Archiv für März 2010

Amandla Awethu

Western Cape Anti-Kampagne der Vertreibung

Das „Anti-Kampagne der Vertreibung Western Cape „ist eine „Graswurzelbewegung“, in der sich die Armen und Unterdrückten vor allem aus den Townships um Kapstadt organisiert haben. Seit 10 Jahren kämpfen sie gegen die Privatisierung der Wasserversorgung, das schlechte Gesundheitswesen, für freien Zugang der Energieversorgung, menschenwürdigen Wohnraum und der Polizeibrutalität

Sie werfen die Leute aus, wir setzen sie wieder herein. Man schneidet uns die Wasserleitungen ab, dann legen wir sie wieder an

Nun hat die Bekämpfung der Armen eine neue Dimension bekommen. Nach dem Zuschlag für die FussballWM hatte schon die damalige und jetzige Bürgermeisterin von Kapstadt, Helen Zille(Liebling von taz bis faz), angedroht, eine Mauer vor dem grössten Township von Kapstadt, Khayelitsha, zu ziehen, um so den vielen Gästen die 2010 nach Kapstadt kommen, den „Anblick zu ersparen“. Nun läuft eine grosse Räumungskampagne.
Der Dokumentarfilm „ Im Schatten des Tafelberges“, der z.Zt. an einigen Orten in Deutschland gezeigt wird und demnächst wohl in die Kinos kommt, zeigt diese Entwicklung aber vor allem zeigt er den Widerstand dagegen auf – vor allem der der o.a. „Antivertreibungskampagne Westkap“ – eine Organisation der Armen, die ähnlich wie Abahlali base Mjondolo (siehe zu beiden Links rechts)mit Mitteln der „direkten Aktion“ diesen Widerstand organisiert.

Wir haben bisher nur den Trailer gesehen — der durchaus Lust auf mehr macht

http://dok-werk.com/de/film/im_schatten_des_tafelberges

Bei „Töne“ einen Audiobeitrag zu „Radio Zibolene“ in Khayelitsha aus dem Jahre 2007

STRAFLOS – abolitionistische Streitschrift

Abolitionismus = Abschaffungs-Bewegung

Heißt eigentlich also nur: Hau weg den Scheiss! Gab es gegen die
Sklaverei in den USA, gegen die staatliche Kontrolle der Prostitution,
gibt es gegen die Todesstrafe, gegen Gefängnisse und Strafjustiz
allgemein. Letzteres ist hier gemeint. War besonders verbreitet
in den skandinavischen Ländernin den 70er und 80er Jahren. Staatliche
Reaktionen darauf waren einige Lockerungen, Reformen (angebliche
„Resozialisierung“). In den letzten 20 Jahren aber wieder
viel Rückschritt in Richtung Straflogik. Doch es gibt weiterhin Vernetzungen
der Bewegungen gegen Gefängnisse und Strafjustiz, alle 2
Jahre einen Weltkongress (ICOPA) auf wechselnden Kontinenten
zwecks Theorie- und Erfahrungsaustausch. (Auch wir meinen, in reaktionären
Zeiten sei es besonders wichtig, kritisches Denken & Handeln weiter zu entwickeln,
Alternativen vorstellbar zu erhalten.)

Die Nr.2 ist nun erschienen. Daraus der nachfolgende Artikel:


„Gesellschaft ohne Knäste
“ -
klingt heute irgendwie daneben. Wie
soll das denn gehen? Und will das wirklich einer oder eine? Gegen
die Todesstrafe was tun oder weil eine unschuldig ist, ja, kein Problem!
Andere haben dann da noch ihren eigenen „politischen Gefangenen“.
- Aber kein Einsperren mehr, keine Vergeltung, keine
Gerechtigkeit?
Und schon sind sie alle in die Falle getappt, sind diszipliniert in der
Disziplinierungsgesellschaft, zwischen Zugeständnissen und täglichen
kooperierenden Überwachungen -“Wer sich an die Gesetze
hält, dem passiert nichts“ – und merken nicht, dass auch sie längst
im Fadenkreuz sind
Eigentlich brauchen wir hier ja nichts mehr tun: In naher Zukunft
werden die Knäste von sich aus verschwinden. Hausarrest mit Fußfesseln
schon beschlossene Sache. Elektronische Halsbänder werden
schon diskutiert, private Sicherheitsdienste, Chipkarten, Internetkontrollen
Kameraüberwachung, biometrische Zuordnung schon
praktiziert, bereit für Ausgrenzung bestimmter sozialer sozialer
Schichten, Migranten, illegalisierte Flüchtlinge. Alles geplant als
gut geölte Maschine mit „no-go-areas“. Nur mit entsprechender
Karte zu betreten.
Aber die Umwandlung in die Kontrollgesellschaft ist noch nicht
abgeschlossen. „Null Toleranz“, „Strafverschärfung“ – fast könnten
wir von einer „Wiederentdeckung des Gefängnisses“ sprechen, wenn
auch mehr und mehr aus Kostengründen privatisiert wird. Immer
neue, andere Bedrohungszenarien werden aufgebaut: „Die da müssen
weg, gehören abgeschoben, eingesperrt.“
Wenn wir hier wieder und weiterhin von „Gesellschaft ohne Knäste“
reden, so heißt dies, all das gerade Gesagte anzugehen, aufzubrechen,
Alternativen dazu zu entwickeln – weil sich immer weniger durch
ein „mich betrifft das nicht“ rausreden können. So werden z.B.
immer mehr Menschen gezwungen, ihr tägliches Überleben zu
sichern, greifen zu „illegalen Methoden“. 80 % der Inhaftierten
sind so genannte „Eigentumsdelikte“.
„Gesellschaft ohne Knäste“ heißt heute und hier unsere Beziehungen
zu einander zu verändern. Konflikte können nicht eingesperrt
werden. Das heißt täglich Lösungen zu suchen und zu finden, ohne
auf Bestrafung zurückgreifen zu wollen. Heißt auf Dauer eine radikale
Veränderung dieser Gesellschaft.Viele von uns (mich eingeschlossen)
haben vielleicht noch ihre eigenen Rachefantasien. Aber
ich denke, wir alle haben auch unsere jeweiligen alternativen Konfliktlösungen,
sei es in privaten oder öffentlichen Zusammenhängen,
bis hin zu bestimmten Methoden der Selbstverteidigung.
Seitdem es diese Kämpfe gibt, ist eigentlich alles schon gesagt worden.
Ich möchte daher abschließend einige Sätze von kämpfenden
Gefangenen aus Italien vorbringen:

