Juana Roco Buela

(Juana Roco Buela, Virginia Bolten und andere gründeten wohl die ersten anarchafeministischen Organisationen der Welt- mit den beiden Zeitungen „La Voz de Mujer“ y „Nuestra Tribuna“–
Ihnen ging es nicht um Frauenwahlrecht, berufliche Gleichberechtigung oder die Fixierung auf den Unterleib(Homo contra Hetero) sondern „nur“ um die soziale Revolution)

1862 gab es die ersten freien Wahlen in Argentinien nach Jahren der Unabhängigkeit und anschließender Diktatur. In den nächsten Jahren begann die vom Kongress beschlossene Eliminierung der indigenen Bevölkerung, hier vor allem der im Süden des Landes lebenden Mapuche .Nur wenige von ihnen überlebten die systematische Vernichtung. Bis heute werden die Mapuche von den beiden herrschenden Systemen in Argentinien und Chile verfolgt und unterdrückt.
Zum anderen gab es in Argentinien so etwas wie einen wirtschaftlichen Aufschwung, der durch sehr liberale Einwanderungsgesetze verstärkt wurde, wenn auch die Rechte der EinwanderInnen selber sehr begrenzt waren. Nationalistische Ideen, vor allem durch die große Macht der Latifundisten, bedeckten das ganze Land und provozierten den dementsprechenden Widerstand. So organisierten sich 1901 die anarchosyndikalistisch orientierten EinwanderInnen vor allem aus Spanien und Italien in der FORA.
Doch schon 1896 war in diesem Aufbegehren eine Zeitung erschienen, die nicht nur anarchokommunistische Ideen verbreitete, sondern wohl als die erste anarchafeministische Gruppierung der Welt gelten kann „La Voz de Mujer“ –die gleichnamige Zeitschrift erschien zuerst in Buenos Aires, dann in der Industriestadt Rosario , herausgegeben vor allem von spanischen Anarchafeministinnen.
Namentlich bekannt wurde Virginia Bolten, Tochter eines Straßenhändlers und Mitorganisatorin der ersten Maidemonstration in Argentinien.
Nach eigenen Angaben widmete sich „La Voz de Mujer“ vor allem der Situation der Frauen.

Wir glauben, dass in dieser Gesellschaft nichts und keiner mehr unterdrückt wird als die Frauen – von der bürgerlichen Gesellschaft wie von den eigenen Genossen.“

und so verstand sich die Zeitung auch als Angriff auf die männliche Macht über die Frauen durch z.b. die herkömmliche Ehe, die die Freiheiten der Frauen einschränkt, auch die der sexuellen.
Heiraten ohne Liebe – Treue durch Angst erzwungen – symbolisiert durch die Nötigung des Ehevertrages --- das galt es zu bekämpfen – durch die freie Liebe und die soziale Revolution.

„Deprimiert, weil wir mit so vielen Tränen und so viel Elend sind, deprimiert mit der Plagerei mit den ach so lieben Kindern, deprimiert mit den Fragen und den Bitten, Spielzeug sein für die Ausbeuter und unsere abscheulichen Männer – haben wir uns nun dafür entschieden, unsere Stimmen im Konzert der Gesellschaft zu erheben, um unseren Teil des Vergnügens im Leben zu fordern.“

Ni Jefe, ni Dios, ni Marido --- wurde zur Losung, die theoretisch von den männlichen Genossen unterstützt, in der alltäglichen Praxis allerdings z.T. heftig abgelehnt wurde.
Eines der Gründe warum „La Voz de Mujer“ nach nur einem Jahr wieder aufgelöst wurde.

Dann tauchte 1904 eine damals 15jährige bei einer Maikundgebung auf, die in den nächsten Jahrzehnten die Entwicklung der anarchafeministischen Bewegung entscheidend beeinflussen sollte: Juana Roco Buela, einige Jahre zuvor aus Galizien eingewandert.

Sie wird mehr und mehr eine der führenden Syndikalistinnen in der Zuckerfabrik von Rosario (300 km von Buenos Aires), organisierte dort einen Streik, der später in einen Generalstreik übergeht. In diesem Jahr, 1907, gründet sie zusammen mit Virginia Bolten, M arie Collaso und anderen Frauen das „Anarchafeministische Zentrum Louise Michel“ mit Referentinnen und Aktivistinnen, zu dieser Zeit ein spektakulärer Treffpunkt für Arbeiterinnen und Frauen des Ortes.
Aus diesen Treffen entwickelten sich sehr schnell gemeinsame Aktionen, z.B. Mietstreiks und Manifestationen gegen Zwangsräumungen. Diese Versammlungen wurden bald von Polizei und Militär verboten, Juana und andere Frauen des Zentrums wurden ausgewiesen.
Juana kehrte 1917 aus Spanien nach Argentinien zurück und konzentrierte ihre Arbeit in den nächsten Jahren vor allem auf die Frauen ihrer Umgebung.
1921 gründete sie mit einigen von ihnen ein Soziales Zentrum, in dem Veranstaltungen und Aktionen zur persönlichen und öffentlichen Situation der Frauen stattfanden.
Eine dieser Veranstaltungen mündete in der Gründung der internationalen anarchafeministischen Zeitung „Nuestra Tribuna

Wir glauben, dass die Zeitung eine Waffe ist und wir gebrauchen sie --- schwierige Aufgabe, die Feder zu ergreifen, wir, die wir nie im Hörsaal einer Universität waren, wir, Töchter des Hungers und des Elends.“

Sie erschien alle zwei Wochen mit 4 Seiten, ausschließlich von Frauen geschrieben und editiert, wurde in ganz Argentinien per Zug verteilt und kam sogar bis in die USA und nach Europa – auch wenn es von den eigenen männlichen Genossen viel Kritik und Häme gab und eine unbekannt gebliebene Gruppe das Büro der Frauen beschoss, wurde die Zeitung anfangs auch in vielen argentinischen Kiosken verkauft, dann allerdings von offizieller Seite verfolgt und verboten.
Die letzte Ausgabe erschien 1924.

Juana unterstütze später die spanische Revolution und schrieb Artikel für die „Mujeres libres“.1964 erschien ihre Autobiografie „Historia de un ideal – vivido por una mujer
Sie starb 5 Jahre später, am 31.October in Buenos Aires.

(Aus dem Manuskript zum Podcast von Radio Chiflado)

zum Thema siehe auch: Ito Noe – Anarchafeministin aus Japan

bei „Töne“ findet ihr einen aktuellen Vortrag (Libertäre Aktion Winterthur) zum „Anarchafeminismus

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