr das benennt
Ich bleib‘ frech und froh, das ist mein Element. Ich bin ein Lump .
.“

(Mutabor)

Doch mehr und mehr lösen sie sich aus den individuellen stillen Protesten heraus und artikulieren sich öffentlich und gemeinsam , die „Faulenzer und Unterschichts“ Kampagnen greifen nicht bei ihnen nicht mehr, die übergewichtigten Asozialen entpuppen sich mehr und mehr als ein wütendes, sich selbstbehauptendes Individuum. Die Repressionen verblassen bei immer mutiger werdenden gemeinsamen Auftreten.

Gerald Grassl hat zum „Schwarzen Winkel“ einiges zusammengetragen.
• Desweiteren gibt es eine Broschüre(?) von Gerd Linner aus Köln („Autonomes Knastprojekt“)
• „Töne“ heute von Mutabor „Ich bin ein Lump“

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