Wir sind gegen den Knast …
Wir sind gegen den Knast, weil er geschaffen und entwickelt wurde, um die Privilegien der
Reichen und die Macht des Staates zu beschützen.
Wir sind gegen den Knast, weil eine Gesellschaft ihn nicht mehr braucht, wenn sie nicht auf
Geld und Profiten, sondern auf Freiheit und Solidarität basiert.
Wir sind gegen den Knast, weil wir nach einer Welt streben, wo die Regeln wirklich
gemeinsam entschieden werden.
Wir sind gegen den Knast, weil selbst das grausamste Verbrechen irgend etwas über uns selbst
erzählt, über unsere Ängste, unsere Schwächen.
Wir sind gegen den Knast, weil nichts Gutes auf Unterwerfung und Zwang wachsen kann.
Wir sind gegen den Knast, weil wir diese Gesellschaft radikal verändern wollen (und deswegen
ihre Gesetze übertreten), weil wir uns nicht friedlich in ihre Städte, ihre Fabriken, ihre
Kasernen, ihre Einkaufszentren integrieren wollen.
Wir sind gegen den Knast, weil der Lärm der Schlüssel im Zellenschloss eine tägliche Folter
ist, Isolation eine Abscheu, das Ende der Sprechstunde eine Qual, die eingesperrte Zeit eine
Sanduhr, welche langsam tötet.
Wir sind gegen den Knast, weil er uns entweder viel zu viele Tage, Monate oder Jahre, oder
viel zu viele FreundInnen, Unbekannte oder GenossInnen weggenommen hat.
Wir sind gegen den Knast, weil die Menschen, die wir darin getroffen haben, weder besser
noch schlechter sind als diejenigen, die draußen rumlaufen. (Obwohl wenn ich nachdenke,
sind sie doch besser).
Wir sind gegen den Knast, weil die Nachricht eines Ausbruchs unsere Herzen aufwärmt, mehr
als der erste Tag des Frühlings.
Wir sind gegen den Knast, weil eine Gesellschaft, die es braucht, Menschen einzusperren und
zu entmündigen, selbst ein Knast ist.
Kündigen wir dieser Gesellschaft, ersetzen wir ihre Gesetze und ihr Recht durch unsere
eigenen Regelungen !

Deshalb : Für eine Gesellschaft ohne Knäste

Das ganze Heft bei :
http://autonomes-knastprojekt.blogspot.com/

Bei „Töne“ hört ihr das schon klassische Lied „Liberare Tutti“

Der „aufständische Anarchismus“

Geschichte und Gegenwart

In der heutigen anarchistischen Praxis sind zum einen der Anarchosyndikalismus und zum anderen der „aufständische Anarchismus“ die einzigen nennenswerten libertären Bewegungen. Wobei hier in Deutschland, wo der Syndikalismus vor allem in den Organisationen der „FAU“ beachtenswerten Raum einnimmt, der „aufständische Anarchismus“ im Gegensatz zu Italien, Spanien und Griechenland eher in die „autonome“ Ecke geschoben wird, in die des „schwarzen Blockes“.
Neben einer durchaus respektablen Geschichte gehen aber auch heute noch viele interessante, ja wichtige Impulse für die libertäre Bewegung auch und gerade von den „Aufständischen“ aus – bei all der berechtigten Kritik .

All dies will der folgende, etwas längere Beitrag erläutern

Teil 1: Gestern und damals

Aufständischer Anarchismus – der Aufstand als Taktik wurde relativ schnell von einem Teil der Anarchisten im 19.Jh. ausgegeben. Wohl zu den ersten Aufständen der libertären Geschichte gehören die der „Ludditen“, Textilarbeiter ,die ab 1811 zahlreiche Sabotageaktionen durchführten und auch später einzelne Personen (Richter und Lebensmittelhändler) angriffen .Hier zeigten sich schon die ersten Merkmale des „aufständischen Anarchismus“

Die „direkte Aktion“, die sich durch den Aufstand artikuliert, oft aus dem Elend und der Verzweiflung gewachsen, daraus auf das Jetzt und Heute konzentriert, ohne sich ein Morgen überhaupt vorstellen zu können oder – wie wir später in Italien lesen können – in der Hoffnung durch den Aufstand sofort zu einer sozialen Revolution und einer libertären Gesellschaft zu kommen – eng angelehnt an die Aktionen und Personen der so genannten Propaganda der Tat.
Einer ihr Befürworter, Michail Bakunin, war dann auch maßgeblich an einem Aufstand, dem von 1870 in Lyon, beteiligt – jedoch zu unentschlossen das weitere Vorgehen der Kommunarden von Lyon – es bleibt eine Proklamation, vor Tausenden verlesen und verteilt. Nach einigen Tagen ist das Experiment durch staatliche Repression beendet.
Die „Pariser Kommune“ jedoch nimmt sich die Tage von Lyon als Vorbild und versucht bis zur brutalen Niederschlagung die Ideen des Aufstandes in die Praxis umzusetzen – ähnliches dann bei den Brüdern Magón in Baja california, Mexiko und in der Ukraine durch die Machnow-bewegung.

Durchaus in der Tradition der Aufstände als Mittel zur sozialen Revolution können die Aktionen in Spanien der 30erjahre gesehen werden, die von den spanischen Anarchistinnen und Anarchisten zu einem der größten libertären Experimente genutzt wurden – dem der spanischen Revolution in der Zeit bis 1939

„Es ist eine Illusion zu glauben, dass einige Kilo Dynamit genügen, um gegen eine Koalition von Ausbeutern zu gewinnen“

Die Geschichte des aufständischen Anarchismus und seine verschiedenen Ausdrucksformen lassen sich beispielhaft in der Geschichte des italienischen Anarchismus verfolgen – zum einen waren es Aufstände für eine soziale Revolution, die sich nach ihrem Scheitern zum anderen oft in individuelle Aufstände niederschlugen. Die wohl erste revolutionäre Bewegung, die auf eine soziale Revolution hinarbeitete, ist während des „Risorgimento“ erwähnt – Carlo Pisacane, einer ihrer Protagonisten, 1818 in Neapel geboren, gilt wohl als der Vorläufer des „libertären Sozialismus“ und einer der ersten italienischen Anarchisten.

„Aufstände, auch und gerade die gewalttätigen, erregen nicht nur Aufmerksamkeit und öffentliches Interesse für ihr Anliegen, sondern informieren und bilden, mehr als es 1000 Bände Lehrschriften tun können und führen die Menge für die Ziele der Revolution zusammen. Der lehrende Zweck kann nie auch nicht durch Plakate oder Veranstaltungen ersetzt werden.“

In der Praxis bereitete Pisacane mit einer kleinen Gruppe einen dieser Aufstände in Süditalien vor. Sie kaperten ein Dampfboot und befreiten auf der Insel Ponza über 300 Gefangene. Als sie in Sapri an der Westküste von Italien an Land gehen wollen, werden sie von den dort lebenden Bauern angegriffen, die von den Behörden zuvor vor mordenden und plündernden Sträflingen in Angst und Schrecken versetzt wurden. Durch diese mangelnde Unterstützung wurde es für die französischen Besatzer ein leichtes, die Rebellen niederzuhalten. 25 wurden getötet, die anderen eingekerkert. Ein Gedicht von Luigi Mercantini “Sie waren dreihundert“ und ein Film in den 50erJahren setzten Pisacane und seinen Gefährten ein Denkmal.

„Wir wollen eine tief greifende Revolution, die die Bedingungen des Lebens für alle Menschen verwandelt. Durch den Aufstand können wir alle unmittelbar zu neuen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beitragen .

Wir erwarten nicht, wir können nicht erwarten, dass sich dadurch all unsere Ideen sofort umsetzen lassen – aber durch den Aufstand können wir günstige Bedingungen schaffen für unsere Propaganda und unser Handeln und das können wir erreichen, indem wir die Menschen auffordern, sich das zu nehmen, was sie im täglichen Kampf brauchen“ (Malatesta)

Malatesta war es dann auch, der mit massgeblich an den Aufständen 1874 in Bologna und 1877 in Matese beteiligt war. 1873 schrieb Bakunin sein Hauptwerk „Staatlichkeit und Anarchie“ – zuvor hatte er schon bei den italienischen Anarchisten mit einigen Artikeln für viel Aufsehen gesorgt. Carlo Cafiero und später Errico Malatesta zeigten sich in persönlichen Gesprächen mit ihm sehr beeindruckt – und auch durch die Aufstände in Lyon und Paris planten nun Malatesta und Cafiero zusammen u.a. mit Andrea Costa und Napoleon Papini einen Aufstand in Bologna in der Hoffnung, ihn zuerst auf Italien und dann in ganz Mitteleuropa ausweiten zu können. In zwei Gruppen sollten 1000 Leute Bologna besetzen, um dort Bakunin zu empfangen. Es kamen nur einige hundert, die einige Telegrafenlinien unterbrechen konnten, aber schon bald von der Polizei, die von Spitzeln informiert war, angegriffen und verhaftet wurden. Bakunin, schon auf dem Weg, flüchtete als Priester verkleidet, nach Lugano.

„An diesem Morgen des 8.April
Menschen kamen mit roten und schwarzen Fahnen
Im weissen Staub der verlassenen Strassen
Von Augen hinter Vorhängen beobachtet.
Sie hatten die blauen Augen der Meere
Und kamen aus der Stadt
Und sprachen von Freiheit
Vor dem weissen Staub der verlassenen Strassen
In die aufmerksamen Ohren müder Leute.“

Nach dem gescheiterten Aufstand in Bologna war die libertäre Bewegung in Italien schwerster Repression ausgesetzt. Unter diesem Eindruck aber auch angerührt von der elenden Situation der meisten in Italien, beschlossen die inzwischen wieder freigelassenen einen erneuten Aufstand – diesmal in den Bergen von Matese in Zentralitalien. Die Gruppe baute auf die Verzweiflung und die Unzufriedenheit der Bauern, wollte sie für den Aufstand gewinnen. Von dort sollte diesmal der Funken der Revolution ausgehen.
Die Aktion sollte im März beginnen, doch der Schnee verzögerte das Unternehmen bis in den April. Am 3. diesen Monats tauchten verkleidet u.a. Malatesta im Dorfe San Lupo auf und packten schwere Kisten in die dortige Taverne. Doch die Polizei war von einem Verbindungsmann der Aufständischen informiert. In der Nacht vom 7.auf den 8.April 1877 kam es zu einer Schiesserei, bei dem zwei Polizisten verwundet wurden, einer dabei tödlich. Die meisten Aufständischen konnten fliehen, bei ihnen Malatesta und Cafiero, die nach stundenlangem Herumirren in den Bergen die Stadt Letino erreichten. Sie hissten dort sofort auf dem Turm des Rathauses die schwarz-rote Fahne, besetzten das Rathaus, hoben die Mehlsteuer auf und verbrannten alle Gemeindeakten, vor allem die Katasterkarten.
Sie wurden festgenommen und vor ein Gericht gestellt, allerdings dann durch eine Generalamnestie des neuen Königs Umberto wieder freigelassen.
Auch wenn tausende ihnen nachher zujubelten, war auch hier mehr die eigene Begeisterung und die Kreativität der Revolutionäre das treibende Element. Wieder waren statt Hunderte nut 30 gekommen, die Versorgung auch mit Lebensmitteln nicht organisiert, die einzige Verbindung zu den Bauern entpuppte sich als Verräter. Hier zeigte sich die Schwäche der „reinen Propaganda der Tat“ – und einige der Aufständischen, vor allem Malatesta, sollten sich dann mehr und mehr für Organisation und Streiks einsetzen, ja Malatesta selbst sollte viele spätere Syndikalisten massgeblich beeinflussen.
Andere, vom Scheitern der revolutionären Versuche enttäuscht, rebellierten in individuellen Aufständen gegen einzelne Ziele.

„In ihrer Verbitterung über den unablässigen Kampf und die unausgesetzte Verfolgung durch die Regierung wird jede Tat von ihnen gutgeheissen, was immer ihr Charakter oder ihre Wirkung auf die breiten Volksmassen auch sei, solange ihre Ausführung im Namen des Anarchismus stattfand.“

Der individuelle Aufstand wird hier zum Ziel, nicht mehr zum Mittel.

Dreimal wurde anschliessend versucht, König Umberto I. umzulegen. Erst Gaetano Bresci war am 29.Juni 1900 erfolgreich. Andere italienische Aufständische versuchten es in anderen Ländern. Bekannt wurden vor allem Luigi Lucheni, Sante Caserio , Severino de Giovanni.

Der Faschismus brachte dem „aufständischen Anarchismus“ eine grössere Bedeutung zurück, eine neue, andere Qualität. Viele Anarchistinnen und Anarchisten griffen nun wieder zu den Mitteln zurück, die sie zuvor abgelegt oder gar kritisiert hatten. Michelle Schiró und Gino Lucetti stehen für die individuellen Anschläge auf Mussolini, die Arditi del Popolo (höre dazu auch bei „Töne“) für Zehntausende von AntifaschistInnen, allen voran AnarchistInnen und KommunistInnen, die diesmal von einer starken Unterstützung der Bevölkerung getragen wurden.

Heute und jetzt

Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung. Wir gehören ihr nur in dem Maße an, als wir uns gegen sie auflehnen

„Ab einem gewissen Punkt gibt es kein Zurück mehr. Das ist der Punkt, der erreicht werden muss“(Kafka)

In den 7oerJahren wurde der „aufständische Anarchismus“ als „Insurrektionismus“ neu definiert, wobei dieser Begriff von den Insurgenten selber abgelehnt wird, sehen sie sich doch als die Verweigerer jeglicher Ideologie.
Dieser erscheint als der Weg, der täglich erlebten Machtlosigkeit und der totalen Herrschaft des Staates als Organisation über und in der Gesellschaft zu entkommen bzw. ihn in kleinen informellen autonomen Basisgruppen durch militante Aktionen anzugreifen. Sie berufen sich dabei auf vergangene Kämpfe des „aufständischen Anarchismus“, der vor allem in Italien und Spanien seinen Geist u.a. in den Kämpfen gegen Knäste und damit gegen die ganze Gesellschaft bewahrt hatte. Wenn auch selber autonom und temporär, haben z.B. die Schriften von Alfredo Bonanno einen starken Einfluss auf die Insurgenten, vor allem in Italien und Griechenland, in denen der Aufstand am Ende des Zweiten Weltkrieges durchaus bewährte Praxis war. Die Faschisten waren durch die anarchistischen und kommunistischen PartisanInnen in vielen Gebieten vertrieben, doch der Vertrag von Jalta brachte durch Stalin die Kommunisten wieder auf Linie. Griechenland seinerseits geriet jahrzehntelang in eine Militärdiktatur. In Italien sorgte die KP für eine Abkehr von militanten Kämpfen.

„Was ist der Anarchismus, was bedeutet es Anarchist zu sein? Warum? Weil er keine Definition ist, die, wenn sie einmal gefunden wurde, in einem Tresor aufbewahrt werden kann. Anarchistinnen und Anarchisten sind Individuen, die sich wirklich als solche in Frage stellen, was für eine Beziehung habe ich tagtäglich zu all den Sachen, die ich mache – der Anarchismus ist kein Konzept, das mit einem Wort festgenagelt werden kann, ist keine politische Theorie. Er ist eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung, und das Leben, egal wie jung oder alt wir sind, ist keine definitive Sache. Es ist eine Wette, die wir Tag für Tag neu abschließen müssen“ (Bonanno)

Alfredo M.Bonanno ist wohl der eifrigste Theoretiker des „aufständischen Anarchismus“. Für den Text „Die bewaffnete Heiterkeit“, 1977 geschrieben, wurde er zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, das Buch selber beschlagnahmt. Als Mitherausgeber der zweimonatlich erschienenden Zeitschrift „Anarchismus“ gab er dort Beispiele im Hinblick auf die Ziele der Bewegung.

„Wir sind für die Zerstörung des Staates, d.h. dass wir für die körperliche Vernichtung ihrer Organe und ihrer Vertreter bei der Durchführung des Staates sind. Wir sind gegen die Bullen, gegen die Obrigkeit, gegen die Bürokraten, gegen Gewerkschaftler, gegen die Bosse. Wir sind nicht nur gegen die Polizei, gegen Kontrolle, gegen bürgerliche Justiz, gegen Bürokraten und Gewerkschaften, wir sind auch und gerade konkret gegen die Menschen und die Dinge, die in Wirklichkeit jeden Tag die ideologischen Formen der täglichen Repression bilden.“

Solche kernigen Sätze befördern natürlich für die VertreterInnen des Staates die absonderlichsten Fantasien herbei und so wurde dann Alfredo Bonanno im Rahmen einer Repressionswelle verhaftet und der geistigen Urheberschaft und Mitgliedschaft einer so genannten anarchistischen revolutionären insurrektiven Organisation angeklagt.
Ähnliches widerfuhr ihm dann im Jahre 2003, wo er wegen Unterstützung und Verbreitung umstürzlerischer Propaganda und Chefideologe einer informellen anarchistischen Föderation dann im April 2004 mit elf von ursprünglich 68 angeklagten Anarchistinnen und Anarchisten zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde.
Diese Gruppe, die „informelle anarchistische Föderation FAI“ soll seit 2003 aktiv sein und wurde bekannt durch Aktionen gegen EU-Politiker sowie Anschläge gegen Einrichtungen der italienischen Polizei. Diese Gruppe, falls sie existierte und kein Konstrukt der italienischen Justiz nach den bekannten Mustern der „Strategie der Spannung“ war aufgrund ihrer Aktionen umstritten. Nicht nur dass die Initialen „FAI“ verwirrten und zu einer scharfen Antwort der realen Föderation führten – auf der anderen Seite schreibt die Insurgentenzeitschrift“ Balaklava“

„Vieles was die FAI macht oder gemacht hat, teilen wir nicht. Jedoch teilen wir viele ihre Meinungen, Die Frage, wie weit ein Mensch in seiner radikalen Praxis gehen will, muss und wird nur er wissen. Moralische Barrieren von was, wann, wie und warum etwas gemacht wird, überlassen wir der Linken, die dieses Gebiet sehr gut dominiert.“

Und sie fordert „Revolutionäre Solidarität“, eines der Grundmaxime der Insurgenten.
„Jede Aktionsgruppe verpflichtet sich, die eigene revolutionäre Solidarität jenen Genossen gelten zu lassen, die verhaftet oder untergetaucht sind. Die Solidarität wird sich insbesondere durch die bewaffnete Aktion konkretisieren. Durch den Angriff auf Infrastrukturen und Menschen, die für die Gefangenschaft des Genossen verantwortlich sind. Als Unterstützung in der Repression verstehen wir natürlich nicht die Art eines technischen oder juristischen Beistandes, die bürgerliche Gesellschaft bietet genügend Anwälte, Sozialarbeiter und Priester, so dass wir Revolutionäre uns um andere Dinge kümmern können.“

Dies sieht dann so aus, dass die Situation der Gefangenen in allen Aktionen mit einbezogen wird – bei Kundgebungen oder bei Anschlägen. Als Beispiel seien hier die Aktionen im Zusammenhang mit dem Ökoaktivisten Marco Camenisch in der Schweiz genannt.

In der englischsprachigen Welt waren es vor allem die Texte des Philosophen Feral Faun, auch: Wolfi Landstreicher und seine Übersetzungen der Schriften von Alfredo Bonanno, aber auch die der Individualanarchisten Bruno Fillipo und Renzo Novatore.

„Anarchie ist nicht eine soziale Form, sondern eine Methode der Individuation. Keine Gesellschaft wird mir mehr als eine beschränkte Freiheit oder nur soviel Wohlbehagen zugeben was sie jedem seiner Mitglieder gewährt. Aber ich bin nicht damit zufrieden und will mehr. Ich will alles, weil ich die Macht habe, es zu überwinden. Jede Gesellschaft bemüht sich mich auf die erhabenen Grenzen des Erlaubten und des Verbotenen zu beschränken. Aber ich erkenne die Grenzen nicht an. Weil nichts Verboten sein kann und alles denjenigen erlaubt wird, die die Kraft und den Mut haben. Folglich ist Anarchie die die natürliche Freiheit der vom verhassten Joch von geistigen und materiellen Knechtschaften zu befreienden Personen ist, nicht der Aufbau einer neuen und erstickenden Gesellschaft. Es ist ein entscheidender Kampf gegen das Ganze. Anarchismus ist der ewige Kampf einer kleinen Minderheit von erlesenen Außenseitern gegen alle Gesellschaften, die einander auf der Bühne der Geschichte folgen.“(Novatore)

Die Schriften und Texte sind eine Mischung aus den Schriften Bakunins, dem Denken Stirners, Veröffentlichungen der Situationisten und des Individualanarchismus, getränkt oft in eine akademische und männliche Sprache.

„Jeder gehorcht nur sich selbst und schließt sich mit anderen zweckgebunden zu Vereinen der Egoisten zusammen“(Stirner)
Als informelle Gruppen ergreifen sie die Initiative, sie lehnen jeden Aufbau, jedes Organisieren ab, es sei denn für den Aufstand selbst. In der ständigen Konfrontation mit dem Ziel, dem Staat den Kollaps zu geben.

„Denn wir sind für den sofortigen, zerstörerischen Angriff auf alle Strukturen, Personen und Organisationen von Kapital, Staat und allen Formen der Unterdrückung.“

Dabei umarmt der Aufständische den Gangster als Lebensstil. Seine Handlungen unterliegen keinerlei Moral, sondern geschehen im Namen der eigenen Wünsche und der entsprechenden Bezugsgruppe. Diebstahl und Bankraub wird zur „revolutionären Expropriation“ um das eigene Leben zu finanzieren.

„Mein Ziel ist es nicht zu arbeiten und Leute zu finden die sich wie ich nicht darum kümmern. Ich möchte mit diesen arbeiten, um zu sehen, wie es mit bestimmten Mitteln möglich sein kann, den Staat in die Defensive zu zwingen, ihn anzugreifen bis zur völligen Zerstörung. Unser bewaffneter Kampf beruht auf den Grundsätzen der Einfachheit, der direkten Aktion, der Pulverisierung und der generellen Attacke. Als Anarchisten sind wir für die maximal mögliche Beteiligung der Menschen im Prozess der Befreiung der unbedingt getan werden muss.“
So gerinnt der Aufstand als Mittel und Ziel zugleich.

„Wir wollen keine Utopie für den allgemeinen Konsum“

„Konfliktbereitschaft sollte im Kampf gegen die Machthaber als permanentes Element gesehen werden. Es mag unter Umständen individuelle Gründe geben die Erreichung der eigenen Ziele mit gewalttätigen Mitteln anzuzweifeln, aber wenn Gewaltlosigkeit auf die Ebene eines gewaltlosen Prinzips gehoben wird, dann verlieren die Argumente an Wert und alles gleitet in Bahnen der Unterwürfigkeit und des Gehorsams. Und so ist der Angriff die Verweigerung gegen die Aufopferung des Entgegenkommens und des Kompromisses.“
Diese Angriffe, neben den häufigen üblichen banalen Versicherungsschäden, reduzieren sich in der Regel in den deutschen Städten auf die oft einzigen sichtbaren Feinde – die Polizisten als Repräsentanten des verhassten Staates.

„Ich bin nicht Eigentümer des Anarchismus. Ich glaube nicht an Eigentum von Ideen. Anarchismus existierte vor mir wie er nach mir existieren wird. Ich kann ihn nur für mich selbst interpretieren.“
Die Insurgenten verweigern und kritisieren in ihren wechselnden informellen Gruppen die Organisationen an sich mit all ihrer Organisatoren. Die Zeit, die für den Aufbau gebraucht wird, ist für sie verlorene Zeit. Zeit, die genutzt werden muss, um zu kämpfen und den Umsturz vor zu bereiten. In ihrer durchaus berechtigten Kritik an dem jetzigen Anarchismus bemerken sie den kreativitästarmen Dogmatismus vieler ZeitgenossInnen, Fixierung, ja Erstarrung in wirtschaftliche und soziale Methoden, ob Syndikalismus oder Föderalismus.
Im aktuellen zustand ist Anarchismus für sie eine zu überwindende linksextreme Ideologie
„Nieder mit allen AnarchistInnen. Es lebe die Anarchie!“

Für sie ist Anarchie formlos, flüssig und eine organische Erfahrung, die vielseitige und vielschichtige, sowohl persönliche als auch kollektive und immer offene Befreiungsvisionen umfasst.
„Als AnarchistInnen sind wir an der Herstellung eines neuen Systems oder einer neuen Struktur, worin wir wohl am ehesten untergeordnet leben sollten. nicht interessiert- so ethisch oder unauffällig ihr Anspruch auch daherkommen mag. Wir können anderen keine andere Welt liefern, aber wir können Ideen und Fragen aufwerfen und versuchen jegliche Herrschaft und all das zu zerstören, was uns daran hindert, eine direkte Beziehung zu unseren Wünschen und Bedürfnissen zu träumen und zu erleben. Für die Zerstörung der Zivilisation, für die Wiedervereinigung mit dem Leben.“

Die libertäre Bewegung ist aus der Tradition der Aufstände entstanden und zog Inspiration von denen, die an solchen Aufständen beteiligt waren. Vieles beim so genannten aufständischen Anarchismus bietet eine nützliche Kritik, aber führt oft zu fatalen Folgerungen.
„Der Staat ist nicht etwas, was Mensch zerschlagen kann, um zu zerstören .Der Staat ist vor allem eine Beziehung zwischen Menschen, Der Staat wird zerstört, in dem Mensch in andere Beziehungen eintritt“(Landauer)

Bei den heutigen Insurgenten, die den permanenten Aufstand als Ziel haben, sind viele historische Fehler der individuellen „Propaganda der Tat“ noch enthalten. Gleichzeitig haben die Herrschenden in allen Ländern ein lebhaftes Interesse daran, das Zerrbild vom gewalttätigen Anarchismus als Feind der Menschheit bei zu behalten. So bleibt für uns andere, Anarchistinnen und Anarchisten, die nicht leichte Aufgabe, gleichzeitig die vermehrten Angriffe des Staates und seiner Instrumente auch gegen uns abzuwehren , durch unsere täglichen Handlungen die emanzipatorische Kraft und die freiheitlichen Ideen des Anarchismus zu propagieren und damit und dabei auch eine grundlegende Solidarität zu zeigen mit allen Kämpfenden , auch in den Gefängnissen und allen anderen totalen Institutionen.

„Und wir sind schon der Meinung, dass es unsere Aufgabe als AnarchistInnen ist, Revolten vorzubereiten. Das können wir jedoch nicht tun, wenn wir uns nicht organisieren.Wenn wir nicht auf sie vorbereit sind, werden spontane Revolten genauso schnell verschwinden wie sie gekommen sind.“ ------

--- Vertonung mit Liedern und Originalkommentaren hört bei Radio Chiflado Podcasts

Interview mit irakisch-kurdischen Anarchisten

Bei „Indymedia“ ist inzwischen eine erste deutschsprachige Übersetzung des Interviews erschienen – worauf wir gerne und freudig hinwiesen
Weitere Informationen zum „Anarchististischen Forum Kurdistan “ auch bei u.a. Links

Die Welt wird frei sein oder sie wird nicht mehr sein

Wir verweisen nochmals auf bei „Töne“ hörbaren Lieder von Karwan Osman und – bei dieser Gelegenheit – Kazim Konyucu

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Juana Roco Buela

(Juana Roco Buela, Virginia Bolten und andere gründeten wohl die ersten anarchafeministischen Organisationen der Welt- mit den beiden Zeitungen „La Voz de Mujer“ y „Nuestra Tribuna“–
Ihnen ging es nicht um Frauenwahlrecht, berufliche Gleichberechtigung oder die Fixierung auf den Unterleib(Homo contra Hetero) sondern „nur“ um die soziale Revolution)

1862 gab es die ersten freien Wahlen in Argentinien nach Jahren der Unabhängigkeit und anschließender Diktatur. In den nächsten Jahren begann die vom Kongress beschlossene Eliminierung der indigenen Bevölkerung, hier vor allem der im Süden des Landes lebenden Mapuche .Nur wenige von ihnen überlebten die systematische Vernichtung. Bis heute werden die Mapuche von den beiden herrschenden Systemen in Argentinien und Chile verfolgt und unterdrückt.
Zum anderen gab es in Argentinien so etwas wie einen wirtschaftlichen Aufschwung, der durch sehr liberale Einwanderungsgesetze verstärkt wurde, wenn auch die Rechte der EinwanderInnen selber sehr begrenzt waren. Nationalistische Ideen, vor allem durch die große Macht der Latifundisten, bedeckten das ganze Land und provozierten den dementsprechenden Widerstand. So organisierten sich 1901 die anarchosyndikalistisch orientierten EinwanderInnen vor allem aus Spanien und Italien in der FORA.
Doch schon 1896 war in diesem Aufbegehren eine Zeitung erschienen, die nicht nur anarchokommunistische Ideen verbreitete, sondern wohl als die erste anarchafeministische Gruppierung der Welt gelten kann „La Voz de Mujer“ –die gleichnamige Zeitschrift erschien zuerst in Buenos Aires, dann in der Industriestadt Rosario , herausgegeben vor allem von spanischen Anarchafeministinnen.
Namentlich bekannt wurde Virginia Bolten, Tochter eines Straßenhändlers und Mitorganisatorin der ersten Maidemonstration in Argentinien.
Nach eigenen Angaben widmete sich „La Voz de Mujer“ vor allem der Situation der Frauen.

Wir glauben, dass in dieser Gesellschaft nichts und keiner mehr unterdrückt wird als die Frauen – von der bürgerlichen Gesellschaft wie von den eigenen Genossen.“

und so verstand sich die Zeitung auch als Angriff auf die männliche Macht über die Frauen durch z.b. die herkömmliche Ehe, die die Freiheiten der Frauen einschränkt, auch die der sexuellen.
Heiraten ohne Liebe – Treue durch Angst erzwungen – symbolisiert durch die Nötigung des Ehevertrages --- das galt es zu bekämpfen – durch die freie Liebe und die soziale Revolution.

„Deprimiert, weil wir mit so vielen Tränen und so viel Elend sind, deprimiert mit der Plagerei mit den ach so lieben Kindern, deprimiert mit den Fragen und den Bitten, Spielzeug sein für die Ausbeuter und unsere abscheulichen Männer – haben wir uns nun dafür entschieden, unsere Stimmen im Konzert der Gesellschaft zu erheben, um unseren Teil des Vergnügens im Leben zu fordern.“

Ni Jefe, ni Dios, ni Marido --- wurde zur Losung, die theoretisch von den männlichen Genossen unterstützt, in der alltäglichen Praxis allerdings z.T. heftig abgelehnt wurde.
Eines der Gründe warum „La Voz de Mujer“ nach nur einem Jahr wieder aufgelöst wurde.

Dann tauchte 1904 eine damals 15jährige bei einer Maikundgebung auf, die in den nächsten Jahrzehnten die Entwicklung der anarchafeministischen Bewegung entscheidend beeinflussen sollte: Juana Roco Buela, einige Jahre zuvor aus Galizien eingewandert.

Sie wird mehr und mehr eine der führenden Syndikalistinnen in der Zuckerfabrik von Rosario (300 km von Buenos Aires), organisierte dort einen Streik, der später in einen Generalstreik übergeht. In diesem Jahr, 1907, gründet sie zusammen mit Virginia Bolten, M arie Collaso und anderen Frauen das „Anarchafeministische Zentrum Louise Michel“ mit Referentinnen und Aktivistinnen, zu dieser Zeit ein spektakulärer Treffpunkt für Arbeiterinnen und Frauen des Ortes.
Aus diesen Treffen entwickelten sich sehr schnell gemeinsame Aktionen, z.B. Mietstreiks und Manifestationen gegen Zwangsräumungen. Diese Versammlungen wurden bald von Polizei und Militär verboten, Juana und andere Frauen des Zentrums wurden ausgewiesen.
Juana kehrte 1917 aus Spanien nach Argentinien zurück und konzentrierte ihre Arbeit in den nächsten Jahren vor allem auf die Frauen ihrer Umgebung.
1921 gründete sie mit einigen von ihnen ein Soziales Zentrum, in dem Veranstaltungen und Aktionen zur persönlichen und öffentlichen Situation der Frauen stattfanden.
Eine dieser Veranstaltungen mündete in der Gründung der internationalen anarchafeministischen Zeitung „Nuestra Tribuna

Wir glauben, dass die Zeitung eine Waffe ist und wir gebrauchen sie --- schwierige Aufgabe, die Feder zu ergreifen, wir, die wir nie im Hörsaal einer Universität waren, wir, Töchter des Hungers und des Elends.“

Sie erschien alle zwei Wochen mit 4 Seiten, ausschließlich von Frauen geschrieben und editiert, wurde in ganz Argentinien per Zug verteilt und kam sogar bis in die USA und nach Europa – auch wenn es von den eigenen männlichen Genossen viel Kritik und Häme gab und eine unbekannt gebliebene Gruppe das Büro der Frauen beschoss, wurde die Zeitung anfangs auch in vielen argentinischen Kiosken verkauft, dann allerdings von offizieller Seite verfolgt und verboten.
Die letzte Ausgabe erschien 1924.

Juana unterstütze später die spanische Revolution und schrieb Artikel für die „Mujeres libres“.1964 erschien ihre Autobiografie „Historia de un ideal – vivido por una mujer
Sie starb 5 Jahre später, am 31.October in Buenos Aires.

(Aus dem Manuskript zum Podcast von Radio Chiflado)

zum Thema siehe auch: Ito Noe – Anarchafeministin aus Japan

bei „Töne“ findet ihr einen aktuellen Vortrag (Libertäre Aktion Winterthur) zum „Anarchafeminismus

Carl Einstein

Die Auseinandersetzung mit Themen wie Ideologie- und Sprachkritik in Kunst und Literatur interessieren eigentlich nur Intellektuelle und hat mit den sozi-ökonomischen Auseinandersetzungen in der uns umgebenden Welt nichts zu tun und ob jemand seinen „frühen, noch der Dekadenz verpflichteten Fragmentarismus durch die Synthese von primitiver Kunst und Kubismus überwindet“ ist für die Fragen des alltäglichen Lebens höchst unwichtig und von daher eigentlich hier nicht der Erwähnung wert

Und jene sich „Anarchisten“ nennende KünstlerInnen, die sich auf das Unvorgesehene, Spontane, Chaotische auf das Kreative, die Verweigerung und soziale Utopie des Anarchismus berufen, entziehen sich in der Praxis in der Regel jeglicher persönlichen Verantwortung , nutzen freie Räume für eigene Karrieren, denunzieren den Stoff, aus dem andere ihre Träume, Hoffnungen und Kämpfe machen…

Um so mehr seien die wenigen zu nennen, die bereit sind, ihre Tätigkeiten z.b. in Kunst und Literatur hinten an zu stellen in dem Strom der praktischen Auseinandersetzung einer revolutionären Situation – ja in der Revolution den künstlerischen Akt zu sehen, der alles bis da sich Kultur schimpfende in Rauch und Leidenschaft auflöst um dann die Revolution wieder abzulösen durch eine Neuorientierung der Kunst, die sich im Leben jedes Menschen wieder findet und gleichzeitig auflöst---
Zu nennen also hier endlich: Carl Einstein, kein eingetragener Anarchist, aber bis zu seinem Freitod 1940 einer, der so gehandelt hat– und darauf kommt es an.
Zum Ende des ersten Weltkrieges, durch den er zum glühenden Antimilitaristen wurde, beteiligte er sich u.a. an der Seite von Erich Mühsam und Gustav Landauer an der Räterepublik. Das blutige Vorgehen von Militär und Polizei unter der sozialdemokratischen Ebert-Regierung 1918/19 gegen die aufständischen ArbeiterInnen lässt ihn jeden Anflug von Pazifismus vergessen, überzeugt ihn eher von der notwendigen Selbstverteidigung der Unterdrückten. Er beschreibt die Sozialdemokraten als herrschaftsstabilisiernd und konterrevolutionär, nationalistische Politik widert ihn mehr und mehr an. Und er beschreibt die Lächerlichkeit und Wirkungslosigkeit der Intellektuellen. In „Fabrikation der Fiktionen“ nennt er sie unverbindlich, pseudoradikal, selbstüberschätzend, arrogant, narzisstisch --- durch ihre „Ästhetisierung“ reaktionär und macht sie für die Situation in Deutschland ab 1933 mitverantwortlich. Er hofft auf eine soziale Revolution, die auch eine Revolution des Bewusstseins, der radikalen kulturellen Veränderung sein soll
Ein neuer geistiger Stil ist nur nach einer Revolution möglich, die abgeänderte soziale Tatsachen schafft und andere menschliche Typen hervorbringt
… und glaubt sie im Spanien des Jahres 1936 zu finden

Das Hotel Colon, gegenüber der Catedrale und am Eingang zum Barrio Gotico, war in dieser Zeit Stützpunkt der Kommunisten. Nur wenige Meter weiter links, über den Plaza de Antoni Maura, die Via Laietana --- das Centralkomitee der CNT-FAI. Einstein wollte sich bei den kommunistischen Brigaden zum Kampf gegen die Faschisten beteiligen, doch verirrt sich bei der CNT – und bleibt. Er lernt neben deutschen Anarchosyndikalisten auch Emma Goldmann und Bonaventura Durutti kennen und schliesst sich ihnen mit steigender Euphorie an . Zum ersten Mal sieht er all seine eigenen Kompetenzen ernst und wichtig genommen.In einem späteren Brief an Pablo Picasso schreibt er von der schönsten Entscheidung seines Lebens, und betont den Zauber einer umfassenden Revolution. Wirtschaftlich, politisch und sozial. Für ihn war es die besondere Bedeutung, die Kultur, Erziehung und Bildung zugestanden wurde und dies mit der individuellen Freiheit und gleichzeitigen Solidarität . Er geniesst es als Gleicher bei Gleichen gesehen zu werden und für ihn wurde es dadurch auch selbstverständlich, seine Kenntnisse weitergeben zu können, ohne daraus irgendeinen Anspruch abzuleiten.

Doch die Kämpfe wurden härter, grausamer und militärischer. Der menschenverachtenden blutigen Walze der Faschisten wurde mehr und mehr auf ähnliche Weise begegnet. Simone Weil, wie Carl Einstein in der selben Kolonne, der „Kolonne Durutti“ hatte sich schon einige Zeit zuvor desillusioniert aus den täglichen Kämpfen zurückgezogen, Carl Einsteins Glaube an eine soziale Revolution schwand bei jeder Erschiessung tatsächlicher oder nur vermeintlicher „Spitzel“ durch die noch vorher von ihm schwärmerisch beschriebenen Milizen. Er fiel mehr und mehr in Depressionen, nun zog auch er sich langsam zurück – auch wenn er weiterhin in der CNT blieb.
„Carl hat so verdammt recht ,aber er begeht Unrecht, wenn er die Genossen dafür verantwortlich macht.“

Carl Einstein beginnt wieder zu schreiben, „die Geschichte des Bürgerkriegs in Russland“ Einige berichten noch, dass er weiterkämpfte, dann verwundet wurde . Belegt ist, dass er auf dem Weg nach Paris wie alle anderen KämpferInnen aus Spanien einige Zeit in ein Internierungslager kam.
Hinter sich nun mehr die Etablierung der Diktatur in Spanien, vor sich die deutschen Faschisten und die Gestapo, wählt er 1940 den Freitod.

Es war wohl die Einheit zwischen Leben und Arbeit, der Drang, auch die Rolle der Intellektuellen in und nach revolutionären Entwicklungen neu zu bestimmen, der ihn auch heute noch aktuell bleiben lässt --- er, der immer wieder die Bereitschaft forderte, sich in den Kämpfen mit den Kämpfen zuständig zu erklären, er, der kritisierte und aufforderte, die jeweiligen literarischen und sonstigen „künstlerischen“ Tätigkeiten in dieser Zeit zugunsten der Tätigkeit des Handelns mit den anderen aufzugeben, ist heute wenig bekannt --- und hier droht er wieder den „Intellektuellen“ in die Hände zu fallen, jenen, von denen er schon damals geschrieben hat

Die Intellektuellen haben immer vom Abenteuer gesprochen, und wenn es dann kommt, vermeiden sie es um jeden Preis.“

Siehe auch : http://rapidshare.com/files/350857957/GFRG.rar mit :

G.F.R.G. [Hörbuch 1993]

Zwischen 1913 und 1918 entstand Carl Einsteins Prosatext G.F.R.G. über den armen Schlucker Jakob Häberle. Er lebt in einer Welt, in der ein Mangel an Ideologien herrscht, da das allgemeine Interesse nur Verkäuflichem gilt. Messerscharf schließt Häberle, dass in solchen Zeiten mit dem Verkauf religiöser Werte das beste Geschäft zu machen sei: So erfindet er den Verkaufsartikel „Seelenheil“ mit Aussicht auf Dividende, er sorgt für die Zulassung von Idealen an der Börse und schürt den kollektiven Aufruhr bis hin zu seiner Eskalation im grotesken Sinn.

siehe auch Hörprobe beiTöne